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Literaturgutachten.

 

 

Literaturgutachten II.jpg

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Literaturgutachten

 

Gutachten zu

Harald Birgfeld, 'Von Haut zu Haut' (Gedichte),

'Auf deiner Reise zum Rande im Rande des Randes der Sonne' (Gedichte),

'Gespräche zweiter Art in Art der Art' (Gedichte).

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In den sprachlich aufs Äußerste reduzierten Gedichten der Sammlung 'Von Haut zu Haut' setzt Birgfeld Worte und Satzfragmente gegeneinander, läßt sie zwei Pole bilden, die einen weiten Assoziationsraum eröffnen. Die Freiheit, die sie dem Leser lassen, diesen Freiraum zu füllen, macht ihren eigenen Reiz aus: die Lektüre der Gedichte wird zur Herausforderung, sich seinen eigenen Erfahrungen zu stellen. Dabei verliert sich Birgfeld nirgends in Abstraktion und leeren Begriffen: er versucht im Gegenteil, mit wenigen, doch bewußt gewählten Stilmitteln (Klangfarben, sparsamen Reimen) die Erfahrung der Sinne in Sprache umzusetzen. Wo aber die Umwelt diese Möglichkeit von 'Erfahrung' im wörtlichen Sinne nicht mehr zuläßt, werden die Gedichte zum Zeugen der vollendeten Entfremdung:

 

 

Nichts

Bemerken

Deine Augen

Wurden außerhalb

Gefangen

 

Stundenlang

Verhör

 

 

 

Gestern bin ich

Meiner Haut

Begegnet

 

Ja,

Es ging ihr gut

Sie ließ mich

Grüßen

 

 

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Begegnungen, Erfahrungen mit Menschen, Liebe, Schmerz das sind auch die Themen der Sammlung Bandes "Auf deiner Reise zum Rande im Rande des Randes der Sonne". Aber diesmal führt der Weg weiter, und entlang der vielen 'Stationen' des Bandes (so die Zwischenüberschriften) wandeln sich die Themen.

Es beginnt mit den eher traditionellen Liebesgedichten der ersten Teile ('Ach Liebste', 'Auf deiner Suche'). Doch dann weiten sich die Räume: Meer und Wüste werden zu Sinnbildern der Ausgesetztheit des Menschen gegenüber Leidenschaften, 'Welle Sehnsucht', bereits in 'Tür aus Glas', endgültig aber in dem Abschnitt

'Ganz im Regenbogen'. Hier klingt denn auch zum ersten Mal das Stilmittel der Schachtelung, der Relativierung an, das Birgfeld in seinen folgenden Werken auf einen Höhepunkt treibt: in dem Gedicht 'Vergessen im Vergessen'. Zunächst als Mittel eingesetzt, neue sprachliche Effekte zu erzielen, wird es gegen Ende des Gedichtbandes immer klarer zur adäquaten Darstellungsform unserer heutigen, von Wissenschaft und Technologie geprägten Welt. In ihr überlebt nur eine neue Sprache, die die umkodierte Wirklichkeit auszuhalten vermag, sie wiedergeben kann, 'Das umcodierte Gen', 'Eine Wirklichkeit', 'Die Freiheit der Maschine' als die Gefangenschaft des Menschen und trotzdem wird der Versuch unternommen, auch in dem enger gewordenem Raum menschliche Beziehungen auch scheiternd zu leben. Den vielfältigen Angriffen der Mediengesellschaft ausgesetzt, wird Wirklichkeit zum unbrauchbaren, weil nicht publicitywirksam inszenierten Foto:

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In seinem Blickfeld trifft

Kein Bild die Wirklichkeit,

Kein ungeschminkter Augenblick

Die Suche nach dem Ungewohnten.

 

('Eine Wirklichkeit')

 

 

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Der Versuch, eine Diagnose des Zustandes der Gesellschaft in der Sprache der Naturwissenschaft zu geben, führt zu solch gelungenen Gedichten wie 'Spiralnebel'. In den 'Raum-, Zeitgedichten Nr. 1 - 20' schließlich ist das Ziel erreicht: die absolute Relativität, die völlige Verfügbarkeit über die Zeit, die dem Menschen den Fortschritt der Zeitreisen und unbegrenzter Selbsterfahrung anzubieten scheint, führt in Wahrheit zum Verlust der Erinnerung und damit zum Verlust der eigenen Identität. "Auf deiner Reise zum Rande im Rande des Randes der Sonne" so der Titel des letzten Gedichtes wie des ganzen Gedichtbandes haben die Menschen den Kontakt zueinander verloren. Dies in der Aufsplitterung der Sprache schrittweise demonstriert zu haben, ist Birgfelds Leistung in diesem Band.

In den beiden folgenden Werken hat Birgfeld diesen Weg fortgesetzt. Das erste, "Gespräche zweiter Art in Art der Art" ist auszugsweise in der von ars nova herausgegebenen Anthologie 'Deutsche Lyriker der Gegenwart' (Ausgabe 1984) veröffentlicht worden. Das Prinzip der Potenzierung - es ist schwierig, für ein der Mathematik entnommenes Konstruktionsprinzip einen brauchbaren Begriff zu finden, "Wort hoch n" wäre noch das Passendste - bildet den zentralen Ansatz der Sammlung. Wie 'Spiralnebel' drehen sich die ins Unendliche relativierten Worte um sich selbst, um dann doch, in einem Versuch des Festhaltens an einem Fixpunkt, am Ende jedes Gedichtes in ein Wort, einen Satzfetzen zu münden.

Die zweite Arbeit 'Wir gerieten in den Gürtel der Meteoriten' die zum großen Teil abgeschlossen ist, verspricht eine Fortführung und der Höhepunkt dieses interessanten Unternehmens zu werden, das meines Wissens in der derzeitigen Lyriklandschaft keine Parallele findet.

 

ars nova

Lektorat

Gabriele Blod (Unterschrift)

 

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