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Die Entdeckung der eigenen Zeit, 2019

 

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Im vorliegenden Band wird auf 136 Seiten in Anlehnung an „Geschichte eines Außenlagers KZ Sasel“ der Hamburger Behörde für Schule, 1982, versucht nachzuerzählen, was sich im KZ Sasel in den letzten Kriegsjahren ereignet hatte. Es ist wichtig, der Jugend immer wieder davon zu berichten. Die Form eines Epos scheint dem Autor dafür die dauerhafteste Art zu sein.

 

 

Die Insassinnen

GESCHICHTE EINES AUSSENLAGERS, KZ SASEL *)

Epos

*) In Anlehnung an: „Geschichte eines Außenlagers, KZ-Sasel“,

Freie und Hansestadt Hamburg, 1982

 

Dieses ist der dritte Band einer Trilogie von Facettengedichten.

 

1. Band der Trilogie: Im Reißverschluss der Illusion, 57 zeitgenössische Gedichte, Facettengedichte.

2. Band der Trilogie: Die Frau des Terroristen, 53 zeitgenössische Gedichte, Facettengedichte.

 

Jetzt „Die Insassinnen“ direkt online bestellen sowie im Buchhandel,

136 Seiten, Format A5.

 

€ 8,99 inkl. MwSt.

 

Zum Buchshop

 

ISBN 978-3-7386-2528-8

„Die Insassinnen“ ist auch in den USA, Großbritannien und Kanada unter obiger ISBN und bei abweichenden Preisen bestell- und lieferbar.

 

Auch als E-Book,

€ 5,49

 

Zum Buchshop

ISBN 9783739274560

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

Leserbriefe

 

 

Copyright 2015 beim Autor, Harald Birgfeld, alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieser Veröffentlichung darf ohne schriftliche Erlaubnis des Herausgebers, Harald Birgfeld, reproduziert werden. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Verfilmung und Einspeicherung sowie Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Herausgeber, Autor, Redakteur: Harald Birgfeld, e-mail:.    Harald.Birgfeld@t-online.de

 

 

INHALTSVERZEICHNIS

 

Erster Tag

 

Frau U., die Lehrerin

Sie leben in Ansorge

Am Zaun kommt man nicht weiter

Frau B. erzählt

Ganz benommen steht die Jugend

Von Frau K., die mischt sich ein

Voller Angst und Sorge war Frau I.

Herr N. erinnert sich genau

Nun erreicht die Jugend ein Gespräch

Den Steinen

Von Frau D. erhielt man einen Brief

Nach dem Lager

Die Steine

Dieses ist das Bild

Die Jugend steht am Zaun

Die Jugend war nun aufmerksam geworden

Es kommt nun eine Frau

Es war ein Tag

 

 

Heute ist der zweite Tag

 

Interview mit dem Paar F.

Es kommt ein Jugendlicher

Das Ende dieses Krieges

Unter denen auf der andren Seite

Von Herrn N. erfuhren die

Die Jugendlichen kennen heute

Von einem, der zusammenfassen möchte

Nun Frau E.

Die Jugendlichen hatten sich

Frau U. ist eine Lehrerin

Frau U. ist sehr bewegt

Es entbrennt nun eine Diskussion

Die Jugendlichen und die anderen

 

Der dritte Tag beginnt

 

Das war aus den Erinnerungen des Herrn D.

Es geht nun um den Spruch der Steine

Aus einem andren Protokoll

Ein andres Schriftstück

Hier in Sasel

Ein Ehepaar berichtete

Es gibt ein Protokoll

Nun kommen noch zwei Protokolle

So berichtet auch Herr J.

So vergeht der dritte Tag

 

Heute ist der vierte Tag

 

Erstes Anti-, erstes Nicht-Nichtprotokoll

Zweites Anti-, zweites Nicht-Nichtprotokoll

Drittes Anti-, drittes Nicht-Nichtprotokoll

Viertes Anti-, viertes Nicht-Nichtprotokoll

nftes Anti-, fünftes Nicht-Nichtprotokoll

Sechstes Anti-, sechstes Nicht-Nichtprotokoll

Allen wurde neu die Bergstedt- Totenliste vorgelesen

Erstes Überprotokoll

Zweites Überprotokoll

Drittes Überprotokoll

Viertes Überprotokoll

nftes Überprotokoll

Sechstes Überprotokoll

Siebtes Überprotokoll

Achtes Überprotokoll

Neuntes Überprotokoll

Letztes Überprotokoll

Der vierte Tag

Der zweite Brief kommt von Herrn X.

Der dritte Brief stammt von dem Propst H.P.

Die Jugendlichen sind nun aufgerufen

Mit den Gesprächen

 

nfter Tag

 

I.) Das Ghetto

II.) Getrennt von der Familie

III) Frau I. fährt fort

IV) Plötzlich wurde Lodz

V) Sie verließen schnell den "Raum der Säuberung"

VI) Morgens breitete sich Panik aus

VII.) Frau I. kam in ein andres Lager

VIII) In Sasel angekommen

IX) Hamburg wurde ausgebombt

X) Einmal übersahen die Bewacher etwas

XI.) Eines Tages kam ein Arzt in Uniform

XII) Die Schalen der Kartoffeln aus dem Lager

XIII) Frau I. weiß wenig über Selektionen

XIV) Die Bevölkerung

 

Sechster Tag

 

Am siebten Tag beginnt das Heute wieder

 

 

 

Erster Tag

Frau U., die Lehrerin

Steht auch am Zaun,

Und die Gespräche gehen durcheinander,

Sie berichtet aus der Zeit,

Das ist die Zeit, von der wird hier berichtet,

Als die tausend Jahre

Sich schon zu dem Ende neigten,

Und das tiefe Schwarz

Der Winzigpunkte schwarzer Hemden,

Die einst ineinander liefen,

Sich im Raster wieder aufzulösen schienen,

"Damals," sagt sie, "hatte ich die Wahl

Und hatte keine Wahl

Und hatte längst gewählt

Und war ein junges Mädchen,

Das versteckte seine Reize ordentlich,

Und meine Wahl galt nicht,

Und eine andre Wahl in meinem Herzen

Durfte ich nicht einmal mit dem Mund berühren.

 

Ich war noch im Studium,

 

 

Da fragte mich ein Schwarzhemd mit dem Rutenbündel,

Und es war sehr freundlich,

Und es war ein Mann.

Ich hatte oft von dem Versteck

In seinem Arm gehört

Und wählte aus der Wahl, die er mir gab:

Die war das Kettenwerk der Munitionsfabrik

Am Bahnhof Ochsenzoll,

Um Kriegseinsatz zu leisten,

Und ich brauchte so nicht in den Krieg,

Und andrerseits als Schaffnerin

Auf einer Straßenbahn,

Die hatte keinen Bunker,

Und ich würde meine Angst spazieren fahren.

 

Und ich ging mit anderen in die Fabrik,

Dort hatte man die Angst vor uns,

Weil wir noch gar nichts wussten,

Und man lehrte uns

Die Hände zu gebrauchen,

Und das, was wir selber hätten lehren können,

 

 

Zu vergessen,

Und wir lernten schnell

Und produzierten endlich

Hülsen für Granaten."

Andrerseits vom Zaun

Erinnert sich die Jugend nicht.

Sie wurde nie getötet,

Nie befreit,

Sie wurde nie beraubt,

Beplündert mit Gesetz und Ordnung,

Und man wird noch viel, viel schreiben müssen,

Um am Ende nichts zu schreiben,

Weil man's dann versteht

Und endlich kennenlernt

Und das Erkennen lernt.

 

Frau U. berichtet später über diese Angelegenheit,

Die sie betraf,

Noch ganz ausführlich,

Und es ist nicht nur die Angelegenheit,

Die sie betraf.

 

 

 

Sie leben in Ansorge

Und in einem Garten,

Der erlaubt nur junge Menschen,

Lebten fast in einem Paradies,

Wenn sie nicht wüssten, was hier vorher war.

Auch haben sie es nicht gelernt

Sich gegenseitig zu vermissen,

Weil sie, gänzlich ohne alle Sorgen,

Niemals umeinander Sorge hatten finden können,

Ja, sie möchten sich vermissen lernen.

Und ihr Heim liegt mitten in der grünen Landschaft,

Die ist gar nicht grün für sie,

Weil sie das tote Grau des Grauens

Überhaupt nicht kennen,

Und sie leben in dem Alstertal

Und gehen an den Gartenzaun

Und horchen auf die Steine

Und auf die Gespräche dieser Steine,

Die befinden sich noch

In dem ersten Echo,

Sind noch nicht so alt,

Man kann sie gut vernehmen,

Und die jungen Menschen schreiben alles in der Eile auf,

Die kommt nun fast zu spät

Und rettet doch noch alles,

Was sich schon auf das Vergessen werden vorbereitete.

 

Die Hast von damals taucht vor ihnen auf,

Und wo sie stehen,

Stand zuvor ein Lager,

Das war aufgestanden

Und zerfallen bis auf einen Rest

Und einen Stein, der wurd' behauen

Und ist nass von immer neuen Tränen,

Und er ist so grau,

Dass man das Grün um ihn herum erkennen kann.

 

Das alles steht am Zaun von Sasel,

Darin liegt das Alstertal,

Das ist nichts weiter als Geschichte,

Die man vor dem Untergang

Noch schnell befragt,

Und so viel weiß man noch genau,

Das Grau, von dem sie sprachen,

Wird sich schrecklich

 

 

Mit dem Rot vermischen,

Dass man auf das Grün,

Um dessentwillen man mit Steinen spricht,

Wird kaum noch hoffen können.

Die, die leben

Und die überlebten

Werden an den Zaun gerufen und befragt.

Sie geben gleich als erstes

Eine Totenliste ab,

Die haben sie in Bergstedt

Unter einem Stein gefunden,

Und sie wird lebendig

Ohne einen Gruß zu übermitteln.

 

Keiner kann sich dem Bericht entziehen,

Keiner der dort spricht

Vermag mit seinem wahren Namen

Wahre Namen aufzusagen,

Und man kürzt sie alle ab.

 

Es spricht Frau I., Herr X., Frau H.,

Und Bilder die man machen möchte,

Werden nicht belichtet,

Das ist schrecklich wahr,

Weil eine wahre Sonne ihnen,

Nach nun fünfzig Jahren

Der Geburt der Schwarzhelmtyrannei,

Noch nicht zu scheinen scheint.

 

Von keiner Seite wirft man einen Stein,

Es steht ja auch der Zaun dazwischen,

Und die einen sind zu jung,

Die anderen vielleicht zu müde,

Und das Steine werfen, sieht man ein,

Trifft ausnahmslos die Falschen,

Und sich selbst bewirft man nicht,

Und Spiegel stellte keiner auf.

 

Die jungen Leute haben eine Amtsperson,

Die übersetzt die Steingespräche,

Das ist aus Liszkowski in die Gegenwart.

Und sie diktiert aus den Gesprächen

Von dem Tage der Geburt,

Die war vor fünfzig Jahren.

 

 

Die Geburt war eine Sonnenfinsternis,

Die fing mit einer Sonnwendfeier an

Und ließ die Feuerräder von den Bergen laufen.

Damals staunten viele über diese Wende.

Wenige von ihnen waren später

Noch als Zeugen zu befragen

Wie Herr X., Frau I., Frau H.

Die gaben auch nur von dem Ende

Den Bericht.

 

Vor fünfzig Jahren hatten die,

Die in der Krippe lagen,

Sich als Wunder der Natur allein gezeugt,

Allein aus sich heraus geboren,

Sich allein genährt,

Dann in der Folge rascher Dieberei

Die Brüste junger Mütter andrer Kinder

Ausgetrunken und sie, wenn die Mütter schrien,

Gezwungen sie zu säugen,

Bis zu deren Tod,

Und tranken auch die Muttermilch,

Wenn sie nicht mehr zu trinken war.

 

Sie wählten sich alleine aus

Und hatten sich ein Zeichen ausgewählt,

Das war die Axt,

Die trugen sie versteckt im Rutenbündel,

Das entdeckten die, die auf sie trafen,

Viel zu spät.

 

Die anderen entdeckten nichts

Und sahen nicht in das Versteck.

Die Ausgewählten kamen schon bekleidet auf die Welt

Und trugen unter ihrer Haut

Die schwarzen Hemden,

Als ein Fruchtbarkeitssymbol,

Das legten sie nie ab,

Das war ein Panzer, der das Überleben

Garantieren sollte,

Und der die Verbreitung sicherte,

Und ihren Fortbestand.

Den planten sie sofort

Auf über tausend Jahre.

 

 

 

Am Zaun kommt man nicht weiter,

Und man fragt nun in die Steine.

 

Steine kann man nicht befragen,

Und man muss auf die Gespräche lauschen,

Die sie miteinander führen,

Und für Steine, die hier liegen,

Gibt es neben ihren Urgesprächen,

Auch die frischen Narben.

 

Für den Stein sind tausend Jahre gar nichts,

Und sie lachten,

Als sie von den schwarzen Hemden hörten,

Die an tausend Jahre dachten.

 

Aus den Steinen nimmt die Jugend den Bericht,

Den muss sie von den Urgesprächen trennen 

Und dann übersetzen lassen,

Und er wird verlesen:

"Wir, die Steine, lagen nahe beieinander,

Und wir lagen an dem Türeingang der Villa,

Und wir hörten alles.

 

In der Villa lebten neben den Bewachern

Auch die schwarzen Hemden,

Die mit eignen Schwarzhemdfrauen schliefen.

Über den Bewachern wohnten ihre Wachen

Und drei Könige, Herr P., Herr T., Herr T.,

Und täglich zogen sie zu den Baracken

Hinter einem Stacheldraht,

Ein Aufenthalt für fünf mal hundert Frauen,

Um sich abzulösen.

 

 

Und die Insassinnen dort

Belebten, nicht bewohnten,

Und bestarben sechs Baracken.

 

Einmal lag auf einem Stein, auf uns,

Ein Schwarzpapier,

Das kam von dem Kommando Neuengamme,

Und die Insassinnen, hätten Heime zu errichten,

Heime für die Not,

Die breitete sich aus,

Und Arbeit in der Ziegelei zu machen

Und die Trümmer zu beseitigen;

Sie selbst, so schrieb man,

Seien in dem Falle ihres Todes zu beseitigen,

Und die Bevölkerung,

Die lebte gar nicht weit entfernt,

Sei streng von ihnen abzuschnüren,

Und man drohte ihr und ihnen

Harte Strafen an.

Das Lager“,

Wussten diese Steine zu berichten,

"Nahm im späten Sommer, erstmals im August des Jahres '44,

Und es war der letzte

Dieses Tausendjahrereiches,

Seine Menschen auf

Und war kein Arbeitslager,

Und im Wonnemonat Mai darauf,

Der konnte keinem mehr

Ein Wonnemonat sein

Und wurde doch zur Wonne dieser Tage,

 

 

Wieder abgerissen

Und dem Boden gleichgemacht.

 

In dieser Zeit errichteten die Insassinnen

Überall in Sasel kleine Plattenhäuser,

Davon steht noch heute eins."

 

Die Steine sprechen dann von einem Lageplan,

Den hätte man gezeichnet,

Und man fand ihn in den Protokollen,

Wo er durchgestrichen war.

 

Die Totenliste gab es nirgends in den Protokollen,

Und sie hatte fünfunddreißig Namen,

Und die Steine wissen nichts davon

Und sprechen sich nicht weiter aus.

 

Es gilt sich zu erinnern,

Ohne sich noch zu erinnern,

Und die Jugend weiß nicht,

Dass man das Vergessen wollen kann.

 

Man weiß nun von dem Lager,

Darin lagerte man Menschen in Baracken,

Und das Ende dieses Krieges stand bevor,

Das wusste keiner,

Und die meisten hofften es,

Und die in schwarzen Hemden

Fürchteten den Tag.

 

 

 

Frau B. erzählt,

Und sie berichtet viel.

Die Jugend fragt in ihr Gewissen,

Und sie spricht von ihrem Wissen,

Und was sie von allem wusste,

Und was die Bevölkerung gewusst,

Gesagt, getan hat.

 

Sie kennt sich noch gut in Einzelheiten aus

Und meint die Einzelheiten nicht,

Sie meint die Glieder einer schlimmen Kette.

 

Damals hatten sie dort draußen

Auf den Feldern Licht entdeckt,

Das war verboten

Und war hier erlaubt.

Man sprach davon mit vorgehaltner Hand.

 

Am Tage mussten Frauen, die von dorther kamen,

 

 

"Plattenbüttel" bauen,

Das war eine Unterkunft für Menschen,

Die nicht unterkamen.

Diese Frauen durften nicht dahin.

 

Ihr Mann, erzählt Frau B.,

Trug früher die Geschehen

Auf dem Friedhof Bergstedt's

In ein Grabbuch ein,

Nun spielte er nur noch die Orgel,

Und er fand ein langes großes Grab,

Das war frisch ausgehoben

Und mit Stroh gefüllt,

Darinnen lagen nackte Frauenleichen,

Und er wusste ihre Anzahl nicht,

Sie waren nur noch Haut und Knochen,

Und die Köpfe waren kahl geschoren,

Und das Grab lag an der Friedhofswand,

Das war die Wand zum Gasthof:

"Zu der Linde".

 

 

Und er dachte,

Was bleibt einem Menschen,

Wenn man ihm die Haare raubt.

 

Man sprach nun wieder in die Hand,

Dass davon eine wie die andren Jüdin wär',

Die wurden selbst der Ruhe

In dem Grab beraubt

Und später nächtlich wieder

Ausgegraben.

 

Für die Ruhelosen gab es keine Ruhe,

Und man hatte sie in einen Tod gejagt

Und jagte sie noch nach dem Tod

In einen neuen Tod

Und wieder aus dem Grab.

 

Man konnte ihren Weg nicht mehr

Verfolgen.

 

 

 

Ganz benommen steht die Jugend,

Und sie will es ja mit eignen Ohren hören,

Und Frau E. fällt hier ins Wort-,

Sie weiß noch mehr.

Das Lager hatte unweit ihrer Gartengrenze

Seine Grenzen aufgepflockt,

Die Frauen waren aus Rumänien

Und aus Frankreich

Und sie waren strafgefangen,

Und sie hatte Äpfel in den Korb gelegt,

Dann in den Weg,

Und Brot im Busch versteckt.

 

Man hatte wenig heimlich mitgenommen,

Und nachher,

Als man die schwarzen Hemden

 

 

Auf der Leine sah

Und sich die Freude noch nicht traute,

Waren sieben von den Frauen

In ihr Haus gekommen,

Um sich zu bedanken,

Und sie gab danach noch Kleider ab,

Die waren weder schwarz, noch rot, noch braun,

Nur eines hatte sie für sich behalten,

Und es sprach sie eine an,

Die sprach die Sprache,

Und sie hatte ihre goldnen Zähne noch im Mund,

Sie sei Französin,

Und sie hätte in Paris,

In ihrer Heimat, ein Geschäft gehabt

Und schwor nun tausend Eide,

 

 

Ihr die Dankbarkeit zu zeigen,

Und sie hatte Wort gehalten

Und ihr später Seife und Parfum gesandt,

Und alle Welt bestand auf

Reinigung des Leibes

Und des Leibes

Und des Leibes.

 

Sie erzählte von vier Wagen,

Die mit Frauen aus dem Lager fuhren

Und es hätte sie ein Polizist des Ortes aufgehalten,

Und er hätt' sie fliehen lassen,

Und man wusste schon nicht mehr,

Wer wen bald fliehen lassen würde,

Wer bald zu den Fliehenden gehören wurde.

 

 

 

Von Frau K., die mischt sich ein,

Erfahren nun die Jugendlichen,

Dass ihr Mann noch in den letzten Tagen

Aus der Stadt, die brannte,

Frauen bis nach Sasel fuhr, es waren vielleicht neun,

Dort traf er auf ein Schwarzhemd,

Das schlug auf ihn ein

Und ließ ihn schließlich doch vorbei,

Vielleicht, weil er das Feuer sah,

Das bis hierher die Zunge streckte,

 

 

Und die Frauen hielt Frau K.

Auf ihrem Boden ohne Decken,

Nur mit Kohl und Mehl am Leben,

Bis sie weiter flohen.

 

Später konnte sie mit ihrem Mann

Das Lager selbst besichtigen, das stand nun leer

Und war nur eine Kette schmaler, tiefer Einzelzellen

Ohne Licht,

 

 

Zwei Meter lang und aus Beton gestellt,

Man sagte, in der Zelle

Habe es die Decke und den Aborteimer geben dürfen,

Und ein Arzt, Herr Y.

Der einer Frau in schwerer Stunde hatte helfen sollen,

Sprach von unglaublichen Dingen,

Und er schwieg danach davon,

Bis in sein Grab.

 

 

 

Voller Angst und Sorge war Frau I.,

Und sie sah jeden Morgen einen Zug

Von zwei Mal hundert Frauen,

Der kam ihr entgegen,

Denen hätte sie ihr Frühstück

Gerne in die Reihen fallen lassen,

Und sie hatte es sich nicht getraut,

Und von den Frauen hätte keine es gewagt,

 

 

Sich nach dem Brot zu bücken.

 

Links und rechts und überall

War Schwarzhemd's Gegenwart mit Rutenbüschel.

Sie meint,

Wenig hätte sie gewusst,

Doch von den anderen,

 

 

Die näher in der Nähe, wie die Schreber

In den Schrebergärten wohnten,

Wüsste sie, dass die wohl alles wussten,

Und die wohnten

Tür an Tür mit denen.

Doch die konnte man nun nicht mehr fragen,

Alle waren längst, längst tot.

 

 

 

Herr N. erinnert sich genau,

Weil er zu der Zeit jung

Und in Begeisterung die Zeit erlebte,

Und er war ein Hitlerjunge,

Der war überall und nirgends

Und gehorchte auf das Wort,

Wenn man' s ihm sagte.

 

Heute lehnt er an dem Zaun

Und weiß auch, wo das Lager damals lag,

Das war ganz in der Nähe einer Stellung

Mit Kanonen gegen Luftkommandos

An dem Feldblumenweg,

Und er meinte,

Dass es ein Jahr älter wäre

Als die Steine sagten,

Die verstünden von so kleinen Zahlen nichts.

 

Das Arbeitslager sei ein Schutz der Flak gewesen,

Nachts stand es im Licht.

 

Herr N. weiß auch

Von fünf Mal hundert Frauen

Und dass viele krank gewesen seien,

Und er habe sie gesehen,

Wie man Menschen sieht

Und nicht, wie sich ein junger Mann

Die Frau ansieht.

Sie waren Haut und Knochen,

Und sie trugen Holzpantinen an den Füßen,

Blau- und weißgestreifte Kleidung,

Und darauf stand eine lange schwarze Nummer.

 

Er hat sie gesehen, als sie völlig ausgemergelt

In der Waschbaracke standen,

Und er hat die lauten schrillen Schreie

 

 

Noch im Ohr.

Man duschte sie mit eisig kaltem Wasser ab.

 

Er hatte durch das eine Fenster

Auf die Frauen schauen können,

Und sie hätten wegen dieser vielen nackten Knochen

Aneinander schlagen müssen.

Und ein Wachmann war gekommen,

Um ihn zu vertreiben.

 

Was Frau I. erzählte,

Konnte er bestätigen.

An jedem Morgen schleppte sich ein Zug

Von zwei Mal hundert Frauen

Bis zum Bahnhof Poppenbüttel.

 

Dort verluden sie sich in den Güterzug

Und wurden in die Stadt gefahren,

Um die ausgebombten Viertel

Von den Trümmern und den Leichen zu befreien,

Und man habe sie mit "Schnaps" gefüttert,

Und die Übelkeit

In ihnen unterdrückt.

 

Man hatte dreißig Männer

Zur Bewachung abgestellt,

Die waren jeder um die sechzig Jahre alt

Und ausgerüstet und bewaffnet

Wie die Schwarzhemdmänner.

 

Einige von ihnen hatten Schäferhunde.

 

Schlimmer als das Eis der Dusche

Waren Schwarzhemdfrauen,

Die sie auch bewachten

 

 

Und sich gar nicht zierten

Und mit scharfen Schäferhunden,

Schlimmen Peitschen, blanken Stiefeln,

Ihre Ordnung hielten.

Und die bildeten sich viel

Auf ihre blauen Augen

Und die kurzen blonden Haare ein.

 

Und jede war in einem

Unersättlich reifen Frauenalter

Zwischen zwanzig, dreißig Jahren.

 

Und der Zug, der durch die Straßen zog,

Nahm immer wieder einen andren Weg,

Und viele Frauen, andre Frauen,

Legten Essen oder ähnliches dahin

Und ließen sich auch von den Wachen

Nicht bedrohen,

Und man drohte oft sie 'Abzuholen',

Und das nahmen sie und sie

Nicht ernst,

Und, wie es schien,

Ließ dann die Wache doch das eine und das andre zu,

Und was das war,

Das konnte selbst Herr N.

Der Jugend nicht mehr sagen.

 

Die Bewachung durch die Männer

War, so sagt Herr N., nicht allzu streng,

Sie waren im Vollzug

Und sie vollzogen nicht

Wie mancher glaubte.

 

 

 

Nun erreicht die Jugend ein Gespräch,

Das ist im Telefon

Und alle hören mit,

Man hat ein lautes Sprechgerät

Dazu geschaltet:

"Hier sprech' ich, Frau P.,

Ich möchte einiges ergänzen und bestätigen

Und kann nicht selber zu euch kommen.

 

Damals war ich noch ein Kind

Von zehn, elf Jahren.

 

Niemand der Familie hatte je Kontakt

Zu den KZ - Insassen.

Das war gar nicht möglich,

War viel zu gefährlich

Und da drang nun wirklich gar nichts 'raus'.

Und niemand blieb an der Umzäunung

Stehen,

Und man fürchtete zu Recht,

Dass die Umzäunung um sich greifen würde,

Und sie würde einen selbst umgreifen.

 

Meine Mutter fuhr

Mit ihrem Fahrrad auf das Lager zu.

Sie war nicht mutig

Und man sah ihr ihren Mut nicht an,

Ihr Kommen war ein Eilen, Fliehen,

Und sie warf die Reste Brot vom Tage

Und was sie noch hatte,

 

 

Über deren Stacheldraht

Und warf sehr oft daneben,

Manches blieb im Gitter hängen,

Und sie war schon fort

Bevor sie kamen.

Die dort drinnen lebten nur

Von irgendwelchen Suppen,

Die sie gar nicht hatten,

Oder gerne hätten,

Das sah man von weitem,

Wenn sie in Kolonnen

Hin zum Baden gehen mussten.

 

Nach dem Lager,

Als das Lager nicht mehr Lager war,

Erlaubten meine Eltern zwei Zigeunerinnen

Mit dem Kind den Aufenthalt

In unsrem Haus.

Sie hielten sich nicht lange auf

Und sie erhielten etwas 'Anständiges',

Das war Essen, Kleidung, Trost,

Und sie erzählten,

Dass sie Wassersuppen, Bohnensuppen

Hatten essen müssen,

Und sie waren fast schon tot.

 

Ich sah sie immer wieder an,

Und jemand sagte,

Dass sie's nicht so schlimm

Wie die in Neuengamme hatten.

 

 

Hier in Sasel hatte es die Kammern,

Die aus ihren Duschen Gas verströmten,

Nicht gegeben.

 

Hatte eine Frau etwas "verbrochen",

Wo es nichts mehr zu verbrechen gab,

Dann fügte man ihr Wunden zu

Und die bestreute man mit Salz und Pfeffer,

Oder stellte sie für Stunden

In ein Becken,

Das war angefüllt mit kaltem Wasser.

 

Sonst verzichtete man hier in Sasel

Auf die Folter.

 

Einer der Bewacher sei ein Mensch gewesen,

Und er habe oft den Frauen

Bei dem Tragen schwerer Kannen mit geholfen,

Und man holte damals Milch

Von einem Platz am Markt in Sasel,

Dort ist jetzt ein

Lebensmittelsupermarkt errichtet worden.

 

Meine Eltern hätten es niemals gewagt,

Das Lager auf dem Foto festzuhalten.

Niemand hätte das gewagt.

Man hatte die Gefahr gesehen,

Hätte dann vielleicht Gelegenheit bekommen,

Alles ganz genau zu sehen,

Auch von innen,

Um es in sich aufzunehmen."

 

 

 

Den Steinen

Konnte man noch einen kurzen Vortrag

Abgewinnen,

Und er war schlecht zu verstehen,

Und er war doch so,

Dass man ihn gut verstand.

 

 

Sie sprachen zueinander:

"Wir, die Steine, haben ein Gebot:

Von uns darf sich kein einziger ent-setzen,

Und dort, wo wir stehen,

Müssen wir ver-stehen lernen.

 

 

Das ist unsre Art sich zu bewegen,

Und be-greifen werden wir nie können."

 

 

 

Von Frau D. erhielt man einen Brief,

Den wollte man nicht mehr verlesen,

Und er war doch lesenswert,

Weil er den Schlussstrich zog,

Den zog so mancher später,

Als man einen Schlussstrich gar nicht ziehen durfte,

Und nachher, das ist das Jetzt,

Stand es, sagt einer von den Jugendlichen,

Stand es gar nicht an,

Den Strich von damals immerzu zu wiederholen,

Und sie wären kopflos im Verstehen

Wenn sie diesen Schlussstrich ziehen müssten.

 

 

Man las vor:

"Von der Familie hatte keiner

Den Kontakt zu den Insassinnen gehabt.

Ich wusste aber von den andren Frauen,

Die, die Essenreste an die Zäune brachten;

Und wir sahen täglich ihren Zug

Durch Sasel bis zum Bahnhof,

Eine Wanderschnecke,

Die in abgeschlossne Wagen kroch.

Die hatten nur die Lappen an den Füßen,

Und die hüllten sich in Decken,

Das war ihre Kleidung.

 

 

Und es waren Männer, die sie überwachten,

Dass sie sich nicht nach den Essenresten bücken konnten,

Ohne dass man auf sie schlug,

Und schlug sie auch,

Wenn sich die Schnecke in die Länge zog.

 

Mit sechzehn, siebzehn Jahren

War mir alles gar nicht so bewusst,

Ich dachte auch, dass das so sei

Und müsste wohl so sein,

Und alles hätte seine Ordnung."

 

 

 

Nach dem Lager,

Als das Lager nicht mehr Lager war,

Befragte man zwei Freigelassne

Nach den Strafen, die noch auf der Strafe lagen

Und man hörte aus den Steinen

Zwei Berichte:

 

Namentlich war uns Frau M. bekannt,

Das war die Schwarzhemdfrau,

Die sollte ihren Mann im Krieg verloren haben,

Und sie war erst dreißig Jahre alt.

Der Biss der Peitsche reichte ihr nicht aus,

Sie hatte einen dritten Arm,

Das war ihr Arm der Rache,

Und sie schlug so oft es ging,

Wohin es ging mit einem Gummiknüppel,

 

 

Und sie rächte sich für sich

Und nicht an sich,

Und freute sich in Quälerei an anderen.

Die war die Schlimmste, die dort stand.

Sie spielte einmal "Hinkefuß"

Mit einer, die sich in der Stadt

Beim Steine laden ihren Fuß verletzte,

Und die musste bis ins Arbeitslager

Auf dem Bein, das ihr geblieben war,

Nach Hause hinken,

Das war Kilometer weit,

Und keine durfte Hilfe leisten,

Und sie hatte kein Zuhause,

Und der Frau erschien

Das größte Ungemach nun ein Zuhause,

Und es kam, dass sie, die Strafgefangne,

 

 

Die Verschleppte, den Verschleppern

Auf dem Weg für etwas Hilfe

In die Arme hätte fallen mögen,

Und sie hätte sie in Dankbarkeit geküsst,

Und überhörte in den Schmerzen

Dass man sie verhöhnte

Und den Spott in ihre Wunde träufelte.

 

An Schlägen von Frau M.

Ist keine Frau gestorben.

 

Und die andere Insassin:

„Meines Wissens

Hat es in dem Lager keine Tötungshandlung

Oder Selektion gegeben.

Allerdings schlug man und viel.“

 

 

 

Die Steine

Fielen wieder in die Urgespräche,

Und es war wohl so,

Dass sie für kurze Augenblicke

Viel zu lange lebten,

Und sie waren ja schon dagewesen,

Als die anderen vor ihnen

Noch nicht existierten,

 

 

Und sie dachten an die Schlauen,

An die Tausendjährigen,

Die standen doch mit denen,

Die die Zeit davor,

Jahrtausende davor das Land

In Niedertracht und Glück

In Unglück und in Schicksal aufgerichtet

Und gerichtet hatten,

 

 

Eng im Bunde,

Und sie hatten nach dem Maß der Steine

Nichts gebunden,

Und sie blieben wie die anderen davor

Und davor und davor.

 

Das musste man bedenken.

 

 

 

Dieses ist das Bild:

Es steht ein Zaun,

Und diesseits stehen Jugendliche,

Die befragen Zeugen und die Leute,

Die noch etwas wissen können

Aus der Zeit davor, die sind nun alle alt,

Und stehen jenseits,

 

 

Diesseits liegen noch die großen Steine

In dem Rasen,

Die sind selber Zeugnis.

 

Eine Gruppe Jugendlicher

Hat sich abgesondert,

Um den Zaun zu streichen,

 

 

Das ist eine Tat,

Die, meinen sie, muss sein,

Und niemand wagt es,

Sie von ihrem Eifer, ihrem Handeln

Abzuhalten.

 

 

 

Die Jugend steht am Zaun

Und horcht gespannt.

Man winkt von andrer Seite ab,

Man kann Erfahrung doch nicht übertragen.,

Und die Jugend möchte,

Dass man alles unterbricht

Und zur Kantine geht

Und sich ein wenig stärkt,

Und eine von den Älteren, Frau H.

Ist noch im Telefon,

Sie hätte nicht so viel zu sagen,

Und das, was sie sagen wollte,

Wäre eben grad' gesagt:

 

Die Jugend sollte nicht zum Essen gehen,

Denn sie wollte noch den Hinweis

Auf den Hunger geben,

Und der Hunger wäre mehr als das Bedürfnis

Und viel schlimmer,

Und er wäre eine Frage um die Existenz

Und nicht die Frage um den Preis, wie heute,

 

 

Und das Frauenlager

Ist von vielen völlig übersehen worden,

Und der morgendliche Zug der Frauen

War sehr langgezogen

Und man hatte ihn durchschreiten können

Und man trat dabei in offne Münder,

Die nur flüstern konnten,

Und sie riefen: "Hunger, Hunger!'

Und die Wache rief dazwischen-.

"Lasst, verdammt noch 'mal, das Betteln!"

 

Und die Frauen hatten sich

Mit Farben aufgeschminkt

Und ihre Lumpen aufgebauscht,

Das taten sie zu ihrem Schutz,

Erfuhr ich später,

Dass man sie nicht aussortierte

Und beseitigte.

 

 

Es gab sehr viele,

Die zu der Zeit schon nichts mehr

Von diesen Dingen wissen wollten.

 

Keiner Jugend dieser Welt

Wünsch ich den Hunger als Erfahrung,

Und ich sage euch,

Ihr solltet bis zum Abend hungern

Und nichts trinken,

Und ihr habt ein neues Wort gelernt.

 

An einem Ende hatten Jugendliche

Damit angefangen,

Diesen Zaun zu streichen,

Und sie dachten in dem Eifer nicht ans Essen

Und ans Trinken,

Und sie wollten ihre Arbeit

Wegen solcher Kleinigkeiten

Auch nicht unterbrechen.

 

 

 

Die Jugend war nun aufmerksam geworden

Auf das neue Wort

Und wollte 'Hunger' kennen lernen,

Weil es mehr sein sollte, als sie kannten,

Und ein Teil von ihnen

War ja mit der Malerei am Zaun beschäftigt,

Und sie legten von den Steinen,

Die sie nicht verstanden,

Einige zu einem Stehpult aufeinander

Um darauf zu stehen,

Und die Steine schrien auf,

Weil sie ein Pult wie damals bildeten,

Und sie erinnerten sich nun

Und wussten auch die Textpassagen,

Die von dort verlesen worden waren.

 

Man schrieb mit

Und hatte dann die Übersetzung,

Die verlas man so:

 

"Bin euer Schwarzhemdstandortarzt

Und gehe allen Klagen nach,

Und man beklagt das Essen.

 

 

Essen wurde untersucht,

Die Werte, liegen wenig unter Werten

Wo die Werte für Verpflegung liegen sollen.

Reichen eben aus, das ist genug.

Gehalt an Kalorien ist festgelegt,

Ist wissenschaftlich untersucht,

Stellt ganz und gar neutrales Amt zufrieden,

Weicht nur wenig ab,

Mit einer Toleranz von vier Prozent nach unten,

Andre liegen viel, viel tiefer.

Habe auch Vergleiche mit Tabellen angestellt,

Kann hier nur gratulieren,

Wollen ja nicht Winterspeck ansetzen,

Kleiner Scherz,

Es ist nicht angestrebt,

Mit der Ernährung zusätzlich Reserven

Anzulegen,

Kann nicht Sinn des Arbeitslagers sein.

 

Es sollen alle alles geben

Und nur wenig dafür nehmen.

Zubereitung, Sauberkeit in dieser Häftlingsküche

 

 

Ausgezeichnet,

Spreche von vorbildlich,

Habe nichts Bemerkenswertes,

Meine Ungesundes, in mein Protokoll

Zu nehmen.

Schwarzhemdstandortarzt befindet alles

"Sauber, einwandfrei",

Verwaltung ist "gerecht";

Ein Glücksfall, dieses Außenlager, .

Andre Lager leben mit ganz andren

Kompromissen und Entscheidungen.

 

Wir singen jetzt ein Lied:

"Vernichtung durch die Arbeit"

Und danach:

"Die Arbeit macht euch frei".

 

Die Frauen die ihn hören mussten,

Standen still

Und lauschten auf das Lied der Drossel,

Die im Grün der Büsche

Spottete.

 

 

 

Es kommt nun eine Frau,

Das ist Frau B.,

Die ist ganz stumm

Und hält den Zettel in der Hand,

Den reicht sie durch die Maschen zu den Jugendlichen,

Darauf steht:

"Ich bin nun stumm

Und habe noch ein Band,

Das ist ein Tonband,

Wie wir es noch kürzlich hatten.

 

Heute habt ihr eure Steinkristalle,

Darin speichert ihr die Welt

Und ihr wisst alles,

Und auf meinem Band befindet sich ein Interview,

Das haben wir, Herr F., Frau F.,

Und ich gegeben,

Und ihr könnt es hören, wenn ihr wollt."

Sie hat auch das Gerät, es abzuspielen,

Und die Jugendlichen denken an das Essen,

 

 

Das steht fertig,

Und sie sollen es sich noch nicht nehmen,

Und sie wollen die Geschichte mit dem Hunger

Nicht mehr länger akzeptieren.

 

Man beschließt noch dieses Band zu hören,

Man beschließt zu warten mit dem Essen,

Dann kann die Erfahrung mit dem Hunger,

Die Erfahrung werden, die noch fehlte,

Und sie wollen es nicht

Übertreiben,

Und sie einigen sich auch mit denen,

Die den Zaun bemalen,

Ohne deren Einverständnis,

Und die stehen immer noch auf ihrem Steinpult,

Und sind so besessen,

Dass sie nicht ans Essen denken,

Und sie lachen über ihre "Fressgenossen",

Und sie wollen ihre Arbeit fertig bringen,

Und die andre Seite ihres Zaunes

Ist ja auch noch anzustreichen.

 

 

So beginnt das Band, es wird zurück gespult,

Ein Interview mit einer Frauenstimme,

Und Frau B. hebt ihren Finger,

Das ist also sie:

 

"Die Aufsicht über jede Aufsicht

Hatten drei der Schwarzhemdmänner

Und drei Schwarzhemdfrauen.

Zwei von ihnen blieben stets im Lager,

Vier begleiteten den Zug der Frauen

Nach dem Bahnhof Poppenbüttel,

Und die Aufsicht über jede Aufsicht

Wohnte in zwei Wohnbaracken,

In zwei Augen,

Die in ständiger Betrachtung,

Nach den Frauen in dem Lager trachteten.

 

Sie hatten über sich,

Für das Willkommen, einen Gruß:

"Dies ist das Arbeitslager Sasel,

Stehen bleiben ist verboten!"

 

 

 

Es war ein Tag,

Der endete nun doch mit Essen

Und Gesprächen,

Und der Lebensmittelsupermarkt

Erkannte die Gelegenheit

Und schenkte jedem, der dort war,

Ein Lunchpaket, das sättigte,

 

 

Und die, die draußen standen,

Das ist außerhalb des Zaunes,

Würden niemals wieder satt,

Die Jugendlichen innerhalb des Gitters

Spürten, dass die Sattheit sich

Unangenehm erinnerte

Und die von ihnen,

 

 

Die noch immer an dem Gitter malten,

Waren über alles Maß erhaben

Und verschlangen ihre Mahlzeit

Nebenbei,

Und alle überschliefen diesen ersten Tag

Und trafen sich am zweiten wieder.

 

 

 

Heute ist der zweite Tag,

Wir hören wieder in das Interview vom Band

Und auf Frau B.,

Die fährt nun fort:

Es waren etwa vier Mal hundert Frauen in dem Lager,

Und zum Ende, als das Ende kam,

Kam noch ein Schub,

Der brachte zwei Mal hundert neu dazu.

 

Die Schwester von Frau B.

Und eine andre Frau begaben sich

Nach Poppenbüttel,

Um hier Nahrung den Insassinnen zu bringen.

 

 

Als die Schwarzhemdfrauen die Kontakte sahen,

Schrien sie ihre Lumpenmannschaft an,

Und doch schien es nach außen,

Dass sie sich nicht an den Häftlingen vergingen.

 

Einer von der Wache

Sah in eine weite Weite,

Die war intressant für ihn,

Sonst sah er nichts

Und wollte auch nichts sehen

Und er gönnte denen ihre Spenderinnen.

 

Überwiegend trugen die Insassinnen

Den gelben Stern, der wies sie aus

 

 

Und zeigte, dass sie Juden waren.

 

Diese Frauen schufen in Kolonnen.,

Und sie bauten fünfzig Plattenhäuser,

Daraus wurden je zwei Eigenheime,

Und sie wurden denen, die sie schufen,

Nicht zu eigen und kein Heim

Und wurden doch sofort bezogen,

Und, die sie bezogen,

Hingen ihre Augen in den Heimen auf

Und sahen nicht nach draußen,

Halfen denen nicht,

Die hier geholfen hatten,

Standen in der Angst,

Die Hilfe könnte schaden.

 

 

 

Interview mit dem Paar F., (12 Fragen)

Das wohnt noch in dem Plattenhaus

Am Pfefferminzkamp Nummer (Fragezeichen)

 

 

 

Erste Frage:

Wie verstanden sie den Bau des Hauses

Und was wussten Sie darüber

Und was über dieses Lager nebenan?

Die Leute, die die Trümmer ihrer Häuser

Überstanden hatten,

Konnte man zum Teil

Hier unterbringen.

Große Firmen leiteten den Bau der Häuser

Und es gab viel Eigenhilfe.

 

Zweite Frage an das Paar:

Was dachten Sie denn über Juden,

Allgemein die Juden?

Er sagt ganz spontan:

Ich hatte meine eigenen Gedanken,

Und ich glaubte nicht, was man mir sagte,

Überall traf man auf Hass,

Der richtete sich gegen sie,

Weil man von ihnen sagte,

Dass sie an den 'Fäden' zögen,

Ihre Finger hätten sie in jeder Sache,

Und vor der Vertreibung wären sie als die

Geschäftemacher und Besitzer

Aller Wäscherein und Schuhgeschäfte

Überall verschrien gewesen.

Danach hat man sie verfolgt,

Und fliehen konnten nur die wenigen,

Die Bargeld hatten,

Und man machte Jagd auf die und die

Und fing sie ein.

Das ist nicht nur bei uns geschehen,

Sondern überall wo sich

Ein Schwarzhemd sehen lassen konnte.

 

Und die eingefangnen Juden

Sprachen oft kaum unsre Sprache,

Und sie kamen aus den andren Ländern.

 

Über die im Lager

Konnte man nur in dem allerengsten Kreise

Der Familie reden.

Jeder Fremde,

Jeder Außenstehende stand im Verdacht,

Uns zu verdächtigen,

Es gab genügend Leute, die 'gesessen' hatten,

Und, wer das nicht annahm

Und nicht glaubte,

Wollte es nicht glauben,

Oder war zu dumm.

 

Bei den Kontakten der Insassinnen

Mit Außenstehenden

Misshandelte man

Diese Frauen,

Und sie mussten immer, immer arbeiten,

Das nahm kein Ende.

 

Dritte Frage:

Wann begann und endete der Bau

Der Plattenhäuser?

Diese Häuser hatten einen kurzen Weg,

Der dauerte ein Jahr.

Sie standen bis zum Ende

Dieses schlimmen Krieges

Nur am Kritenbarg und an dem Pfefferminzkamp,

Das sind kleine Straßen.

Als das Ende kam,

Verschwanden alle Insassinnen,

Und sie konnten ihre Plattenhäuser

Nicht zu Siegeshallen machen.

 

Wenige und restliche davon

Errichteten dann andere danach.

 

Wir wissen nicht,

Wohin die Frauen gingen,

Wohin sie entlassen wurden,

Ob man sie entließ,

So dass sie ihrer Wege gehen konnten,

Oder ob man sie am letzten Tag

Noch in die Grube zu den Brüdern

Und den Schwestern stieß

Und sie verließ in der Verlassenheit.

 

Vierte Frage:

Hat man die Besitzer dieser Häuser

Etwas übers Lager wissen lassen,

Was hat man erzählt,

 

 

Was wussten Sie?

Wir hatten nur Vermutungen

Und wussten nichts genau

Und waren auch in einer Fremde,

Fast so wie die Frauen.

Aber die, das sahen wir im letzten Winter,

Waren schrecklich dran.

In Eiseskälte gingen sie mit 'Plunder'

An den Füßen

Und bekleidet mit den Tüten für Zement,

Sie sahen schlimmer aus

Als 'Penner‘, wie wir heute sagen,

Mussten auf den Pritschen schlafen,

Ohne Stroh, so wie sie waren,

Wurden morgens hochgetrieben,

Mussten an die Arbeit,

Dann zurück

Und immer neu, und immer neu

Und Tag für Tag,

Und schlimmer als die Männer

Waren Schwarzhemdfrauen,

Und er habe selbst auch einmal

Etwas "eingefangen", sagt Herr F.

Das hatte aber keine Folgen,

Weil er in dem Schutz der Wehrmacht stand.

 

Die Schwarzhemdfrauen

Schlugen in der Kälte auf die Kälte

Und sie schlugen, was sie trafen,

Und es tat sich mancher Sprödbruch auf

Und mancher neue Riss

Lief durch die Haut.

 

Fünfte Frage:

Wissen Sie" wie lang' die Judenfrauen

Täglich auf der Arbeit waren?

Das ging mit dem Hahnenschrei.

Sowie die Sonne kam

Und sich die erste Helligkeit

Nach draußen wagte,

Hatten sie Appell, dann ging es ab,

Und mit dem Dunkelwerden

Waren sie zurück.

Die Arbeitszeit empfand man als normal,

Es gab auch Arbeitspausen,

Und die Frauen machten harte Männerarbeit,

Das war schwere Erdarbeit.

An Flucht war nicht zu denken.

 

Sechste Frage:

Hatten Sie nun selber Fragen

Auf der Zunge, oder haben Sie gefragt,

Und mussten Sie sich nicht Gedanken machen

Über das, was Sie vor Augen hatten?

Wenn man zu viel fragte,

Hätte man die Antwort

Sicher bald aus erster Hand gewusst,

Das wollte niemand.

Sonst erhielt man eine gute Antwort:

"Alles bestens.

Hier ist alles bestens,

Kümmern Sie sich nicht darum."

 

Die Wachen gingen

An der Fragerei vorbei,

Und richtig informieren

Konnte man sich nicht.

 

Die siebte Frage:

Hatten Sie Verbindung

Zu Insassinnen?

Verbindung gab es nicht.

Die Judenfrauen waren schüchtern,

Und sie waren eingeschüchtert,

Und sie wussten ja Bescheid

Was kommen würde,

Wenn sich andere auf sie beriefen

Und mit dem Bescheid an vorgesetzte Stellen gingen,

Und sie konnten unsre Sprache kaum

Und waren nie allein,

Sie standen stets im Schatten einer Wache.

Manchmal haben wir von unsrer Suppe,

Erbsensuppe, abgegeben,

Und wir konnten sie an zwei, drei Frauen geben,

Und die hatten keine Zeit zum Essen,

Nicht zum Schlingen,

Sondern haben ihre Suppe

Weggeschluckt, das dauerte Sekunden.

 

Achte Frage:

Haben Sie den Abtransport

Von Judenfrauen miterlebt?

Wir wissen davon nichts.

Hier waren etwa hundertfünfzig Frauen,

Die dieselben blieben,

Und die waren stationiert im Lager.

Das war kein KZ,

Das war ein Arbeitslager.

 

Neunte Frage:

Haben Sie gesehen,

Dass die Judenfrauen im Kommando lebten

Und die Arbeitsplätze wechseln mussten,

Transportierte man sie ab?

Transporte haben wir gesehen,

Aber niemand wusste ihren Weg.

Ja, wir vermuteten Verschiedenes

Und dachten uns,

Die müssen wohl nach Ochsenzoll,

Das ist nicht weit von hier,

Und sollen dort die Hülsen für Granaten schmieden

Oder Panzerketten bauen.

Zehnte Frage:

Sagen Sie, wie wurden die verladen

Und wie sahen Züge aus,

Die diese Züge transportierten?

Man nahm alte Eisenbahnwaggons,

Nicht mehr als einen oder zwei,

Die hielt man frei für Judenfrauen.

 

Jeder Wagen war von außen abschließbar.

Man fuhr nicht mehr als fünfzig Frauen.

Eine Flucht war ausgeschlossen,

Wachen waren überall.

Ich weiß auch nicht,

Ob alle wiederkamen.

Wenn sie standen,

Schwankten sie auf wackeligen Beinen,

Das kam nicht von ihrer Fahrerei,

Das kam von ihrer Schwäche,

Und sie waren nur noch Haut und Knochen.

 

Manchmal sahen wir sie sich

Um Reste prügeln, zanken,

Die sie aus dem Mist gezogen hatten,

Der war angehäuft,

Das ekelte uns an.

 

Die elfte Frage

Ging ums Essengeben an die Frauen,

Was die Wache dazu sagte,

Und es hing ganz von der Wache ab,

Die wechselte sehr oft.

 

Die letzte Frage dieses Interviews:

Erinnern Sie siehe

Ob man ihnen die Begründung nannte

Für die Arbeit,

Die doch so unmenschlich war,

Warum man keiner Essen geben durfte?

Sehen Sie,

Die Schwarzhemdmenschen

Hatten eine Propaganda,

Die war, wie sie sagten, eine Herzensstimme,

War die Stimme unsres Volkes,

Die bestimmten sie,

Es war die Stimme eines einzigen,

Und diese Stimme sagte,

Dass es sich bei diesen Menschen

Nicht um Menschen handelte:

"…denn das sind keine Menschen".

 

Sie bekamen nur das Notwendigste,

Und das Volk erhielt ja auch nicht viel.

 

Wer aus den Wachen

Stumpfe Pfeile machen wollte,

Lenkte deren Wut

Auf diese Judenfrauen.

 

Wer hier helfen wollte,

Musste Essen, Kleidung, Schuhe

An die Straße stellen,

Und es war ja keine Hilfe, wie man half.

Die Frauen waren nicht zu sprechen

Und sie sprachen nicht

Und waren nie allein.

 

 

 

Es kommt ein Jugendlicher

Aus dem Alstertal gelaufen,

Der bringt eine alte Ladenkasse,

Darin liegt ein Kassenbuch,

Und drückt man auf die Öffnungstaste,

Klingt die Glocke,

Die ist eingebaut und funktioniert noch immer,

Und sie ist ein Kuckucksruf

In den Gesprächen,

Und es liegt noch etwas Geld in ihren Fächern.

 

Aus dem Kassenbuch entnimmt man

Die Belege,

Und der Jugendliche sagt,

Darunter liegt ein Brief, den möchte er verlesen,

Und den hat der Kassenwart geschrieben.

Der Bestand der Kasse ist ganz abgerechnet,

Und er liest nun vor:

"Die Regelung und der Bestand:

Die Arbeitszeit der KZ-Außenstelle, Hamburg-Sasel

Ist die Zeit vom

Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang.

Als Arbeit haben alle Frauen

Schwerstarbeit zu leisten,

Das ist "Trümmerräumen" in der Innenstadt,

Das sind die Erdarbeiten für die Plattenhäuser

Vor den Toren dieser Vaterstadt, in Sasel,

Das soll diesen Frauen keine Stadt der Väter werden,

Und sie sollen dort im Pfefferminzkamp graben,

Weiter haben sie im Kettenwerk von Langenhorn

Zu schaffen

Und sind zu verwenden

In der Produktion von Hülsen

Für Granaten und Kartuschen.

 

Diese Frauen hat man zu verbrauchen,

Sind erschöpfend zu verbrauchen,

Für Verlegung kleiner Loren zu den Plattenhäusern,

Das sind kleine Wagen,

Die auf Schienen fahren und geschoben werden,

Und den Anfang nehmen sie am Bahnhof Poppenbüttel,

Und sie haben alles gut zu warten

Und zu reparieren.

 

 

Weiter sind sie einzusetzen

In den Atemschutzfabriken,

Das sind Gummiwerke, die in Barmbek stehen,

Dort sind Masken zu verkleben,

Und sie haben Bombenopfer einzusammeln,

Aufzulisten

Und in Ohlsdorf zu begraben.

Diese Arbeit kann man heimatliche Frauen

Nicht verrichten lassen,

Weil es eine Schande wäre,

Die fiel aufs Regime.

 

Beim Einsatz ist kein Unterschied zu machen

Zwischen männlichem und weiblichem Geschlecht,

Und jeder Häftling ist dem andren gleich zu setzen,

Und die Gleichheit ist hier ausgesetzt,

Und die Bekleidung ist dem Ziel,

Den Häftling auszuschöpfen, anzupassen,

Sie muss dürftig sein,

Auf Arbeitsschutz soll man nun ganz verzichten.

Unverzichtbar werden Opfer unter ihnen sein,

Die soll man nicht beklagen,

Sondern aus der Liste streichen,

Und es kann ein Unfall bei der Lorenarbeit sein,

In der Fabrik,

Es kann ganz einfach Krankheit sein."

 

(In Sasel ist ein Totenbuch geführt,

man siehe auf die Bergstedt- Totenliste.

Von den fünfmal hundert Frauen strich man

Fünfunddreißig aus.)

"Wir rechnen für den Winter mit noch mehr,

Die brauchen einzeln nicht erfasst zu werden“.

 

Dann beruft der Kassenwart sich auf den

Schwarzhemdhauptverwaltungsleiter Pohl,

Von dem ist ein Befehl gegeben worden,

Der liegt abgedruckt dabei:

 

„Entscheidung liegt allein beim Lagerkönig.

Anvertraute Unvertraute sind erschöpfend

Zu verwenden

Und im wahrsten Sinne zu verwerten,

Zu erschöpfen,

Leistung ist als Höchstmaß zu erreichen

 

 

Danach ist Ernährung einzurichten,

Darf nicht als Reserve dienen,

Ist nicht Vorratshaltung. 

Beispiel Sasel lässt sich gut verwenden".

 

Soweit der Befehl.

Der Kassenwart hat Buch geführt

Und keinen Lohn gezahlt,

So, zahlte der sich aus.

Er wurde abgeführt an eine Schwarzhemdrechnerei.

Von den Fabriken ist pro Tag, pro Frau

Ein Tagegeld von vier Mark auszuzahlen,

Das ergibt in einem Monat

Bei den fünf Mal hundert Frauen,

Fünfzigtausend Mark,

Und Schwarzhemds Kasse füllte sich,

Und stärkte sie

Für neue 'Wirtschaftsunternehmen" dieser

Und auch andrer Art.

 

Private Firmen,

Und die Väter dieser Stadt,

Vermaßen sich, mit diesem Maß zu messen

Und gewannen dadurch,

Dass sie Unermessliches verloren

Und verloren, was für sie nicht messbar war,

Und waren doch die Väter einer Stadt,

Die waren viel beschäftigt mit Verstoßen

Und Vermessensein.

 

Die Kasse hat noch Groschen,

Die sind nichts mehr wert,

Und sind ein Wert, den kann kein Mensch bezahlen,

Und man zeigt sie, reicht sie sich

Von Hand zu Hand,

Lässt den Bericht die Runde machen,

Und man weiß,

Es sind die echten Zeilen.

Besser wäre es für sie gewesen,

Dass es nie Papier

Für ihre Niederschrift hätt' geben müssen.

 

So sah man in' s Lager

Als in eine Wechselstube,

Die das Blut direkt in Groschen tauschte.

 

 

 

Das Ende dieses Krieges

War noch lange nicht das Ende,

Und der Anfang dieses Endes

War für viele noch das Ende,

Und man brachte in den letzten Tagen

Viele der Insassinnen nach Bergen-Belsen.

 

Keiner kann darüber

Eine ganz genaue Auskunft geben.

 

In den letzten Tagen, schreibt Frau K.,

Fuhr man noch Frauen mit dem Wagen

Aus dem Lager.

Der Transport wurd' unerwartet aufgehalten,

Als ein Polizist ihn stoppte,

Und es flohen einige der Frauen.

 

 

Dieser Polizist,

So meint Frau K. zu wissen,

Wurde später von der englischen Besatzungsmacht

Verurteilt,

Und die Gründe blieben unbekannt.

 

Der Frühlingsanfang dieses Jahres

War schon überschritten,

Und das Frühjahr war genau vier Wochen alt,

Als in dem Lager etliche der Frauen starben,

Das fiel auf, und wir vermuteten,

Dass man sie tötete,

Weil sie von allem zu viel wussten.

 

 

Die Besatzungsmacht kam näher

Und die ersten Schwarzhemdfrauen,

Die die Wache machten,

Flohen in der Kleidung

Ihrer anvertrauten Unvertrauten,

In der Sträflingskleidung,

Andere, das wusste man genauer,

Flohen in die "Alte Mühle“, das war nahe bei,

Und war ein Fliegerheim gewesen.

 

Kapitulation war das Signal

Für die Besatzungsmacht,

Die kam mit Jeeps zum Lager.

 

 

 

Unter denen auf der andren Seite

Das ist diesseits jenes Zaunes,

Ist Herr N., der hält sich nicht zurück

Und schildert allen wie es war

Und sagt:

"Die meisten dachten so wie ich, so dachte ich,

Und damals war ich fünfzehn Jahre alt

Und lebte in Begeisterung

In unsrer Hitlerjugend.

 

Wir erlebten,

Wie das Lagertor geöffnet wurde,

Wie man diesen Knoten aufschlug:

An der "Alten Mühle“ gab es einen Sportplatz,

Der war lange schon ein

Abgesperrter Übungsplatz für

Schwarzhemds Leute, die betreuten dort

In Schlaf- und Wohnbaracken

Ihre fliegenden Kommandos,

Die entließen sie nur nachts in ihren Himmel

Um zu kämpfen,

Und sie feierten dort viele Feste

Mit den Schwarzhemdfrauen,

Alle waren stationiert in:

"Fuhlsbüttel, Einsatz für das Vaterland,

Das braucht nun jeden Mann."

 

Mit diesem Ende gab es plötzlich keine

Schwarzhemdfrauen mehr,

Sie waren in ein Nichts verschwunden,

Übrig waren nur die Wachen.

Auch die Flak war abgebaut und fortgeschafft,

Wohin, vermochte niemand mehr zu sagen,

Und Herr N. war zur Marine kommandiert.

 

 

Viel später kam er selbst

Als Ende eines Endes wieder,

Und es war das Ende dieses Krieges,

Und er stieß auf die Besatzungsmacht,

Die war motorisiert und fuhr mit Jeeps

Und hatte den Verdacht in Sasel:

„…dass da irgendetwas war“.

Im Stacheldraht des Lagers

Hingen die Gefangenen

Und rissen an dem Zaun,

Der hielt der Freude stand:

"Wir sind nun frei,

Sind frei,

Sind frei!"

Und kamen doch nicht frei,

Weil niemand einen Schlüssel

Für das Tor des Lagers hatte,

Und die Menschen standen auf der andren Seite

Im Gelände und erstarrten vor dem Zaun

Und dem Geschrei,

Und die Besatzungsmacht nahm sich die Macht

Und brach das Tor,

Damit es sich den andren endlich öffnete.

 

Die Frauen stürmten durch

Und schrien und riefen:

„Tommys, hurra Tommys“!

Und verliefen sich nicht in der Gegend

Und verliefen sich sofort,

Und sie genossen ihre Freiheit,

Und es konnte niemand Ruhe über sie vergießen,

Und sie brachen aus

Und brachen ein in die Fabrik, ganz in der Nähe,

 

 

Dort entdeckten sie

Und wussten sie von Marmeladefässern,

Die zerrissen sie

Und hungerten so sehr nach Süße,

Und es waren alles Judenfrauen,

Polinnen und auch Zigeunerinnen.

Dann fing man die Frauen wieder ein,

Sie medizinisch zu versorgen,

Und das Lager wurde offiziell

Erst ein paar Tage später aufgeschlossen

Und befreit.

 

Man fürchtete ein Chaos,

Und man wollte es vermeiden,

Und es kamen Angehörige aus andren Lagern:

Auschwitz, Buchenwald,

Die Frauen abzuholen.

 

Das betraf jedoch nur wenige,

Und andre gingen betteln,

Und von einer Frau, die das Dilemma sah,

Weiß ich, dass sie die Kleidersammlung

Unter der Bevölkerung ins Leben rief

Und sie organisierte.

 

Andere beschwerten sich, dass

„die Zigeunerinnen wieder stehlen, betteln kommen“.

 

Einige Insassinnen verbeugten sich

Und zeigten Peitschenstriemen,

Die sie von den Schwarzhemdfrauen hatten.

 

 

 

Von Herrn N. erfuhren die,

Die alles wissen wollten,

Noch ein wenig mehr, und er erinnert sich:

 

Wir hatten zwei Soldaten aufgenommen,

Und mit ihnen ging ich in die Tannenschonung,

Um uns Holz zu suchen,

Als wir zwei Kolonnen sahen,

Darin schwärmten jeweils fünfzig, sechzig Frauen aus.

Die eine kam direkt vom Wald ,

Und strebte auf die Sportbaracke zu,

Die andere vom 'Redder Mellingburg'

Mit gleichem Ziel.

Nun sahen wir noch eine dritte,

Die kam von der 'Alten Mühle',

Die entdeckte jemanden,

Der aus dem Fenster fliehen wollte,

Und es war die erste Schwarzhemdfrau,

Die griffen sie sofort

Und zerrten auch die anderen aus der Baracke,

Die war eingekreist,

Und ließen ihre Wut an ihnen aus

Und schlugen auf sie ein

Und rissen ihre Haare aus

Und hielten eine nur

In einem kleinen Kreis geschützt,

Die hatte ihnen nie etwas getan,

Geholfen, wo es ging.

 

Die andren mussten dann ihr Strafgericht beenden,

Weil die "Tommies", ihre Retter,

Sich zu falschen Rettern machten,

 

 

Und die luden sich die Schwarzhemdfrauen

Auf die Wagen.

Heute sagt Herr N. nur:

Damals sagten wir nach vierzehn Tagen:

"Alles ist gelaufen,

Alles hatte sich verlaufen,

Niemand war mehr in dem Lager,

Alle hatte man entlassen.

 

Die Baracken wurden angesteckt

Und abgebrannt, was dort noch brennen konnte.

 

Man verstand im Nachhinein

Die Schwarzhemdfrauen nicht,

Die sich so nahebei

Versteckt gehalten hatten.

 

Die Bewohner Sasels, sagt Herr N.,

Und er sah ab von wenigen,

Sind nicht in der Partei gewesen,

Sondern war'n verschrien als

"Sozis" und als Kommunisten,

Und sie hatten all die Jahre ihren Mund gehalten:

 

„Schweig“, wenn du nicht immer schweigen willst,

Wenn du nicht willst, dass sie dich holen,

Und die meisten haben nichts gewusst,

So sagt Herr N.

Er selbst war damals überzeugter Hitlerjunge,

Und er war das Bild an sich,

Das man von einem Hitlerjungen hatte,

 

 

Und er idealisierte es mit seinen blauen Augen

Und dem blonden Haar,

Das hatte

Auf der linken Seite einen Scheitel,

Und er dachte über die KZ's:

Die haben ihre Ordnung,

Und die haben ihren Sinn,

Und drinnen sitzen nur die Minderwertigen

Und Arbeitsscheuen

Und die falschen Rassen.

 

Auch Herr N. sang mit im Hitlerjugendchor

Und zog mit dem

Zwei Jahre an die Front zu den Soldaten

Und in Lazarette,

'Um die Herzen zu erfreuen

Und zu stärken,'

Und man sang am liebsten Lieder von

„Blutroter Sonne,

Die im Lande aufging“,

Und sprach danach noch ein Gedicht,

Das stand total im Gegensatz zu dem,

Was er zu Hause sah und hätte sehen müssen

Und nicht sah

Und auch nicht übersah.

 

In Wahrheit zeigte er mit seinen Liedern

Die verkehrte Seite,

Und er habe nie darüber

Nachgedacht,

So sagt Herr N.

 

 

 

Die Jugendlichen kennen heute

Kaum noch Lieder.

Einer Frau, die später erst gehört wird,

Fällt das auf,

Und sie fragt nach.

 

Sie meint sie hätte früher

Alle Strophen vieler Lieder

Auswendig gewusst,

Und schöne Melodien, erinnert sie,

Hat sie gekannt,

Die kennt heut' keiner von den Jugendlichen mehr.

 

 

Inzwischen haben sich die Fragenden

Mit denen, die die Antwort geben, überall vermischt,

Der Zaun trennt sie nicht mehr,

Und die, die es bezeugen wollen,

Dadurch, dass sie von dem Zeugnis hören,

Sind nun unter denen,

Die das Zeugnis sind.

 

Die andre Gruppe,

Die den Zaun anstreicht,

Ist immer noch besessen

Und kommt gut voran

 

 

Und malt auf beiden Seiten,

Und es haben sich noch einige der Jugendlichen

Angeschlossen,

Und sie helfen mit

Und fragen nicht warum

Und nicht, an was sie helfen,

Und sie helfen, um zu helfen,

Und erfreuen sich daran.

 

 

 

Von einem, der zusammenfassen möchte

Hört man:

 

"Immer wieder gibt es Leute,

Die in Listen leben,

Die das Leben anderer durch Siebe gießen

Und den Rest betrachten,

Den vermerken sie,

Und sie vermerken, so wie hier,

Die Grausamkeiten,

Sehen auf das Massenelend,

Und es ist zu schwer für sie

Und fast unmöglich,

Nur ein Einzelschicksal zu erfassen.

 

Was man bisher hörte, waren Stimmen,

Die als Echo von den Wänden

Auf ganz junge neue Hörer trafen,

Und die Rufer selbst sind dabei

Ungehört geblieben“.

 

 

Man erinnerte sich ans Geschrei des Nachts,

Ans Schreien unter kalten Duschen,

An die Schreie: "Hunger, Hunger,"

Und den Schrei, der sich auf alle Schreie legte:

"Wir sind frei, sind frei, sind frei!"

Und stumme Namensschreie

Findet man nur in den Friedhofslisten Bergstedts,

Und man weiß noch etwas über eine "Kleine Maria",

Etwas über eine Russin,

Die mit sechzehn Jahren in das Lager kam,

Weil sie den Ausweis nicht

In ihren Händen hatte,

Weiß noch etwas über eine unbekannte Jüdin,

Die sich später von Paris aus

Bei Frau K. bedankte.

 

Hat Adele Enoch hier das Kind geboren,

Das mit dreiunddreißig Tagen starb,

War sie es, der Herr Doktor Y.

Den Beistand bringen sollte?

 

 

Jede Suche nach dem Einzelschicksal

Muss verebben,

Und es war doch eine Flut,

Die lebte nur aus Einzelschicksalen.

 

Trotzdem versucht man nun in zwei Berichten,

Davon etwas aufzuzeigen:

Erstens schreibt Frau E. von sich

Und der verstorbenen Sulejka Klein.

 

Dann hören wir die Lehrerin, Frau U.

Und ihr Gespräch mit einer Unbekannten,

Einer Jüdin aus dem Balkan, nahm sie an,

Die lernte sie in einem

Kettenwerk in Langenhorn in Hamburg kennen.

 

Ganz am Ende steht dann noch

Die winzige Facette einer Jüdin,

Die aus Lodz berichtete,

Dass andere Insassinnen des Lagers heute in

Australien, in Amerika, in Israel und Frankreich

Leben sollen.

 

 

 

Nun Frau E.,

Die ist Zigeunerin und wohnte in Berlin

Und wurde dort vernommen

Und dann festgenommen

Und nach Ravensbrück verschleppt

Und ins KZ gesteckt,

Dort wurde sie zur Straßenarbeit eingesetzt.

 

In diesem Lager traf Frau E.,

Das erste Mal auf ihre eigene Kusine,

Die war ungewöhnlich schön

Und hieß Sulejka.

 

Eines Tages machte eine neue Hoffnung

Eine neue Runde unter den Gefangenen:

Man suchte,

So berichteten die Frauen, die es wussten,

Ein paar Frauen als Modell,

Die würden als Belohnung

Ihre Freiheit ganz und gar zurück erhalten,

Und Frau E. verstand sofort,

Dass man wohl nicht Modelle suchte,

Sondern hübsche Frauen fürs Bordell

Und hörte auch, dass diese Frauen

Einem Schwarzhemdkönig selbst gefallen mussten.

 

Das verstand sie alles richtig,

Und sie lud sich Abfall auf den Leib

Und wälzte sich in Asche,

Und sie ging freiwillig in die erste Reihe

Zum Appell,

Und man beschimpfte sie:

„Du alte Drecksau"

Und verjagte sie mit einem Fußtritt,

Das war eine Rettung,

Die sie für sich wünschte.

 

Von fünfhundert Frauen,

Die man fand,

Und ihre eigene Kusine war nicht unter ihnen,

Kamen nur zwei wieder.

Alle andren wurden in demselben Lager

Gegen 'Krankheiten’ gespritzt,

Man spritzte sie mit Waschbenzin

Zu Tode.

 

Danach kam sie in das Arbeitslager

Barth in Pommern.

Die Kusine blieb zurück.

 

 

Sie selber musste Nieten lernen

Und vernietete an siebzehn, achtzehn Stunden täglich,

Flugzeugteile,

Und sie durfte nicht den kleinsten Fehler machen.

 

Jeder der nur einen Fehler machte,

War ein Saboteur

Und wurde an die Wand gestellt.

 

Zwei junge Mädchen hatten an dem Arbeitsplatz,

Sie waren vierzehn Jahre alt und fünfzehn,

Aus Versehen und aus Überforderung

Ein Werkzeug eingenietet,

Und sie wurden noch am selben Tag

Erschossen.

Dort blieb sie drei Monate,

Dann wurde sie ins Kettenwerk

Nach Langenhorn gebracht.

 

Dazwischen lagen andere Transporte,

Dabei wurde jedes Maß an Grausamkeit,

Unmenschlichkeit erreicht

Und überschritten.

So wurd' den KZ- Insassinnen gesagt,

Sie würden ein paar Stunden

Unterwegs sein,

Und man sperrte sie in Wagen ein,

Die schloss man einfach ab

Und ließ sie reisen,

Und es waren manchmal Wochen,

Die sie in Waggons verbringen mussten,

So dass viele unter ihnen starben,

Die ließ man am Boden liegen,

Und es trieb sie Durst und Hunger

Zu den Schreckenstaten,

Dass sie Fleisch in Fetzen von den Körpern rissen

Und es aßen,

Und sie tranken ihren eigenen Urin.

 

Die Leichen blieben später in den Wagen.

 

Nur in Häftlingskleidung kam Frau E.

Vom Langenhorner Kettenwerk

Zum KZ-Außenlager Sasel.

Dort traf sie noch einmal auf Sulejka K.

 

 

Die einst so schöne, junge Frau

Von siebzehn, achtzehn Jahren

Lag nun auf dem Steinfußboden,

Der war kalt, im Sterben.

Die Kusine war von einem Schwarzhemd

Vergewaltigt worden

Und sie starb an einer Totgeburt,

Die hatte sie grad' hinter sich.

Sulejka hatte mit der Mutter

Einen Leidensweg beschreiten müssen,

Der begann in Königsburg

Und führte gleich nach Auschwitz,

Wo man ihre Mutter von ihr trennte

Und vernichtete.

Das wusste ihre Tochter nicht,

Die war noch arbeitsfähig,

Und man steckte sie nach Ravensbrück

Und dann nach Sasel,

Wo sie jämmerlich zugrunde ging

Und auch beerdigt wurde,

Das war in den letzten Tagen dieses Krieges,

Und sie hatte eine Nachricht

An die Mutter hinterlassen,

Die blieb bei Frau E.

 

Frau E. erlebte dort das Ende mit,

Als man das Lager öffnete

Und sie befreite,

Und es hatte zu der Zeit

Um tausend Frauen aufgenommen,

Die aus ganz verschiednen Lagern kamen

Und in Poppenbüttel

Plattenhäuser hatten bauen müssen,

Und sie wurden von den

Schwarzhemdfrauen überwacht.

Die flohen plötzlich

In der Häftlingskleidung,

Und sie wurden abgelöst von Zollbeamten,

Die sehr nett und freundlich

Zu den Frauen waren.

Die erwarteten das 'Rote Kreuz‘,

Das sie in ihre Heimat bringen sollte.

Das geschah zum großen Teil.,

Wenn es geschehen konnte,

Und das Lager wurde abgebrannt,

Und für Frau E.

Ließ man doch eine der Baracken stehen,

Darin wollte sie von nun an wohnen

Und in Sasel bleiben.

 

 

 

Die Jugendlichen hatten sich

Am Zaun ein wenig eingerichtet,

Und die Zeugen, die ja Zeugnis waren,

Wehrten sich ein wenig,

 

 

Eine Einrichtung zu werden,

Und sie gaben doch Bericht,

So gut sie konnten und vermochten,

Und die Jugendlichen hatten sonst

 

 

Ja nur die Steine,

Die bewegten sich

Nicht von der Stelle.

 

 

 

Frau U. ist eine Lehrerin,

Und die berichtet nun.

 

Die Jugendlichen hatten sie

Schon einmal angesprochen,

Weil sie wussten, dass die Frau

Als junges Mädchen in den Kettenwerken

Einer Munitionsfabrik am Bahnhof Ochsenzoll

Im Zwang gestanden hatte.

 

Damals war der Krieg,

Und sie und andere Studenten

Hatten Kriegseinsatz zu leisten,

Und man hatte sie gezwungen

Und sie vor die Wahl gestellt.

 

Sie war sich schnell mit ihrer Freundin einig

Und entschied sich,

Nicht als Schaffnerin auf einer

Straßenbahn zu fahren.

Ihre Angst vor Bomben war zu groß.

Als Schaffnerin auf einer Straßenbahn,

So dachte sie,

Wär' nie ein Bunker in der Nähe,

Und sie ging zur Munitionsfabrik.

 

Hier kam sie in ein Kettenwerk,

In einen extra Raum,

Der wurde den Studenten zugewiesen,

Und man wollte diese jungen Mädchen

Nicht sofort an die Maschinen schicken,

Und man bildete sie aus,

So gut es ging,

So schnell es ging,

Das dauerte zwölf Wochen,

Dann fand man sie in den Hallen wieder.

 

 

Und Frau U. war klein,

Die Hallen waren riesengroß,

Da drinnen standen elf Maschinen,

Die bis an die Decke reichten.

 

Die Maschinen pressten

Hülsen für Granaten,

Und sie hatte deren Größen nachzumessen.

Alle Frauen die dort saßen,

Saßen auf dem Stuhl,

Das war erlaubt,

Und die Maschinen warfen immer nur

Die Hülsen aus

Und spuckten sie den zwanzig Frauen

Vor die Füße,

Fast in ihre Schöße.

 

Sie und ihre Freundin glaubten

Unter Jüdinnen zu sitzen,

Und die Frauen sahen nicht verwahrlost

Und nicht ausgemergelt aus

Und waren hübsch und gut genährt

Und um die dreißig Jahre alt.

 

Die beiden durften nicht

Mit diesen Frauen sprechen.

 

Hinter den Maschinen saßen Männer,

Die sehr freundlich auf sie schauten,

Und sie glaubten diesmal,

Dass es Russen wären,

Und die schliffen sich aus Abfallresten

Heimlich scharfe Messer,

So dass sie sich fürchteten,

Das sei ihr unheimlich gewesen, sagt sie schnell.

 

 

Gespräche konnte sie nur mit der Freundin führen.

In der Halle war der Lärm fast unerträglich.

Mit den andren Frauen durften sie nicht sprechen,

Und am Eingang und am Ausgang

Wachten Schwarzhemdfrauen,

Die die Augen nicht von ihnen ließen.

Und die Frauen fanden einen Weg,

Dass sie doch miteinander reden konnten,

Trotz des Lärms und trotz der scharfen Augen,

Weil die Frauen

So nicht miteinander schweigen wollten,

Und es unterhielten sich die Freundinnen

Und sprachen im Gespräch,

Was sie den andren sagen wollten,

Und sie sprachen laut,

Die andren sprachen unter sich

In einem anderen Gespräch

Und unterhielten sich so gut es ging

Auf' diese Weise und befragten sich.

 

Sie stießen bei den Frauen

Nicht auf Bitterkeit und Abwehr,

Wie sie es befürchtet hatten,

Und die Sorge,

Dass sie Abscheu ernten würden,

War umsonst.

 

Die Frauen kamen aus Rumänien

Und aus Ungarn,

Und sie baten gleich um Kleinigkeiten,

Die sie sehr vermissten,

Die erhielten sie, indem die Freundinnen

Sie "zufällig" in ihrer Nähe

Fallen oder liegen ließen.

 

 

 

Frau U. ist sehr bewegt,

Und sie erinnert sich an eine Bitte,

Die war ungewöhnlich.

Eine Jüdin hatte sie nach der Ballade angesprochen,

Die von Theodor Fontane stammte,

Und sie wusste nur den Anfang

Und auch den nicht mehr genau,

Sie meinte, dass sie so begann:

"Getragen hab' ich's sieben Jahr..."

 

Das war nicht ganz getreu

Und doch verstand Frau U. sofort,

Wovon sie sprach

Und hatte keine Möglichkeit,

Den Text in die Fabrik zu schmuggeln,

Und sie lernte alle dreiundzwanzig Strophen

Und sprach sie ihr vor

So oft sie es nur wollte.

 

Ich selber und die Freundin

Wohnten in privaten Häusern.

 

 

Täglich hatten wir acht Stunden

In dem Kettenwerk zu arbeiten,

Und wir erhielten Lohn dafür.

Und ich empfand die Arbeit,

Die ich machen musste, als unangenehm,

Ganz unnütz, sinnlos und "nervtötend",

Wenn ich an den Lärm in diesen Hallen denke.

Frau U. wurd' nun von vielen Jugendlichen

Unterbrochen, die von der Ballade,

Von dem König Jacob und dem Grafen Douglas

Gar nichts wussten,

Und man holte aus der Bücherei das Buch

Und las die Verse allen vor,

So dass man ahnen konnte,

Welcher Freiheitswille, Friedenswille,

Welcher demutsvolle Geist,

Von einem freien Stolz emporgehoben,

In dem Kopf der Jüdin leben musste.

Und Frau U. fuhr fort:

 

 

 

Die Judenfrauen,

Die zur Arbeit kamen,

Kamen nur zu dritt

Und wir erfuhren nicht, woher sie kamen,

Wir vermuteten daher,

Dass sie auf dem Fabrikgelände

In Baracken wohnen mussten,

Und der Eingang, den sie nahmen,

War auch vom Gelände aus.

Gleich nach dem "Zusammenbruch"

Begegnete ich vor der Kirche in Fuhlsbüttel,

Die war evangelisch,

Einer Jüdin, die ich hätte kennen müssen,

Und ich traute mich doch nicht sie anzusprechen;

War es Schamgefühl,

Ich machte mir auch Selbstvorwürfe,

Ach, ich weiß es nicht..

Ich hatte ja gehört,

Wie es den Jüdinnen ergangen war

Und hätte ihr vielleicht mit einem Mantel

Helfen können....

 

 

 

Es entbrennt nun eine Diskussion

Um das Gedicht, das man gehört hat,

Die soll ganz getreu

Dem Leser vorgetragen werden.

Es ergibt sich dieses Bild:.

 

Die Häftlingsfrau erkennt sich

In dem Grafen Douglas wieder,

Der aus dem Geschlecht der Douglas' stammt,

Das lebt, vom König Jacob unterdrückt,

Im Elend, das ist hier in Not

Und auf verdammter Erde.

 

In dem König sieht sie die Schwarzhemdnation,

Die ist nur eine einzige Person,

Der steht sie gegenüber,

Die spricht ihre Hoffnungen

Und ihre Wünsche an.

 

Sie hätte sich Frau U. so gerne mitgeteilt,

Das ging nicht, wegen der Bewacherinnen,

Und sie wünschte sich,

Wie es in dem Gedicht geschah,

Ein "Happy End" für sich.

 

Sie wollte ihr Geschick als Judenfrau

Nicht mehr ertragen,

Ja, sie hätte sich zu gerne

Mit dem Wagnis auf den Schultern

Vor die Schwarzhemdschar gestellt

Und sie um Gnade angefleht

Und ihr die Knechtschaft angeboten.

 

Sie war innerlich maßlos erschöpft

Und in der Lagerkleidung

Unwürdig gekleidet

Und verkleidet

Und entstellt

Und dachte dabei auch an ihre

Leidenskameradinnen.

 

 

Sie hielt sich nicht

Mit zweifelhaften Fragen auf,

Und gab die übergroße Macht

Des Königs Jacob zu

Und auch, dass sie in Schuld verstrickt,

Nun vor ihm stehe.

 

Diese Schuld, so schien es, meinte sie,

Sei zwar die Schuld des Volkes,

Und sie habe selber nichts verbrochen,

Doch sie wusste,

Dass der König sie nicht aus dem Kollektiv

Entlassen würde,

Und das wäre ihr auch nicht genug,

Und sie gab alles zu.

Der König aber gab ihr selbst die Schuld am Krieg,

Der sei um ihretwillen

Und um ihres Volkes willen

Ausgebrochen.

 

Ihre Sehnsucht ist die Hand des Königs,

Die will sie berühren

Und ihn damit rühren,

Und ihn an die Zeiten festen Friedens

Zwischen ihren Völkern denken lassen,

Als die Völker ineinander leben konnten,

Wie es die Geschichte

Und das Wissen um die Dinge

Tausendmal bewiesen haben.

 

Und der König gab dies zu

Und ließ sie dennoch auf den Knien liegen,

Und verwies sie auf ihr Judentum,

Das wäre so nicht abzutun,

Es wäre wohl am besten,

Würde er sie übersehen

Und die Augen über sie hinweg

Ins Weite schicken,

Dann müsst' er, der König,

 

 

Nicht die Nähe sehen

Und sie töten.

 

So, erinnern sich die Alten,

Die das Zeugnis geben sollen,

Haben viele sich verhalten,

So zum Beispiel einige Bewacher,

Die nicht sahen, was sie sehen sollten.

 

Diese kleine Judenfrau

Gibt noch nicht auf

Und bietet ihrem König ihre Hilfe an

Und denkt an echte Dienerschaft,

Die soll ihr recht sein,

Und sie will nur eines,

Sie will frei, will akzeptiert seine

Und sie hofft, wie in den Strophen,

Auf die Geste,

Die sie hoffen lassen könnte,

Und sie lebt von dieser Hoffnung

Und erfleht ein Endenlassen dieser Grausamkeiten

Und erfleht Besinnung auf Gerechtigkeit

In Frieden.

 

So besprechen sie nun alle,

Was die Jüdin sich beim Hören der Ballade

Hatte denken können,

Und sie sagen auch,

Dass sich die Wahrheit von der Illusion

Sehr unterscheidet,

Denn es hätten nicht die Juden

Diesen Grund gehabt,

Sich schuldig zu bekennen,

Sondern jedes Schwarzhemd,

Das sie mit dem Bild des Königs Jacob überdeckte,

Und die hätten eigentlich

Um Gnade bitten

Und in Wahrheit ihre Schuld bekennen müssen.

 

 

 

Die Jugendlichen und die anderen

Begeben sich noch einmal zu den Steinen,

Und sie hören tief hinein.

 

Die Steine haben einen Rhythmus,

Der sich wiederholt,

Verraten eine Kette nur aus Worten,

Eine dünne unsichtbare Fährte,

So, als könnten Steine bluten,

Und man übersetzt den Singsang laut:

 

 

"Aus Hilfsbereitschaft, Scham und Angst,

Gelassenheit und Abgestumpftheit,

Ahnungslosigkeit und Schwarzhemdtragerei,

Ergibt sich dieser Tanz,

Der macht uns Steine schwindeln,

Die Erinnerung verblassen.

Auskristallisiert ist unser Blut,

Ein Gut,

Das kann man mit den Händen fassen."

 

 

Daraus lässt sich eine schwere Klage fassen,

Die nimmt man mit heim

Und lässt den zweiten Tag sich auf die Steine setzen,

Um mit sich allein zu sein, 

Denn morgen ist ein neuer Tag,

Das ist der dritte Tag,

Den sollte man dem Singsang widmen,

Und man wird noch einmal neu zusammentragen

Und berichten lassen.

 

 

 

Der dritte Tag beginnt

Mit einer Lesestunde,

Die ist gut für alle,

Und es ist durchaus nicht gut für alle

Was sie hören,

Und sie hören es mit Sorge

Die hat nun die Jugendlichen eingenommen,

Und sie ist den anderen Besitz,

Den haben die erhalten

Oder achtlos liegen lassen

Und verloren.

 

Dieses steht in den Erinnerungen

Des Herren D.:

 

„Man hatte der Besatzungsmacht

Drei Tage für die Plünderung der Stadt gegeben,

Das war gleich im Anschluss

An das Ende dieses Krieges.

Der Bevölkerung verbot man in der Zeit

Die Häuser zu verlassen.

 

Diese Tage waren schon vorbei,

Da ging es vor den Toren unsrer Stadt,

Hier draußen,

Doch noch turbulenter zu.

 

Wir hatten durch die aufgelösten Lager

Plötzlich neu zu leiden,

Und wir hatten kaum von deren

Existenz gewusst.

Die Wachen hatte man vertrieben

Oder sie nach Haus' geschickt,

Damit war die Beköstigung im Lager

Auch beendet.

 

 

Außerhalb war alles rationiert,

Und harte Strafen

Wurden für Verstöße angedroht

Und ausgeführt.

 

In Trillup, auf dem Hof,

Verköstigte man weiterhin

Die russischen Gefangenen.

Die waren frei

Und hatten die Befreiung oft besprochen,

Und die einen freuten sich,

Die andren hatten Angst vor einer Heimkehr,

Und man würde sie vielleicht erneut

Ins Lager stecken, weil sie von dem Land,

Aus dem sie kommen würden, zu viel wussten,

Und sie hatten von Sibirien gehört,

Das war für sie der schrecklichste der Schrecken.

 

Sie erbettelten sich erst einmal ein Fahrrad,

Um die Gegend zu erkunden.

 

Die Bevölkerung erfuhr dann von dem Lager

Auf dem Saselberg,

Das hatte Jüdinnen und Ukrainerinnen freigelassen,

Die um Lebensmittel fragen kamen,

Und sie irrten in der ganzen Gegend

Hin und her."

 

Herr D. erinnert sich auch noch:

 

„Ich ging zur Polizei nach Hamburg

In der Dammtorstraße,

 

 

Die vermittelte mir eine Nummer der

Besatzungsmacht,

Die könnte ich im Notfall schnell erreichen.

 

Als nun zwanzig Ukrainer kamen

Und vor meiner Tür

Und in den Fenstern standen,

Rief ich an

Und ließ mich mit dem Obersten verbinden.

 

Fast im selben Augenblick

Erschien ein Offizier im Hof,

Und wenig später zogen jene Ukrainer ab,

So dass ich mich beim Obersten entschuldigte

Und ihn nicht kommen ließ.

 

Ich ahnte jedoch nicht,

Dass unsre Wirtschaftsfrau, den Speck,

Den wir noch hatten,

Kräftig diesen Männern aufgeschnitten hatte,

Und der Offizier verlangte nun von mir

Zwei „Springhens",

Das sind fette Hühner, für die Siegesfeier,

Und ich lachte über ihn,

Und seine Hühner müsste er sich selber fangen,

Und ich sagte auch von meiner Nachricht

An den Obersten,

Der müsste sehr bald kommen,

Und die Hühner ließen sich nicht fangen,

Und der Offizier wollt' sich vom Obersten

Nicht fangen lassen

Und zog ab."

 

 

 

Das war aus den Erinnerungen des

Herrn D.,

Und alle haben zugehört,

Und so viel ist gewiss,

Herr D. stand nicht im Schock des Lagers

Und war nicht betroffen.

 

In der Sorge um sich selbst

Vergaß er jedes Mitleid

Und erfasste nicht die Tiefe des Problems

Und hatte auch kein Mitgefühl

Und dachte an die eigenen Probleme,

Und ihn intressierte wirklich nicht das Lager

Und die Menschen, die von dorther kamen.

 

Noch im ersten Atemzug der neuen Freiheit

Starben zwei der Lagerfrauen.

 

Dass das Unrecht, das gewesen war,

Nun Unrecht blieb

Und nicht zurechtzubiegen war,

Verstanden die, die das beschrieben,

Damals nicht,

Und alles spielte sich im Auge derer,

Die es sahen, ab,

Und die Bevölkerung,

Die auch mit diesem Auge sah, sah nichts.

 

 

„Herr D." so sagt ein Jugendlicher,

„Schreibt nur seine Wahrheit,

Denn wir wissen ja,

Dass viele die KZ- Insassinnen an jedem Tage sahen,

Nur, sie kannten nicht die Hintergründe,

Und sie sahen nur den Vordergrund,

Dass war die Propaganda,

Das, was jedes Schwarzhemd sagte:

„Die im Lager sind nur eine Bande

Kriegsgefangener und Sträflinge."

Und:

„Das sind alles Arbeitsscheue,

Denen werden wir's schon zeigen,

Und wir bringen ihnen bei

Was Arbeit ist,

Sie werden uns auf Knien dafür danken!"

Und sie sagten:

"Es ist nützlich,

Wenn sie uns beim Hausbau helfen,

Und die Juden haben uns geschadet,

Und es ist gerecht für sie

Hier etwas wieder gutzumachen,"

Und sie sagten:

„Das sind Untermenschen,

Das sind fremde Rassen,

Die sind gar nichts wert.,"

 

 

Und sagten:

„Wir verstehen nicht,

Wo uns ein Vorwurf treffen sollte,

Lager mit gefangnen Menschen

Gibt es nicht bei uns,"

Sie sagten zur Bevölkerung:

"Wir haben große Sorge

Um die tapferen Soldaten.

Diese Sorge teilen wir mit euch.

Wir müssen alle standhaft sein

Und dürfen uns von Bomben

Nicht mehr überraschen lassen,

Und wir müssen unsre Nahrungsmittel

Noch gerechter teilen.“

 

„Und Herr D.", so sagt der Jugendliche,

„Ist wohl, wie die meisten waren,

Und die eigenen Probleme waren nah genug,

An andere kam er nicht mehr heran

Und wollte davon auch nichts wissen.

 

Man darf trotzdem nicht vergessen,

Dass es Menschen gab, die helfen wollten

Und es taten,

Und sie taten es entgegen dem Verbot."

 

 

 

Es geht nun um den Spruch der Steine,

Der soll Sinn bekommen,

Und "…das Blut,

Das uns zum Gut geworden ist,

Das auskristallisierte,

Das man mit den Händen fassen kann",

Das sind die Steine sicher selbst.

 

Sie werden so als Zeugen und als Zeugnis

Liegen bleiben

Bis auf einen,

Der soll mit der Steinschrift unsrer Sprache

überzogen werden

Und zur Mahnung an der Straßenecke

Feldblumen- und Petunienweg

Die Menschenwürde fassen

Und ein Schlüssel bleiben.

 

In den Protokollen,

Die die Jugendlichen gar nicht alle kennen,

Wird die Hilfsbereitschaft angesprochen,

Die war häufig in den Reihen armer Leute,

Und die leisteten die Hilfe auch.

 

Es waren meistens Frauen, Siedlerfrauen,

Die aus eigner Not

Die Not der anderen erkannten

Und zu mildern suchten,

Und die gaben von dem wenigen, das sie besaßen,

Ab an die KZ-Insassinnen.

 

Die Frauen zeigten Mut

Und zeigten Taten,

Und die Männer blieben stumm,

Von ihnen steht in den Berichten nichts.

Auch findet man nicht einen Hinweis

Auf die Hilfe reicher Leute.

 

 

Die befanden sich fast ausnahmslos in der Partei,

Die war die Heimat jeder Schwarzhemdträgerei.

Selbst die,

Die nur Steigbügelhalter waren

Brachten keine Hilfe,

Um sich selbst nicht zu gefährden.

 

Insgesamt erstaunt das Ausmaß aller Hilfe,

Doch es blieb nur Milch,

Die man im Dorf verteilte,

Die erreichte ganz bestimmte Leute,

Längst nicht alle.

 

Von den anderen.,

Die sich auch ganz 'bestimmten Kreisen'

Zugehörig fühlten, wusste man,

Dass sie sich heftig gegen die Beerdigung

Der Judenfrauen zwischen 'ihren Reihen' auf dem

Friedhof Bergstedts wehrten,

Und Herr D. lässt in dem Auszug aus Erinnerungen

Keine Zweifel an der Meinung der Bevölkerung,

"Dass diese Frauen,

Jüdinnen und die Zigeunerinnen

Wieder betteln gingen."

 

Frauen, die die Hilfe gaben,

Hatten häufig Mitleid,

Und sie hatten die Insassinnen

Zuvor im Arbeitslager elendig

Verkümmern sehen,

Und der Anblick löste mütterliches Wollen aus,

Vielleicht berührte er auch das Gewissen,

Dass sie meinten:

„Frauen müssen Frauen helfen".

 

 

Bei den Männern war die Sorge

Um den Arbeitsplatz zu groß,

Man hätte ihn verlieren können,

Und es lag ein Druck auf ihnen.

 

Insgesamt ergab sich eine

Nicht organisierte Hilfeleistung,

Die berührte nicht das Übel.

 

Man erzählte später,

Dass die Frauen weitaus weniger

Ans "Übermenschliche" der Schwarzhemdträger glaubten

Als die Männer,

Diese hatten denen

Alle Arbeitsplätze zu verdanken.

 

Frauen waren auch politisch

Kaum zu motivieren

Von der Propaganda wurden sie

Nicht allzu sehr erfasst.

 

Sie retteten sich so ein Mitgefühl,

Das ließ sie menschlich bleiben.

 

„Heute" sagt ein Jugendlicher,

„Sind wir auch schnell Opfer einer Politik

Und sollten uns doch davor hüten

Und uns Mitgefühl bewahren

Und uns unser Denken

Nicht von anderen verdenken lassen,

Und wir sollten uns viel häufiger besinnen

Auf die Menschenrechte,

Die die andren haben,

Und es kann im Grunde nur vereinte Hilfe

Hilfe leisten

Und das Unrecht deutlich machen."

 

 

 

Aus einem andren Protokoll

Wird vorgelesen:

Von Frau R.

Erfährt man etwas über Lena G.,

Die dachte ganz aktiv an Unterstützung

Der Insassinnen

Und bettelte und bat die Nachbarinnen

Um die Lebensmittelreste,

Damit fuhr sie zum Berliner Tor in Hamburg

 

 

Und verstaute ihre Schätze

In dem Pappkarton,

Den warf sie von der Brücke,

Unter der die Frauen

Schwere Gleisarbeit verrichteten,

Ganz wortlos auf die Schienen,

Und den Frauen in der Tiefe

Brauchte sie nichts zu erklären.

Heute ist Frau Lena G. vergessen,

 

 

Tot vielleicht,

Man weiß es nicht.

In ihr erkennt man einen Ansatz.

Großer Hilfeleistung.

Ihren Mut nahm sie vielleicht aus sich,

Vielleicht war sie wie die

Al