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Harald Birgfeld, Webseite seit 1987/ Website since 1987

 

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zu Olympia – olympische Spiele!

 

 

 

Neu: Die Entdeckung der eigenen Zeit, 2018 (im Entstehen)

 

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Lyrik, Prosa und Ingenieurarbeiten

 

 

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Der vorliegende Gedichtband spannt in 57 zeitgenössischen Gedichten einen schillernden Facettenbogen von jeweils 3 Gedichten zu insgesamt 19 berührenden menschlichen Anliegen und zwischenmenschlichem Verständnis.

 

 

IM REISSVERSCHLUSS DER ILLUSION

 

Lyrik 2018,

57 zeitgenössische Gedichte. 115 S.

Dieses ist der erste Band einer Trilogie von Facettengedichten.

 

Harald Birgfeld

 

2. Band der Trilogie: Die Frau des Terroristen, 53 zeitgenössische Gedichte.

3. Band der Trilogie: Die Insassinnen, Epos.

 

 

Jetzt IM REISSVERSCHLUSS DER ILLUSION direkt online bestellen sowie im Buchhandel,

116 Seiten,

€ 7,99 inkl. MwSt.

 

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ISBN 9783746098005

 

IM REISSVERSCHLUSS DER ILLUSION“ ist auch in den USA, Großbritannien und Kanada unter obiger ISBN und bei abweichenden Preisen bestell- und lieferbar.

 

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ISBN 9783744850940

 

 

 

Buchtitel ISBN 9783746098005

 

Inhaltsverzeichnis nach Themen

 

Inhaltsverzeichnis alphabetisch

 

 

Copyright 2018 beim Autor, Harald Birgfeld; alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieser Veröffentlichung darf ohne schriftliche Erlaubnis des Herausgebers, Harald Birgfeld, reproduziert werden. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Verfilmung und Einspeicherung sowie Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Herausgeber, Autor, Redakteur: Harald Birgfeld, e-mail:. Harald.Birgfeld@t-online.de

 

 

Inhaltsverzeichnis nach Themen

 

Auf dem rechten Weg in die Irre

In einem Garten

In einem Park

In einer Landschaft

 

Aufbruch im Warten

Bis in die Jugend warten

Die Kleinheit eines Augenblickes

Stillstand in der Explosion

 

Die Eroberung der Erde

Entgangenes Land

Ein Land der Sonne

Die Niederwerfung eines Volkes

 

Die Tür, die nicht ins Freie führt

Der Wert in Liebesdingen

Die Unterstellung

Der völlig falsche Platz

 

Ein Bild von einem Bild entsteht

Im Abendrot

Sonnenaufgang

Stand der Mittagssonne

 

Ein Meer in der Hand

Trinken aus dem Meer

Die Entstehung eines Meeres

Die Speisung eines Meeres

 

Entfremdung zur Heimkehr

Die wahre Wirklichkeit

In den Jahreszeiten

Drei Namen für einen

 

Explosion nach innen

Unter einer Sonne

Auf dem Mond

In den Sternen

 

Frühling

Blütenloser Frühling

Vorfrühling

Die Kraft des Frühlings

 

Herbst

Die Versorgung

Die Beute

Die Vorsorge

 

Im Zwischenraum

Kampfschwimmer

Ablaufende Wasser

Irrealität

 

Mit den Füßen in der Kette

Angeschmiedet

Sehnsucht nach der Mitte

Beringt

 

Mit der Mutter an sich

Ungeschrieben aufgeschrieben

Die Mutter an sich

Für ein Kind zu schwer

 

Nacht

Zwei Familien

Die Tagesfrau

Denkmalspflege

 

Sommer

Sommersonne

Sommergewitter

Flächenbrand

 

Tag

Die Täglichkeit des Tages

Bis zum Tagesende

Ein Jubeltag

 

Tag- und Nachtgleiche

Im Un-Gemach

Herzersatz

Challenger, Januar 1986

 

Wie sich die Klugheit müht

Der Klugheit auf der Spur

Im Heiligtum der Klugheit

Die Doppelfrau

 

Winter

Ausbruch aus dem Eis

Nachts am Eis

Nur ein Flügelschlag

 

 

 

 

 

Inhaltsverzeichnis alphabetisch

 

 

Ablaufende Wasser

Angeschmiedet

Auf dem Mond

Ausbruch aus dem Eis

 

Beringt

Bis in die Jugend warten

Bis zum Tagesende

Blütenloser Frühling

 

Challenger, Januar 1986

 

Denkmalspflege

Der Klugheit auf der Spur

Der völlig falsche Platz

Der Wert in Liebesdingen

Die Beute

Die Doppelfrau

Die Entstehung eines Meeres

Die Kleinheit eines Augenblickes

Die Kraft des Frühlings

Die Mutter an sich

Die Niederwerfung eines Volkes

Die Tagesfrau

Die Täglichkeit des Tages

Die Unterstellung

Die Versorgung

Die Vorsorge

Die wahre Wirklichkeit

Drei Namen für einen

 

 

Ein Jubeltag

Ein Land der Sonne

Entgangenes Land

 

Flächenbrand

Für ein Kind zu schwer

 

Herzersatz

 

Im Abendrot

Im Heiligtum der Klugheit

Im Un-Gemach

In den Jahreszeiten

In den Sternen

In einem Garten

In einem Park

In einer Landschaft

Irrealität

 

 

Kampfschwimmer

 

Nachts am Eis

Nur ein Flügelschlag

 

Sehnsucht nach der Mitte

Sommergewitter

Sommersonne

Sonnenaufgang

Stand der Mittagssonne

Stillstand in der Explosion

 

Trinken aus dem Meer

 

Ungeschrieben aufgeschrieben

Unter einer Sonne

 

Vorfrühling

 

Zwei Familien

 

 

 

 

Frühling

 

Blütenloser Frühling

 

Die blonden Haare waren ihr schnell abgemagert,

Und sie trug als Kopfschmuck

Ringe unter ihren Augen,

Und sie war noch keine dreißig Jahre alt.

Ihr Schwur,

Sie würde gerne eine Freiheit

Gegen eine andre tauschen,

Kam ihr später viel zu kindisch vor.

 

Sie hatte sich gedacht,

Wenn alles so gelänge, wie sie dachte,

Würde sie sich auch die Zähne

In der neuen Freiheit richten lassen,

Und sie hatte noch das Wort des Arztes

In den Ohren:

"Wenn Sie drüben sind,

Dann lassen Sie sich alles machen,

Und die Brücke machen Sie aus Gold!"

 

Sie hatte ja ihr goldnes Kreuz,

Das wär' ein Opfer,

Und ihr Glaube war ganz fest,

Der hätte nicht darunter leiden können.

 

 

 

Und nun saß sie hier in einem Kellerloch,

Das war als Wohnung gar nicht schlecht,

Und fraß an ihr

Und an dem Kind.

 

Das Kreuz, das sie am Halse trug,

War unberührt geblieben,

Und sie trug ein andres Kreuz,

Das brauchte dieses kleine,

Und die Zähne richtete man hier mit Kunststoff,

Der war billiger und besser.

 

Doch das schlimmste war ihr Frühling,

Der kam nicht in Blüte,

Und er hatte doch so hoffnungsvoll begonnen.

 

Drüben in dem Nachbarland

Stand man als junge Frau

Und hoffte auf den Mann, den man nicht kannte,

Aus dem Nachbarland,

Der durfte ein und aus

Und auch die Ehefrau.

 

 

 

 

Sonst war das Nachbarland kein Nachbarland,

Man hatte einen Giftzaun hochgezogen,

Und sie hatte diesen Mann gefunden,

Und er fuhr in jeder Woche einmal

Ihre Straße an,

Und viele Frauen kamen her,

Und viele Frauen sah man auf der Straße,

Und sie hatte dieses Glück gehabt

Und etwas mehr.

 

Dann kamen sie voran und her,

Sie hatte ihm ihr Herz

Nun wirklich aufgeräumt

Und konnte lieben,

Wie sie ihm es von sich wünschte,

Und sie blieb für ihn

Und auch das Kind,

Ein flüchtiges Gesindel,

Das hing ihm am Halse.

 

 

 

 

Vorfrühling

 

Sie war noch Schülerin

Und kam aus gutem Hause,

Und sie war ein Musterkind

Und war ein liebes, frohes, lebensfrohes

Und gesundes Kind

Und war im Übergang vom Mädchen

Zu dem Zwischending,

Das wäre gerne eine Frau

Und möchte doch ein Mädchen bleiben,

Und das Fräulein hatte man ja abgeschafft,

Das wäre so ihr Zustand,

Den würd' sie natürlich leugnen,

Wenn man danach fragte,

Und sie stand ein wenig fester

In der Spur als andere

Und hinterließ nur Spuren,

Die ein wenig freundlicher als andre waren.

 

 

 

 

Väter würden sie sich leicht

Als Schwiegertochter wünschen können,

Aber das war auch nicht zeitgemäß

Und nicht modern,

Obwohl man dieses Mädchen ohne Zögern

Lieber unmodern gesehen hätte,

Und sie war's vielleicht im Grunde auch.

 

Sie selbst war,

Wenn man sie in Ruhe ließ,

Mit sich beschäftigt,

Und sie spielte eines dieser Saiteninstrumente,

Und sie hatte Unterricht

Und kleidete sich angenehm

Und immer etwas unbewusst

Und dann bewusst zu ihrem Vorteil,

Und sie wuchs beneidenswert

Von niemandem beneidet

Unter liebevollen Händen auf

Und riss sich,

Wenn das Leben auf ihr ritt,

Im Handumdrehn die Haare auf,

Und ihre Augen stießen in den Wind

Und riefen nach der Sonne,

Und sie würde, wenn es irgend ginge,

An der Nordsee eine Sturmflut

Miterleben wollen.

 

 

 

Und sie wollte diesen Sturm um sich

Und alles sollte um sie wüten, toben,

Und sie wollte das, was sich so salzig

Auf den Lippen niederschlug,

In einer Gier, als gäbe es kein Salz

Auf dieser Welt,

Mit Schaum vermischt probieren.

 

 

 

 

Die Kraft des Frühlings

 

Er stand im Abitur

Und stand schon außerhalb

Und hätte nicht mehr in die Schule kommen müssen,

Und er war zu klug

Und war zu gut,

Und jeder seiner Lehrer lernte schon von ihm

Und stellte ihn jetzt frei

Und stellte es ihm frei,

Das konnten sie

Und auch vor sich vertreten.

 

Und sie mochten ihn sehr gern',

Und er schrieb trotzdem mit

Und kam wohl mehr aus Kameradschaft

Zu den anderen,

Die freuten sich

Und sahen ihn sehr freundlich an

Und hatten nichts von ihm,

Und er erzählte in der Pause,

Dass er grad' von einer andren Prüfung käme,

Und er hätte nur aus Übermut

Und mit Erlaubnis zweier Professoren

Eine Prüfung für Juristen mitgemacht,

Dort hätte er den Fall ganz anders,

Als es in den Büchern stand, gelöst,

Und viel verständlicher

Und viel juristischer, als man es dachte,

Und er war herausgeragt,

Und seine Arbeit würde man nun weiterreichen.

 

 

 

Und die andren kannten seine Späße,

Seine Kapriolen,

Und er hatte seinen Orgelschein gemacht

Und übersetzte nur zum Zeitvertreib

Den ohnehin schon langen, schweren, deutschen Text

Erst ins Lateinische

Und dann ins alte Griechisch,

Beides, fand er, waren tolle Sprachen,

Und zurück ins Mittelhochdeutsch,

Und er war im Sport so voller Kraft

Und Überkraft,

Dass er sich zweimal etwas brach,

Darüber schrieb er beide Male

Einen medizinischen Befund,

Den brauchte ihm kein Arzt zu korrigieren.

 

 

 

 

Und in seiner freien Zeit ging er auf Jagd

Und jagte nichts

Und hatte seinen Jagdschein

Ungewöhnlich früh und gut gemacht,

Man musste ihn für ihn verwahren.

 

Nach dem Abitur, so hatte er beschlossen,

Würde er,

Weil ihm ja alle Türen offen stünden,

Die Akademie für Forstwirtschaft besuchen

Und dem Wald

Zu einem echten Wald verhelfen.

 

 

 

Sommer

 

 

Sommersonne

 

Dieses dumme Ding, die Zeit.

"Zeitenlose Zeit", hört sie's im Kopf.

Es schießt der Spruch durch ihre Selbstgespräche

Als der Ruf nach einem kleinen Kind,

Als suchte man im Spiel sein eignes Kind

Und wüsste ganz genau,

Wo es im Zimmer steckt,

Und geht an ihm vorbei

Und ruft es möglichst ahnungslos

Und überhört absichtlich die Geräusche,

Die es macht, damit man's nicht bemerkt.

 

Ihr tut nichts leid,

Und heute hat sie einen Tisch gedeckt

Und will ein Datum feiern,

Und es ist noch etwas Zeit,

Und alles hat sie vorbereitet,

Und sie weiß nicht,

Ob die andren Frauen ehrlich sind,

Wenn sie sie ab und zu beneiden.

 

Sie weiß jedenfalls von sich,

In ihrem Leben hatte alles seinen Preis,

Und manchen Preis muss man vorweg bezahlen.

 

 

 

Auf dem schweren Tisch steht eine Galerie

Von schönen Dingen;

Teller, Gläser, silberne Bestecke,

Blumen, seidene Servietten, Kerzen,

Kleine Porzellanfiguren,

Schüsseln denen Obst entwächst.

 

Das Zimmer selbst strahlt eine Liebe aus

Zu den Personen, die hier wohnen,

Dass sie sich die Arme

In dem Nacken faltet

Und auf alles lauscht,

Was in ihr klingt.

 

Und die Musik ist auch das Schnitzwerk

Dieses Augenblicks,

Und jemand, den sie gar nicht sah,

Nimmt ihr die Hand zurück

Und hält sie leicht in seiner,

Und sie dreht sich nun im Tanz mit ihm

Und flügelleicht wird sie

Und denkt, man soll nicht so viel fragen.

 

 

 

 

Und sie trägt ein langes weites Kleid,

Bestickt mit tausend Kleinigkeiten,

Die aus ihrem Leben sind,

Und ist im Kleid voll Rauschen,

Knistern, Nachsichziehn,

Und rundherum sind Spiegel,

Die bespiegeln sie,

Und in den Saal, der sich nun richtig weitet,

Werden schlanke Gläser auf Tabletts herein getragen,

Das sind wunderbare Tänzerinnen,

Die, den Tanz in ihrer Füllung perlen lassen,

Und heraus aus einer Eigendrehung

Ist sie selbst im Glas

Und sieht hindurch

Und lacht laut über die verzogenen Gesichter,

Und die neigen sich nun alle über sie,

Und sie erkennt ihr Kind,

Das weckt die Mutter auf

Und ruft nun noch einmal:

"Es klingelt schon".

 

 

 

 

Sommergewitter

 

Er verstand total

Die Welt in seiner Welt,

Und andre Welten drängten sich in seine,

Und die hatten wenig Glück mit ihm,

Er konnte sich bescheiden,

Und er hatte sich beschieden

Und entschieden,

Und Berührungspunkte waren spürbar,

Und man musste sich das eine oder andre Mal

Verzeihen können.

 

Irgendwie war er auch sehr brutal zu sich

Und hatte eine rücksichtslose Phantasie,

Und eine Sprache, sagte er, ist weiter nichts,

Als dieser aufgehackte Untergrund für Schienen,

Eine Schwelle reiht sich darauf an die andere,

Und oben reisen die Gedanken gnadenlos.

 

 

 

 

Bis jetzt war ihm die Reise recht,

Und eines Tages,

Es war gar kein Grund ersichtlich,

Endete die Reiserei,

Man zwang ihn, einen Bahnhof zu betreten,

Den er gar nicht kannte.

 

Was ihn, bis hierher getragen hatte,

Reiste weiter ohne ihn,

Er selbst ließ dies Geschehen unbeachtet,

Und er sah sich um

Und suchte einen Grund,

Der war nicht flüchtig

Und war nicht vorhanden,

Und der war in ihm,

Und in ihm schwankte eine Leere

Bis in das Bewusstsein,

Eine Angst von großer Kraft

Schoss durch die Risse eines Deiches,

Den er nie gesehen hatte,

Und er wusste nicht einmal,

Was der zurückhielt.

 

 

 

Eine Panik hatte ihn gelähmt,

Und eine Frau in seiner Nähe

Sprach ihn an,

Er konnte sich ihr nicht erklären,

Und die Schwellen seiner Sprache

Lagen völlig ungeordnet unter den Gedanken,

Und in den Gedanken

War für Worte, für Erklärungen,

Nicht Platz, nicht Raum,

Er war auch zu beschäftigt,

Und er ging zu einem Arzt,

Den hatte seine Frau schon informiert,

Sie hatte auch gemeint,

Ihr Mann sei sicher viel zu sehr belastet,

Und der Arzt entdeckte viel an ihm

Und schwieg dazu,

Und dachte an sich selber

Und wie wenig ihm sein Wissen nützte,

Und verschrieb ihm eine Medizin.

 

 

 

 

Flächenbrand

 

Es stand in ihr am Horizont

Ein Flächenbrand,

Und sie war aus Papier

Und ängstigte sich sehr,

Und Schuld daran war diese Sommerhitze,

Diese Schwüle, die nicht wich,.

Und sie in dummer Eile

Auf die Straße hetzte,

Und der Schweiß brach aus

Und stand auf ihrer Stirn

Und lief am Hals herab

Und in ihr Kleid.

Darunter trug sie kaum noch Wäsche,

Und sie würde salzig schmecken,

Und sie sehnte sich nach Wasser,

Nach dem Bad,

Das müsste innerlich entstehen,

Und sie kam grad' aus der Dusche,

Die erreichte nicht den Herd in ihr,

Und auf der Straße blieb sie stehen

Und geriet in einen Wirbelwind aus Staub,

Den riss ein Auto hoch,

Und auf den Weg flog ohne Grund

Der Außenspiegel, der brach nicht entzwei

Und wurde nicht vermisst.

Der Fahrer sah ihn auch nicht liegen,

Und sie bückte sich danach

Und sah sofort die Eigenart in ihm,

Er spiegelte, was er erfassen konnte, unter sich

Und in die Erde, die ihn trug.

 

 

 

Sie war ganz fassungslos

Und sah hinein,

Und alles wurd' in ihm verkleinert,

Und die Sonne stand in ihm

Und wurde ausgeblendet,

Und es war der Nachmittag,

Der kam vor Hitze nicht voran

Und heiß war jedes Gitter, jede Straße,

Und der Brand kam immer näher.

 

Und sie riss ein trocknes Gras

Von einer braunen Wiese ab

Und steckte es sich in den Mund,

 

 

 

Und irgend etwas müsste man beginnen,

Ohne zu verbrennen.,

Und sie war doch aus Papier

Und riss ein Streichholz an

Und warf es unter sich

Und ging nicht von der Stelle und hielt Stand,

Sie liebte es,

Wenn sie in Flammen stand

Und sich zu Asche brannte.

 

 

 

 

Herbst

 

 

Die Versorgung

 

In der Birke zählte sie elf Krähen,

Und die krächzten,

Und sie dachte sich, dass die sich zanken,

Und sie dachte auch,

Das ist vielleicht die Sprache,

Die sie sprechen und verstehen,

Und sie dachte gleich an sich

Und sah sich zwischen ihnen als ein Schwarztier,

Und sie käme um bei denen,

Und sie hatte einen jungen Mann entdeckt,

Der passte ganz genau,

Der hatte auch Vermögen

Und bis jetzt noch nicht an eine Frau gedacht,

Sie war darin geschickt und schnell

Und umsichtig gewesen,

Und er hatte sie genommen,

Und er machte sie zur Mitbesitzerin.

 

Nun hörte sie erneut auf das Gekrächz' der Krähen

Und verstand ein wenig mehr

Und sicherte ihr Überleben ab.

 

 

 

Sie selbst war als ein Wunschkind

Einerseits geboren,

Und die andre Seite war im selben Augenblick

Geflohen,

Und sie wurde großgezogen von dem andren Mann,

Den sie nun Vater nannte, und der Mutter.

 

Ihren eignen Leib

Hielt sie dem eignen Mann versteckt

Und offenbar

In Trauer und in Sorge immer wieder hin

Und wünschte sich von ihm,

Dass er sich endlich etwas von ihr wünschte,

Dass sie von ihm schwanger wurde,

Zog sich auch von ihm darum zurück

Und half zum Schluss ein wenig nach.

 

 

 

 

Nun saß sie oben in der Spitze

Unter all den Krähen,

Und sie hielt die Hände auf den Leib

Und spürte warme Säfte in sich kreisen

Und verstand von dem Gekrächze

Jedes Wort

Und herrschte über alle,

Und die Zeit der Niederkunft, beschloss sie,

Würde auch zum Augenblick,

In dem sie ihre Welt gebären würde,

Und die sollte ohne Schaden sein,

Und das Gekrächze schwarzer Krähen

Würde sie im Handumdrehen aus den Birken dieser Welt

Vertreiben.

 

 

 

 

Die Beute

 

Er lag noch auf der Straße,

Kurz vor einem Ort,

Dort wollte er die Nacht verbringen,

Und er würde sich Zuhause melden,

Schnell nach aktuellen Dingen fragen,

Und er sprach im Auto mit dem Auto.

 

Früher, dachte er,

Sprach so der Reiter mit dem Pferd.

 

Er hatte seinen Sommer hinter sich,

Und ihm war nichts passiert,

Und immer lag ihm jemand auf der Lauer,

Dafür hatte er Instinkt entwickelt,

Und er selbst war redlich,

Kaum geschwätzig,

Unterhielt sich gut

Und hatte einiges aus seinem Leben überschwiegen.

Das, so dachte er bei sich,

Nehm' ich mit mir ins Grab,

Und dachte auch daran,

Wie er wohl enden würde,

Und er machte Licht an seinem Fahrzeug an,

Das griff gleich auf den Seitenstreifen,

Und er sah dort eine elegante Frau

Aus einem Wagen steigen,

Der stand viel zu schräg

Und kam nicht mehr voran.

 

 

 

Sie sah zu ihm und winkte ihm,

Er dachte, der kann ich den Rahmen bieten,

Der ihr fehlt,

Und eine Wachheit schoss durch ihn,

Er dachte auch,

Es könnte sich daraus für ihn etwas ergeben,

Ihren Wagen würd' er liegen lassen,

Und in seinem Alter brauchte man

Ein Abenteuer, wenn es eines geben sollte,

Nicht zu fürchten.

 

Und sie stieg gleich ein

Und knöpfte ihre Bluse etwas strenger zu,

Das brachte wenig,

Und sie kannte das Hotel,

Weil sie, wie er, auf Reisen war.

 

Sonst war sie freundlich still

Und ungeheuer anschmiegsam

Und aß mit ihm

Und zahlte auch ihr Zimmer selbst

Und kam zu ihm und blieb bei ihm

Und stand dann auf

Und holte ihm, weil er es wollte,

Als sie danach fragte,

Ein Glas Wasser,

Davon trank er einen Schluck

Und gab das Glas zurück.

 

 

 

Die Wirkung setzte sofort ein,

Und das Bewusstsein zeigte ihm

Noch einen Augenblick,

Den starrte sie ihn wartend an,

Und der Gedanke an Betrug in ihm brach ab.

 

Sie nahm ein Bad bei ihm

Und alles, was er hatte,

Schecks und Geld,

Den Ausweis und sein Gold

Und hinterließ in ihm ein Allerweltsgesicht,

Das konnte er der Polizei,

Die erst am Morgen kam,

Nicht mehr beschreiben.

 

 

 

 

Die Vorsorge

 

Sie sagte sich sofort,

Die andre Frau hat auch nicht mehr als ich

Und Jugend ist nicht alles,

Und was ich hab, hat sie sicher nicht,

Und das hat sich bewährt,

Und eigentlich bin ich im Vorteil,

Und ich will sie auch nicht kennen lernen,

Danach drängte sich die andere.

 

Sie dachte auch an eine neue Freiheit,

Die könnt unermesslich sein,

Und einen solchen Maßstab

Hatte sie für sich noch nicht bereit.

 

Sie wusste was sie hatte,

Und das gab sie so nicht her

Und wollte sich nicht daran klammern.

 

Ihre Apotheke war noch sauber aufgeräumt,

Und ohne Überfall

War sie bisher davongekommen.

 

Abends machte ihr ein Anruf von ihr klar,

Dass er sich schnell entschlossen hätte,

Und es wäre besser so,

Und für Gespräche,

Um den Zustand neu zu klären,

Fände man bestimmt bald Zeit,

Und über alle andren Regelungen

Sollte sie nun ohne Sorgen sein,

Das käme auch in Ordnung,

Und er kam nicht heim.

 

 

 

Am Morgen nach der Nacht,

Die sich als Nacht nicht zeigte,

Warf sie ihren Lieblingsstuhl, der war antik,

Mit ungeheurer Kraft zu Boden,

Und es brach von ihm ein Bein

Als Sprödbruch in drei Teile.

Das war nun ein echter Grund zum Weinen.

 

Und sie schwor zu handeln,

Und es sollte sie kein Telefongespräch

Aus ihrer Hand entblößen,

Und der Wind stand scharf und kalt

Vor ihrer Tür,

Und ihre Apotheke hatte plötzlich nur

Verfallstermine aufzuweisen,

Jede Gültigkeit war überschritten.

 

So verging der zweite Tag,

Und sie litt unter einer Blutung,

Die war plötzlich wichtig, weil sie nicht

Im Rhythmus lag,

Sie musste sich auch eine andre Blutung

In sich stillen,

Und sie dachte voller Hoffnung

Und mit etwas Stolz;

Vielleicht kann man sich auf den Mann verlassen,

Und es war ja vorgesorgt,

Und überhaupt, verlassen hat er mich noch nicht.

 

 

 

Sie suchte kein Gespräch mit ihm,

Er hatte ja noch nicht mit ihr gesprochen.

 

Dann, am vierten Tag kam er nach Haus.

Sie war geschwächt

Und auf ihn angewiesen

Und wies nicht auf ihn

Und fragte, ob er bleiben würde,

Weil sie einen Stuhl zu reparieren hätte,

Und die Apotheke sei nicht aufgeräumt.

 

Er machte sich sofort daran

Und leimte fast die ganze Nacht

Das trockne Holzbein,

Und sein Ehrgeiz war, dass niemand,

Der den Stuhl bewundern wollte,

Über seine Klebestellen fiel.

Er wollte selbst

Auch gar nichts davon wissen.

 

 

 

 

Winter

 

 

Ausbruch aus dem Eis

 

Die Bewohner großer Meere senden mich,

Ich soll die Wolkendecke untersuchen,

Die sich auf der Wasseroberfläche bildet

Und in Schollen bricht,

So nennen wir das, was die andren Wolken nennen,

Und ich bin Bewohner eines Meeres

Und gelang das erste Mal nach außerhalb.

 

Man gab mir Raum und Zeit ,

Die sind hier so unendlich weit

Und übergroß,

Dass ich den Raum, die Zeit vergaß,

Und alles, was mich unter Wasser band.

Und über Licht aus Eis und Wärme

Muss ich unbedingt berichten.

Beides ist für die Bewohner kalter Meere

Tödlich.

 

 

 

Als ich aufstieg,

Zielte man mich in Gebiete größter Schollen,

Und man wusste von der Tageslänge,

Die nicht endete,

Das war für uns von Vorteil.

 

Schwer war unser Durchbruch,

Und die Kleidung, die mich schützt,

Von unschätzbarem Wert,

Und wir erwarten hier kein Leben

Und erforschen jedes Eisgefilde.

 

Starr steht eine Sonne,

Und wir hatten nie zuvor Gelegenheit,

So nah an sie heranzukommen,

Und wir messen und vermessen alles.

 

 

 

Unser Wissen musste sich bisher

Auf Strahlen konzentrieren,

Die durchs Wasser brachen

Und im Meer zu finden waren.

 

Oben auf dem Eis erkennen wir die Welt

Und sehen auch,

Dass wir im Anfang des Erkennens stecken.

 

Eine andre Reise soll in zwanzig Jahren

Auf die abgewandte Seite führen,

Dort, sagt man, herrscht ewig Finsternis,

Und wir,

Die aus den Meeren kommen

Und ins Eis geraten sind,

Verwandeln unsre eigne Welt vollkommen,

Und sind hier nichts weiter,

Als ein Eiskristall im Wind.

 

 

 

 

Nachts am Eis

 

Nachts stand ich allein am See,

Der war gefroren,

Und ich wollte auf die Schreie achten,

Die sich in den Rissen jagten,

Die sich durch die Decke zogen.

 

Nachts stand ich allein am Eis

Und sah auf einen weißen Mond,

Der wurde strahlender

Als seine Sonne.

 

 

 

 

Nachts stand ich allein am Eis

Und fror

Und sah in tiefe Schatten,

Die sich reglos regten

Und mit knisternden Geräuschen aus den Zweigen

In ein Eigenleben flohen.

 

Nachts stand ich allein am Eis

Und wusste nur von mir

Und sah so scharf es ging

Ans andre Ufer,

Und es mochte sein,

Dass meine Einsamkeit in Wahrheit

Nur ein Teil von vielen Einsamkeiten war.

 

 

 

Am Eis wurd' ich zum Eis.

Die Luft wurd' Eis, die Erde,

Jeder Laut, das Fühlen, Schmecken Riechen,

Ich kristallisierte durch und durch

Und machte mich zu seinem Klirren,

Das klang wohl in mir

Und machte stumpf

Und sehr ergeben,

Und ich lag bequem

Und fasste mich nicht an,

Und achtete auf Risse,

Die sich durch mich zogen

Und in Schreien mich durchjagten.

 

 

 

 

Nur ein Flügelschlag

 

Nur ein Flügelschlag.

Aufgeschreckter Tannenzweig.

Schnee fällt aus dem Grün.

 

 

 

Nur ein Flügelschlag.

Die letzte rote Beere.

Keine Spur im Schnee.

 

 

 

Nur ein Flügelschlag.

Den Schnabel in die Sonne.

Eiskristall fliegt auf.

 

 

 

 

Tag

 

 

Die Täglichkeit des Tages

 

In der Auswahl herbstlich brauner Hüte

Den zu wählen, der ihr steht und passt

Zu dem passt,

Was sie heute tragen will,

Ist schwer.

 

Sie ist zu fest entschlossen,

Um sich zu entschließen,

Und das Wetter lässt auch einiges nicht zu,

Es geht ein kalter Wind dort draußen,

Und hier drinnen in der Wärme

Schichtet sich die Kälte,

Und sie ist ein Mensch,

Der spürt mit seiner Haut,

Und die bezieht sich unter ihrer Kleidung

Mit dem Schauer eines Frostes,

Und sie hat auch Angst,

Dass ihre Haut darunter leidet.

 

Schnell schiebt sie die Ärmel hoch

Und sieht ihr Silberfell sich aufwärts stellen,

Und dann richtet es sich wieder, glättet sich

Und liegt nun wieder flach.

 

 

 

Und sie ist stolz auf diese Haut,

Auf diese Trockenheit,

Die ist nur soweit trocken,

Dass sie unter eigner Hand

Und auch in andrer

Zum Geschmeide wird,

Zu einer Perlenkette,

Die möcht' man sich durch die Lippen ziehen,

Und sie hebt den Arm

Und leckt ihn mit der Zunge

Und empfindet sich.

 

Wenn sie ein andrer wär',

Würd' sie nicht Rücksicht nehmen

Und nicht von sich lassen,

Und sie wüsste dann um sich

Und würde sich zugrunde richten,

Und man glaubt ihr, Gott sei Dank,

Dass sie sensibel ist,

Und schnell bekommt sie blaue Flecken.

 

 

 

 

Nun entdeckt sie dieses braune Seidentuch,

Das schlingt sie unter ihrem Hut

Um ihren Kopf,

Das schnürt sie ein,

Versteckt sie rundherum

Und macht sie irgendwie begehrt,

Das hatte ihr gefehlt.

Sie nimmt den hellen Pelz

Und zupft an ihrem Stirnhaar,

Wegen seiner Farbe,

Und geht aus.

 

Man kann sich in den Kaufterrassen,

Ohne sich gleich zu verkaufen,

Sehen lassen,

Und man wird gesehen,

Das geschieht geschickt,

Indem man Leute übersieht,

Und sie, wie ungeschickt und unaufmerksam,

Noch im letzten Augenblick

Entdeckt und sich entdecken lässt.

 

So nimmt sie ihrem Tag die Täglichkeit,

Die würde sonst nicht weichen.

 

 

 

 

Bis zum Tagesende

 

Er sagte, als er ankam:

"Ich bin hier und mag euch alle gerne",

Und die Leute wussten nicht einmal,

Woher er kam.

Er nannte irgendeine Stadt,

Die lag wohl außerhalb

Und war ganz unbekannt,

Und jeder wusste jetzt,

Das war die Stadt, aus der er kam.

 

Die Leute hatten ihn gefragt,

Weil er im Städtchen an der Straße saß,

Und seiner Sache sicher war,

Das tat sonst keiner,

Und die Leute hatten ihn gefragt,

Ob er nicht Hunger habe,

Und er sah ja nicht verwahrlost aus,

Und hatte eine Freude im Gesicht

Und eine Freundlichkeit,

Und Durst, so sagte er,

Sei auch vorhanden,

Und man schämte sich,

Ihn nicht danach gefragt zu haben.

 

 

 

Und er wurde Gast

Und durfte bleiben für die Nacht,

Und abends schon erschienen Nachbarsleute,

Die nach diesem Neuling fragten

Und ihn selber sprachen,

Und er war sehr lieb und ihnen zugetan

Und wortgewandt und aufgeschlossen,

Und er gab den Leuten Rat,

Dass sie sich von ihm

An die Hand genommen fühlten,

Und er war noch keine dreißig Jahre,

Und die Tochter war sofort verliebt in ihn,

Und ihre Augen zogen weite Kreise,

Zogen immer wieder über ihn

Und sahen ihn noch lange,

Und sie strich ihm in Gedanken,

Als sie längst in ihrem eignen Zimmer schlief

Und wachte,

Über seine Lippen,

Seine Hände,

Über alle Worte, die er allen sagte.

 

So nahm sie in ihm ein Bad

Und war dort nicht allein,

Und keiner wusste von den andren.

 

 

 

Alle dachten an den jungen Mann,

Und jeder, auch die Männer,

Waren ganz vertraut mit ihm

Und trauten ihm gleich alles an,

Das hätten sie sich nie getraut,

Und niemand sprach in seiner Gegenwart

Die Schmutzigkeiten an.

 

So war er Gast

Und machte, die ihn luden,

Weit im Vorhinein zu seinen Gästen,

Und er blieb ein Jahr

Und tat sonst nichts,

Und alle taten alles nur für ihn,

Und jeder wusste es

Und jeder schwieg

Und liebte ihn für sich,

Und keinem gab er körperliche Liebe.

 

Und an einem Tag

Ging er mit einem letzten Nicken seines Kopfes

Fort,

Und Tränen sah man in Gardinen hängen,

Und es wagte niemand

Ihn zurückzuhalten.

 

 

 

 

Ein Jubeltag

 

Der Tag war kaum noch Tag.

 

Der Gutenachtgesang der Vögel,

Der, das wussten wir inzwischen,

Nicht zu unsrer Freude angestiftet wurde,

Läutete den Abend ein,

Dann kamst du heim

Und fandst sofort den Brief,

Und schon im Öffnen

Jubelte ein Licht in deinen Augen,

Das traf dich von außen

Und entzündete in dir ein Funkeln,

Das von den Facetten deiner Netzhaut wider strahlte,

Und ich sah,

Dass es sich in den Kanten

Echter Freudentränen brach.

 

 

 

Im dummen Ordnungssinn, so fiel mir ein,

Hat kürzlich unser Nachbar

Einen Baum um einen Arm beraubt,

Der lag am Boden,

Und der Abend kam herauf ,

Und in den Ästen

Über diesem Ast, der fehlte,

Saß ein Muttervogel oder Vatervogel,

Dem der Landeplatz zum Nestloch fehlte,

Und der Nachbar schiente den gefallnen Arm

An seine Stelle,

Und es war ja nur die

Aufmerksamkeit die in dieser

Unaufmerksamkeit gelegen hatte,

Und so sah ich dich

Und hörte, wie du riefst:

"Hurra, es fängt der Tag am Tagesende an",

Du schluchztest in der Freude,

Und die Arme, die du von dir warfst,

Verlangten nach Umarmung,

Und sie schlangen sich,

Mit dir im Schleppe

Um einen Schrank,

Das ging zu langsam, dann um mich.

 

 

 

Du drehtest dich dabei in Wahrheit als ein Kreisel,

Als ein Kreisel um dich selbst

Und schwangst weit aus,

Obwohl du mich im Drehen

Mit zu drehen wünschtest,

Und du sprangst in eine Kettenschaukel,

In ein Kettenkarussell,

Das drehte sich,

Das drehte dich,

Und alles drehte sich um dich

Und drehte sich um dich

Und drehte dich um sich.

 

Dir glitt der Brief zu Boden

Und du griffst ihm nach

Und risst ihn hoch

Und schlugst die ganze Schreiberei

Vor dein Gesicht

Und weintest endlich laut vor Glück

In deinem Glück,

Das konnte niemand hören,

Außer dir.

 

 

 

 

Nacht

 

 

Zwei Familien

 

Er kam an unsren Zaun,

Der war für ihn kein Zaun,

Und sagte: "Guten Tag",

Und wünschte ihn uns wirklich,

Und er wünschte auch,

Dass wir dasselbe für ihn wünschten,

Und er kam in unsren Garten,

Und er sagte: "Wenn ich darf,

Dann helf' ich bei der Gartenarbeit,

Und ihr gebt ein Geld dafür,

Und Geld gibt man für Arbeit.“

 

Und es sollte nur ein Geld sein,

Und ich hielt ihm eine Münze hin,

Die war nichts wert

Und war ihm wert genug,

Und ich war im Betrug und zeigte einen Geldschein,

Der war seine Arbeit wert,

Der war ihm wert genug,

Und er sah nicht den Unterschied.

 

Er sollte seinen Schein bekommen,

Wenn er fertig war.

 

Zur Mittagszeit

Kam er an unsre Küchentür

Und setzte sich an unsren Tisch.

Es fehlte ein Gedeck, das sah er gleich,

Das sagte er,

Das reichten wir schnell nach.

 

Er aß mit uns und trank mit uns

Und wusste seinen Namen nicht

Und sagte, wie er hieß

Und wie ihn andre riefen,

Und in seiner Anstalt wäre er

Schon etwas Besseres.

 

 

 

Und durfte außer Haus dazu verdienen,

Und er wäre in der Anstalt in der Pflicht

Und hätte auch ein Schloss

Vor seinem Schrank,

Das durfte er nicht selbst bedienen,

Und er 'wickelte die Jungs':

"Die sind sehr krank,

Und einer muss sie immer reinigen,

Die sind so alt wie ich,

Und leben nicht mehr lang'

Und spüren nichts und sind todkrank

Und liegen angeschnallt in ihren Betten.

 

Und ich bringe ihnen manchmal etwas mit

Und halte es vor ihre Augen,

Und sie zucken dann und schreien laut,

Das ist die Freude,

Die will 'raus."

 

Dann fand er sein Papier,

Das zeigte er,

Es war die Radfahrprüfung,

Und die hatte er bestanden,

Und er war darauf benannt mit einem Zeichen

Und mit einer Nummer,

Und er hieße, sagte er,

Und zeigte mit dem Finger auf die Schrift:

'Karl-Heinz',

Und steckte seinen Ausweis wieder ein.

"Und ich muss pünktlich sein".

 

 

 

Im Garten machte er die Arbeit gut

Und rauchte die Zigarre, die war kalt,

Die rauchte er erst abends richtig,

Und er würde alle vierzehn Tage

Wiederkommen,

Und er fragte uns nach unsren Namen,

Und wir wären gute Leute,

Und er ginge nur zu guten Leuten,

Und er selbst sei gut

Und völlig ungefährlich.

 

Und er nahm den Schein,

"den gebe ich in meiner Anstalt ab,

Weil ich ja alles habe,

Und man gibt mir dafür etwas anderes",

Und wünschte einen 'Guten Tag',

Und wünschte ihn uns wirklich,

Und er wünschte auch,

Dass wir dasselbe für ihn wünschten,

Und die Kinder riefen ihm

Noch Freundlichkeiten nach,

Und ging und kam, wie er gesagt,

Jahrein, jahraus,

Und sagte überall:

"Ich lebe jetzt in zwei Familien".

 

 

 

 

Die Tagesfrau

 

Sie war die Tagesfrau

Und nannte sich "Modell"

Und gab die Weiten an,

Die waren nicht die wahren Weiten,

Und ihr Telefon

War nicht ihr wahres Telefon,

Das lief auf die Zentrale,

Und wer zu ihr kam,

Der zahlte nicht,

Der hatte alles abgemacht,

Und alles dauerte die Zeit,

Die war fast immer gleich,

Und nachmittags zog sie in dieses Zimmer,

Das war immer aufgeräumt

Und lag gleich neben einer Wohnung,

Und von nebenan rief oft ein Mensch,

Der wollte Ruhe haben,

Und man hörte auch um diese Zeit

Das Kindertoben,

Und in ihrem Zimmer wurde manchmal auch getobt.

 

 

 

Bei jungen Männern

Hatte sie noch eine echte Chance,

Die hatten sowieso kein Geld

Und hatten einen Sonderpreis

Und durften nicht so viel

Von ihr verlangen,

Und sie war ja nicht mehr jung,

Und wäre sonst wohl kein Modell am Tage,

Und die anderen,

Die wegen ihrer Qualität am Tage lagen,

Waren weit, weit über ihr

Und gaben ihre Weiten auch nicht an

Und wurden sehr oft eingeladen

Und woanders ausgeladen,

Und die waren dort als Stargast eingeladen,

Davon konnte sie nur träumen.

 

Und sie machte pünktlich Schluss

Und hatte noch Familie,

Und es kam dann vor,

Dass jemand nach ihr fragte,

Hatte sich ihr angesagt und kam zu spät.

 

Dann gab sie ihre 'Freundin' an,

Die kannte sie sonst gar nicht,

Und die lernte sie vielleicht

In diesem Augenblick erst kennen.

 

 

 

Außer diesen Frauen

Kamen keine Frauen auf das Zimmer,

Das verbat sie sich,

Und andre Frauen trauten sich nicht 'rauf.

 

Und Stunden lang saß sie oft ungefragt

Und wartete, dass man sie fragte,

Und sah das Programm von gestern Abend an

Und sah in Spielkassetten,

Und sie rauchte nicht

Und trank nur selten

Und sie war nicht überfordert

Und verdiente sich ein wenig nebenbei,

Das durfte man sich nicht verdienen,

Und sie hatte keine Sorgen mit der Steuer,

Und es steuerte auch niemand sonst an ihr,

Und wer das Zimmer regelte,

Ging sie nichts an.

 

Mit ihrem Auftraggeber sprach sie nur

Am Telefon, der gab Bescheid,

Und hier in ihrem Zimmer gab es Zeit zu lesen,

Und sie dachte über eine Kurzgeschichte nach,

Darin beschrieb man eine ewig kranke Frau,

Die lernte nie in ihrem Leben

Das Gefühl der völligen Gesundheit,

Des sich Streckens unter ihrer Haut,

Des Übermutes ungenutzter Kräfte

Kennen.

 

 

 

 

Denkmalspflege

 

Das alte Leben

Lebte immer noch in alter Post

Und alten Briefen fort

Und war schon lange tot,

Und das, was lebte,

War die Hoffnung auf die Saat,

Die hatten Winde fortgerissen,

Als es stürmte,

Und er wusste, wo er einmal liegen würde,

Und die Schrift im Stein

Stand auch schon fest bis auf die eine Zahl.

 

Er würde noch ein letztes Mal

An ihrer Seite liegen,

Und er dachte

Über diesen Punkt hinaus

Und dass die Zeit danach verlaufen würde,

Und man würde ihre Knochen

Durcheinander pflügen und vermischen

Mit den anderen, die er nicht kannte,

Und von ihm und ihr

Und von den anderen

Würd' letzten Endes gar nichts bleiben.

 

Und ein andrer Platz stand unter Denkmalsschutz,

Das nützte auch nichts,

Und er ging dorthin

Und sah sich alles an

Und hatte ja noch Zeit

Und sah die Namensschilder,

Schwarze Marmorplatten, auf der Erde liegen.

 

 

 

Nichts war hier gemacht.

Der Zaun verbog im Rost,

Der kam, das sah man gleich,

Aus dieser Erde,

Und es lagen ausgefahrne Kinderwagen.,

Dosen, Zeitungen, Papier, Elektroteile,

Autowracks vermischt mit

Letzten Wünschen, Seufzern,

Hoffnungsvollen Sprüchen,

Hoffnung auf den Glauben,

Auf die Wiederkehr,

Auf edles Handeln Überlebender

Und auf Gedenken

Durcheinander.

 

Eine große Linde war

In ein Familiengrab gewachsen,

Und es ging von ihr viel mehr aus

Als von jenen Dingen und den Menschen,

Die dort unten und im Boden lagen.

 

Ihretwegen kam er her

Und sah an ihrem Stamm nach oben in die Krone,

Die nun wirklich etwas krönte,

Und das fand er nicht heraus

Und war sehr oft bei ihr.

 

 

 

 

Im Nachbarland,

Das war das eigne Land,

Gab's einen Maler,

Der seit über zwanzig Jahren

Lindenbäume malte,

Und er malte ihre Wurzeln

Und den Teil der Wurzeln, der zu sehen war,

Und malte, was er sah

Und sah es immer neu,

Mit immer neuem Auge,

Und die Bilder die er malte,

Rührten alle und besonders alte Leute

In ganz sonderbarer Weise,

Und sie gaben eine Ruhe

Und sie waren die Beruhigung an sich,

Nach der man,

Wenn man in der Ruhe lebte,

Gierig Ausschau hielt.

 

Es war wohl kein Geheimnis,

Wenn man das Geheime

Offenbaren konnte,

Und es stand vor ihm

Und war ein Fall der Denkmalspflege,

Und es müsste sich ihm doch auch offenbaren,

Wenn schon jeder davon wüsste.

 

 

 

 

Tag- und Nachtgleiche

 

 

Im Un-Gemach

 

In dem Strafvollzug

Vollzog man keine Strafe.

In der Strafanstalt zog man die Strafe an,

Damit man lernte, sie von sich zu weisen.

 

In der Zelle war ein Goldknopf

An der Tür.

Wer den benutzte rief die Dienerschaft,

Die kam sofort herein

Und fragte Wünsche ab,

Falls man sie formulieren konnte,

Und die Tür blieb nur für sie

Ein Durchgang,

Sonst war sie ein Teil der Wand

Und undurchlässig,

Und die Tür an sich blieb unsichtbar.

 

Der Raum war groß genug

Für drei Personen,

Und als erste kam ein Mann

Von etwa vierzig Jahren,

Der war angenehm enttäuscht und überrascht,

Dass eine Dienerschaft sich sorgte,

Und er hatte Wünsche,

Die erledigte man gleich,

Und diese Kleinigkeit, die an dem Ausgang hing,

War irgendwie gerecht

Und würde bald ein Ende haben,

Und er wünschte sich für sich,

Weil ihn hier keiner kannte

Und Besuch nicht zu erwarten war,

Und weil die Zelle richtig schien,

Die Frau dazu, um derentwillen er

In dies Verließ getragen worden war.

 

 

 

Man stellte ihm den Wunsch anheim

Und könnte ihn erfüllen,

Wenn auch er den Wunsch der Frau, die zu ihm käme,

Nach dem Menschen ihrer Wahl,

Im Vorweg akzeptieren würde,

Und er stimmte zu.

 

Die Frau, die in das Zimmer kam,

War eine Fremde,

Die er nie zuvor gesehen hatte,

Und sie war in seinem Alter,

Und sie hatte diese Sonderheit,

Die Frauen haben, die im Grunde

Männern ähnlich sind,

Ihn widerte die Doppelfremdheit an,

das brauchte er nicht zu ertragen

Und beschwerte sich,

Das hatte man mit ihm nicht abgemacht,

Und die Beschwerde nahm man an.

 

 

 

 

Die Frau war kühl

Und kümmerte sich nicht um ihn

Und hatte ihre Möglichkeit sofort erkannt

Und wünschte sich die Freundin auf die Zelle,

Und er warnte sie,

Und sie war fest entschlossen,

Und es kam ein junger Mann zu ihnen,

Der fiel ihm gleich vor die Füße,

Und das war ein weicher Mensch,

Der ekelte sich vor den Frauen,

Und die Dienerschaft zog sich zurück

Und baute ihre Glocke- ab,

Und in die Wand schob man nun eine Eisentür

Mit einer kleinen Klappe,

Und sie weigerten sich alle drei,

Besucher, gleich wer käme,

Zu empfangen.

 

 

 

 

Herzersatz

 

Nach seinem Herzinfarkt

Nahm ihm sein Herz nur noch

Sehr wenig ab,

Und eine Ader, die zum Herzen führte,

Führte viel zu viel

Und bildete den Blutsack aus

Aus einem Rückstau, der war gar nicht abzubauen,

Und es staute sich auch eine Angst,

Die spürte er,

Die drückte bis nach außen.

 

Über seine Medizin hinaus

Bekam er eine Medizin, die half ihm nicht

Und zog ihm eine rosafarbene Gardine

Vors Gesicht,

Die täuschte ihn und warnte ihn,

Sich nichts mehr zuzumuten,

Und es wuchs sein Mut

Und er fand neue Kraft, die durfte er nicht brauchen,

Und er spielte hoch

Und dachte lange nach,

Und mit der Arbeit konnte er so jäh nicht enden,

Und die Arbeit war viel besser ohne ihn gemacht,

Er dachte dabei an das Geld nachher,

Das wurd' mit jedem Tag getaner Arbeit mehr.

 

 

 

 

Er hatte hohe Schulden abzuzahlen,

Und er zahlte lieber eher

Und ein wenig weniger und dafür mehr

Und dürstete nach dieser Trockenheit,

Nach einem sorgenfreien Bad

Und sehnte eine Zeit herbei,

In der er sich um diese Dinge sorgen könnte.

 

Seine Tage waren lang

Und hatten keinen Übergang zur Nacht,

Die trat nicht ein,

Und Nacht war tagelang

Und Tag war nächtelang,

Und insgeheim bestand sein Wachen

Aus dem Warten

Und sein Schlafen aus dem Lauschen.

 

 

 

Zeit im Übermaß in knapp bemessner Zeit.

Und jede Rechnung endete damit:

"Wie lange noch", und

"Wie viel Zeit ist schon vorbei",

Sie dehnte sich dabei nach vorn' unendlich aus,

Und war doch sicher kurz,

Und die Vergangenheit schien ihm

Ein kümmerlicher Tag,

Der hatte sich im Eigenfraß

An ihm vorbei gedrängt,

Und seine Wichtigkeit verloren

Und sich selbst verdaut.

 

Die Krankheit war sein Wendepunkt.

 

Bis hier war Unersetzlichkeit von ihm

Ganz hoch gehalten worden,

Und nun dachte er an Herzversagen

Und an Herzersatz,

Dem hätte er nicht widersprochen.

 

 

 

 

Challenger, Januar 1986

 

Sie war nur eine Lehrerin

Und kein Soldat

Und hatte keine herrischen Manieren,

Und sie lebte in dem

Einundfünfzigländerstaat

Und kam aus einem Bundesland

Und war für eine Reise programmiert,

Die sollte sie und eine andre Frau

Und weitere fünf Männer in das

Zweiundfünfzigland,

Das stand am Himmel, tragen.

 

Dort hing auch die Fahne der Nation

Und stand, von ihrer Wohnung aus gesehen,

Auf dem Kopf,

Und würde sich im Raumflug,

Der das Oben unten und das Unten oben

Und das Oben und das Unten überall und nirgends zeigte,

Richtig stellen.

 

 

 

 

Anfangs hatte ihre Reise Hindernisse,

Das verstanden alle,

Und es gab wohl keinen Menschen

Auf der ganzen Erde,

Der es ganz verstanden hätte,

Dann hob ihre Fähre ab,

Und startete mit einem Traum für sie,

Der war die wahre Nüchternheit

Und keine Träumerei

Und voller Wachheit,

Dass sie nichts an diesem Traum versäumte.

 

Sie gab Daten durch und Zahlen,

Und sie glaubte in der größten Weite

Die Familie und die Klasse stehn zu sehen,

Sicher irrte sie,

Und unter ihr tat sich das große blaue Auge auf,

Ein Auge, dass den Flug beäugte

Und auch schlief und lauerte,

Ein Auge, das schon einen falschen Namen trug,

Denn die Geschichte seiner Namensgebung

War ein Irrtum, der lag sehr wahrscheinlich

In den Dezimalen.

 

 

 

Unten lag ein Schiff in diesem Auge,

Das sah auch den steilen Anstieg,

Sah den weißen Faden,

Der sich in den Himmel schrieb,

Und sah auch, wie sich plötzlich

An dem Kopf der Nadel

Eine Flamme löste

Und sich eine Explosion

Von ungeahnter Kraft entfaltete,

Die riss den Faden ab,

Schlug einen Knoten,

Der im Knoten weiter explodierte

Und trieb ohne Halt den Antrieb in die Höhe

Bis zur völligen Verzehrung.

 

Dieser Tag der Tage

Nahm in sich kein Ende

Und war eine

Zweiundfünfzigstaatenexplosion,

Die registrierten alle Seismographen dieser Erde

Voller Schrecken

Und Ernüchterung.

 

 

 

 

Ein Bild von einem Bild entsteht

 

 

Im Abendrot

 

In Gedanken

War er nie in den Gedanken anderer gewesen,

Und er hatte sich davor bewahrt, gewehrt,

Sich nicht dazu verführen lassen,

Und man sprach zu ihm von Kunst,

Die war für ihn von vornherein verkehrt

Und ohne Leben

Und so völlig sinnlos,

Und er prahlte auch damit,

Und das sei gut, so sagte man zu ihm,

Denn jeder Weg zur Kunst beginne mit der Einsicht,

Dass sie völlig sinnlos sei

Und ganz umsonst,

Und das gab ihm zu denken,

Und er konnte den Gedanken, den er gut verstand,

Noch nicht zu Ende denken,

Und er fragte nach

Und die er fragte, lachten über ihn

Und machten ihn zum Narren.

 

 

 

Und er sagte sich, er sei ein Narr,

Und zog sich eine Narrenkappe

Über beide Ohren,

Und die andren sollten sehen, was sie sahen,

Und dass er sich sah

Und trug die Kappe falsch herum

Und deckte seine Augen damit zu,

Und schnitt in sie zwei Schlitze,

Und das reichte ihm,

Man kannte ihn nicht wieder.

 

Und man sprach mit ihm

Und hielt ihn für den Künstler,

Der wär' voller Neuideen,

Die sprängen ihm schon über seinen Kopf,

Und er verstand doch nichts davon

Und sollte Künstler sein

Und fragte sie warum,

Und das, erkannten die, die fragten,

Sagte er zu ihnen,

Dass sie sich nun selber fragten

Und betonten ihn,

Und die Methode seiner Arbeit

Wurde von Erfolg gekrönt.

 

 

 

Und viele, die so mit ihm sprachen,

Wurden über ihre eigne Klugheit klug,

Und er verstand sie nicht

Und lernte eine fremde Sprache,

Die er einfach sprach,

Und man erkannte,

Dass er von Verfremdung sprach,

Die war ein hoher Teil der Kunst,

Und alles machte er bewusst.

 

Was ihre Kunst betraf, das traf ihn selbst

Am meisten,

Und er schwor sich

Ab sofort um jeden Preis zu schweigen,

Und man schwieg mit ihm

Und dachte mit ihm nach,

Und einer fasste den Gedanken,

Dass die Kunst an ihm

Nicht das Produkt des Künstlers sei,

Nein, dass sie selbst leibhaftig existiere,

Und sie lenke jede Kunst auf sich,

Und sie verzichte ganz auf sich

Und mache ihn zum Kunstprodukt

An sich.

 

 

 

 

Sonnenaufgang

 

Jeden Tag,

Das hatte er sich einmal vorgenommen,

Wollte er bewusst erleben,

Und er hatte sich geschworen,

Einmal wenigstens am Tage so zu tun,

Als gäbe es in ihm,

Um ihn herum nicht eine Sorge,

Keinerlei Bedenken,

Nichts, das ihn bedrücken könnte,

Und er wollte auch auf keinen Fall

In diesem Augenblick

An Fröhlichkeiten denken.

 

Täglich einmal wollte er

Mit seinen Augen in die Stille blicken,

In ein Nichts,

Sich völlig in ein Wasser fallen lassen

Und sich ohne jede Schwimmbewegung sinken lassen,

Um dann plötzlich aufzustehen

Und sich zu besinnen.

 

Und die Zeit dafür war gut zu wählen,

Und er legte sie in allerfrühste Morgenfrühe,

Wenn er seine Beine in der Enge seines Zimmers,

Zwischen Wand und Bett,

Auf seinen Teppich stellte

Und sich selbst nicht stellte,

Sondern sitzen blieb.

 

 

 

Und seine Augen fielen

Auf die Muster der Tapete,

Und er tauchte tief

Und atmete das Schweigen ein,

Und nichts erlaubte er in sich, sich zu bewegen,

Und er wachte über sich.

 

Das dauerte Sekunden,

Dann besann er sich

Und zog sich an ein Ufer, an den neuen Tag,

Den konnte er und niemand kennen,

Und er machte eine zweite Wäsche,

Zog sich an

Und plante einen Plan für sich zu machen,

Den schrieb er in sich

Auf eine unsichtbare Tafel,

Den verlöschten neue Pläne

Mit ganz anderen Terminen,

Und er überschrieb, was er beschrieb,

Und übersah und übersah,

Und er besann sich auf den frühen Morgen,

Das gab wieder Ruhe.

 

 

 

Seine Tage waren ohne Gleichmaß immer gleich,

Und streng genommen unterschieden sie sich

Kaum noch voneinander,

Und selbst mit sehr großer Mühe

War das Gleichmaß nicht aus seinem

Gleichgewicht zu bringen,

Und die Tage, Wochen, Jahre,

Nächte, Freizeit, Urlaub

Kamen gingen,

Hingen an dem langen Pendel,

Das schlug unerbittlich hin und her

Und hätte ihn, das wusste er,

Schon längst erschlagen,

Wenn er nicht zu seiner Rettung

Morgens die Minute seiner Rettung

Über all die Zeit gerettet hätte.

 

 

 

 

Stand der Mittagssonne

 

Man setzte ihn

Vor eine große Glaswand,

Die war völlig transparent,

Und auf der andren Seite und auf dieser

Standen Kameras, die ihn

Und das was ihn bewegte

Und was er auf diese Fläche malten sollte,

Ganz genau verfolgten wollten,

Und sie hatten auch den Ton mit eingeschaltet,

Der schrieb mit

Und führte Protokoll,

Und er war sehr bekannt

Und malte Bilder,

Wie man sie noch nicht verstand,

Und darum sollte er vor aller Augen malen

Und für das Verständnis reden.

 

Und er würde wohl in Farben malen, sagte er,

Und nahm die Farben weiß und schwarz,

Das wären keine Farben,

Und sie könnten doch nicht ohne Farben sein.

 

So war es vor dem ersten Strich,

Dass man ihn nicht verstand.

 

 

 

Er machte eine Skizze, die war zu erkennen,

Die belegte er sofort mit den Kontrasten

Und mit Grau,

Das mischte er auf dieser Tafel an,

Und überließ es ihr

Und wollte es nicht mehr entfernen,

Und es wurde zum Bestand.

 

Man wusste nicht, wie man das Mischen mit der Arbeit

In Verbindung bringen sollte,

Und er lachte über soviel Fragerei,

Und er beschrieb mit Worten,

Dass die Mischbarkeit und das Vermischte

Fast das Wesen seines Bildes wären,

Und das Wesen, das er malte,

Würde jetzt lebendig.

 

Und er wurde an dem Bild zum Arzt,

Der operierte und belebte

Und der tötete,

Und unter seinen Händen wichen und entstanden

Die Lebendigkeiten

Die sich auf dem Bild bewegten und verharrten.

 

 

 

Und die Leute,

Die ihm über seine Schulter sahen,

Waren im Geschehen und geschahen mit

Und waren voller Anteilnahme,

Und die Rückwand vor der zweiten Kamera,

Bewies ein Hinterglasgemälde,

Das war etwas anderes

Und war das Glas im Leben,

Das war ahnungslos,

Und ahnte nichts

Von einer Vorderseite,

Und er hielt nun inne

Und berichtigte noch Kleinigkeiten,

Und das Bild stand auf den beiden Seiten still

Und war am Leben,

Und man hatte alles miterlebt,

Und es war rundherum erlebbar

Und begehbar,

Und man hatte nun verstanden,

Warum seine Bilder noch nicht

Zu verstehen waren,

Und es ging um die Lebendigkeit

In seinen Werken.

 

 

 

 

Die Eroberung der Erde

 

 

Entgangenes Land

 

Als sie hörte, dass die Schwägerin

Ein Kind bekommen sollte,

War sie voller Freude,

Und sie sprach mit ihr

Und wollte gratulieren,

Und die Schwägerin sprach nicht mit ihr

Darüber,

Und sie würde Tante werden

Und das Kind besuchen,

Und sie wäre eine junge Tante,

Und sie hatte selbst schon einen Mann

Und brauchte sich nicht zu beeilen,

Und sie waren noch mit allem

Erst am Anfang.

 

Ihre Schwägerin ließ sie nicht aus den Augen,

Und sie sprach sie oft auf ihren Zustand an

Und auf den Umstand

Und erwähnte nicht vor ihrem Mann,

Dass seine Schwester

Keine Freude daran hätte

Und verglich sich mit nicht einem Wort

Mit ihr

Und dachte sehr an sich dabei.

 

Sie würde, wenn sie soweit wäre,

Sich vor Freude selbst umarmen,

Und sie sah, dass ihre Freude

Schon in ungeheurer Nähe saß

Und greifbar wurde,

Und ihr Hoffen wuchs,

Und oft genug hat man gehört,

Dass, wird die eine schwanger,

Es nicht lange bis zur Schwangerschaft

Der andren dauert,

Das liegt an der Frau, so sagt man,

Weil sie den Gedanken nähren

Und ihn in sich Früchte

Tragen lassen kann.

 

 

 

Ihr Ohr lag innen

Und sie war voll Hoffnung

Und voll Freude,

Und die Schwägerin verlor kein Wort

Der Freude

Und dass sie in guter Hoffnung war

Und kleidete sich nicht nach ihrem Umstand,

Und nur einmal stöhnte sie,

Dass sie im Umstand sei,

Der sei beschwerlich,

Und sie hätte diesen Umstand nicht geahnt.

 

Es ging ihr auch nicht gut,

Sie hätte sich sehr gern' davon befreit

Und ihre Sache einer andren angetragen,

Und sie sagte auch,

Dass sie sich jetzt ein Kind

Noch gar nicht hätten leisten können,

Und es wäre ein Versehen,

Und sie dachte an die Zukunft,

An die eigne Zukunft,

Und nicht, wie es weitergehen könnte.

Ihre Schwägerin war nicht im Dank,

Das sah sie,

Und sie schrieb es ihrem Zustand zu,

Der war nun gut zu sehen,

Und sie dachte, wie ein Mädchen denkt,

Und nahm mit ihrer Hand

Das Maß des Fußes dieses ungebornen Kindes,

Das nahm sie vom Bauch der Schwägerin,

Und strickte kleine weiche Schuhe.

 

 

 

Mit der Farbe war sie ganz neutral

Und einmal öfter, dass es ihr schon auffiel,

Strich sie über ihren eignen glatten Leib,

Und ihre Haut war ohne Falten,

Die, so dachte sie,

Wär'n mir ein liebes Zeugnis,

Und die Schwägerin rief aus der Klinik an,

Es wärt noch einmal alles gutgegangen

Und es ging ihr gut,

Das Kind sei eine Totgeburt,

Sie läge noch zehn Tage in dem Einzelzimmer,

Und sie wär' nicht krank

Und jeder könnte sie besuchen,

Und die junge Schwägerin saß fassungslos

Und ungefasst

Und weinte sich die Tränen

Über ihre Hände.

 

 

 

 

Ein Land der Sonne

 

Als sie selber schwanger wurde,

War sie ohne das Gefühl

Für diese Schwangerschaft.

Die hatte sie herbeigesehnt,

Und das Gefühl war ihr vorangegangen.

 

Nun war es zersprungen,

Und es schien,

Als machte es für andere Gefühle Platz,

Die waren erst im Wachsen,

Und sie hatte keine Angst

Und wusste nicht, sich zu verhalten,

Und sie hätte ihrem Mann

Davon erzählen sollen,

Dass er sie in Ruhe hätte Mutter

Werden lassen können,

Und sie wollte ihren Zustand nicht berufen

Und verschwieg es ihm

Und wollte wenigstens zwölf Wochen warten

Und so gut es ging sich schonen,

Und sie hatte all die Zeit ganz allgemein

Sehr viel davon erzählt

Und viel von Schwangerschaften

Andrer Frauen, und sie wollte

Seine Meinung hören.

 

 

 

Und er sagte wenig, das war viel

Und machte sie ganz sicher,

Und er sagte schließlich viel

Als sie ihm wenig sagte,

Und er freute sich

Und riet ihr noch zu schweigen,

Und sie sagte "Ja",

Und beide kannten sich nicht aus,

Und ihre Mutter hatte sie schon lange eingeweiht,

Und die schwieg auch

Und sagte es nur ihrem Mann

Und den vertrauten Frauen,

Und die schwiegen auch,

Und alle wussten längst davon,

Das wussten beide nicht

Und dachten nicht daran

Und gaben es den Freunden dann bekannt.

 

 

 

 

In ihrer Schwangerschaft

War sie nicht frei von ihm,

Und er war manchmal unbeherrscht,

Und sie sprach mit dem Arzt,

Und der beruhigte sie etwas,

Und sie sollte ihm entgegenkommen,

Und es wurde sowieso zu unbequem

Und hörte schließlich auf,

Und er spann eine große Sorge um die Frau,

Die trug die Last mit Freude

Und mit Sorge und mit Vorbereitung,

Dass sich eine Sorge um die andre zog,

Sie tastete mit ihren Ohren

Und den Händen ihren Leib,

Das neue Leben ab,

Und gab ihm Sinn in ihrem Sinn

Und liebte den gespannten Leib,

Und liebte seine Eifersucht,

Die war umsonst

Und eine Kinderei,

Daran und an die neue die nun käme

Wollte sie sich schnell gewöhnen.

 

 

 

 

Die Niederwerfung eines Volkes

 

Sie wurde schwanger

In Gewalt von ihrem Schwager,

Und sie hatte selbst mit Schuld daran,

Und wusste nicht,

Wie sie es ihrem Mann erklären sollte,

Und sie hatte schon zwei Kinder,

Und ein drittes war nicht mehr geplant,

Und sie begann in Windeseile

Ihrem Mann die Liebe vor zu heucheln,

Und er lachte über sie

Und nahm sie an

Und sprach zu seinem Schwager über seine Frau

Und spottete,

Dass Frauen, wenn sie nicht mehr Frauen wären,

Läufig würden,

Und sie tranken Bier dabei

Und lachten wieder unter ihrer Derbheit,

Und sie griffen nach den Schwestern

Und vergriffen sich,

Und in der Angst bereute sie

Und schwor sich zu entziehen.

Sie erinnerte sich auch

Und hatte damals auch gedacht,

Dass sie die Vergewaltigung

Mit ihrer Kraft verhindern könnte,

Und es hatte nicht nur nicht die Kraft gereicht,

Sie hatte auch zu wenig Willen

Gegen sie gesetzt

Und hatte sich ihr ausgesetzt

Und hatte nachgegeben.

 

 

 

Später sagte sie von sich zu sich,

Sie hätte aufgegeben,

Und das stimmte nicht,

Und wenn die Männer tranken,

Prahlten sie,

Und ihre Schwester durfte nichts erfahren,

Und ihr Mann war unberechenbar.

 

Und sie erzählte ihm,

Dass sie das Klima nicht vertragen könnte,

Und es ginge ihr hier schlecht,

Und diese Gegend wäre ungesund,

Und er kam nicht auf sie

Und nicht auf die Gedanken, die sie hatte,

Und sie sorgte sich auch,

Dass der Schwager sie nicht lassen würde,

Und beschwor den Mann

Und machte ihm Versprechen,

Bis er schließlich von alleine

Auf den Umzug kam,

Und sie beeilte sich

Und schrieb die Briefe,

Dass er sich bewarb um eine neue Stelle,

Und das ging sehr schnell,

Und ihrer Schwester und dem Schwager

Wurde die Versetzung vorenthalten.

 

 

 

Und er fuhr voraus

Und war die nächsten Wochen hinter ihr

Und sehnte sich zurück

Und war dann auch nicht zimperlich

Und ließ es sich bei einer anderen gefallen,

Die sah auf sein Geld

Und gab ihm, was er wollte.

 

Und im vierten Monat

Zogen sie in aller Stille um.

 

Er kam nicht erst zurück zu ihr

Und half ihr nicht

Und half ihr so am meisten

Und beendete vor ihr die andre Frau.

 

Dann fand er sie

In ihrem Zustand, der sich wiederholte, ganz normal,

Sie machte einen Strich und baute sich von unten wieder neu

Ein winzig kleines Glück von vorne auf

Und sah der Niederkunft entgegen,

Und sie schwor sich einen zweiten Schwur,

Und Kindersegen hätte sie danach genug

Und dachte auch,

Wer weiß, wozu das alles gut ist.

 

 

 

 

Auf dem rechten Weg in die Irre

 

 

In einem Garten

 

Sie hat nur noch ganz selten die Gelegenheit

Ihr Haus zu zeigen,

Das ist klein geworden,

Und es dehnte sich mit jedem,

Der das Haus verließ,

Um eine weitere Unendlichkeit.

 

Man hatte ihr einmal ein Bild

Aus einem Sternenbuch gezeigt,

Darin sah sie die Sternenexplosion,

Die raste allseits in den Raum

Und stand doch sichtlich still,

Und in der Mitte,

Dort, wo sich der Kern befunden hatte,

Drohte trotz der absoluten Leere

Der Zusammenbruch,

Der Einsturz der Materie auf ein Nichts,

Das würde sich zum Nichts zusammendrücken,

Wenn es auf sich fiele.

 

 

 

In dem Treppenhaus

Hat sie die Bilder hängen.

Alle hat sie früher selbst gemalt,

Und eines hängt verkehrt herum,

Das hängt so wegen seiner Proportionen,

Und es war bei allen

Immer wieder im Gespräch, gewesen.

Ihr war's völlig gleich,

Sie sah die Qualität mit andren Augen,

Und sie schloss sich keiner Meinung an

Und hielt auch nichts dagegen,

Und im All, so hatte damals noch ihr Mann gesagt,

Bedeuten Unten, Oben gar nichts,

Alle müssten davon lernen,

Und sein eigner Kopf,

Das wusste sie dann besser als er selber,

Ging auch ohne ihn spazieren.

 

 

 

In den Kinderzimmern standen alle Spiele still,

Und diesen Frieden

Hatte sie als Kriegsspiel gegen sich,

Sie war hier die Verliererin

Und wurde an die Wand gestellt,

Im selben Augenblick verurteilt, und

Es legten die Gewehre immer wieder auf sie an,

Wenn sie in ihre Kinderzimmer kam.

 

Der Arbeitsplatz von ihrem Mann

War unverändert,

Und sie hatte nie den Schreibtisch untersucht

Und nie versucht in ihm zu finden,

Was sie suchte, wenn sie ihn besuchte.

 

Manchmal wischte sie den Staub

Von seiner Oberfläche.

Sauber eingestäubt lag auch sein Bett,

Das ließ sie wie es war,

Und nahm sich wieder an die Hand

Und führte sich zurück

Und konnte sich nicht mehr viel mehr

Von früher zeigen.

 

 

 

 

In einem Park

 

Es war die Strafe dafür,

Dass sie sich verboten mit ihm treffen wollte,

Und er war nicht an dem Platz im Park,

Den hätte er doch finden müssen,

Und sie sah sich um

Und wollte nicht vor sich nervös erscheinen,

Sonst war niemand da.

 

Sie ging die Schritte

Bis zu einem großen Baum

Und kam zurück

Und drehte sich auf einer Sohle

Auf der Stelle hin und her

Und trat auf einen kleinen Stein,

Den bohrte sie tief in den Sand.

 

Sie sah zurück

Und durch die Büsche,

Und alleine wollte sie in diesem Waldstück

Auch nicht bleiben.

 

 

 

 

Dunkelheit

Begann hier schneller

Als an andren Stellen

Und es klopfte ihr das Herz

Aus Angst vor ihm und sich,

Aus Angst vor diesem Treffen,

Und aus Angst, das es misslingen würde,

Und aus Angst vor diesem Platz.

 

Sie hatte alles eingefädelt,

Und, es war gemein, mit ihr so umzuspringen.

 

Dann ging sie den Weg ein Stück zurück

Und hoffte nun,

Dass niemand kommen würde, außer ihm.

Die Tränen konnte sie jetzt gar nicht brauchen,

Und die standen

In der ersten Reihe.

 

Endlich tat sich in der angestarrten Tiefe

Etwas,

Eine Dunkelheit schnitt sich heraus,

Die wurde heller.

Unter ihr, der Stuhl aus Angst und Wut

Verflog in eine Schaukelei der Freude

 

 

 

 

Blitzschnell zog sie ihre hohen Schuhe aus

Und lief zu ihm

Und ihre ausgestreckten Arme

Jubelten im Sieg

Und stiegen an ihm auf.

Sie schluchzte in sein Ohr,

Fast schimpfte sie ein wenig,

Sagte ihm ein Kosewort

Und ließ sich von ihm halten.

 

Er nahm sie verlegen an,

Beruhigte sie sanft,

Und sagte:

"Hier im Park braucht niemand Angst zu haben,

Wenn sie wollen

Bringe ich Sie an den Ausgang."

 

Fast unhörbar schrie sie ganz kurz auf.

Dann sank sie fassungslos in sich zusammen

Und verlief als Wasser auf dem Weg,

Der sog sie auf.

 

 

 

 

In einer Landschaft

 

Er war auf einer Wanderung

In einem Land, das hatte er gesucht,

Und hatte Hunger.

Es war warm.

Das Land lud ihn zu allem ein

Und gab nichts her.

 

Um ihn herum die Knoten kleiner Höfe.

 

Vor der Dunkelheit

Schlug er sein Zelt in einer Gegend auf

Und ging zu einem Haus,

Das war viel weniger als ein Gehöft,

Dort wollte er um Arbeit fragen,

Ja, vielleicht würd' man ihn

Essen lassen,

Und er hatte sehr viel Zeit,

Die wurde immer mehr,

Je mehr sie von ihm wich.

Er hatte lange Wege hinter sich gebracht.

 

Es würfelte sich ihm

Ein kleiner Hund entgegen,

Der war zutraulich,

Der lief vorweg, zurück und hinters Haus.

Dort stand vor einer Bank,

Als suchte sie schon,

Eine Frau.

 

 

 

Die sagte gleich zu ihm:

"Da bist du ja," und meinte ihn,

"Verstau dein kleines Zelt

Und komm' hierher und bleib' die Nacht.

Von mir aus bleib' so lang' du willst."

 

Er sagte: "Guten Tag" in seiner Sprache,

Die sie sprach,

Und ging zurück.

 

Ihr Alter, dachte er...

Sie konnte seine Mutter sein,

Und nahm sich seiner an.

 

Er war sehr müde und verbraucht,

Und sie war auch arm dran

Und sah nicht ärmlich aus.

 

Der Hund ging mit ihm mit

Und blieb bei ihm und auch bei ihr.

Es war ein Tier,

Das sich zu teilen wusste.

Sie war ohne Arg und ohne List

Und aß mit ihm

Und zog sich später vor ihm aus

Und ging mit ihm, so wie er war,

Ins Zimmer, wo sie schliefen.

 

Alles ist, so dachte er,

Mit irgendetwas zu bezahlen,

Und er wusste nicht womit.

 

 

 

Von nun an überließ sie ihm das Ganze.

Sie tat, wie es ihm gefiel, was ihr gefiel,

Und langsam war sie es,

Die ihm gefiel,

Und beide taten schließlich vieles nur,

Sich und dem andren zu gefallen.

 

So band sie ihn nicht,

Und er war ungebunden,

Und er fragte einmal mehr,

Womit er das verdiene.

Doch sie überlachte ihn:

Es sei ihr immer noch der

Erste Tag.

 

Die Ankunft jährte sich,

Und morgen würde er mit ihr den Tag

Als den Geburtstag feiern

Und er schlief aus Spaß in dieser Nacht

In seinem Zelt.

 

Am Morgen nahm er aus der Gegend

Ein paar Blumen,

Die verschrieb er ihr.

Das würde er im nächsten Jahr

So wiederholen,

Und im Jahr danach

Und danach und danach...

 

 

 

 

Mit der Mutter an sich

 

 

Ungeschrieben aufgeschrieben

 

Dieses ist ein ungeschriebner Brief

Insofern, als ihn der, den er betraf, diktierte,

Und es war mehr ein Gespräch,

Mehr eine Beichte, ein Geständnis,

Das gestand vielleicht

Viel von der andren Seite,

Die war noch am Leben.

 

Er, so sagte er,

Kennt kein Gefühl für Mutterliebe,

Kein Gefühl für das Gefühl, daheim zu sein,

Und nie in seinem Leben habe er gespürt,

Dass diese Frau ihn sich in ganz besondrer Weise

Spüren lassen wollte,

Nicht als Kind und später nicht.

 

Sie war für alle da

Und für die Schwester und die Brüder,

Und es gab nicht einen Tag,

An dem sie nicht den eignen Tag

Zum Tag der andren machte,

Und sie war nie krank

Und sah bis in das hohe Alter aus,

Wie man sie kannte,

Und man kannte sie ja täglich

Bis ins hohe Alter,

Und ihr Alter kam in unmerklichen Tagesschritten.

 

 

 

Er, so sagte er,

Erinnert sich nicht mehr an sie,

Und so sind sie einander nah

Und herzlich zugetan

Und sind einander fremd,

Und keiner greift dem andren in das Denken,

In das Wünschen,

In das Handeln,

Jeder hütet seine Sehnsucht

Nach dem anderen als ungewünscht

Und tut sie ab

Und hütet sie in einer ganz besondren Lade,

Die ist beiderseits als Schranktür

Im Tapetenmuster,

Und man sieht sie nicht.

 

In ihrer ersten Krankheit,

Die kam spät,

Empfand er kein Bedauern,

Und sie nahm sie auch nicht ernst,

Und dass er sie besuchte, freute sie,

Dass, meinte er, sei übertrieben,

Und ein andres Mal,

Als er erfolgreich war,

Fand er sie außer sich vor Glück

Und Überschwänglichkeit

Und lauter Ruferei nach anderen,

Die hören sollten,

Und er fühlte sich dadurch auf seinem Weg,

Den jeder wissen konnte, ausgerufen

Und verraten,

Und es ging ihm gut dabei,

Und es bewirkte wohl auch das Gespräch,

Von dem ich anfangs sprach

Und das ich schreibe.

 

 

 

Etwas, sagte er, sei aus der Frau gefahren

Und beträfe ihn,

Und es sei eine Wandlung

In ihr vorgegangen,

Und sie habe ihn geweckt,

Er wüsste nicht wohin mit seinem Denken,

Und sie habe ihm

Die Hand berührt,

Es schien wie aus Versehen,

Und sie hätten sich sonst nie berührt,

Im Kommen nicht

Und nicht im Gehen,

Und sie habe dieses Handberühren

Mit den Augen eines scheuen Tieres

Durchgeführt

Und es in seinen Augen abgelesen,

Und es hätten ihre Augen hinterher geglänzt.

 

Und er, so sagte er,

Sei immer noch verlegen,

Und er hätte ihren Handgruß

Nicht erwidert,

Und, so sagte er,

Er habe nie auf ihrem Schoß gesessen,

Und nun wäre er zu groß dafür.

 

 

 

 

Die Mutter an sich

 

"Vielleicht bin ich ein junger Mann,

Vielleicht auch noch ein Jugendlicher,"

Sagt er selbst von sich,

"Und ich seh aus wie meine Mutter,

Die sieht aus wie ich.

Wir lachen viel

Und denken schnell,

Und die Gedanken überschlagen sich

Auf unsren Zungen."

 

Und er liebte seine Mutter,

Das bemerkte man sofort,

Und er sprach über ihren Mund

Und über ihre Augen

Und von ihrer Größe,

Und vom Vater wusste er fast nichts zu sagen,

Und er käme gut mit seinem Vater aus,

Und was er an ihr liebte,

Liebte er an sich

Und sie an sich

Und sich an ihr

Und war in allem frei

Und wortgewandt

Und kam zurück auf sie

Und sprach in der Begeisterung von ihr,

Und meinte sich als Teil von ihr

Und käme ohne seine Mutter gar nicht aus,

Das dachte er nicht aus

Und nicht zu Ende.

 

 

 

Und er machte gerne, was sie machte,

Und sie ritt und hatte Angst davor,

Und er ritt auch und redete sich ein,

Dass er die Pferde liebte,

Und er hatte hinterher erst das

Befreiende Gefühl,

Das kannte sie, das teilte sie mit ihm,

Und beide ließen sie nicht ab

Von diesen Tieren.

 

Und er kochte gerne

Und verglich sich oft mit ihr

Und sah in ihrer Hausarbeit die Arbeit,

Die er gerne machen wollte,

Und er machte sie vor ihr,

Und sie empfand die Wohltat,

Und sie tat für ihn sehr viel voraus,

Das holte ihn dann ein

Und überraschte ihn.

 

 

 

 

Und seine Welt war fest gefügt,

Und er war kein Athlet

Und war nicht stark,

Und seine Stimme blieb zu lange

In der Höhe liegen,

Und man fragte nach,

Wenn er sich telefonisch meldete,

Ob wohl der Sohn zu sprechen sei,

Das fanden beide lustig,

Und sie trieben damit eine Spielerei,

Die schloss die andren völlig aus.

 

Und nichts war ihnen vorzuwerfen,

Und wenn er auf Reisen ging,

Schrieb er ihr täglich einen Gruß

Und rief am zweiten Tag schon bei ihr an,

Und fuhr die Mutter fort,

War es ihr Amt,

Und zwischen ihnen gab es keine Eifersucht,

Und sie verziehen sich im voraus

Jedes mögliche Versäumen

Und bedankten sich,

Und liebten sich so jeder sich an sich

Und an dem anderen.

 

 

 

 

Für ein Kind zu schwer

 

Sie ging zurück ins Nachbarland,

Man gab ihr die Erlaubnis,

Und sie wollte nur als die Besucherin

Die Heimat sehn, die war seit vierzig Jahren

Keine Heimat mehr

Und zog sie heim,

Und jemand, der vor ihr hier war,

Erzählte, dass sich kaum etwas geändert hatte.

 

Und sie dachte an die Einzelheiten,

An die Wanduhr, die Tapeten,

Ganz bestimmte Räume,

Büsche, Wege, Flüsse, Teiche, Hecken,

Augenblicke, die sie nacherleben wollte,

Und sie ging zurück

Und kam gut an,

Und kam zu Anfang gar nicht an,

Und niemand lebte hier von denen,

Die sie kannte,

Und erst langsam sah sie in den Alten,

Die von damals wieder,

Und es war ein Stich,

Der riss ein Tuch von ihrem Kopf.

 

Im Elternhaus wurd' sie zum Kind

Und ließ sich von der neuen Mitbewohnerin,

Die war sehr alt,

Die Zimmer zeigen,

Und die kannte sie auch nicht,

Bis sie sich dann erkannten.

 

 

 

Und sie sah in jeder Stube

Das Gesicht der Mutter,

Hörte über kleine Flure Ihre Mutter rufen,

Sah sie in den Fenstern und Gardinen,

Sah sie winken, sah sie laufen.

 

Irgendwo hier draußen

War sie ohne sie begraben worden,

Jetzt war es zu spät,

Und die Erlaubnis in dies Land zu reisen,

Konnte gar nichts mehr erlauben.

 

Vieles war vergessen

Und erhob sich erst bei ihrem Eintritt,

Und sie fragte nach der Pflege dieses Grabes,

Und es machten Jugendliche

Und die Leute aus der Nachbarschaft des Grabes,

Und es stand kein Kreuz,

Es stand kein Stein,

Es war nichts zu beschaffen.

 

 

 

Sie war hergekommen,

Um zurück zu gehen,

Und sie ging als Schülerin den Schulweg,

Dass sie fast dieselben Gräser

An den Straßenrändern sah,

Und immer wieder war die Stimme ihrer Mutter

Tief in ihrem Kopf,

Die rief ihr nach und rief ihr hinterher

Und etwas zu, und sie bedachte alles,

Das war ihr schon längst entfallen,

Und das Grab war karg und menschenleer

Und kümmerlich gefasst,

Man konnte nichts mit sich nach Hause nehmen,

Und sie machte auch kein Bild

Und nahm das Bild, wie sie es sah, mit heim

Und war allein hier draußen,

Und sie suchte nach dem Zwiegespräch

Mit ihrer Mutter, das blieb aus

Und stellte sich erst spät am Abend,

Fast im Schlafen bei ihr ein,

Und hier am Grabe war es schwer,

Das war schon halb im Traum,

Und sie stand über ihr und unter ihr,

Weil sie ja oben war.

 

Der Himmel hing nicht tief genug.

 

So nah bei ihr zu stehen,

War für sie, das Kind zu schwer,

Und warme Tränen liefen über ihre Wangen

In die Kissen.

 

 

 

 

Aufbruch im Warten

 

 

Bis in die Jugend warten

 

Im Warten hatte er gelernt zu warten,

Und er hatte lange warten müssen,

Als er in der Wache stand

Bei den Soldaten,

Und er hatte damals Glück gehabt

Und die Gefahren nicht gespürt,

Und andre Wachen waren

Trotz des Wartens und des Wachens

Überfallen und getötet worden,

Und man hatte ihnen Munition gestohlen

Und die Waffen,

Und in seinem Warten war er nie

Von der Gefahr berührt gewesen.

 

Und er wartete sehr gerne

und so oft es ging,

Und wartete, weil er das Warten liebte,

Ohne Grund auf nichts.

 

Er konnte sich,

Weil ihn die Zeit nicht drängte,

An die Straßenecke stellen

Und dort warten,

Und er dachte nichts dabei,

Und fremde Leute, die ihn nur vom Sehen kannten,

Lachten etwas über ihn

Und kannten ihn,

Obwohl sie ihn nicht kannten

Und sie sagten sich:

"Er wartet wieder

Und weiß nicht warum

Und nicht auf wen,

Und er vergeudet seine Zeit mit Warten."

 

 

 

Und er hatte ihren Fragen zugehört

Und sie sich angehört

Und sie nicht überhört,

Ob er auf etwas warte,

Und wenn ja, auf wen und was,

Und seine Antwort war ja seine Wahrheit,

Und er sagte:

"Sicher warte ich auf etwas."

 

Und die Leute waren damit nicht zufrieden,

Und er sagte noch:

"Wenn ich es jetzt schon wüsste,

Brauchte ich doch nicht zu warten,"

Und er wartete woanders weiter.

 

Leute sprach er nie

Von sich aus an.

 

 

 

 

Man dachte, dass er etwas wissen wollte

Oder wissen müsste,

Nur damit er etwas andres wissen konnte,

Und er fragte nicht

Und wollte auch nichts wissen.

 

Und er wartete bei sich Zuhause weiter.

 

Während er die Mahlzeit zubereitete

Und aß,

Tat er nichts weiter als zu warten,

Und er wartete in großer Andacht fort

Und in unendlicher Geduld

Und mit Vergnügen immer wieder neu

Und wünschte sich nichts anderes

Und wartete zurück bis in die Jugend,

Bis in seine ersten Kindertage

Und soweit er denken konnte.

 

 

 

 

Die Kleinheit eines Augenblickes

 

Er sagte zu sich selbst,

Ich muss im Warten warten,

Und an einem Tag blieb er daheim

Und rief in seiner Firma an

Und meldete sich krank,

Und alles deutete auf eine gute Post,

Die musste endlich kommen,

Und er musste in der Nähe sein,

Wenn sie nach seiner Nähe fragte,

Und er ging nicht aus.

 

Er hatte dies Gefühl im Magen,

Und er las nun wieder in dem Horoskop,

Das stand sehr gut für ihn.

Es war auch höchste Zeit,

Dass eine Antwort kommen würde.

 

Käme sie nun wieder nicht

Und in den nächsten fünfzehn Tagen nicht,

Dann riefe er dort an

Und würde einfach fragen.

 

 

 

Und er stand am Fenster

Und war ganz allein zurück geblieben,

Und den andren hatte er erzählt,

Er ginge später fort,

Das könnte er so richten,

Und er richtete dabei an sich den Schaden an,

Und alles setzte er auf diesen Brief.

Dann kam die Botin mit der Tagespost,

Sie war ein junger Mensch,

Und sah ihn gleich im Fenster stehn.

 

Für sie war es ein ganz gewohntes Bild,

So sah sie täglich hundert Leute stehn,

Die sahn ihr nach und ihr entgegen,

Und die sahn einander nicht

Und bildeten auf ihrem Weg die Kette.

 

Viele waren alt und sehr allein.

 

Sie winkte mit der Post zu ihm

Und warf sie in den Kasten

Und fuhr fort,

Und er schlug, ohne seine Hand zu heben,

Seine Hände vors Gesicht

Und schämte sich in seiner Gier nach Post,

Die sollte nun den Glauben

An das endliche Geschehen enden,

Und es war weit überdehnt,

Und er ging schnell nach draußen.

 

 

 

Hinter ihm sprang noch die Tür ins Schloss,

Den Schlüssel hatte er vergessen mit zu nehmen,

Und er hatte keine Jacke an,

Und draußen war es kalt,

Und die Probleme wuchsen,

Und im Kasten steckten wieder nur,