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Harald Birgfeld, Webseite seit 1987/ Website since 1987

 

Aufruf

zu Olympia – olympische Spiele!

 

 

 

Neu: Die Entdeckung der eigenen Zeit, 2018 (im Entstehen)

 

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Lyrik, Prosa und Ingenieurarbeiten

 

 

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Großes Liebestestament Cover.jpg

Im vorliegenden Gedichtband,

Großes Liebestestament“, sucht der Autor mit seiner zeitgenössischen Lyrik Wurzeln der Liebe. Beispielhaft seien dafür aus den 68 Gedichten genannt:

 

Er las Voltaire“,

 

Frost im Wüstensand“,

 

Wahre Liebeund

 

Odysseus war doch auch viel jünger als Penelope

 

 

Großes Liebestestament

 

Lyrik, 2017

 

Harald Birgfeld

 

Jetzt Großes Liebestestament“ direkt online bestellen  sowie im Buchhandel,

144 Seiten, Format A5.

 

€ 6,99 inkl. MwSt.

 

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ISBN 9783743175938

 

Großes Liebestestament“ ist auch in den USA, Großbritannien und Kanada unter obiger ISBN und bei abweichenden Preisen bestell- und lieferbar.

 

Auch als E-Book,

€ 4,49

 

Zum Buchshop

ISBN 9783744803632

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

Copyright, Urheberrecht 2017 beim Autor, Herausgeber, Redakteur: Harald Birgfeld,

e-mail: Harald.Birgfeld@t-online.de

 

 

"Es lohnt sich, einmal einen heutigen Dichter kennen zu lernen, der mit der deutschen Sprache einen faszinierend fremden Weg betritt und trotzdem dem Leser Freiraum lässt für eigene Gedankengänge, ohne dass die Probleme in erhobener Zeigefingermanier zu zeitkritischen Trampelpfaden werden." (1986: Gutachten)

 

Inhaltsverzeichnis:

 

Lyrik

 

Aleppo mon amour

Als wenn es gestern wäre

An diesem Wochenende im Hotel

Auf der Flucht

 

Begegnung auf den ersten Blick

Bigamie

Blutiglieben

 

Das Engelstor

Deines Gärtners Kunst

Der Himmel kam zu mir

Der Jasmin

Die Dichterin

Die Morgenröte einer Schwangerschaft

Die Verliese einer gartenbunten Bluse

Dschungelland

 

Eine feine Ungewissheit

Ein kinderleichtes Spiel

Ein preisgekröntes Lied

Ein wunderbares Schluchzen seiner Träume

Er las Voltaire

Es ist immer noch wie Sommer hier bei uns

 

Frauenduft

Frost im Wüstensand

 

 

 

 

Gegenglück

Glasmenagerie

Goldene Verzierung

Großes Liebestestament

 

Hoffen auf Erfüllung

 

Ich hab mich sehr an dir verletzt

Ich hatte mich von mir getrennt

Ich hatte nichts

Ich hatte mich im Arm

Ich würde dich zu gerne fragen

Im Übergang zur jungen Frau

In Galaxien einer fremden Frau

 

Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir

 

Lebensretter

Liebe auf den ersten Blick

Liebesbiss

Liebesstraße in Paris

Lust auf Märzenbecher

 

Mama war jetzt Nacht für Nacht woanders

Mein Liebesspiel mit einer Parallelfigur

Meine Art von Liebesleid

Meine Liebe galt dem Kind

Meine Schönheit

Melusine

Mit einer wunderbaren Technik

 

 

 

Noch im Dämmerlicht verblasst die Silhouette

 

Odysseus war doch auch viel jünger als Penelope

 

Ohne irgendwelche Angst

 

Polygame Schlinggewächse

Puppenhaus

 

Selbstverliebt

Sie waren beide völlig unerfahren

Suche nach versagtem Liebesleben

 

Tannenhäuser

Tor der Welt

 

Undine

 

Viel der Sehnsucht, wenig Liebe

Vogelweibchen

Voller Liebessehnsucht

Von Liebe wurde nie gesprochen

Von Sonnenlicht betrieben

 

Wahre Liebe

Wie schade, ach, wie schade

 

Zuhause angekommen

Zweimal Traurigkeit

 

 

 

 

Der Jasmin

 

Der Jasmin, den ich mir gestern in die

Vase stellte, lässt schon heute seine

Blüten hängen.

Seine letzte Kraft verschenkte er mit

Duft, der mir Erinnerung

Bescherte.

Süß war meine Zeit mit dir und

Kurz.

 

 

 

Ich schenkte dir ein

Kettchen, darin Gold und

Mondscheinsteinchen, die an Schaukeln hingen,

Dass dir meine

Sehnsucht in die Augen schwingen, springen

Musste.

Die trugst du bei einem

Abendmahl und hingst ein

Kreuz daran.

 

 

 

 

Blutiglieben

 

Mein selbstzufriednes Blutiglieben

Musste enden, und ich stürzte mich in meinen

Spiegel, der war aus

Metall und nicht aus Glas

Und raubte mir die Illusion von einer andren

Seite oder spitzen

Scherben.

 

 

 

Später fand ich mich davor

Und auch darin

Ganz unversehrt und ohne

Blut.

 

 

 

 

Glasmenagerie

 

Du kamst zurück von einer kleinen

Reise, die versprach ich dir.

Du wolltest außer dem Besuch auch

Fraulichkeiten für dich kaufen.

Auf dem Bahnhof deiner Rückkehr

Küssten wir uns leidenschaftlich,

Und ich legte meinen Arm um deine

Hüften.

Das war viel, weil andere, die jünger waren,

Sich ganz anders fassten und uns mit

Erstaunten Blicken auf die Ränge

Ganz nach hinten schoben,

Wegen unsres Alters.

Du sahst nichts davon, doch ich bemerkte es

Und ließ nicht nach an dir.

 

 

 

Zuhause hattest du viel zu berichten

Und erzähltest mit den Händen, die auf meinen

Finger landeten, wie um sich

Auszuruhen.

 

 

 

 

In Gedanken zeichnete ich einen

Akt von dir, das war sehr leicht für mich,

Doch meine Liebe

Brach sich ihren Weg und ließ, sobald du sie

Bemerktest, dich als körperloses Wesen,

Die zerbrechlichste Figur in einer

Glasmenagerie, die in dir wuchs, in eine

Durchsichtige, abgeschlossene Vitrine

Für Museumsstücke

Flüchten.

 

 

 

Liebesbiss

 

Am Menschenbahnhof ihrer Rückkunft,

Wo ich sie erwartete,

Sie in den Arm genommen werden wollte,

Fand sie mich in Einzelteilen unter Vielen vor,

Und sah mich in den anderen von hinten und

Erkannte mich an den Bewegungen,

Die mir zu eigen waren,

Dann, den Irrtum fast beweinend,

Hörte und erkannte sie mich endlich an der

Stimme, die ihr

Mut und Sicherheit verlieh.

So konnte nur ein Teil von mir sie in die

Arme nehmen

Alles andere lag irgendwo verstreut und

Schien verloren.

 

 

 

Sie verstand und akzeptierte den Verlust.

Ich aber hielt ihr plötzlich mit den Händen

Und von hinten beide Augen zu.

Sie wand und sie entriss sich mir

In schneller Drehung ihres Kopfes

Und beschwor mich laut:

„Ich kann nicht deine Einzelteile lieben

Und dich dir als Ganzes überlassen“,

Und sie sammelte wie jedes Mal zuvor

Trotz Angst und Schrecken,

Das was sie ergreifen konnte ein,

Schuf sich ihr Bild

Und nahm mit einem Liebesbiss in meine

Hand

Besitz von mir.

 

 

 

 

Ohne irgendwelche Angst

 

Unsre Liebe war im Anfang klein.

Sie überraschte uns.

Es war, dass wir nun endlich

Aufeinander träfen, sahen ihre

Leuchtkraft blitzen aus der

Zarten Zufallsperle einer Muschel.

 

Sie war uns Geheimnis,

Das wir hüten wollten,

Und versenkten sie, im

Fleisch verwachsen,

Tief in uns.

 

Dafür bedurfte es nicht

Meer und Boot.

 

 

 

 

Wir gingen abends an die Küste unsrer

Heimlichkeiten,

Glaubten an Erfüllung,

Dass wir Liebe leben könnten,

Sie uns unbeschadet bliebe,

Sahen nicht mehr links und rechts.

 

Wir saßen auf den

Muschelpfählen nah am Strand.

 

Wir hatten ständig Angst um unsre Liebe,

Angst sie aus Versehehen zu zerstören,

Auch, dass sie uns aus den

Augen kommen könnte,

Dass sie nicht mehr selbstverständlich sei

Und gingen nun von Stund an

Hand in Hand,

Als müssten wir einander führen.

 

 

 

Unsre Liebe, wussten wir, war ungefähr,

Wuchs in Bescheidenheit

Und dauerte.

 

Andre sahen uns jedoch als Wassertropfen

Die nicht ineinanderlaufen

Und zerrinnen wollten.

Es blieb ihnen unverständlich,

Dass wir uns so lange und so heftig und so

Unbekümmert lieben konnten

Ohne irgendwelche Angst zu haben.

 

 

 

Auf der Flucht

 

Auf der Flucht vor dem Regime,

Vor Terror, Angst, Zerstörung,

Mord und Vergewaltigung,

Trat unser Hunderttausendfüßler, Menschenwurm,

Den Weg durch fremde, weit entfernte

Nie gesehne Länder an.

Wir waren nur die Vorhut.

Viele ließen wir zurück,

Die aber hatten uns gedrängt zu gehen.

Zukunft und Vergangenheit begleiteten als

Denken enger Wünsche unsren Marsch durch

Regen und durch Kälte.

 

„Weiter, weiter“ hieß es und wir trieben uns,

Mal bäuchlings kriechend

Unter frisch verlegte von uns hochgezerrte

Drahtverhaue, Gitterwände, über Stacheldraht,

Dann stießen, schleppten wir uns über

Knöcheltief mit Schlamm bedeckte

Trampelpfade, mit den Wenigkeiten unsrer Habe,

Andere mit Leben im Gepäck.

Wir aßen und wir tranken, was uns Fremde gaben,

Was wir früher selber Armen spendeten.

 

 

 

Wir schliefen unter freiem Himmel,

Und in unsren Ohren war viel Kinderweinen.

Wir verrichteten die Notdurft auch im Freien.

Alles das ist nun Erinnerung und Ankerstein

In meinem Kopf.

 

So sagte mir die Frau, die,

Angekommen, einen Schatz in Händen hielt,

Den wollte sie verkaufen.

Mir war er nichts wert, doch sie war außer sich,

Weil die Bewahrung bis hierher, ihr

Rettung, Sicherheit versprochen hatte.

Das gestand sie mir.

 

Dann aber ging sie langsam fort.

Ich sah ihr nach.

Die Augen blieben viel zu lange an ihr hängen.

Nein, ich hätte sie auch niemals um ihr Heiligstes

Gebracht.

Da drehte sie sich um und kam zurück:

„Ich schenk dir meinen Traum vom neuen

Heil.

Wenn es mir schon kein Glück bereitet,

Soll es dich, nur wenn du willst, begleiten“.

Dabei legte sie das Päckchen vorsichtig in meine

Hände.

 

 

 

Unsre Sprachen waren dabei stumm,

Wir redeten in Gesten,

Die sich gleich verstanden,

Und es war ihr Blick, die Lider, die sich senkten,

Der mich ohne jede

Abwehr sie in meine Arme nehmen ließ.

 

Sie litt, und beide waren wir nicht frei,

Doch wurde uns in diesem Augenblick

Gemeinsamkeit zur neuen Wirklichkeit,

Ihr Gastland wurde mir zum Ankunftsland.

 

Es war nicht richtig, was wir taten,

Ich, als die Willkommenshand, hielt sie,

Vielleicht für immer, fest in meinen Armen,

Sie, als Flüchtling, war nicht registriert.

Doch wer, der auf der Flucht ist,

Kommt schon pünktlich an.

 

 

 

Meine Liebe galt dem Kind

 

Ich las erst einen Kurzbericht in einer Tageszeitung,

Dann gab man mir Einblick ins Vernehmungsprotokoll

Und ins Geständnis.

Das geb ich so wieder:

 

Neben mir gedieh mein Sohn, den ich

Allein erzog.

Mein Partner hatte mich am Anfang

Meiner Schwangerschaft verlassen.

Das war mir ganz recht, er hatte sich zu

Einem Rohling, der mir gegenüber

Grob Gewalt anwendete, entwickelt.

 

Meine Liebe galt dem Kind, dem blonden

Jungen, der mit himmelblauen Augen

Seine Welt und meine sich

Zu eigen machte.

Kaum im Alter eines frühen Jugendlichen

Irritierten mich und andere sein großer Wuchs

Und seine Männlichkeit.

Das wusste er und gab sich so.

Er war sehr stark und übersah sein Leben

Wie es schien, schon als Erwachsener.

Er hing trotzdem an mir,

Das war mir lieb.

 

Als Mutter gibt man alles her,

Nur nicht sein Kind.

 

 

 

Ich war sehr stolz,

Doch eines Tages stand er hinter mir

Und griff mir an die Brust.

Ich dachte, dass es ein Versehen sei

Und wies ihn gleich zurecht.

Da zog er mir das Hemd und alle

Kleidungsstücke mit nur einem

Handgriff von den Schultern,

Dass sie mir als Ring um meine Füße fielen

Und blieb dabei sanft und freundlich:

„Ich will deine Brust“,

Und schmiegte sich mit seinem Mund an sie.

Es war für mich zu eigenartig, was geschah,

Ich konnte mich dem nicht entziehen.

Plötzlich ließ er nach und schob mich nur

Beiseite.

Nein, wir sprachen nicht darüber.

 

Zwei, drei Tage später kam er doch zu mir

Und sagte:

„Es ist immer, dass der Sohn die Mutter liebt,

Ich will dich ganz“!

Und zerrte mir, als Unhold nun, erneut die

Kleidung und die Jeans vom Leib.

Ich stand entblößt vor ihm.

Dann schubste er mich auf das große Bett.

Er war sehr schnell.

Ich war gelähmt und konnte mich nicht

Wiedersetzen.

Nein, ich dachte nicht ans Schreien.

Auch nicht, als sich alles beinah täglich

Wiederholte.

Er war danach immer gut gelaunt und kindlich froh.

 

 

 

Von außen gab es keine Hilfe, weil ich

Schwieg und schwieg und schwieg.

Nach einem Jahr bemerkte ich die

Schwangerschaft an mir

Und wusste keinen Rat.

 

Als wir dann eines Tages auf dem

Bahnsteig standen

Und die Bahn sich näherte,

Er stand vor mir, ganz dicht, an erster Stelle,

Stieß ich ihn mit wenig Kraft und festem Willen

Vor den Zug.

Er taumelte bevor er auf die Gleise fiel.

 

Mehr sah ich nicht, und wollte ich nicht sehen,

Drehte mich danach dem Bahnhof zu.

 

Als Mutter liebt man doch sein Kind,

Will immer nur sein

Bestes.

 

 

 

Odysseus war doch auch viel jünger als Penelope.

 

Sie war sehr arm und auf der Flucht,

Nicht einer Flucht die Menschenleben retten sollte

Und zugleich das Leben, wie es war, verloren ging,

Nicht einer Flucht vor Krieg und Tyrannei

Und Dingen und Geschehnissen die nur

Erzählen kann, wer sie durchlebte und sie überlebt.

 

Als sie zu Atem kam, wir uns begegneten,

War sie schon zwanzig Jahre alt,

Ich hörte später, dass sie weitaus jünger war,

Sie gab es nur nicht zu.

Ich schien dagegen blutig jung und fühlte mich

Als Jugendlicher, der das erste Mal

Begegnung hatte.

Eine wahre Sonne färbte

Alles, was sich in mir regen konnte.

 

 

 

Ich verbot mir immer jede Spielerei mit einer

Frau, und diese war so über mir, so

Überlegen und zog mich zugleich so an,

Dass ich dies eine Mal nur meine

Hand auf ihre nackte Schulter legte,

Sie dann, weil kein Widerstand erfolgte,

Tiefer gleiten ließ und ihre Brust berührte.

 

Nein, wir waren nicht allein.

Der Raum war klein und

Die Familie saß daneben und man hielt den Atem an.

Man war dagegen, dass ich so

Erfahrung sammeln sollte,

Das stand in den Augen,

Man verließ uns stumm und ging

Mit dem Gesicht nach unten.

 

Es war nicht nur ihre Schönheit

Sondern ihre Wirklichkeit und

Weiblichkeit, die in mich glitt.

Sie schenkte mir den Glauben an mich selbst

Und hatte sich in diesem Augenblick mit mir

Verbündet, gegen alle anderen.

 

 

 

Sie hatte sich auf ihrer Flucht in mich verkrochen,

Ließ den Mantel ihrer Angst sofort dort fallen und

Verwandelte sich in ein warmes Wesen.

 

Mein Verlangen war ihr recht.

 

Die Armut, die sie bei sich trug, verlieh ihr

Anmut, Ausgeglichenheit und Mut.

Auf unsrer Jagd nach Treibgut waren wir uns

Einig, sie mit festem Blick und ich

Mit Schnelligkeit.

Die war nicht gut,

Denn ich stieß auf ein Fundament in mir:

Ich war für mich noch viel zu jung.

Sie aber, tief in mir, verspürte schmerzlich,

Dass der Mantel Angst sich nun um meine

Schultern legte und umschloss.

 

Sie kannte dies Gefängnis zu genau

Und sprengte es in einer Eingebung.

Sie zeigte selbstzufrieden mit den Händen erst auf mich

Und dann auf sich und flüsterte:

Odysseus war doch auch viel jünger als Penelope.

 

 

 

Dschungelland

 

Sie kam aus Dschungelland zu uns.

Sie kannte unsre Kleidung nicht und

Wusste nicht, was Schuhe sind,

Hielt unsre Körperpflege und die Mittel

Für verbürgte Tradition, für eine Art von

Körpermalerei, vielleicht als

Schutz vor Krankheit oder bösem Zauber,

Darin kannte sie sich aus.

Sie kannte aber weder Geld noch diese kleinen

Goldnen Karten für ein wunderbares

Nehmen alles dessen was man brauchte,

Die den Himmel auf die Erde brachten.

Handel, sah sie, kannte keiner hier, und keiner ging

Auf Jagd, und Frauen wurden nicht gefangen

Wie in ihrer Heimat, denn

Dort herrschte Frauenmangel.

 

Sie war aus Versehen bei uns eingetroffen,

Unbeschadet und ganz ungewollt,

Und suchte einen Wald, wie sie ihn kannte,

Zum Versteck.

Sie fand jedoch nur einen Park, der wachte über jeden

Busch und Baum und Tiere gab es kaum.

 

 

 

Die Leute, denen sie auf ihrer Flucht begegnete,

Und die sie wegen Kälte kleideten und ihren

Durst und Hunger freundlich stillten, konnten

Nicht erkennen, was sie suchte und vor was

Sie floh.

 

Man fragte so die Klugen und die Einfallsreichen,

Die mit Spenden einen echten Wald für sie

Eroberten,

Der aber lag sehr weit entfernt in einem andren Land,

Das war auch denen fremd, so dass sie

Forschen mussten.

 

 

Jene Frau aus Dschungelland erklärte sich,

Sie sei auf Suche nach dem einen Mann

Der ihr versprochen war und der schon alle

Prüfungen zur Manneswerdung

Überstanden hatte.

Danach war und blieb er unauffindbar.

 

 

 

Als man sie genauer fragen konnte,

Weil sie mehr und mehr verstand,

Begriffen alle, dass sie vor dem eignen

Vater, in die Welt geflohen war.

Sie hatte keine Mutter mehr,

Und er verlangte nun von seiner eignen Tochter

Ihn zu ehelichen.

 

Alle Helfer waren tief besorgt um sie und 

Brachten diese junge Frau,

Die ihnen mit der dunklen Haut der Königsblume,

Der Natürlichkeit des Augenaufschlags

Und dem Sanftmut ihrer Stimme

Augenblicke lang

Als feenhaftes Wesen aus der andren Zeit erschien,

In einem ganz geheimen Schutzprogramm, auf ihren

Weg in neues Dschungelland.

 

Dorthin gelangte vor nicht allzu langer Zeit,

Berichteten sie ihr,

Auf gleichem Weg ein andrer Angespülter,

Dessen Namen aber niemand kannte,

Und man würde immer weiter, immer wieder

Helfen, wenn man konnte.

 

 

 

Mein Liebesspiel mit einer Parallelfigur

 

Ich saß am Tisch,

Vor mir stand Bier, vielleicht war es auch Wein,

Und hatte meine Tagesarbeit

Gut gemacht.

Zufriedenheit, die kleine, rosa Wolke

Eigenglück, hing über mir.

Es war schon später Abend.

 

In der Dunkelheit des Zimmers

Sandte eine Porzellanfigur, nicht höher

Als die Länge meines Unterarmes,

Ihre strahlend, weiße Silhouette in die

Dämmerung

Und zeigte eine Frau mit einem

Teller, den sie über ihren Kopf erhob,

Auf welchem Trauben lagen.

 

Ungeschützt von irgendwelcher Kleidung,

Schuhen, Zweigen, Ornamenten oder

Goldnen Kanten,

Setzte sie sich in verspielten,

Weichen Windungen,

Der Phantasie, den Blicken,

Des Betrachters aus,

Verharrte so im Tanz auf Zehenspitzen,

Hielt das Spielbein leicht nach hinten

Ausgestreckt.

 

 

 

In meinem Rücken spürte ich den

Körper einer Frau, die war vielleicht nicht

Wirklich hier,

Sie ließ mich aber wissen,

Dass sie wusste, wann ich mich in andere

Figuren schwärmte

Und beschreiben würde.

Einerseits war sie von Eifersucht besessen,

Andrerseits von Lust getrieben,

Daran teil zu haben.

 

Sie blieb hinter mir,

Zog dann mein dünnes Hemd nach oben,

Um mir in die Haut zu beißen.

Das verstand ich gut,

Der Schmerz war

Wirklichkeit und tat mir wohl

Und brachte Lust, mit der ich sie

Bedrängen wollte, ihr den

Liebesbiss zu geben.

 

 

 

Das ließ sie nicht zu.

Sie wollte nur

Mein Liebesspiel mit einer

Parallelfigur zerstören, es

Für sich gewinnen.

Das verstand ich auch

Und wandte mich der Unsichtbaren

Langsam zu.

Ich folgte ihr.

 

Noch spät danach schlich ich jedoch

Zurück zur Porzellanfigur und

Rührte mit den Fingern und dem Mund

An ihre bloßen Stellen zwischen

Traubenteller und dem

Spitzentanz.

 

Mit meinen Zähnen hinterlass ich niemals eine

Spur auf kaltem Porzellan.

 

 

 

Liebesstraße in Paris

 

Wir liebten uns,

Nicht, wie man sagt, dass „man sich liebt“,

Wir liebten uns direkt und Tag für Tag

In jener Stadt der Liebe,

Wo die Liebe anders als

Woanders ist.

Hier waren oder wurden Frauen

Neu geschaffen und zu

Wesen, die für ihre Liebe mit der

Gestik ihrer Hände und der Füße

Unaufhörlich neu Erklärung brauchten,

Danach suchten und damit beschäftigt waren.

Männer nickten, stimmten zu,

Und was sie einzuwenden hatten,

Musste Schleusen ihrer Worte

Vorsichtig passieren.

Dann galt es zu warten

Ob die Frauen ihre Nähe suchen

Würden.

 

 

 

Sie und ich, wir machten Urlaub mit den anderen,

Die wir nicht kannten,

Und die waren so wie wir.

Sie machte sich mit angeborenem

Talent zur Einheimischen,

Nahm sofort die Sprache an

Und legte abends im Spaziergang ihren Kopf

An meine Schulter.

Süße Worte sprudelten nun heiter

Als ein kleinster Bach, in den sie ihre

Hände tauchte, um darin zu spielen,

An mein Ohr.

 

Ganz plötzlich wurd sie selbst zu

Einem Sturzbach, stolperte und fiel

Geräuschlos auf das Straßenpflaster,

Mir zu Füßen, ohne sich noch zu

Bewegen.

Halb riss sie mich mit zu Boden,

Dann erst hörte ich den Schuss,

Danach wurd eine Salve abgefeuert,

Und ich warf mich neben sie.

 

 

 

Sie war im Kopf getroffen, der war

Hinten offen, und ich musste sie so

Sehen.

 

Um mich her sah ich nun all die andren

Auf dem Boden liegen,

Das Gesicht nach unten.

 

Männer, die in ihren Händen

Automatische Gewehre und Pistolen

Hielten, sprangen über uns hinweg

Und schossen weiter auf die

Ahnungslosen, die noch aufrecht liefen.

 

Mit dem Finger tastete ich vorsichtig in ihre

Wunde, weil ich es nicht glauben

Wollte.

 

Sie war viel zu still,

Lag leblos, ohne, dass ich Blut erkennen konnte,

Ausgestreckt auf unsrer

Liebesstraße in Paris.

 

 

 

Es ist immer noch wie Sommer hier bei uns

 

Mancher Flüchtling, der vorüber kam,

Sah sicher unter Tränen auf das Reihenhaus

In dem wir beide wohnten.

Ja, es mochte sogar sein, dass der vorüber ging,

Von dem wir wussten, dass er erst vor kurzem

Seine Frau im Heimatland durch einen

Terrorakt verloren hatte.

Später fand man nur die rechte

Hand von ihr,

Und die erkannte er sofort am Fingerring.

 

Ihr Wohnblock war zerbombt.

Das Stahlgeflecht stach nackt und

Krumm aus dem Beton,

Die Trümmerwände waren wenig später

Mit Graffitis, die den Krieg verherrlichten,

Und Kugelsalven, die darauf zerschossen wurden,

Übersät.

 

 

 

 

 

Es war Novembernacht bei uns und endlich

Schnee zum Wochenende angesagt.

Jetzt aber war die Hauswand immer noch von

Rosen überwachsen, die in Blüte standen.

Viele, viele Tage hatte unsre Sonne

Wärmend über allem und auf uns geschienen.

Nachts kam häufig wasserwarmer Regen

Der, mit milder Luft vermischt, zum

Draußen sitzen lud und drängte.

Dabei ließ ein leichter Wind die

Rosenzweige sich in Selbstzufriedenheit

Und mit dem Knarren der Genüsslichkeit

An hitzewarmer Hauswand scheuern.

Das Geräusch erinnerte an den

Geschmack von Abgekehrtheit und

An Nichtgestörtsein wollen.

 

Diesen Abend überfiel mich plötzlich, leicht und schnell,

Der Wunsch nach dir und meine Lust.

 

Ein eigenartiges Empfinden, ausgelöst,

Vielleicht entstanden, durch den lauen Regen und die

Aussicht auf den Schnee, das Eis,

Durch eine unbekannte Absicht auf Zerstörung

Und Recht zu behalten,

Stieg als fremder Duft und überraschte mich.

 

 

 

 

Ich wollte alles und zugleich, den

Regen, dass er mich umspült,

Die schwüle Luft, den Schnee, das Eis und dich

Als meine Königin,

War fest entschlossen, meiner

Sinnlichkeit und meinem Willen

Nachzugehen,

Aber du warst lange schon im Schlaf.

Ich ging trotzdem nach oben, trat in deine

Kammer.

 

Dort fand ich dich nur ein wenig zugedeckt,

Halb auf der Seite liegend.

Schwaches Licht und das Geräusch des

Regens vom Titandach, das uns schützte,

Ließ mich innehalten.

Eine Liebe so zu stören und

An mich zu reißen,

War nicht, was ich wirklich wollen konnte.

 

Das Geräusch des Scheuerns

All der Kletterzweige unsrer Rosen

Reichte bis hierher.

 

Die Wärme im November ließ mich

Seltsam träumen und den

Augenblick verträumen.

Ich stand unbeweglich still, als du

Erwachtest und ganz ruhig

Sagtest:

„Es ist immer noch wie Sommer hier bei uns“.

 

 

 

Wahre Liebe

 

Eine Jugendliebe ist ganz anders als

Die „wahre“ Liebe.

Damals, als wir uns nach Schulschluss trafen,

Weckte meine Scheu, sie anzufassen,

Ihre Angst, berührt zu werden,

Dabei sehnten wir nichts mehr als das

Herbei.

 

Das Frühjahr war vorüber und die ersten

Sommersonnentage machten

Schmetterlinge aus uns beiden,

Die im Schwindel ihres schnellen

Schaukelflugs, nicht voneinander

Lassen konnten.

So wie die, verfehlten wir uns stets,

Und waren doch in größter Nähe

Zueinander.

 

Andere, die ihre Blicke nach uns warfen,

Sagten später, dass wir nichts von dem,

Was um uns her geschah, noch

Wahrgenommen hätten.

Aus der Ferne konnte ich sie schon mit meinem

Ganzen Körper riechen,

Spürte ihre Nähe mit dem

Rücken meiner Hände, wenn sie endlich

Nah genug an meiner Seite ging.

Entferntes Läuten irgendwelcher

Kirchenglocken klang uns als

Bestätigung.

 

 

 

An einem dieser Tage

Legten wir uns in ein Roggenfeld,

Das schlug die Hände über uns

Zusammen.

Ihre Haare wurden unter meinen

Streichelhänden wieder glatt,

Und ich bewunderte den

Mut, der mich so plötzlich alle

Vorsicht übersehen ließ.

Es fuhr mein Finger die Konturen ihrer

Lippen nach,

Sie schloss die Augen.

Einmal sagte sie ganz leise:

„Nein“ und wieder

„Nein“.

 

Mit einem langen Halm strich sie mir

In den Hemdausschnitt und fragte:

„Kitzelt das“?

 

Mein Herz schlug, dass ich es in meinen

Schläfen hörte.

 

 

 

Danach legte sie die Hand um meinen Nacken

Und zog meinen Kopf auf ihre Brust,

Schob ihn dann weiter tief in ihren Schoß.

Sie roch jetzt völlig anders, nicht wie sonst.

Es war der Duft nach Weiblichkeit, den ich nun

Kennenlernte, der mich mit Zufriedenheit

Erfüllte und zugleich erröten ließ.

Sie spürte, dass ich mich veränderte.

 

Wir standen beide auf.

Sie lehnte sich an meine Schulter

Und war eins mit sich und mir

Und fragte trotzdem:

„Glaubst du, dass wir uns einander

Eines Tages heiraten“?

 

Das alles ist so lange her.

Ich denke oft, sehr oft zurück an sie

Und an die

Wahre Liebe.

 

 

 

Tannenhäuser

 

Es kennen mich nur wenige.

Für sie bin ich der Tannenhäuser,

Nicht nur, weil ich in den

Wäldern nahe an den schroffen Bergen lebe,

Sondern, denke ich, auch

Wegen meiner Armenkleidung,

Meines Aussehens und wegen meiner

Einfalt.

Die, so sagt man, ist mir angeboren,

Aber das ist falsch.

Ich weiß doch nur nicht meine Liebe

So zu zeigen, dass es Liebe

Bleibt.

 

Es war schon seltsam und auch selten,

Dass wir uns begegneten.

Wenn sie dann ihren Mund zum

Reden, Küssen, Lachen oder Rufen öffnete,

Sah ich die Dolche ihrer Säbelzähne,

Mir zur Furcht.

Wenn sie ihn aber schloss, erblühte eine

Symphonie aus Pfirsichhaut und

Engelshaar, gepaart mit zögerlichem, süßem

Lächeln unter dem verschämten

Dach der Augenlider, die sich senkten

Und von Unschuld sprachen.

Dann zog ich sie nah an mich heran,

Und sie wich mir nur wenig aus.

 

 

 

In meiner Liebe, die ich nicht an mir

Verstand, biss ich sie fest in

Arm und Schulter.

Sie schrie hell erschrocken auf,

Dass ich die Waffen ihrer Zähne sehen musste:

„Was machst du an mir!

Wir kennen uns doch kaum“,

Und gleich darauf fiel das Orchester ihrer

Leiblichkeit mit schmeichelhaften

Flötentönen wieder ein.

 

Mein Mund entgegnete zu meinem Staunen:

„Ich hab dich zum Fressen gern,

Das weißt du doch,

Und du bist meine erste Frau“.

 

Sie war blitzschnell im Wandel,

Dem versuchte ich mit einer

Rückwärtsdrehung zu entgehen und warf mich

Ins Gras.

Der Himmel über mir war frei und

Lud mich ein,

Sie aber spreizte ihre Beine und saß

Schneller fest auf mir als ich mich

Bäuchlings legen konnte.

 

Es gefiel mir, was sie mit mir machte,

Doch ich wusste mich nun nicht mehr zu enthalten,

Und was von mir kam, ließ ich zu Boden fallen.

 

 

 

Noch bevor ich mich erheben konnte,

Schrie sie und wies hinter sich:

„Dort liegt das Kind von dir,

Und es ist schön.

Und wenn du es nicht glaubst, hol ich den

Vater und die Freunde und die andren

Frauen, die beweisen deine Untat.

Ich war jungfräulich und rein.

Das bin ich jetzt nicht mehr.

Das ist dein Kind,

Und du gehörst nun uns“.

 

Ich sagte laut und musste

Auf die Dolche ihrer Zähne schauen:

„Niemals ist ein solches Kind von mir,

Ich lass es immer auf die Erde fallen,

Das weißt du genau,

Es kann nicht sein“,

Und warf mich auf den Bauch,

Dass sie mit ihrem hochgezognen Rock zur

Seite schlug.

 

Ich biss ins grüne Moos,

Das schmeckte schrecklich bitter,

Und erinnerte mich nicht mehr an die

Frau, nur an das Blau des Himmels

Und das Weiß der Wolken, die mich

Überschatteten.

 

Es ist für mich ganz eigenartig,

Menschen zwischen

Wald und Bergen zu begegnen.

 

 

 

Meine Schönheit

 

Man sagt so einfach: „Schön ist schön“,

Doch schön ist nicht gleich schön.

Ein Diamant, ein Baum, ein Text und ein

Gedanke, ja ein Leben können

„Schön“ für alle Zeiten sein.

Die Schönheit einer Frau, das Ganzheitliche,

Ihr Gesicht, der Körper, ihre Haltung,

Jede der Bewegungen, ist etwas

Völlig anderes, und meine Schönheit übertrifft die

Jeder anderen bei weitem.

 

Wahre Schönheit bleibt für alle Zeit,

In alle Ewigkeit, denn Schönheit wiederholt sich

Immer, immer wieder,

Wird und wurde tausend Mal

Besungen und gemalt,

In Stein gehauen, aus Metall gegossen,

Abgebildet, und man sandte sie als Botschaft in

Entfernte Welten.

Schönheit redet nicht, sie teilt sich

Ohne Worte mit, sie überdauert die

Jahrhunderte, ja die Jahrtausende.

Sie bleibt nicht lange unentdeckt, selbst

Wenn sie sich versteckt entfaltet.

 

Meine Schönheit aber, die, die mir

Zuteil geworden ist, kann nie von jemandem

Zu irgendeiner Zeit erreicht und

Übertroffen werden.

 

Wenn ich mich zum Beispiel von dem Stuhl, auf dem

Ich eben saß, erhebe, trägt er

Wärme, die gehört nicht mir,

Und sie ist unpersönlich.

 

 

 

Meine Schönheit aber, ist allein mein

Eigentum, ist mein Besitz.

Sie ist zerbrechlich und gefährdet.

Das macht sie mir wertvoll.

Meine Schönheit muss ich hüten, schützen,

Und ich leide um sie Schmerzen, mache alles,

Um sie zu erhalten, wehre jeden

Schaden von ihr ab,

Sie ist mein Schatz.

Ich liebe sie, mehr als mein Leben,

Das kann schnell vergehen.

 

Man vergleicht an mir das Ebenmaß der leichten

Schatten meiner Wangen mit den flachen

Tälern einer Mondlandschaft,

Das Senken meiner Augenlider und der Wimpern

Mit den zögerlichen Flügelschlägen eines

Schmetterlings, der Sonnenwärme suchend,

Auf dem Blütenrand verharrt,

Man schwärmt von meinen leuchtend hellen, dunkelbraunen

Augen, die Achaten gleichen, doch auf

Sonderbare Weise, ohne Worte,

Zu den Menschen sprechen können.

Meine Lippen zeichnen zarte

Rispenblätter junger, südländischer Früchte nach,

Die schlafend aufeinander liegen,

Und mein Mund, der seine Farben,

Die nicht jeder unterscheiden kann,

Im Wandel zwischen rosa, rötlich, dunkelrot und purpur

Zeigt, führt ein besondres Eigenleben.

 

 

 

Meine Schultern deutet man als erstes

Neigen junger Stängel weißer Frühlingsblumen,

Meine Haut ist ohne jeden Makel,

Ich empfinde sie als Kleid aus

Samt, das sich in alle Richtungen bestreicheln lässt,

Auf meinen Armen lässt der kleinste

Atem, nur der Hauch von einem

Lüftchen, Engelshaare, sonst nicht

Sichtbar, sich bewegen.

Mein Hüften, meine Beine, und mein ganzer Körper

Sind im goldnen Schönheitsmaß gewachsen.

Wenn ich einen Stoff, der kaum entrollt

Noch fest am Ballen hängt,

Aus Spaß an mir drapiere,

Habe ich bei andren, die ein

Zufall um mich ranken lässt,

Den Auftritt eines modischen Ereignisses.

Es halten dabei meine nackten Füße,

Wegen ihrer Schlankheit und Beweglichkeit,

Gleichzeitig rechts auf Zehen stehend, links in

Spielerischer Schaukel schwenkend,

Diese Schauenden in Atem.

 

Mancher Künstler hätt mich gern zu seiner

Muse auserkoren.

Doch das kann ich nicht erlauben.

Meine Schönheit gilt nur mir.

Darin ist weder Platz für ihn noch irgendeinen

Anderen.

 

 

 

 

Mama war jetzt Nacht für Nacht woanders

 

Ich bin ein Mädchen und schon neun.

Mein Bruder ist erst fünf, der ist noch klein.

Mein Papa hat im Hausflur eine fremde

Frau geküsst, die hatte kurzes, schwarzes

Haar und nicht wie Mama, langes blondes.

Sie war auch ein wenig kleiner.

Ihre Kleidung war so anders,

Die würd Mama niemals tragen.

Ich hab Mama das erzählt.

Da hat sie mich beruhigt:

„Das ist eine Nachbarin, die wohnt hier nebenan.

Sie hat den Papa gern“.

Ich habe Mama nicht geglaubt, denn sie hat viel

Geweint, und Papa schlief erst eine

Zeitlang auf dem Sofa,

Danach gar nicht mehr bei uns.

 

Ich finde, meine Mama ist sehr schön.

Sie schminkt sich vorsichtig.

Die andere ist auch sehr schön, doch färbt sie sich die

Lippen dunkelrot, das mag ich nicht.

Als Mama wieder weinte, hab ich sie gefragt, warum.

Sie sagte:

„Das ist wegen Geld, denn Papa kann uns nichts mehr

Geben, darum muss ich noch mehr arbeiten als sonst“.

Die Mama war jetzt Nacht für Nacht woanders und ging

Putzen, sagte sie.

 

 

 

Ich hatte zu viel Spielzeug, das lag nur herum,

Und ich beschloss es heimlich zu verkaufen.

Das erzählte ich nur meinem kleinen Bruder,

Weil er mich vermissen würde.

Doch der wollte mit,

Das konnte ich ihm nicht erlauben, falls sich Mama

Melden würde, sollte sie sich keine

Sorgen machen müssen.

So blieb er Zuhause.

 

Gleich zu Anfang kaufte mir ein Mann,

Der freundlich mit mir sprach, für jemand den

Er kannte, meine Lieblingspuppe ab.

Er fragte mich nach meinen Eltern, ob die das

Erlaubten.

Ich gestand, dass sie davon nichts wüssten, und dass

Mama, weil mein Papa nicht mehr für uns sorgen könnte,

Jede Nacht auf drei verschiednen Arbeitsstellen

Geld verdienen müsste, und dass ich ihr dabei

Helfen wollte.

Das verstand er gut, so sagte er,

Und gab mir Geld für meine Puppe.

 

Danach wollte er mich noch nach Hause bringen.

Weil ich aber ängstlich war, beruhigte er mich

Und schrieb mir seinen Namen auf,

Und wie er zu erreichen wäre.

 

 

 

Gleich am andren Tag gab ich der Mama meinen

Geldschatz und die Nachricht von dem Mann,

Und als sie fragte, sagte ich, dass ich ihr helfen wollte.

 

Da sah uns mein kleiner Bruder miteinander reden

Und verstand das alles falsch.

Er fragte:

„Will der Papa wieder bei uns schlafen“?

Mama aber sagte:

„Nein. Er wird uns aber oft besuchen“.

Das fand ich nicht gut und sagte:

„Wegen dieser Nachbarin? Die hat er doch geküsst“.

Mein Bruder war schon wieder fort und

Wollte nichts mehr von dem Papa wissen.

 

Meine Mutter aber rief den Mann, der meine

Puppe hatte, an, und sprach mit ihm.

Er wollte uns besuchen und die Puppe

Wiederbringen, weil und weil und weil…

 

In Mamas Augen sah ich Tränen,

Und die Wangen zuckten so wie immer, wenn sie

Lächeln musste.

Ihre Augenränder waren nicht mehr so gerötet.

 

In der Mädchengruppe meiner Klasse

Hatte ich ein neues Lied gelernt,

Das summte ich nun leise vor mich hin und

Dachte daran,

Dass ich bald Geburtstag haben würde.

 

 

 

Im Übergang zur jungen Frau

 

Sie war im Übergang zur jungen Frau

Und lebte tief im Süden, wo die

Wärme immer wohnte, gleich am

Rand der Großstadt.

Mädchen oder junge Frauen, konnten, durften,

So wie sie, mit leichten, kurzen Kleidern,

Dekolletierten Blusen, dünnen Trägerhemdchen

Draußen und im Freien sein.

Die älteren dagegen kleideten sich

Züchtiger und strenger.

Ihre Nachbarin, die Frau des Universitätsprofessors,

Stand dazwischen und verstand in ihrer Kleidung auch

Verführung.

Die war nötig, denn ihr Mann schien manchmal

Schülerinnen seiner Universität den

Langen Blick zu schenken.

 

Er war braungebrannt, trug kurzes, krauses

Fell als Haar, nicht nur auf seinem Kopf.

Das sah man gut, weil er die Hemden, wie es heute

Üblich ist, nicht bis nach oben knöpfte.

Gerne hätte manche Mädchenhand das wilde

Tier an ihm gekrault.

Zudem vergaß er oft sich zu rasieren,

Und er sprach mit Worten, die sich intensiven

Bildern gleich, in junge Frauenherzen tropfen

Und dort pflanzengleich ein Eigenleben führen konnten.

 

Jene junge Frau erfuhr von ihm,

Weil seine Frau, die sie nur selten sah,

Sie plötzlich für den kleinen Sohn in ihrer

Freizeit engagieren wollte,

Denn die Ehefrau war auch im Dienst.

In deren Haus war aber nichts zu tun.

Das Mädchen brauchte sich um nichts zu kümmern,

Weil das Kind woanders aufgezogen wurde.

Nur der Mann traf pünktlich nach der

Lesung ein und hatte angenehmen Zeitvertreib mit ihr.

Er legte ihr, nach viel zu langer Zeit, so dachte sie,

Fast wie versehentlich,

Die Hand auf ihre Schulter und,

Sofort danach die ganze Hand erst unter ihre

Schulterlangen, schwedenblonden Locken, dann um ihren

Nacken.

 

 

 

Sie trug einen knöcheltiefen Faltenrock, darüber eine Bluse,

Unterhalb der Brust geschnürt.

Der Rock, die Bluse waren spielerisch verziert mit Borten.

Dies und alles was sie auf dem Körper trug

War immer in Chamois und einem Hauch von Elfenbein.

Sie konnte andre Farben nicht ertragen.

Nun hielt sie die Lippen fest geschlossen,

Lauschte auf ihr Eigenes im Innersten, das schrie:

„Er liebt mich! Endlich, endlich liebt er mich“.

Ihr Herz schlug zum Zerspringen.

Langsam drehte er sich zu ihr hin

Und ihr Gesicht zu sich und fragte:

„Wenn du dir jetzt etwas wünschen dürftest,

Hier in diesem Augenblick, was wäre das“?

Sie sagte leise:

„Ich hab nur den einen Wunsch,

Ich möchte schöner sein, viel schöner als ich bin“.

Da zog er sie ganz nah zu sich und

Küsste sie so leidenschaftlich, dass

Das Frauenherz in ihr erwachte,

Und sie alle Schwärmerei für ihn vergaß.

 

Wenn er nicht kam und sie wie sonst alleine

In der Wohnung war,

Durchstöberte sie Schränke, Fächer,

Wäschekörbe und stahl ihm ein blaues

Tageshemd, das trug noch seinen Duft.

Sie hatte ihm damit, versteckt in ihrem eignen

Zimmer, einen kleinen Hausaltar errichtet,

Den beleuchteten die winzigsten Dioden.

 

Bei der Sucherei jedoch entdeckte sie in einer

Gut versteckten rosa Schachtel unter

Damenwäsche, viele Fotos.

Eines davon zeigte ihn mit ihr im Arm.

Das musste jemand heimlich aufgenommen haben.

Auf dem nächsten sah sie wie sich ihre

Mutter, fest von ihm umschlungen, küssen ließ.

Danach entdeckte sie ein Bild auf dem

Ihr Vater unbekleidet auf dem nackten Körper

Keiner andren Frau als der des

Universitätsprofessors in den ehelichen Betten lag.

 

 

 

Gleich hinter dieser Schachtel fand sie eine handliche

Pistole, wie für Frauenhände angefertigt,

Die nahm sie sich mit.

 

Nur wenig später sollte, wenn es etwas kühler wäre,

Zwischen allen eine kleine Gartenfestlichkeit

Den Tag beenden, dazu war sie erstmals eingeladen.

Das war Wunsch des Vaters und der Mutter

Und des Universitätsprofessors und auch seiner Frau.

Sie ging dort hin und schwieg und hatte nur noch

Augen für den Liebsten.

 

Alle waren sich im Schweigen einig.

 

Langsam zog sie dabei, das war nicht zu übersehen, die

Pistole aus dem Ärmel ihrer Bluse, zielte mit zwei

Händen, schoss, mehr aus Versehen, dem

Professor in die rechte Schulter.

Der brach gleich zusammen.

Alle andren liefen auf die Schützin zu

Als wollten sie ihr gratulieren.

Das und ihre Tat entsetzten sie. 

Sie schleuderte

Die Waffe weit von sich,

Lief dann zu dem Getroffenen

Und half als einzige nach besten Kräften

Ihn zu retten.

 

 

 

Voller Liebessehnsucht

 

„Warte nicht auf mich,

Ich bin nur kurz mal außer Haus“, ruf ich dir zu.

Du bist so lieb zu mir und

Immer freundlich, und ich sag dir oft,

Dass ich dich liebe.

Das geschieht jetzt nicht.

 

Ich höre dich, noch stehe ich im Flur,

Wie du mich mahnst:

„Es ist schon spät, sei bitte gleich

Zurück“.

 

Ich weiß nicht, was mich reitet, was mich treibt,

Mir klingt ein Satz im Ohr,

Der birgt Geheimnis und Verführung.

Dieser Satz stand in der

Tageszeitung mit der Überschrift:

„Vermisst“ vielleicht „Verschollen“, als man

Schrieb:

„Er wollte nur zum Kiosk auf der andren Straßenseite

Und ist nie zurückgekehrt“.

 

Mich treibt es fort von dir und allem.

Ja, es ging mir gut,

Das hatte ich mit dir genossen, und

Es gab nicht einen Grund zu gehen.

Liebe, die ich seitenlang von dir erfuhr,

Beschränkte mich auf dich.

Nun aber zieht es mich mit

Hunger vor die Tür, und auf der

Straße mache ich den ersten

Atemzug mit großem Appetit

Auf neue Freiheit, meine Freiheit.

 

 

 

Alle Rettungsanker meines Lebens,

Dich, du Insel meiner Wünsche,

Du Erfüllerin all dessen, was ich selbst nicht kannte,

Gebe ich nun auf.

Ich lasse sämtlichen Besitz zurück,

Die Ausweiskarten, bis auf einen

Impfausweis für unbedingten Nachweis,

Dass es mich auf Erden gibt,

Und lege, was ich je besessen habe

Auf den Tisch des

„Nichts mehr davon wissen wollen“.

Alles, was ich jemals kannte, hab ich

Aufgegeben, ist nun ohne mich.

An mir bin ich zum

Tier geworden, das sich eine

Ader nach der anderen mit festem Biss

Zerreißt,

Und schaue nicht zurück und drehe mich nicht um.

 

Vor mir liegt eine Illusion,

Die mir zur Wahrheit werden soll.

Dafür such ich den

Pilgerpfad, Vergessen,

Und den Bußweg, Abschied.

 

 

 

Ich hoff auf Verzicht und Qualen,

Einfachheit und Unbekanntes, welches meinen

Blick auf alles, was ich aufgegeben habe,

Schmerzlich richten soll.

Für alle Zeiten will lernen, diesen

Schritt tief zu bereuen,

Und verstehen,

Was ich Schlimmes tat, als ich von deiner

Liebe ließ, die mir mein Leben lang,

Mein Leben war.

Ich will durchtrennen und durchschneiden,

Was mich band und engte

Und Zufriedenheit verhieß.

 

Auf meiner Suche will ich Freude

An dem frischen Wasser eines kleinen

Baches finden, meiner

Selbstzufriedenheit den Rücken kehren.

Hoffen, dass mir eines Tages eine fremde Frau,

Ganz ohne Eigennutz,

Mit einer Geste, einem Blick, nur einer

Handbewegung, nur dem

Winken einer Locke ihres Haares,

Das ein Zufallswind bewegt, erlauben wird

Aus ihrer Liebestränke einen Schluck

Zu nehmen.

 

Voller Liebessehnsucht will ich sein.

 

 

 

Großes Liebestestament

 

Erstmals fand ich Mut genug

Den lange stillgelegten Flugplatz

Und die Landebahn

Seit jenem Unfall zu beschreiten.

Trauer trieb mich her.

Nach diesem Unglück, das vom

Himmel auf die Erde fiel, war er geschlossen

Worden.

 

Meine Liebste, alles was ich jemals hatte,

Blieb in Asche, Staub und weit verteilten

Trümmerteilen unauffindbar und verschollen.

 

Irgendjemand hatte an der Seite meines

Trauerweges ein paar Steine angehäuft,

Darein ein namenloses Kreuz aus Holz gesteckt.

Mehr konnte ich nicht finden.

 

So ging ich die Landebahn entlang, vorbei an

Meterbreiten und ganz kleinen Pfützen, darauf

Schimmerten die Farben dünner Plättchen,

Hingehaucht aus Öl und Kerosin.

Sie gaukelten mir Regenbögen vor,

Die überspannten Blumenstege.

Stählern kalt entstand das Blau des Korns vom Wegesrand,

Begrenzt durch grauen Feldrand einer Asphaltküste.

Neben mir erwachte Mädchenauge in zitronengelb.

Mit dunkler Iris, weiter vorne, hüteten die

Blütenblätter einer Sonnenblume ihren braunen

Teller voller Kerne.

 

 

 

Leichter Wind ließ sie in einer Brise,

Die der Segler auf der Wasseroberfläche einer

Überfahrt erkennt, vibrieren und den

Augenaufschlag lang verschwinden.

Dann erwuchsen sie erneut, verwandelten sich schnell in

Gelbe, rote, violette Rosen,

Deren grüne Blätter, Lotus gleich,

Mit jedem dieser kleinsten Seen

Verwachsen schienen und erzitterten.

 

Ich weinte lange schon nicht mehr.

Das Schluchzen hatte tiefen Seufzern Platz gemacht.

 

Mein Blick war weit zum Ende jener

Landebahn gewandert und kam nun zurück

In große Nähe.

Plötzlich sah ich seitlich auf dem Boden, eine

Daumennagelgroße Speicherkarte liegen.

Die erkannte ich sofort und nahm sie mit nach

Haus.

Dort angekommen öffnete ich sie

Und sah auf eine Vielzahl schneller Bilder, die

In einem Flugzeug aufgenommen worden waren.

 

 

 

Unbekannte hielten angefüllte, durchsichtige

Becher hoch und jubelten damit nach hinten.

Dann erkannte ich, erst als Verdacht

Und dann mit Sicherheit, dass alle

Meiner Liebsten und dem fremden Mann,

Der sie in seinen Armen hielt,

Den Zuspruch spendeten.

Die küssten und die herzten sich.

Sie trug ein weißes Kränzchen mit dem

Ansatz eines Schleiers auf dem Kopf.

 

Mein Herz versank in einer endlos tiefen Grube,

Und ich war der Ohnmacht nahe.

Was war nur geschehen.

 

Diesen Urlaub wollte sie, erinnerte ich mich,

Ganz zögerlich und nur vielleicht, allein verbringen,

Und ich hatte sie ermutigt,

Bis sie sich dazu entschloss.

 

Den Urlaub hatte sie,

Das wurde schmerzlich wahr,

Von Anfang an als

Abschiednehmen eingeplant.

 

Ich wünschte mir trotzdem nun wirklich,

Dass sie einer wahren, süßen

Liebe voller Zuversicht begegnet war,

Und wünschte ihr,

Dass ich ein

Großes Liebestestament

Bewahren konnte.

 

 

 

Begegnung auf den ersten Blick

 

Ich fuhr auf einer völlig leeren Autobahn

Und war sehr schnell.

Es ging bergauf, und früher hätte ich

Darüber nachgedacht, doch jetzt erfüllte

Jede Automatik meine Zuversicht,

Als sich ganz plötzlich ein

Gesicht vor meine Augen schob.

 

Es war das Bildnis einer jungen Frau.

Die war als Model einer Frühjahrskollektion

Auf dem Prospekt des Modehauses

Abgebildet, und ich hatte sie mir

Nachgezeichnet.

 

Noch in der Sekunde, als ich ihr

Gesicht das erste Mal in Hochglanz wahrnahm,

Wurd sie meine Muse.

Ihre schrägen Augen, leicht gewölbten Lippen,

Und der freche, rechte Ohrrand, der die

Lockenwand der vollen, langen, schwarzen

Haare als ein kleiner Wink durchbrach,

Der heimlich lauschte,

Und der den Verlauf der Haare, die weit über ihre

Schultern auf die Haut und in den

Blusenausschnitt fielen,

Zu verfolgen schien,

Verführten und elektrisierten mich.

Ich musste sie sofort in Kohle, nicht in Farbe,

Zeichnen. 

 

 

 

Wochenlang blieb sie mein Werk,

Bis ich sie hängen konnte.

Jedes Mal, wenn ich an ihr vorüber

Ging, rief sie mir etwas nach.

Sie schien mir lebenslang bekannt,

Und war Begegnung auf den ersten Blick.

 

Sie wollte, so empfand ich es,

Dass ihre Lippen noch mit etwas

Rötel überzogen werden sollten,

Doch das ließ ich lieber sein.

 

Als ihr Gesicht nun auf der

Autofensterscheibe, mir vor Augen,

Sich bewegte, sie die Haare in den Nacken strich

Und mit mir sprach,

Vermochte ich nicht zwischen

Irrealität und meiner Wirklichkeit zu unterscheiden,

Denn sie rief, ich hörte ihre Stimme gut:

„Fahr links von dieser Fahrbahn ab,

Mach schnell was ich dir sage“.

Das war völlig ungewöhnlich, denn die

Abfahrt war sonst immer rechts.

Mir fiel in diesem Augenblick auch auf,

Dass alles auf der falschen Seite stand.

Die Richtungsschilder sah ich nur von

Hinten auf der Fahrerseite,

Und der breite Streifen für den Nothalt

Lag am linken Straßenrand statt rechts.

Ich nahm, wie sie es wollte, gleich die

Erste Abfahrt links.

 

 

 

Schon nach nur kurzem Weg

Erkannte ich den schlimmen Fehler,

Wechselte von meiner Gegenfahrbahn

Auf die rechte Seite dieser Ausfahrt.

 

Meine Muse saß jetzt auf dem

Rücksitz,

Ich erkannte sie im Spiegel,

Dann saß sie wie selbstverständlich

Neben mir und legte ganz behutsam ihre

Hand aufs Lenkrad.

Das bewegte sie, so dass ich halten musste.

Sie stieg wortlos, lautlos durch das Fahrzeug aus

Und wurde wesenlos.

 

Ich fuhr auf andrem Weg zurück

Und ging gleich in mein Zimmer,

Mich zu vergewissern.

 

Sie hing so wie immer an der Wand

Mit eindringlichem Blick auf mich.

Sie rief jedoch nie mehr

Nach mir.

 

 

 

Frauenduft

 

Es war sehr spät in dieser Nacht.

Ich saß im großen Raum des Hauses.

Niemand wachte außer mir.

Von einer Treppe, die nach oben führte,

Sanken Schleier schwacher Düfte

Bis zu mir herab,

Und sie bestanden wechselweise aus

Jasmin, Lavendel, Moschus, Hyazinthe,

Rosen, Sandelholz und einem,

Der vereinte sie zu etwas ganz

Besonderem.

Sie setzten sich in köstlicher Erinnerung auf meine

Zunge, dass ich schmeckte, wie es damals war,

Als ich nach Mädchenhaftem Ausschau hielt

Und dabei Frauenduft entdeckte.

Der ließ mich nicht los,

Ließ mich nach innen horchen,

Wo etwas geweckt und aufgerufen wurde.

Flügel wuchsen mir.

 

 

 

Ich schwärmte aus und hörte

Nachts am Bach auf den Gesang der Nachtigall.

Ihr Schluchzen wurde ferner Glockenklang in meinem Ohr.

 

Mein Herz versuchte Ruhe in der

Dunkelheit zu finden.

 

Jetzt lebst du in meiner Nähe,

Liegst dort oben und deckst dich vielleicht gerade zu,

Schickst dein Parfum zuvor auf Reisen,

Sendest einen späten Abendgruß

Zu mir.

Du weißt, dass ich die halbe Nacht noch

Warten werde, bis ich neben dir zur Ruhe komm.

 

Wir staunen beide über

Unsre ungestüme Liebe,

Die treibt dauernd neue Blüten.

Meine wird nie satt an dir, sagst du,

Und deine, sage ich,

Ist völlig anders, die dreht dich

Mit allem was du liebst, um mich.

 

 

 

Ich habe heut gezählt.

Du hast mich mehr als

Sechsmal vorsichtig und doch mit

Fester Absicht in den

Rücken, Hals, die Hand und meinen Arm gebissen

Und mich deine Zähne leicht wie

Kirschen naschen spüren lassen.

Jeder Biss war etwas schwächer als ein

Zarter Liebesbiss.

Es ging mir gut dabei,

Ich schüttelte danach mein Innenfell,

Das reizte dich erneut.

 

Ich aber stahl mir dreimal das, was du

Zugleich am liebsten und am zögerlichsten

Mir zu schenken willens bist.

Du schworst dabei, dass du mich auf der

Stelle töten wirst,

Wenn ich in meinem Leben jemals einer

Menschenseele nur ein Sterbenswort

Davon erzähle.

 

 

 

Hoffen auf Erfüllung

 

Er verließ sein Auto, weil er ein

Bedürfnis spürte und ging in den

Öffentlichen Raum dafür.

Der war in einem großen Kaufhaus,

Erst versperrt durch Drehkreuzgitter, welche

Geld verschluckten,

Dann dahinter hell mit weißem Marmor ausgekleidet.

Leise hörte man Musik, und eine

Mitarbeiterin war aufmerksam um

Unauffälligkeit bemüht.

Er sah ihr ins Gesicht, als sie ganz plötzlich

Vor ihm stand.

Sie war ihm schon von weitem aufgefallen,

Hatte flinke Augen, und er zögerte, als sie die

Auf ihn richtete.

An diesem Ort, erinnerte er sich, macht man

Bestimmt nicht die Bekanntschaft einer Frau.

Sie aber lehrte ihn mit ihrem Blick das Gegenteil.

Er sah nun die Gelegenheit und fasste Mut und

Schämte sich zugleich für seine Dreistigkeit,

Sie anzusprechen,

Sie jedoch war schneller, hauchte,

Noch bevor er etwas sagen konnte, mit der größten

Selbstverständlichkeit:

„Ich komm gleich raus.

Ich dusch mich noch, dann bin ich draußen,

Warte bitte dort auf mich“.

 

Er musste oft an seinen Namensgeber denken:

David, Held im Buch der Bücher, als der noch kein

König war und nicht mehr an die

Königswürde glauben konnte.

Er war nicht wie der ein Krieger, und er hatte keine

Nebenfrau und ging nie fremd und blieb

In allem Allem treu,

Empfand sich aber so wie jener

Immer wieder hingehalten.

Nur das Hoffen auf Erfüllung hatte ihn niemals

Verlassen.

Was sich ihm erfüllen sollte, schien sich nun zu zeigen,

Wahr zu werden.

Sie erschien ihm hell im Licht, das seinetwegen

Angezündet worden war,

Sie wurde Gegenwart, ein warmes, weiches Glücksgefühl,

Das er bei ihrem ersten Anblick schon empfunden hatte.

 

 

 

Sie war bescheiden, angenehm gekleidet,

Ging in Jeans und hatte

Schulterlange blonde Haare, die in Locken fielen,

Roch nach Flieder, schien es ihm,

War nicht geschminkt, vielleicht ein wenig.

Und sie stimmte zu.

 

Er kannte sich nicht aus,

Die Gegend war ihm fremd,

Doch jede erste, beste Möglichkeit wär recht.

So gingen sie in ein Hotel mit

Restaurantbetrieb.

Dort war es ruhig, und man hätte sie

Dezent und a la carte bedient.

Da meinte sie:

„Mir wäre eine schlichte Gastlichkeit viel lieber,

Hier fühl ich mich nicht so wohl“.

Das war ihm recht, und er bedankte sich bei ihr,

Dass sie es besser haben könnten,

Und sie gingen wieder.

 

Bei dem kleinen Essen, das sie dann

In einem Gasthof unter vielen

Menschen zu sich nahmen, sagte er:

„Ich lebe nicht allein“.

Sie ging darauf nicht ein und schwor:

„Ich bin heut glücklich und es könnte

Gar nicht schöner sein, als hier mit dir zu sitzen.

Du musst nur verstehen, dass ich mich nicht

Ausgehalten wissen möchte“.

Das verstand er gut, so sagte er,

Und bat trotzdem um diesen Freiraum.

 

Spät am Abend, auf dem Weg zurück, liebkoste er sie vielfach,

Küsste ihren Mund, den Hals und wanderte hinab

Bis auf die Schulter, dann in Leidenschaft zurück.

Sie hingen aneinander als sie voneinander

Abschied nahmen.

Jeder hatte viel gewonnen,

Das versicherten sie sich, und er rief ihr noch nach:

„Ich liebe dich. Ich werd dich immer finden.

Morgen treffen wir uns wieder“.

Sie kam schnell zurück und lachte:

„Das ist leicht, ich freue mich“.

Das war den beiden Pflaster und Versprechen.

Dann entfernten sie sich voneinander.

 

 

 

Heimgekommen hätte er gern seiner Frau erzählt

Von seiner neuen Liebe, wie er sich so

Leicht getragen fühlte und in seinem Leben

Endlich angekommen sei.

Doch das versagte er sich alles.

Seltsam fremd wurd nun das Haus für ihn.

Er staunte aber, wie sich alles fügte.

 

Gleich am nächsten Tag erschien er wieder

In dem Kaufhaus vor den Drehkreuzgittern.

Doch die und der Raum dahinter waren

Zugehangen.

Nur ein übergroßes Schild gab Auskunft:

„Bis auf weiteres für unbestimmte Zeit geschlossen“.