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Harald Birgfeld, Webseite seit 1987/ Website since 1987

 

Aufruf

 

zu Olympia – olympische Spiele!

 

 

 

Die Entdeckung der eigenen Zeit, 2019

 

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Alle Veröffentlichungen,

 

online und im Buchhandel

 

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Lyrik, Prosa und Ingenieurarbeiten

 

 

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Es werden Gedichte vorgestellt, die in ausgewählten Anthologien veröffentlicht wurden, sowie der lyrische Zyklus: „Namenlos von meiner Insel, 42 Briefe“, z.B.:

 

Alles ging sehr schnell:

In einem nahen, fernen Ausland, wo ein

Menschenleben rasch verblühte,

Nahm man mich gefangen.

Einer Schuld war ich mir nicht bewusst,

Ich wurde nicht befragt,

Und ich gestand.

 

 

 

 

Im Buchhandel und online:

 

Gedichte, veröffentlicht in

 

ausgewählten Anthologien, und

 

Namenlos von meiner Insel, 42 Briefe

 

108 Seiten, Format A5

3. Auflage

Harald Birgfeld

 

 

Online bestellen sowie im Buchhandel,

 

€ 8,90 inkl. MwSt.

 

Zum Buchshop

ISBN 978-3-73-22-4803-2

 

 

Der vorliegende Gedichtband ist auch in den USA, Großbritannien und Kanada unter obiger ISBN und bei abweichenden Preisen bestell- und lieferbar.

 

Auch als E-Book

 

€ 6.99

 

Zum Buchshop

ISBN 978-3-73-22-7798-8

 

 

Inhaltsverzeichnis, Gedichte, veröffentlicht in ausgewählten Anthologien

und

Inhaltsverzeichnis, Namenlos von meiner Insel, 42 Briefe

 

 

"Es lohnt sich, einmal einen heutigen Dichter kennen zu lernen, der mit der deutschen Sprache einen faszinierend fremden Weg betritt und trotzdem dem Leser Freiraum lässt für eigene Gedankengänge, ohne dass die Probleme in erhobener Zeigefingermanier zu zeitkritischen Trampelpfaden werden." (1986: Gutachten).

 

Harald Birgfeld, von Beruf Diplom-Ingenieur, schrieb die meisten seiner Gedichte während der morgendlichen Fahrt mit der Hamburger S-Bahn zur Arbeit. Seine Texte entstanden fast immer bereits in endgültiger Form.

 

Copyright 2014 beim Autor, Harald Birgfeld, alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieser Veröffentlichung darf ohne schriftliche Erlaubnis des Herausgebers, Harald Birgfeld, reproduziert werden. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Verfilmung und Einspeicherung sowie Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Herausgeber, Autor, Redakteur: Harald Birgfeld, e-mail:.         Harald.Birgfeld@t-online.de

 

 

Inhaltsverzeichnis,

Gedichte, veröffentlicht in ausgewählten Anthologien

 

 

Dann wurde ich bestraft

(2009: „Bibliothek deutschsprachiger Gedichte“, 82166 Gräfelfing/München, „Ausgewählte Gedichte XIII“)

 

Die Landschaft war allein

(2012: „Jahrbuch für das neue Gedicht“ der Frankfurter Bibliothek der Brentano – Gesellschaft, ausgewählt für die Frankfurter Bibliothek der Klassikerausgabe: „Die besten Gedichte)

(2007: „Liebe in all ihren Facetten“ des Lichtstrahlverlages, 99853 Gotha)

(2009: „Bibliothek deutschsprachiger Gedichte“, 82166 Gräfelfing/München, „Ausgewählte Gedichte VX“)

 

Eigentlich war es ganz anders

(2006: „Jahrbuch für das neue Gedicht“ der Frankfurter Bibliothek der Brentano – Gesellschaft, ausgewählt für die Frankfurter Bibliothek der Klassikerausgabe: „Die besten Gedichte)

 

Heute Morgen lag

(2013: „Bibliothek deutschsprachiger Gedichte“, 82166 Gräfelfing/München, „Ausgewählte Gedichte XVI“)

 

 

Hinterglasgemälde

(2013: „Jahrbuch für das neue Gedicht“ der Frankfurter Bibliothek der Brentano – Gesellschaft).

(2013 ausgewählt für die Frankfurter Bibliothek der Klassikerausgabe: „Die besten Gedichte“)

 

Ich stand vor dem Marienbild

(2008: „Jahrbuch für das neue Gedicht“ der Frankfurter Bibliothek der Brentano – Gesellschaft).

(2008 ausgewählt für die Frankfurter Bibliothek der Klassikerausgabe: „Die besten Gedichte“)

 

Ich wache auf

(2009: „Jahrbuch für das neue Gedicht“ der Frankfurter Bibliothek der Brentano – Gesellschaft).

(2009 ausgewählt für die Frankfurter Bibliothek der Klassikerausgabe: „Die besten Gedichte“)

 

Ich war bei mir im Lohn

(2007: „Jahrbuch für das neue Gedicht“ der Frankfurter Bibliothek der Brentano – Gesellschaft).

(2007 ausgewählt für die Frankfurter Bibliothek der Klassikerausgabe: „Die besten Gedichte“)

 

 

 

In einem deutschen Atelier

(2010:Poesiealbum neu“, Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik, e.V. Leipzig)

 

Mein schönstes Delfingedicht

(2008:Poesiealbum neu“, Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik, e.V. Leipzig)

 

Meinem Wärter hing ich an

(2008: „Bibliothek deutschsprachiger Gedichte“, 82166 Gräfelfing/München, „Ausgewählte Gedichte XI“)

 

So geschehen

(2010: „Jahrbuch für das neue Gedicht“ der Frankfurter Bibliothek der Brentano – Gesellschaft).

(2010 ausgewählt für die Frankfurter Bibliothek der Klassikerausgabe: „Die besten Gedichte“)

(2010: „Bibliothek deutschsprachiger Gedichte“, 82166 Gräfelfing/München, „Ausgewählte Gedichte XIII“)

 

Wir gerieten in den Gürtel der Meteoriten

(2011: „Jahrbuch für das neue Gedicht“ der Frankfurter Bibliothek der Brentano – Gesellschaft, ausgewählt für die Frankfurter Bibliothek der Klassikerausgabe: „Die besten Gedichte)

 

 

 

Inhaltsverzeichnis,

Namenlos von meiner Insel, 42 Briefe

 

 

Namenlos von meiner Insel,   1. Brief,

Gefangennahme,

Namenlos von meiner Insel,   2. Brief,

Auf dem Reaktor-U-Boot,

Namenlos von meiner Insel,   3. Brief,

Schmerzhaft Sehnsucht,

Namenlos von meiner Insel,   4. Brief,

Namenlosigkeit,

Namenlos von meiner Insel,   5. Brief,

Drei junge Frauen,

Namenlos von meiner Insel,   6. Brief,

Schwere Blütendolden,

Namenlos von meiner Insel,   7. Brief,

Kunst im Raum,

Namenlos von meiner Insel,   8. Brief,

Auf der Speisetafel,

Namenlos von meiner Insel,   9. Brief,

Angst mit Angst bekämpfen,

Namenlos von meiner Insel, 10. Brief,

Sie kämmte sich

Namenlos von meiner Insel, 11. Brief,

Die drei Frauen,

Namenlos von meiner Insel, 12. Brief,

Ob ich Tango tanzen könnte,

Namenlos von meiner Insel, 13. Brief,

Eine Probefreiheit,

Namenlos von meiner Insel, 14. Brief,

Kein Geräusch,

Namenlos von meiner Insel, 15. Brief,

Ausgeliefert,

 

 

Namenlos von meiner Insel, 16. Brief,

Im „Großen Haus“,

Namenlos von meiner Insel, 17. Brief,

Doppelgänger,

Namenlos von meiner Insel, 18. Brief,

Ein weiteres Geheimnis,

Namenlos von meiner Insel, 19. Brief,

Eine junge Frau,

Namenlos von meiner Insel, 20. Brief,

Moderne Technik,

Namenlos von meiner Insel, 21. Brief,

Mit honigsüßen Worten,

Namenlos von meiner Insel, 22. Brief,

Unterwasserspiele,

Namenlos von meiner Insel, 23. Brief,

Kannst du singen?

Namenlos von meiner Insel, 24. Brief,

Ein Spion,

Namenlos von meiner Insel, 25. Brief,

BioCurious

Namenlos von meiner Insel, 26. Brief,

Zwillingswesen

Namenlos von meiner Insel, 27. Brief,

Der Besuch des Gartens

Namenlos von meiner Insel, 28. Brief,

          Morgen bin ich keine Zeit für dich

Namenlos von meiner Insel, 29. Brief

          Schreib mich gut

(2012, „winter märchen haft“, Winteranthologie, novumverlag, Österreich)

 

 

Namenlos von meiner Insel, 30. Brief

          Sie sind unser Ehrengast

Namenlos von meiner Insel, 31. Brief

Wären doch Soldaten alle so wie Sie

Namenlos von meiner Insel, 32. Brief

Immer ist der Mensch

allein auf dieser Welt

Namenlos von meiner Insel, 33. Brief

Nachts lieg ich an seiner Seite

Namenlos von meiner Insel, 34. Brief

Meine Lust zu malen

Namenlos von meiner Insel, 35. Brief

Neues aus der Wissenschaft

Namenlos von meiner Insel, 36. Brief

In einem sogenannten Notfall

Namenlos von meiner Insel, 37. Brief

Gerne hätte ich ihr das geglaubt

Namenlos von meiner Insel, 38. Brief

Es war nicht Platz genug in mir

Namenlos von meiner Insel, 39. Brief

Hilfe oder Menschenraub

Namenlos von meiner Insel, 40. Brief

Das sagte alles.

Namenlos von meiner Insel, 41. Brief

Die Sehnsucht schläft,

die Sehnsucht wacht

Namenlos von meiner Insel, 42. Brief

Die Beine aber liefen mir vorweg

 

 

 

Gedichte, veröffentlicht in ausgewählten

Anthologien

 

 

Eigentlich war es ganz anders.

 

Immer wünschte ich mir jemanden,

Der mich verstehen konnte,

Und der Ansatz, dachte ich,

Sei gut.

 

 

 

 

Die Wahrheit aber war,

Dass schon der Ansatz

In die falsche Richtung zeigte.

 

 

 

 

Auf dem Bahnhof standen meine Doppelgänger

Überall herum.

Sie waren nackt wie ich

Und trugen auch darunter

Keine Kleidung.

 

Alle warteten

Auf meine Ankunft.

 

 

 

Ich war bei mir im Lohn

Und zwang mir harte Arbeit ab.

 

In mir, vergaß ich zu erwähnen,

Mussten die Gefangnen in den Steinbruch gehn

Und durften über die Gefahren,

Über diesen Zwang,

Kein Sterbenswort erwähnen.

 

 

Wenn mich jemand nach mir fragte,

Und ich lügen musste,

Drang oft weißer Staub nach außen,

Blässe schoss in meine Wangen.

 

 

Trotzdem hielt ich die im Steinbruch

Abgeschnitten von der Welt

Und achtete darauf,

Dass sie kein Sterbenswort erfuhren.

Sie erfuhren nichts

Von einer andren Welt.

 

 

 

Ich stand vor dem Marienbild,

Dem hatte man das Jesuskind

Herausgeschnitten,

Das lag auf dem Tisch

Und wurde operiert.

 

Die Ärzte waren zu beschäftigt,

Um mich zu bemerken,

Und ich selbst bemerkte nichts.

 

 

Mit meiner Hand griff ich,

Wie zum Beweis,

Ins Leinwandloch,

Das überwachte ein geheimes Auge,

Und Alarm wär angesprungen

Hätte man mich nicht im letzten Augenblick

Zurück gerissen.

 

 

Ja, man schalt mit mir,

Ich sei voll Unvernunft,

Dass ich in eine offne Wunde

Hatte greifen wollen.

 

 

 

 

Ich wache auf

Und seh mich um:

Es ist erstaunlich.

Die Bedienungsplätze vor den anderen Geräten

Sind nicht mehr besetzt.

Ich sehe,

Dass sich die Geräte selbst bedienen.

Ein Verdacht kommt auf.

 

 

Ich seh mich an,

Ich denk an mich,

Ich denke, dass ich mich am besten

Durch mich überprüfen lassen werde.

Das hält an.

 

Ich werde eines Tages eine Antwort

Wissen.

 

 

 

 

So geschehen

Außerhalb von mir:

Wo ich das Gras vermutete,

Wo früher Halme wuchsen,

Schoss jetzt Draht aus Eisen

Und Gestänge aus der Erde.

Es war Wachstum,

Das sich frei verbreitete.

 

 

Von drüben kamen Fressmaschinen,

Die auf dieser Weide grasten,

Üppig war das Angebot.

 

 

Ich steh der Flucht entgegen,

Den Maschinen gegenüber,

Meine Fingerspitzen

Zeigen leichten Rost,

Vielleicht nur Flugrost.

 

 

 

Wir gerieten in den

Gürtel der Meteoriten

10.000 Aufschläge, Aufschlag 7101

 

Drüben sollte ich mich an der

Pforte melden und mit einem

Messingreifen klopfen,

Und ich sah genau, dass hinter dieser

Pforte, die ein

Rahmen hielt, sich weiter nichts befand,

 

 

 

 

Es stand dort kein Gebäude,

Und es war kein Mensch zu sehen,

Und man sagte mir, dies wäre eine

Sache des Vertrauens,

Und ich ging und klopfte an.

Es war natürlich ganz umsonst,

Und auf der andren

Seite fühlte sich nicht einer

Angesprochen.

 

 

 

 

Die Landschaft war allein.

 

Ich ging hinaus ans kleine Ufer dieser Nacht,

Und über mir, das dunkle Blech,

Millionenfach durchstochen,

Dass das Licht dahinter,

Niederblitzte,

Wölbte sich mir zu.

Die Landschaft war allein.

 

 

 

Von dir erfuhr ich nur,

Weil wir zur gleichen Zeit

Den Blick zum Großen Bären

Richten wollten.

 

 

 

 

Hinterglasgemälde

 

Draußen stand in einer Fensterhöhe,

Oberhalb des letzten Häusergipfels,

Außerhalb davon in einer grauen Wand aus Nebel,

Leichtem Regen, Schnee,

Ein Möwenvogel.

 

 

 

Seine braunen Flügelränder schnitten

In der kurzen Zeit des Augenaufschlags

Eine Schrift, ein Zeichen,

Fast ein wenig Wiedersehensfreude in die Luft,

Den Fetzen von Erinnerung vielleicht,

Das Staunen, noch in dieser Höhe auf Lebendigkeit

Zu stoßen.

 

 

 

Ich, in meinem einen Fenster, eines

Tausendfensterfelsens,

Wusste nicht, dass die Gemälde hinter Glas

Nur in

Gefangenschaft entstehen.

 

 

 

Meinem Wärter hing ich an,

Der lebte in dem Räderwerk

Und war mir unbekannt.

Er wusste davon nichts

Und wachte über mir

Und über mich.

 

 

"Ihm," sang ich laut,

"Sei Lob und Dank.

Ein guter Wärter ist ein Schutzpatron.

Ihm werde ich die Füße,

Nein, die Sohlen seiner Füße küssen."

 

Jeder hörte, dass ich ehrlich war.

 

 

In meinem Falle

Tauschte man sofort den Wärter aus

Und tuschelte:

"Die stärkste Liebe

Stirbt an Trennung."

 

 

 

Dann wurde ich bestraft.

Man schenkte mir zur Strafe

Eine Reise an ein Meer.

 

 

Das Meer war selbstverständlich

Ohne Wasser,

Und statt Palmen an der Küste

Standen eng an eng,

Als Gitterstäbe an dem Rand,

Versteinerungen, alles Menschen,

Die sich trotzdem immer noch

Bewegen konnten.

 

 

Aber, welch ein Leben führten sie.

Sie waren völlig mit sich selbst

Beschäftigt,

Und sie ließen mich nicht durch

Durch sich.

 

 

 

Heute Morgen lag

Mein Schatten vor der Tür

Und wollte heim,

Zurück zu mir.

 

 

Ich hatte ihn bis dahin

Nicht einmal vermisst.

 

 

 

 

Mein schönstes Delfingedicht

 

„Ich bin Delfin

Und schwimm im Meer

Dahin.“

 

 

 

 

Das ist ein Kinderreim, den hat sich

Mama für mich ausgedacht,

Sie hat mir auch noch beigebracht,

Dass ich ein wenig anders bin als andere.

 

 

 

Ich habe eine Nylonschnur um meinen

Hals, die hatten wir zu Anfang nicht beachtet,

Doch sie wird mich langsam würgen,

Und sie hindert mich schon jetzt

Zu schwimmen und zu springen

Wie die anderen, und ganz zuletzt

Werd ich, obwohl ich doch

Ein Kind des Wassers bin,

An ihr in meinem Meer,

Ertrinken.

 

 

 

In einem deutschen Atelier

 

Im ganzen Haus ist alles still.

Der Künstler sitzt in seinem Atelier

Und blickt auf das Modell

In einer Ruhe, die nicht ruhig werden will,

Und seine Augen geistern über es hinweg

Und nehmen hier den Arm,

Ein Stück vom Leib beiseite,

Legen ihre Beine fort

Und schieben sie ihr auf den Rücken.

 

 

 

Gut, dass sie nichts sieht von dem,

Was er sich denkt, denkt sie,

Sie fände sich nicht wieder.

 

Ihre Haare fallen weich und lang,

Das ist ein Anfang, wie er ihn sich wünscht,

Und diesmal will er alles mit dem dritten Auge sehn,

Das, hat er ihr erklärt,

Sitzt hinter seiner Stirn

Und reagiert auf Wärme.

Rot wird er sie malen,

Rot in allen Tönen,

Rot in allen Farben,

Und die Leinwand steht

Als Halteschild dazwischen.

 

 

 

Nun, so will er es,

Soll sie sich auf den Körper malen lassen,

Und sie lässt es zu

Und lebt ja auch mit ihm,

Und aus dem Fenster ruft er

In die menschenleere Straße seine neue Welt,

Und alle lädt er ein zu sich,

Danach verlangt er Wein,

Sie lebt schon lange so mit ihm zusammen

Und reicht ihm ein Glas

Und denkt an das Vorher,

Das wird nachher zum Jetzt,

Das muss sie sich bewahren.

 

 

 

 

Namenlos von meiner Insel, 42 Briefe,

Lyrik

 

Namenlos von meiner Insel, 1. Brief,

Gefangennahme

 

Alles ging sehr schnell.

In einem nahen, fernen Ausland, wo ein

Menschenleben rasch verblühte,

Nahm man mich gefangen.

Einer Schuld war ich mir nicht bewusst,

Ich wurde nicht befragt,

Und ich gestand.

Man fällte noch in meiner Gegenwart das

Urteil:

Tod durch Erhängen,

Und dann, als ein Kader Zweifel hatte,

Wegen einer Sprachverwirrung:

Lebenslängliche Verbannung.

 

 

 

 

Meinen Namen hatte man mir aberkannt

Und schickte mich auf eine

Dieser kleinen Inseln tief im Süden, ohne

Anschluss an die Welt.

Ich durfte unter wenig Menschen leben.

Man versicherte, mit keinem über meine

Schuld zu reden.

 

Einmal jährlich darf ich einen Text

Verfassen, der erscheint, wie dieser,

Irgendwo und ohne meinen Namen.

 

 

 

 

Jetzt, mit dieser kleinen Freiheit,

Wende ich mich an die Präfektur,

An jede Obrigkeit,

Und frage nach:

Warum, weshalb, aus welchem Grund

Hat man mir Solches angetan.

Es geht mir wirklich gut auf meiner Insel

Und ich klage nicht

Und spreche schon mit einer Frau,

Die mich versorgt,

Und sicher bin ich schuldig,

Aber ich erfahre nichts

Und bitte die, die über mich Gericht gehalten haben,

Zu verzeihen:

„Geben Sie mir meinen Namen

Wieder.“

 

 

 

Namenlos von meiner Insel, 2. Brief,

Auf dem Reaktor-U-Boot

 

Es war ein böser Trick,

Dass man mich von der Insel

Einen Brief verfassen ließ,

Man wollte Namen hören

Und dass ich die Obrigkeit beschuldigte

War dumm von mir,

Da gab es kein Verzeihen.

Man verbot mir jede Körperpflege

Und verschleppte mich auf ein
Reaktor- U-Boot,

Das mit reichen Passagieren

Bis in größte Tiefen tauchte.

 

 

 

 

Wochenlang muss ich

In dem Maschinenraum gewesen sein,

Und Namen, die man hören wollte,

Gab ich zu.

Ich musste mich mit einer

Lederpeitsche selber schlagen

Bis das Blut austrat.

Dann schickte man mich wieder heim

Auf meine Insel,

So, als wär nichts gewesen.

 

 

 

 

Bei der Frau, die mich versorgte,

Fand ich fast wie selbstverständlich

Schreibzeug und Papier.

Sie zeigte mir den hohlen Stein

In einer Mauer eines Hauses.

Dort versteckte ich den neuen Brief,

Den schrieb ich gleich nach meiner Rückkehr,

Der war schon am andren

Tag in einer großen Zeitung

Nachzulesen.

Das bewies sie mir in einer

Sendung, die sie täglich sah.

 

 

 

Namenlos von meiner Insel, 3. Brief,

Schmerzhaft Sehnsucht

 

Ich war so maßlos traurig

Und so voller Hoffnungslosigkeit.

Ich durfte meinen Namen

Nicht benennen

Und ich wurde nicht danach gefragt.

 

Am Tisch fand ich die

Frau, die mich versorgte.

Mit ihr saßen dort vier Männer,

Die sich friedlich zeigten,

Bei der Mahlzeit.

Denen teilte sie sich auf,

Sie waren Brüder.

 

Mit dem Winken ihrer Hand

Bat sie mich hin zu sich

An ihre rechte Seite, wo noch Platz war,

Auf die Bank.

 

 

 

 

Die Männer schauten unbeschwert auf mich,

Und einer gab mir seine Hand.

Sie aber beugte meinen Nacken

Tief in ihren Schoß.

Ich drehte mein Gesicht zu ihr

Und sah sie von dort unten an.

 

Sie öffnete ihr Kleid

Und beugte sich leicht über mich.

Sie gab mir ihre Brust.

Ich hatte schmerzhaft Sehnsucht

Nach ein wenig Weiblichkeit,

Die stillte sie auf diese Weise.

Wunderbar durchströmte mich,

Was sie mir tat,

Und warme Dankbarkeit

Stieg in mir auf.

 

 

 

 

Die Männer nahmen das Geschehen

Wahr und ließen es gelassen zu.

 

Mein dritter Brief, in dem ich

Dieses alles schreiben würde,

Lag nur wenig später fertig

Auf dem Tisch,

Und einer ihrer Männer nahm

Ihn mit.

 

 

 

Namenlos von meiner Insel, 4. Brief,

Namenlosigkeit

 

Vielleicht ist dies das letzte,

Was von mir nach außen dringt.

Man holte mich zurück

Von meiner Insel,

Denn die Richter über mich

Verfügten, dass der erste Spruch

Doch gültig sei:

Tod durch Erhängen.

Die Vollstreckung wurde aber

Ausgesetzt.

Begründung gab es keine.

 

 

 

 

Eine Frau vom Komitee nahm mich

Beiseite

Und sie sagte mir, ich sollte

Alles nicht persönlich nehmen,

Weil ich durch den ersten Richterspruch

Zur Namenlosigkeit

Doch keinerlei Persönlichkeit mehr hätte.

Dies wär auch der eigentliche Grund

Warum das Urteil nicht

Vollzogen werden könnte.

All die andren hätten das ganz schnell

Verstanden und auch richtig

Darauf reagiert.

Ich könnte, wenn ich wollte

Heim auf meine Insel

Oder würde namenloses Opfer meines eignen

Handelns werden.

 

 

 

 

Auf dem Tisch, an dem ich mich

Entscheiden sollte, lagen

Bleistift und Papier.

Ich schrieb den vierten Brief.

Man wartete nun meine Zeilen ab,

Die wollte aber niemand lesen,

Steckte meinen Brief in einen Umschlag

Adressierte ihn und übergab ihn

Einem seriösen Boten

Zur Beförderung an eine große

Zeitung.

 

Mich verbrachte man erneut auf

Meine Insel.

 

 

 

Namenlos von meiner Insel, 5. Brief,

Drei junge Frauen

 

Angekommen auf der Insel

Brachte man mich in ein neues Haus.

Das Haus war ein Geschenk für mich.

Es hatte keinen Namen an der Tür.

Die Frau, die mich versorgte

Fragte mich nach meinem Alter,

Und ich wagte keine Antwort,

Ihretwegen.

Die vier Männer, denen sie sich teilte,

Waren nicht dabei.

 

Am andren Tag bekamen wir Besuch von

Fremden in Begleitung,

Die befragten mich in ihrer Sprache.

Wenig später holte man mich wieder ab

Und brachte mich erneut

Auf das Reaktor- U-Boot

Und behandelte mich besser als die Luxuspassagiere.

Der Maschinenraum, in dem ich früher

An den Dampfturbinen Arbeit machte,

Blieb für mich verschlossen.

 

 

 

 

Dann gab man mir gute Kleidung,

Legte Wert auf Sauberkeit

Und abends war ich mit drei jungen Frauen 

Gast bei einem Mann, der über allem stand.

Die Frauen hielten Einigkeit und

Nacheinander, jeweils für drei Abende,

War ich auch Gast in ihren abgedunkelten Kabinen.

Jede zeigte Leuchten in den Augen

Mit verheißungsvollen Blicken,

Und ich blieb die Nächte.

Jede Frau erzählte mir dabei von einem Schicksal,

Das sie hatte, dass sie sich von mir

Ein Liebesglück versprach,

Das sie, ich wüsste schon warum,

Sonst niemals haben könnte,

Und sie wollte nur ein Kind von mir.

Ich wäre namenlos und hätte doch nichts

Zu verlieren.

 

 

 

 

Ich gab alles zu

Und übersah nicht die Gebrechlichkeit

Der amputierten Leiber unter mir.

 

Man brachte mich nach dieser Zeit

Zurück auf meine Insel, zu der Frau,

Die mich versorgte,

Und sie schwor, dass auf der Insel

Nie ein neues Haus gestanden hätte.

 

Bis hier schrieb ich meinen fünften Brief

Und ließ ihn einfach liegen.

Der war, wie von mir erwartet

Schon am nächsten Morgen

Fort.

 

 

 

Namenlos von meiner Insel, 6. Brief,

Schwere Blütendolden

 

Die Frau, die mich versorgte,

War sehr lieb zu mir.

Ich glaube nicht, dass sie mich einfach

Liebte, es war viel, viel mehr.

Ihr Blick verriet mir, dass sie sich

Geborgen bei mir fühlte,

Dass sie meine Nähe suchte.

 

Eines Tages schaute sie mich an

Und bat mich, sie ins Inselland

Zu führen.

Ich war überglücklich,

Und es war die Sehnsucht nach dem

Schönen, die mich leitete.

Ich traute ihr und legte ihren Arm

In meinen.

Sie bedankte sich mit einem

Mädchenhaften Blick zu mir,

Doch den verstand ich nicht.

 

 

 

 

Sie schlug mir einen Kurzweg vor

Und führte uns in einen Garten voller

Unbekannter Blumen.

Schwere Blütendolden streiften unsre

Arme, strichen über die Gesichter

Als ein leiser Hauch

Von zartester Berührung.

Deren Leichtigkeit und warmer Duft

Verführten uns, dass wir uns an den

Händen halten wollten.

 

Sie stand plötzlich still

Und schloss, mir zugewandt, die

Augen.

Als in einer leeren Kirche standen wir

In feierlicher Ruhe,

Und ich gab ihr einen Kuss

Und wusste nicht mehr,

Dass sie sich vier Männern teilte.

 

 

 

 

Diesen sechsten Brief schrieb ich

Nicht auf.

Er hing trotzdem bei meiner Rückkehr

An der Innenwand der Tür zu meinem Raum

Und wurde auch nicht abgeholt

Wie all die anderen.

 

Die Frau, die mich versorgte

Spielte nebenan auf einer

Okarina ihre Melodien.

 

 

 

Namenlos von meiner Insel, 7. Brief,

Kunst im Raum

 

Am andren Morgen wurde ich in aller Frühe wach.

Ich hörte Männerstimmen

Und die Stimme einer Frau.

Man drang in meine Wohnung

Und erteilte mir Befehle in der fremden Sprache.

Ich gehorchte und mit etwas

Kleidung führte man mich ab ins Freie.

 

 

 

 

Draußen kam die Frau, die mich versorgte,

Ebenfalls aus ihrer Wohnung,

Und sie sah mich an und sah durch mich hindurch.

Gelangweilt biss sie ab von einer Frucht in ihrer Hand.

Ich eilte auf sie zu und wollte etwas sagen,

Aber sie blieb fremd und schaute in die Leere.

Gestern hatte ich sie noch geküsst.

Nun lag in ihren Augen Abgewandtheit,

Die mir jedes Wort im Hals erstickte.

An der Mauer stand ein Reisigbesen.

Den sie nahm, damit den Weg zu fegen,

Doch dann stützte sie sich darauf ab

Mit einem neuen Blick auf unsre Gruppe,

So als sähe sie zum ersten Mal ein Kunstwerk,

Über das sie staunte.

Ohne sich zu rühren wurde sie auf diese Weise

Selbst zur Kunst im Werk, im Raum.

Und ich, zur Namenlosigkeit verurteilt und zu

Lebenslänglicher Verbannung,

Konnte nur noch demutsvoll verharren.

 

 

 

 

Wenig später brachten mich die Männer und die Frau

Erst auf ein Boot zum Übersetzen,

Dann an einen Zug und in ein

Abgesperrtes, isoliertes Sitzabteil.

Man gab mir dort, was ich benötigte.

Die Reise endete nach einem

Tag und einer Nacht in ungewisser

Fahrerei direkt in einem Berg weit unter Tage.

 

Hier, in einem großen Raum mit vielen

Menschen und sehr wenig Licht,

Erhielt ich eine neue Bleibe.

Die war nur ein Drahtgestell als

Bett mit festem Stoff bespannt.

Als ich mich umsah

Fand ich unter dem Gestell in einem Umschlag

Unbeschriebenes Papier und einen Stift.

Ich schrieb den siebten Brief,

Den hob mein Bettennachbar wortlos auf

Und trug ihn als ein Bote fort.

 

 

 

Namenlos von meiner Insel, 8. Brief,

Auf der Speisetafel

 

Aus dem Berg war kein Entkommen,

Aber niemand wurde hier bewacht.

Allein der enge Schienenstrang

Gab eine Richtung an.

Dorthin verschwanden manchmal Leute.

 

In dem Berg war ich zum Küchenpersonal

Gerufen worden, ohne Zwang und ohne

Mich zu drangsalieren.

Niemand nahm sich meiner oder eines andren an.

Es gab auch Frauen, die wie wir behandelt wurden.

Sie entschieden sich in jeder Sache selbst.

In meiner Küche gab es kaum ein Wort zu sagen,

Niemand gab Befehle,

Niemand hörte zu, falls jemand redete.

Das Essen selbst war pünktlich aufgetischt

Und wurde abgeräumt von Frauen, Männern,

Die man sonst nicht sah.

Sie sprachen eine fremde Sprache unter sich.

 

 

 

 

Beim Essen stellte sich bald eine

Enge Bindung ein, vielleicht, weil jedes Essen

Eigentlich ganz harmlos einen Namen hatte.

Manchmal aber standen  „Blut“, dann „Leber“,

„Herz“ und „Nieren“ oder „Lunge“

Auf der Speisetafel.

Das entsetzte uns.

Wir wichen blitzschnell aus, als ein gejagter Fischschwarm,

Und entflohen.

Dann, bei einem der Tumulte, stieß ich in ein Messer

Und verletzte mich in Panik an der linken Hand.

Zurück blieb eine Narbe.

Damals zählte ich die Tage und die Nächte

Und blieb länger als ein Jahr und sah kein Sonnenlicht.

Dann wurde ich, als hätte man mich irgendwo

Gefunden, wieder heimgebracht auf meine Insel.

 

 

 

 

Dort erwachte ich am hellen Tag

Aus tiefstem Schlaf und sah

Die Frau, die mich versorgte, neben mir am Bett.

Ich wollte ihr erzählen und sie fragen,

Sie jedoch bestand auf den Besuch der Nachbarin, die einen

Tag vor meinem Abtransport ein Kind geboren hatte,

Das war jetzt und heute keine vierundzwanzig Stunden alt.

Ich sah auf meine Narbe an der Hand

Und auf die Frau, die mich versorgte.

Sie verneinte mit dem Kopf.

 

Ich schrieb, in mich gekehrt, den achten Brief,

Den trug sie augenblicklich fort.

 

 

 

Namenlos von meiner Insel, 9. Brief,

Angst mit Angst bekämpfen

 

Meine Briefe fanden nirgends Echo,

Dass, obwohl sie nachzulesen und zu hören waren.

Niemand fand es sonderbar,

Von einem Namenlosen ohne jeden

Umweg etwas zu erfahren.

Die Erlaubnis, Briefe zu verfassen, ohne

Dass man an den Schreiben

Etwas änderte, erfüllte mich mit Mut.

In Zukunft würde ich mich gleich an jeden

Und an alle in der Heimat wenden

Und um Hilfe bitten.

 

Ich sprach mit der Frau, die mich versorgte,

Und erfuhr, dass meine Briefe schon von Anfang an

Für jeden zugänglich und öffentlich gewesen waren.

Dass das Urteil über meine Namenlosigkeit

Und lebenslängliche Verbannung als persönliches Geschick

Und meine eigne Schuld empfunden wurde.

Niemand würde sich je um mich kümmern wollen.

 

 

 

 

Als die Frau, die mich versorgte,

Meine Angst erkannte, riet sie mir,

Ich sollte Angst mit Angst bekämpfen,

Und sie sagte:

„Willkür ist der schlimmste Terrorismus“.

Das verstand ich nicht.

 

Dann aber kam sie eines Abends,

Legte sich entkleidet auf mein

Bett, als wollte sie sich mir beweisen.

Das verwirrte mich, und ich war traurig

Und sah hoffnungslos auf sie herab.

Sie aber zeigte mir mit ihrem Finger

An der Taille eine schwarze Tätowierung,

Die mich tief erschrecken ließ,

Es war das mittelalterliche Zeichen

Von der Tür zu einem an der Pest Erkrankten.

„So kannst du dich schützen“, sagte sie.

Dann sah sie mich sehr lange an.

Ich hätte sie gern lieben wollen,

Und mein Herz war wach,

Doch das, was ich die Seele nannte,

Wog in mir so schwer wie Stein.

Ich dachte auch daran,

Dass sie sich in vier Männern teilte.

 

 

 

 

Nun schreib ich den neunten Brief

Und hoffe auf kein Wunder,

Denn ich spüre die Gefahr

Um die Organe meines Körpers.

 

Einer ihrer Männer hat mir das Tatoo gestochen.

Er war freundlich und entgegenkommend.

 

Dieser Brief blieb ein paar Tage unentdeckt,

Dann war er fort wie all die anderen.

 

 

 

Namenlos von meiner Insel, 10. Brief,

Sie kämmte sich

 

Am neuen Morgen schienen alle meine

Spuren wie verweht, verwischt.

Ein Ungefühl nach völliger Verlassenheit

Stand mir im Hals.

Im Haus lag nichts, stand nichts

Und es gab nichts, was mich an mich

Erinnerte.

Im Nachbarhaus war niemand, und die

Frau, die mich versorgte, gab es scheinbar nicht.

Ihr Haus war leer und ohne Möbel,

Kein Gerät und keine Gegenstände.

Nichts bezeugte, dass hier jemals jemand ein

Zuhause hatte oder hatte haben können,

Und es steckte auch kein Schlüssel in der Tür.

 

Ich ging zum Strand und dort entdeckte ich,

Dass meine Spur von mir vor mir im Sand

Zum Wasser führte,

Das entfernte sich mit jedem Schritt

Und immer schneller in die Ferne.

 

 

 

 

 

 

Ich begann dem nachzulaufen, doch es

Floh mit wachsender Geschwindigkeit.

Da blieb ich stehen.

Statt nun selbst zu fliehen, hielt ich fest an

Diesem Augenblick der Leichtigkeit in mir

Und hatte keine Angst.

 

Mit einem Helikopter brachte man mich

Heim auf meine Insel.

Nichts an meinem Körper hatte sich verändert,

Lediglich ein kleines Pflaster auf dem Oberschenkel

Überdeckte einen Einstich.

Von der Frau, die mich versorgte, sah ich bei der

Ankunft gleich den Rücken und die federnd

Dunkelroten Haare, die in langen Locken

Fast bis zu den Hüften reichten.

Ihr Gesicht sah ich im Spiegel, und sie kämmte sich.

Sie sah daraus voll Freundlichkeit  zu mir.

Ich hätte meinen Mund, die Nase und die Hände gerne

In ihr Haar gedrückt.

 

 

 

 

Da kam sie langsam auf mich zu und

Drehte mir, ganz nah, den Rücken zu.

Mit ihrer rechten Hand schob sie die Haare aus dem Nacken

Über mein Gesicht und über meinen Hals,

Und sah mich von der Seite an.

Die Leute, die mich brachten, nahmen

Nicht Notiz davon.

Es war als stünden wir auf einer Bühne

Ohne jedes Publikum.

Mein Herz schlug schnell,

Es war der engste Schritt in unsrem Tanz.

 

Ich schrieb danach den zehnten Brief und

Rätselte nicht um Erklärungen.

Ich weiß auch nicht, wer diesen Brief und wohin

Weitertrug.

 

 

 

Namenlos von meiner Insel, 11. Brief,

Die drei Frauen

 

Ohne Vorbereitung holte man mich ab von meiner Insel.

Die Bewacher kannten mich,

Doch ihre Sprache blieb mir fremd.

Ich zeigte keinen Widerstand,

Und war ergeben in mein Los:

Zu lebenslanger Namenlosigkeit verurteilt.

 

Der Transport war eigentlich mehr eine

Reise, weil man höflich zu mir war und

Mich in keiner Weise drangsalierte.

Mehrfach wendete man sich an mich mit

Fragen oder mit Bemerkungen,

Doch die verstand ich nicht.

 

Wir kamen wieder zum Reaktor-U-Boot.

Das war aufgetaucht auf hoher See, und ich gelangte

Aus dem Helikopter über eine Einstiegsluke in das Schiff.

Man hatte mich erwartet, und man brachte mich

In eine aufwendig gestaltete Kabine,

Wo ich, wie das zweite Mal davor,

Zur Körperpflege und zur Kleidung alles passend fand.

 

 

 

 

Am ersten Abend hatte ich

Begegnung mit dem Mann, der über allem stand.

Der lud mich freundlich ein zu einem Essen mit den

Frauen, die ich von dem zweiten Treffen her

Noch kennen sollte.

Das gefiel mir nicht, weil man mir damals

Keine Wahl gelassen hatte, und ich nacheinander

Mit drei amputierten Frauen für drei Nächte

Unfreiwillig schlafen musste.

 

Die drei Frauen kamen auf mich zu

Und gaben mir fast schuldbewusst

Ein wenig Selbstvertrauen, weil sie mich in meiner

Sprache grüßten und nach meinem

Wohlbefinden fragten.

Ihre Hände lagen dabei voller Stolz

Auf ihren Unterleibern.

Eine trat heraus und sagte mir, wie

Glücklich sie nun wären, und sie kämen

Aus dem Land, wo Männermangel herrschte,

Ja, ich sollte alle drei in dieses Land, das hoch in

Kalten Bergen liegt, begleiten,

Und ich wäre sofort frei.

 

 

 

 

Sie überreichte mir drei Fotos von den Ungeborenen.

An meinem Urteil über lebenslange Namenlosigkeit

Vermochten sie zwar nichts zu ändern,

Aber sie versprachen Wohlstand und dass ich mit

Allen drein gemeinsam leben dürfte.

Alle gratulierten mir zu diesem Glück,

Und Tränen standen ihnen in den Augen.

 

Ich verfluchte aber diesen Augenblick

Und sehnte mich sekundenlang nach Selbstkasteiung.

 

Eine Antwort gab ich nicht.

 

Ich ging statt dessen aus dem Raum durch eine Tür,

Die war ein wenig angelehnt,

Und stand vor meiner Unterkunft auf meiner Insel,

Vor der Frau, die mich versorgte.

Sie nahm mir die Fotos aus der Hand

Als wüsste sie Bescheid.

 

Ich schrieb den elften Brief

Und gab ihr den dazu.

Sie wandte sich mit einem Lächeln ab

Und ließ mich wortlos stehen.

 

Mir im Rücken spürte ich die

Unzufriedene Gesellschaft.

 

 

 

Namenlos von meiner Insel, 12. Brief,

Ob ich Tango tanzen könnte

 

Die Frau, die mich versorgte,

Saß in meinem Zimmer auf dem Stuhl

An meinem Bett.

Ich stand davor und sah auf sie herab.

Ich wusste nicht, wie weit ich ihr

Vertrauen durfte, und ich hätte sie sehr gerne

Sehr begehrt.

Da stand sie auf und fragte, ob ich mit ihr

Tango tanzen würde, ob ich

Tango tanzen könnte.

Dabei senkte sie den Kopf und

Blickte mich von unten stolz und sehr ernst an

Und legte meinen rechten Arm an ihre

Taille und begann mit ihrem linken Fuß

Den Takt zu stampfen.

 

Ich war irritiert, mir fehlte die Musik.

Doch ihre Schritte und ihr Leib, und weil ich ihre

Körperliche Enge, Haut an Haut, verspürte,

Ließ ich sie sich von mir drehen und sich an mich reißen,

Und ich wurde ihr zum Halt

Und sie mir meine einzige Trophäe.

 

 

 

 

Sie trug eine luftig weite, ärmellose, weiße Bluse,

Ihre blanke Stirn warf Sonnenlicht zurück,

Und in der Anmut der Bewegungen

Ließ sie die Blicke

Mir nicht aus den Augen gleiten.

So gab sie sich ihrem Tänzer hin,

In unsrem Atem waren wir vereint.

Wir tanzten kurz und schnell

Bis sie sich plötzlich ganz aus meinen

Armen rollte und zurückgedreht, wie leblos

Mir zu Füßen sank.

 

Ich war wie sie erschöpft und half ihr auf.

 

Es roch nach Sperma.

 

Meine Frage nach Vertrauen stellte sich nicht mehr.

 

 

 

 

Sie tänzelte noch für Minuten durch den

Raum, als müsste sie ein Puzzle

Stück für Stück und Schritt für Schritt

Zusammensetzen und zusammenfügen,

Eine Kette von zerrissenen Ereignissen

Für sich noch einmal nacherleben.

Dann gab sie mir flüchtig einen Kuss

Und stützte sich dabei auf meinen

Armen ab.

 

Der zwölfte Brief lag tagelang auf meinem

Tisch, als sollte ich mir alles gründlich überlegen.

Danach war er fort.

 

 

 

Namenlos von meiner Insel, 13. Brief,

Eine Probefreiheit

 

Ich wurde wieder abgeholt.

Es sollte neu verhandelt werden.

Sicher zweifelte nun keiner mehr an meiner

Unschuld und ich käme frei.

Die Frau, die mich versorgte,

Wollte einfach mit mir kommen,

Und man hatte scheinbar nichts dagegen,

Doch man tat als gäbe es sie nicht.

Ich kam erneut vor ein Gericht.

Die Frau, die mich versorgte,

Sprach als Übersetzerin zu mir

Und ließ mich wissen, dass man mir

Zur Probe, also auf Bewährung,

Meine Freiheit geben wollte.

Diese Probe, diese Freiheit, hätte nichts

Mit mir zu tun und änderte auch nichts an meinem Urteil,

Nein, sie wäre eine Probefreiheit meiner alten Welt.

Die sollte sich bekennen.

 

Das verstand ich nicht.

 

 

 

 

In meiner alten Heimat angekommen

Sah ich gleich, dass an der Eingangstür

Ein fremder Name stand, und Nachbarn, die

Ich kennen musste, gab es nicht.

Man sprach mich aber an und fragte,

Ob ich der sei, der im Ausland zwar begnadigt,

Aber schuldig und verurteilt worden sei.

Die Frau, die mich versorgte,

Sagte mir, dass diese Leute nur das Wissen hätten,

Das ich selbst in meinen Briefen mitgeteilt

Und fortgegeben hätte.

Niemand hier bezweifelte die Schuld an mir

Und dass es alles schon mit rechten Dingen

Zugegangen sei.

Man wendete sich ab.

Es hieß sogar, dass man mich hier nicht haben wollte,

Und man kehrte mir den Rücken.

 

 

 

 

Auch die Frau, die mich versorgte, war kein Trost,

Im Gegenteil.

Von ihr erfuhr ich nämlich, dass man mir die Heimkehr

Auf die Insel offenhielt, ich brauchte dem nur zuzustimmen.

Namenlos in meiner Heimat, sollte ich mich wie in der Verbannung

Unfreiwillig und doch freiwillig dem

Urteil, dass ich nicht verhindern konnte, beugen,

Und mich fremdbenutzen lassen.

 

Einzig in der Frau, die mich versorgte, sah ich

Noch die Hand, die sich mir bot,

Und floh in Angst mit ihr zurück auf meine Insel.

 

Diesen vielleicht letzten Brief schrieb ich

In großer Eile, und er wurde, wie noch feucht,

Mir aus der Hand gesogen und verschwand.

 

 

 

Namenlos von meiner Insel, 14. Brief,

Kein Geräusch

 

Diesen Morgen schlief ich lange

Und erwachte von der Ruhe um mich her.

Von draußen drangen keine Laute, kein Geräusch zu mir,

Es schien als wäre alles das, was mich umgab, in

Stoffe, Tücher, Watte eingeschlagen.

Dumpfe Stille hielt den Atem an.

Ich ging an meine Haustür

Um hinauszuschauen,

Doch sie war verklemmt,

Es drückte sie von außen etwas zu.

Ich sah durch einen Spalt

Und fand ganz eng ans Haus gewachsenes

Gestrüpp, dahinter Bäume, aufrecht und gestürzt,

Die ich zuvor noch nie gesehen hatte.

Urwald hatte sich dort ausgebreitet.

Durch das Fenster war ein starker Ast gewachsen,

Der stieß an die Zimmerdecke.

Jenen kleinen Sandweg, der zu meiner

Haustür führte, hatte sich Natur zurück erobert.

Ich stieg an dem Ast ins Freie.

Niemand war zu sehen.

Weit zu gehen traute ich mich nicht,

Ich hatte Angst, es war mir alles fremd.

 

 

 

Ich kletterte zurück ins Zimmer.

Es war dunkel hier und Lampen funktionierten nicht.

Ich setzte mich zurück aufs Bett.

Da öffnete sich eine Tür, die ich zuvor noch nie

Gefunden hatte, neben meinem Bett in einen andren Raum.

Der war mein ursprünglicher Wohnraum in Kopie,

Ganz gleich und ohne diesen Wildwuchs.

Alles dort war so wie ich es kannte, so wie immer.

Etwas seitlich hielt die Frau, die mich versorgte,

Mit der rechten Hand den Türgriff,

Und mit ihrem linken Zeigefinger winkte sie mir zu,

Dass ich ihr folgen sollte.

Dann verschwand sie hinter ihrem Türblatt.

Ich stieg übers Bett nach drüben, doch sie hatte diesen Raum

Schon durch die Eingangstür verlassen.

Ich trat ebenfalls nach draußen und fand alles

Unverändert und vertraut wie eh und je.

Der Sandweg führte als ein Rinnsal auf die

Haustür zu, und alles war verlässlich.

Die Geräusche waren mir gewohnt, und nebenan

Sprach jemand laut, ein anderer sang eine kleine Melodie.

Die Zwischentür zum ersten Raum war zugeschlagen.

Ich ging wieder hin und öffnete sie weit, um nachzuschauen,

Was ich dort verlassen hatte.

Urwald hatte sich tatsächlich bis hier ausgebreitet.

 

 

 

Ich stand noch im Rahmen dieses Durchgangs

Als die Frau, die mich versorgte, wieder eintrat.

Die vier Männer, denen sie sich teilte, waren auch dabei.

Sie gaben mir ein Zeichen, dass ich mich entscheiden sollte.

Ich ging in den neuen Raum.

Sie wollten nun den Durchgang wie mit Fensterläden schließen.

Das war mir zu grob und viel zu unwirklich.

Das spürte wohl die Frau, die mich versorgte.

Sie sprach mit den Männern und nahm mich in freundschaftlicher

Führung mit sich weit nach draußen bis hin zu den Blumengärten.

Nirgends sah ich Wildwuchs oder Urwald.

Erst am späten Abend kamen wir zurück.

Die Männer hatten in der Zwischenzeit die Öffnung

Sowie jede Spur zu einem andren Raum beseitigt,

Und auch draußen konnte ich nichts finden.

 

In dem neuen Zimmer schrieb ich alles auf,

Was mir seit diesem Morgen widerfahren war.

Ich suchte nicht nach Fragen oder Antworten.

 

Dem Brief gab ich die Nummer Vierzehn.

Er lag tagelang in meinem Zimmer neben meinem Bett,

Dann hatte man ihn abgeholt.

 

 

 

Namenlos von meiner Insel, 15. Brief,

Ausgeliefert

 

Das Urteil stand mir hoch als Wand vor Augen:

Ohne Schuld war ich in einem fremden Ausland

Erst zum Tod durch Hängen abgeurteilt worden,

Später, wegen einer Sprachverwirrung,

Namenlos verbannt auf diese Insel.

Hier war ich der Willkür Unbekannter ausgeliefert.

In der Heimat hatte ich noch Schlimmeres erlebt:

Man wollte mich dort nicht mehr haben,

Weil man mich für schuldig hielt.

 

 

 

 

Die Rückkehr war mir so vereitelt worden.

Nirgends konnte ich Vertrauen fassen,

Auch nicht zu der Frau, die mich versorgte.

Lange dachte ich darüber nach.

Ich wusste nicht, ob sie und die vier Männer,

Denen sie sich teilte, einer Obrigkeit gehorchten.

 

 

 

 

Diesem, meinem neuen Brief, gab ich die Nummer fünfzehn,

Und ich wusste nicht, für wen, für was ich alles festhielt.

Draußen mochte es noch jemand geben,

Der viel Schlimmeres erlebte und erfuhr,

Doch konnte mir das Trost sein und Vertrauen schenken?

Worauf konnte ich noch hoffen?

 

Gleich nach seiner Niederschrift war dieser Brief

Verschwunden.

 

 

 

Namenlos von meiner Insel, 16. Brief,

Im „Großen Haus“

 

Ich verließ das Haus

Und ging spazieren.

Da fuhr neben mir ein Wagen auf.

Der wurde von der Frau gelenkt, die mich versorgte,

Und sie fragte, ob ich sie begleiten wollte.

Sie war auf dem Weg zum „Großen Haus“.

Das kannte ich noch nicht.

So stieg ich zu ihr ein.

Sie sah ein wenig anders aus als sonst.

Ich sah sie von der Seite an, mir fiel jedoch nichts weiter auf.

Wir fuhren zu dem „Großen Haus“.

Es schien sehr herrschaftlich.

Von weitem sah ich viel Geschäftigkeit.

In nächster Nähe gingen dann zwei Frauen,

Die der Frau, die mich versorgte, zum Verwechseln

Glichen.

Ich war irritiert,

Die Frau saß neben mir und war auch draußen.

Eine von den beiden sah ein wenig jünger aus,

Die andere schien älter.

 

 

 

 

Meine Fahrerin blieb ungerührt.

Wir traten ein.

Gleich hinter dem Empfang stand ich.

Ich stand dort zweimal,

Einmal so wie ich vor Jahren ausgesehen hatte

Und daneben ganz genau wie jetzt.

Ich wollte mich verstecken.

 

In dem ganzen Haus war reges Tun und auch viel Lässigkeit.

Ich traf auf immer neue Doppelgänger.

Keiner staunte, alle waren ungewöhnlich frei.

Ich kannte mich bald nicht mehr aus.

Die Frau, die mich versorgte und den Wagen

Hergefahren hatte, konnte ich nicht mehr entdecken.

Sie war in zu viele gleiche Frauen eingetaucht.

Da wurde ich von einem meiner Doppelgänger angesprochen.

Er sah mich sehr freundlich an.

Er sprach jedoch nicht meine Sprache,

Und ich lächelte verständnislos zurück.

Ein wenig aber spürte ich Vertrauen,

Und ich hatte Lust ihn zu berühren.

 

 

 

 

Viele Wochen lebte ich im „Großen Haus“.

Wir gaben uns an Kleidung, Essen, Überflüssigem

Und an Erforderlichem was wir brauchten.

Immer war jedoch schon alles angetan und

Stand bereit für mich, für alle meine Ichs

Und für die Doppelgängerinnen von der Frau,

Die mich versorgte, und sie selbst darunter.

 

Eines Tages redete von denen eine ganz vertraut mit mir,

Dass ich „der in Verbannung“ sei,

Sie führe wieder heim und wenn ich wollte..

Ich war gleich dabei und sagte: „Ja“,

Doch trauen konnte ich ihr nicht.

 

So fuhren wir zurück.

 

Zu Hause angekommen

Stand die Frau, die mich versorgte, uns im Weg,

Und ohne Staunen öffnete sie mir die Wagentür.

Sie fragte nur, ob ich im „Großen Haus“ gewesen sei

Und sah gelangweilt auf die Doppelgängerin.

Die grüßte sie und fuhr, als wäre nichts, davon.

 

Mein neuer Brief erhielt die Nummer sechszehn,

Und er wurde schon am andren Tag

Von jemand wortlos abgeholt.

 

 

 

Namenlos von meiner Insel, 17. Brief,

Doppelgänger

 

Die Frau, die mich versorgte,

War bei mir am späten Vormittag zu Gast und

Sprach von großem Glück, das uns beträfe.

Ich verstand sie nicht.

Sie wollte deshalb mit mir leise dieses

Haus verlassen und zum „Großen Haus“,

Wo unsre Doppelgänger lebten, fahren.

Für Sekunden hatte ich mir anderes von ihr

Versprochen, und ich hätte sie so gern geliebt.

Das spürte sie und gab mir zu verstehen,

Dass sie etwas wüsste, was für sie und mich

Und die vier Männer, denen sie sich teilte,

Wichtiger und von Bedeutung sei.

Sie sah mich dabei aber an, dass ich sie in die

Arme nehmen musste.

Für den Augenblick fing ich sie auf,

Doch sie gab sich als Frau und wollte keinen

Trost.

Wir liebten uns das erste Mal.

Das dauerte bis in die Dämmerung.

Dann aber wollte sie mir zeigen, was sie wusste,

Und wir fuhren los.

 

Nicht weit vom „Großen Haus“ entfernt

Versteckten wir uns hinter  einem Busch.

Doch das war gar nicht nötig.

 

 

 

 

 

Ich erkannte Schreckliches.

Es lagen alle Leiber unsrer Doppelgänger leblos

Vor dem Haus.

Sie waren noch zum Teil bekleidet, aufgestapelt und an vielen

Stellen ihre Körper aufgeschlitzt und schlimm

Entstellt.

Wir sahen Kinder unter ihnen, aber wagten uns nicht

Nah an sie heran und nicht, sie zu berühren.

 

Links vom „Großen Haus“ erkannte ich die Männer,

Denen sich die Frau, die mich versorgte, teilte.

Die vier Männer trugen Schutzanzüge, und es schien,

Dass sie die toten Leiber sammelten, um sie zu

Transportieren.

Einer von den Vieren schrieb an einer Liste.

 

„Uns“, so sagte sie, „hat man verschont, weil wir die wahren

Körper haben.

Unsre Doppelgänger waren scheinbar ein Versuch,

Sie hatten aber wahres Leben,

Denn sie hatten Kinder.

Das war mir seit langem schon bekannt.“

 

 

 

 

Ich hielt bei dem Gedanken an die Kinder meinen

Atem an, das Herz schlug mir im Hals.

Ich fühlte mich als Vater und empfand doch keine

Trauer.

 

Sie stand lange still und schlug dann vor

Zurück zu fahren:

„Wir sind hier umsonst, wir können und wir konnten

Gar nichts machen.

Keiner von uns weiß, warum sie sterben mussten.“

 

Diesmal gingen wir zu ihr nach Hause,

Und wir liebten uns ein zweites Mal in

Tränenreichem Wiedersehen, in Verzweiflung und in

Abschied.

 

Tage später schrieb ich,

Alles auf und gab dem

Brief die Nummer siebzehn.

Der lag lange unbeachtet hinter meinem Bett

Bis ich ihn fast vergessen hatte.

Eines Tages aber wollte ich das „Große Haus“ erneut besuchen,

Doch es gab nichts mehr, kein Haus, kein Grab und keine Spur.

Seitdem war auch mein Brief

Verschwunden, so wie all die anderen davor.

 

 

 

Namenlos von meiner Insel, 18. Brief,

Ein weiteres Geheimnis

 

Meine Liebe, die ich zu

Mir hatte, ging verloren,

Ich empfand mein Lieben

Nicht mehr liebenswert

Und dass ich mit der Frau,

Die mich versorgte und die sich

Vier Männern teilte, Liebe hatte, war

Mir ein Geschenk in aussichtsloser Lage.

Sie war mir ein Himmel, den ich in der

Kleinsten Wasserpfütze sah.

 

Ich war am Rande des Betruges,

Des Verrats an mir.

Ich hasste mich und dankte allem

Über mir zugleich, dass es dies wunderbare

Wesen gab.

Wir hatten kein Geheimnis

Voreinander und vor niemandem,

Und doch war es für andere nicht nur, als

Wäre nichts, es war viel weniger, es

Intressierte sich nicht einer für uns zwei,

Und selbst die Frau, die mich versorgte,

Die mir nun so nahe stand, war

Unpersönlich, höflich,

Und sie fragte mich nach gar nichts aus.

Ich drängte sie, mir zu erzählen,

Was sie fühlte, was sie dachte,

Und vor allen Dingen, wie sie hieß.

Die Frage schien ihr fremd,

Als wüsste sie nicht, was ich meinte,

Aber sie war aufgeregt

Und wollte mir ein weiteres

Geheimnis zeigen.

 

 

 

 

Also fuhren wir in eine

Gegend dieser Insel, wo sich Wellen

Ohne Sturm an einer Küste brachen

Und zu Wassersäulen türmten.

Es war tosend laut.

Sie schrie mir zu und flüsterte zugleich:

„Darunter leben sie versteckt

Und können rasend schnell nach

Oben kommen.

Niemand ist vor ihnen sicher,

Sie bestimmen über alles!“

 

Ich war überrascht und

Konnte eine solche Technik nicht

Verstehen.

Doch vor meinen Augen brachen

Gischt und Wassersäulen in ein Nichts

Zusammen, und der Felsenboden senkte

Sich nach unten ab, dort sah ich

Glasverdeckte Häuser, die im Kunstlicht

Standen.

Dann verschloss sich alles wieder,

Und die Wassersäulen stiegen auf.

Ein leichter Wind trug

Wassernebel her zu uns.

 

 

 

 

Er schmeckte nicht nach Salz.

 

Wir fuhren heim und saßen lange

Auf dem Bett in meinem

Zimmer.

Keiner von uns beiden

Wusste etwas zu erklären.

Keiner wagte das Gesehene zu

Deuten.

 

Wieder schrieb ich alles auf

Und gab dem Brief die Nummer achtzehn.

Als die Frau, die mich versorgte,

Spät am Abend ging,

Nahm sie den Brief vom Tisch

Und nahm ihn wortlos mit sich fort.

Ich rief ihr meine Frage nach.

Doch schien es mir als wäre plötzlich

Eine jeden Laut verschluckende und unsichtbare

Trennwand zwischen uns.

 

Sie konnte mich nicht hören.

 

 

 

Namenlos von meiner Insel, 19. Brief,

Eine junge Frau

 

Die Frau, die mich versorgte und die sich

Vier Männern teilte, kam, mich zu

Besuchen.

In der Hand hielt sie die Okarina, die sie

Eigenwillig spielte, und sie fragte dann,

Ob mir ihr Spielen recht sei.

Ihre Melodie war leicht und sanft,

Sie rührte mich in fremder Weise,

War das Trippeln einer Frau in buntem, engem Rock

Auf hölzernem und doch gedämmtem Boden.

Diese Frau, von der ich keinen Namen wusste,

Hatte ich geliebt und war doch nicht in

Leidenschaft zu ihr,

Es war, als lägen unsre Zimmer auf dem selben Flur,

Ganz nah, und doch so weit entfernt,

Es schien, wir müssten uns von uns

Erlaubnis holen, um uns zu besuchen.

 

Ihre Melodie klang aus.

Sie wollte wissen, ob ich auch ein

Instrument zu spielen wüsste,

Und ich hatte keine Antwort, denn mir war sie nicht

Die Spielerin auf einem Instrument,

Sie war viel mehr die Bringerin von

Liebessehnsucht.

Ihre Frage ließ ich liegen.

 

Hier in meinem Zimmer war es eng, und

Sie war nah an mir,

Ich wagte aber nicht, sie zu berühren.

Ja, ich spielte auch ein Instrument und

Sagte es ihr jetzt.

Sie aber sprach von etwas anderem,

Und sagte, dass sie eine Frau an ihrer

Seite hätte, und die würde draußen warten.

Diese Frau wär ein Beweis, ein schlimmer leider,

Aber sie wär noch am Leben.

 

 

 

 

Ich verstand kein Wort und wurde hart aus meiner

Kleinen Harmonie gerissen.

 

Ich ging vor die Tür nach draußen.

Dort stand eine junge Frau mit einem leichten

Seidentuch um ihren Kopf, das nur zwei grüne Augen

Ausschau halten ließ.

Sie sprach mich holperig in meiner Sprache an,

Entschuldigte sich aber gleich dafür.

Sie zeigte Anmut, und das Tuch

War Teil von einer feinen Schönheit.

Dann jedoch zog sie das Tuch wie einen

Schleier langsam vom Gesicht.

Das war entstellt, gleichzeitig aber so verheilt,

Als hätte sie ein viel zu festes, weißes Tuch um

Ohren, Nase und den Mund gezogen.

Ihr, so sagte mir die Frau, die mich versorgte,

Hätte man die Lippen, Ohren, Nase einfach abgeschnitten

Und sie ihrem Schicksal überlassen.

Das tat mir unendlich leid.

 

Ich nahm sie ohne Worte und mit großer

Vorsicht in die Arme.

Sie jedoch war fest und unbeirrt und wies den

Trost von sich.

„Ich habe Schlimmeres erlebt als das,

Was ich dir zeige“, sagte sie und

Zog den Schleier des Erbarmens

Wieder über ihr Gesicht und ihren Kopf.

 

 

 

 

Es war schon spät am Abend,

Und die Frau, die mich versorgte,

Ging mit ihr voran und mir an ihrer Hand,

In meine Wohnung.

„Keiner hat mehr Umgang mit der Frau“,

Sprach sie wie zu sich selber, aber laut.

 

Die Frau war still und setzte sich in

Artigkeit auf einen Stuhl.

Die Frau, die mich versorgte, sagte noch im Gehen:

„Diese Frau hat niemanden, sie bleibt

Nur ein paar Tage.

Sie vertraut in allem ganz auf dich

Und danach wirst du nie im Leben wieder

Etwas von ihr hören.“

Da verstand ich meinen Auftrag

Und bedachte alles sehr genau.

 

Aus Mitleid wollte ich die Frau nicht haben,

Dazu war sie auch zu stolz.

Sie wollte sich jedoch in ihrer Not von einer andren

Not durch mich befreien lassen.

 

Nach fünf Tagen war sie früh am Morgen

Wieder fort.

Ich hatte sie sehr gern an meiner Seite.

 

Alles schrieb ich wieder auf und gab dem

Brief die Nummer neunzehn.

Den nahm sie bei ihrem Auszug

Heimlich, ohne mich zu fragen, mit.

 

Die Frau, die mich versorgte,

Hatte einen langen Blick für mich.

Der schien gemischt mit Neugier und mit

Aufmerksamer Dankbarkeit.

 

 

 

Namenlos von meiner Insel, 20. Brief,

Moderne Technik

 

In meiner hoffnungslosen Lage

Tastete ich vorsichtig nach etwas Glück.

Ich lebte namenlos verbannt in

Unbekannter Fremde auf der Insel, und in meiner

Heimat glaubte man dem Urteil über mich, zu dessen

Grund mir niemand jemals etwas hatte

Sagen wollen.

Meine Heimat nahm mich nicht mehr auf.

 

Ich war ein Todeskandidat,

Und nur durch eine Sprachverwirrung

Blieb das Todesurteil ausgesetzt.

Man wandelte es um in lebenslängliche Verbannung

Und in Namenlosigkeit.

Von da an war ich fremdbestimmt,

Und es verfügten Unbekannte über mich

In ungebremster Willkür,

Und seit kurzer Zeit empfand ich Mut zur

Gegenwehr und dachte weit zurück

Und sehr weit in die Zukunft, denn die hätte

Ich vielleicht zusammen mit der Frau, die mich

Versorgte und die sich vier Männern teilte,

Finden können, doch sie blieb mir trotz

Der körperlichen Nähe unvertraut.

 

 

 

 

Ich ging zu ihr und fragte sie nach technischen

Verbindungen in meine Heimat.

Davon hatte sie erfahren und sie führte mich

Sehr weit zu einem kleinen Haus.

In dem fand ich moderne Technik, deren

Umgang und Benutzung sie mir zeigte.

Es war nichts Verbotenes dabei.

Wenn ich die Nummer oder Anschrift eines

Adressaten wüsste, könnte ich hier alles

Nutzen,

Der Empfänger müsste lediglich zur

Kostenübernahme Einverständnis geben.

Darin sah ich kein Problem und rief aus alter

Zeit die erste Nummer des Vertrauens auf.

Als die Verbindung stand und ich auf einem

Bildschirm die Person im Kreis von Freunden

Sehen konnte, lehnte man dort jede Kostenübernahme

Strikt und einfach ab.

Die Stimmen hörte ich sehr gut, und auch das Bild

War einwandfrei.

Mich aber konnten sie nicht hören,

Keiner wollte mit mir sprechen.

Es war kein Betrug.

 

 

 

 

Die Suche nach ein wenig Glück

Nahm eine sonderbare Wende.

Unglück in der Fremde und in meiner

Heimat hielten sich so gleichgewichtig

In der Waage, dass mich Ausgeglichenheit,

Zufriedenheit und nie gekannte Glücksgefühle

Überkamen.

 

Eine reiche Stille breitete sich in mir aus

Und ließ mich schweben.

So nahm ich die Frau, die mich versorgte,

An die Hand, und auf dem Weg zurück

War ich ein freier Mann.

Ich fühlte in mir Sicherheit erwachsen

Und es schien, dass ich nicht einem Menschen mehr

Nur das Geringste schuldete.

 

Zuhause schrieb ich alles wieder auf,

Der Brief erhielt die Nummer zwanzig.

Und noch während ich die Zeilen schrieb,

Erstarkten meine Glücksgefühle, und es blieb

Nicht nur Erinnerung an einen schönen

Augenblick, es wuchs in mir Vertrauen in die

Zukunft.

 

Dieser Brief lag lange unbeachtet in dem Zimmer.

Irgendwann verlor ich ihn aus meinen

Augen.

 

 

 

Namenlos von meiner Insel, 21. Brief,

Mit honigsüßen Worten

 

Das Leben, das ich führte, nahm mich in

Beschlag, und es schien alles gut.

Ich hatte mich daran gewöhnt und musste mich um

Gar nichts kümmern,

Und die Frau, die sich vier Männern teilte,

Sorgte sich um mich mit größter Freundlichkeit

Und manchmal auch mit Liebesnähe,

Doch sie sprach kein Wort darüber.

Was sie dazu trieb blieb ein Geheimnis.

Wünsche, die ich hatte, nahm sie ernst

Und half nach Kräften.

 

Ungeachtet dessen, sah sie ganz gelassen zu

Als mich erneut drei Männer holten

Und gefesselt in ein Auto zerrten.

Ich versuchte diesmal Widerstand, den gab ich aber sehr

Schnell auf.

Die Männer setzten sich im Fahrzeug Atemmasken auf,

Und ich erwachte erst bei Dunkelheit in einem fremden Raum.

Mir war ein wenig übel.

Mit der Fessel an den Handgelenken tastete ich

Meinen Körper ab.

Ich suchte nach Verletzungen, nach Narben, die vielleicht

Entnahmestellen wären oder nach Verbänden.

Dabei bohrte ich mir aus Versehen mit dem freien Fesselende

In den Leib und fürchtete das Schlimmste.

Aber ich fand nichts und unterdrückte meine Angst.

 

Ich schlief danach sehr lange weiter, bis man mich in fremder

Sprache weckte und die Fessel von den

Handgelenken schnitt.

Man führte mich in einen Raum mit anderen und gab mir

Trinken und zu Essen.

Über mir in allen Zimmerecken sah ich winzige Geräte, die mich

Gleich beim Eintritt in den Raum erfassten, sich

Geräuschlos und synchron mit mir bewegten.

Nach dem Essen führte man mich in den ersten Raum zurück,

Und ließ mich dann allein.

 

 

 

Ich sah nun, dass die Liege recht bequem,

Fast komfortable war,

Es standen unerwartet viele schöne Möbel zum Benutzen.

Eine Tür war angelehnt und führte in ein Bad mit Dusche

Und den Dingen, die ich gern zur Körperpflege hatte.

Oben, an der Zimmerdecke aber hingen

Wieder die Geräte, die mich stumm erfassten

Und verfolgten.

 

Es war hell, und ich erkannte nicht

Ob ich im Kunstlicht oder in der Sonne stand.

Es lagen Kugelschreiber und Papier auf einem Tisch.

Mit einem Regler ließ sich die Beleuchtung steuern.

 

Tagelang und regelmäßig nahm sich jemand meiner an,

Und führte mich zum Speiseraum und auch zu einem Pool,

Doch keiner konnte mich verstehen.

 

Eines Abends aber sprachen mich zwei unscheinbare und doch

Auffällige, junge Frauen freundlich und in meiner Sprache an.

Sie hatten beide schulterlanges Haar mit Locken, die

Kastanienfarben schimmerten.

Es waren Zwillinge, in allem zum Verwechseln gleich.

Sie flöteten mit honigsüßen Worten,

Und sie geizten nicht mit eleganten Künsten ihrer

Augen und mit Handbewegungen in ihre Haare und mit

Großen Gesten, die bis nah an meine Schultern reichten.

Fast wie selbstverständlich kam es dann, dass sich die eine

Sanft entschloss, und mir im Beisein ihrer Nachbarin das

Angebot, sie zu begleiten, unterbreitete.

Das war verlockend und mir mehr als recht.

Die ganze Nacht verbrachte ich mit ihr.

 

Am zweiten Abend ließ sich ihre Schwester mit mir ein.

Ich konnte sie jedoch von ihrer

Zwillingsschwester überhaupt nicht unterscheiden.

Dann verbrachte ich die dritte Nacht mit beiden,

Weil sie es so wollten.

Beide waren dabei sehr gesprächig.

 

 

 

Ich erfuhr von ihnen, dass sie in den letzten

Vorbereitungen zu einer Reise in den Orbit waren,

Und hier machten sie nur kurz Station.

Die Reise würde viel zu lange für ein

Menschenleben dauern, deshalb wollten oder mussten sie im

Raum Familie gründen und durch sie den Flug

Zu Ende führen lassen.

 

Sie erzählten völlig unbeschwert, dass sie

Geschlechtsneutral geboren worden wären

Und dass dieser Umstand erst die Reise möglich machte.

Weiter sagten sie, sie könnten

Sperma lebenslang in sich lebendig aufbewahren

Und gezielt zu jeder Zeit ein Ei damit befruchten,

Dass sie das Geschlecht bestimmen und sogar

Dem Nachwuchs ihre eignen Fähigkeiten und den

Samenvorrat mit vererben konnten.

Ich als Namenloser hätte dabei nichts riskiert.

Ich könnte nichts verlieren

Und durch sie im Grunde nur gewinnen.

Alles wäre denkbar ohne dass ich einen

Nachteil haben würde.

Von dem neuen Wissen wollten sie mir weiter nichts erzählen.

 

Ich sah mich nicht nur von beiden Schwestern schwer

Betrogen sondern auch von mir verraten,

Denn ich hatte mich das Opfer meiner eignen

Eitelkeit und Lust und Dummheit werden lassen.

 

Anderntags war keine Spur mehr von den Zwillingen zu finden.

 

Wieder schrieb ich alles auf und gab dem Brief die

Nummer einundzwanzig.

Dem galt lange kein Intresse

Bis ich ihn vergessen hatte und nicht wieder fand.

 

Ich wohnte lange völlig unbehelligt weiter in dem Haus

Und hatte freie Zeit, die wollte ich für die Erkundung nutzen.

 

 

 

Namenlos von meiner Insel, 22. Brief,

Unterwasserspiele

 

Man hatte mich gefesselt und verschleppt.

Es schien, dass mein Verschleppen eine Sache war, die ich nicht mit

Gefangenschaft verwechseln durfte,

Denn die Fessel war mir bei der Ankunft abgenommen worden.

Niemand zeigte Grenzen auf,

Man zwang und drängte mich zu nichts.

 

Der Raum, in dem ich mich befand,

Und der zuerst für mich Gefängniszelle war,

Der Speisesaal und auch der Pool

Verloren langsam mit den vielen Wochen Aufenthalt,

An Fremdheit.

Dass sich niemand zu erkennen gab, und

Niemand meine Sprache sprach,

Ertrug ich schwer.

Ich wusste nicht, wie ich mich orientieren sollte.

Ich vermisste auch die Frau, die mich versorgte,

Und die sich vier Männern teilte.

Ich vermisste meine Insel.

Aus der Orientierungsnot jedoch wuchs

Neugier für die Welt, die Niemandswelt,

In der ich mich befand.

 

Ich wollte wissen, welche Leute außer mir in diesem Haus

Zuhause waren und begab mich auf Erkundung.

Überall entdeckte ich, dass Menschen sich ganz

Nebensächlich grüßten oder ignorierten und zugleich

Erlebnisleben führten, die ich so nicht kannte.

Hohe lichterfüllte Räume reichten allseits bis in weite Fernen,

Landschaft wandelte sich nahtlos um in Unterwasserlandschaft,

Und ich sah sie tief im Raum verschwinden.

Bäume allerdings und Sträucher gab es nur als

Meerespflanzen, die sich ohne jeden Wellengang

Und ohne Strömung, ohne Wasser um sie her, in sanften

Schwingungen bewegten.

Zwischen ihnen schwebten, flogen

Große, kleine Meerestiere, die in Schwärmen oder

Einzeln kamen und verschwanden.

 

 

 

 

Jemand neben mir sah mein Erstaunen, und in meiner

Sprache sagte er: „Was du hier siehst, ist alles wahr,

Du kannst es glauben. Nichts ist Illusion.“

Das war von jenen Männern einer, die mich oft begleiteten und

Sonst in meiner Sprache nichts verstehen wollten.

 

Ich durchstreifte Raum um Raum, und sah in ihnen viele

Männer, Frauen, Kinder wie sie miteinander spielten.

Ihre Kleidung war mir fremd und immer eng anliegend.

 

Auf sehr großen, supergroßen

Tischen und darüber lagen und bewegten sich mir

Völlig fremde Meerestiere frei von allem Wasser,

Aber so als wären sie in ihrem Element und doch gefangen.

Eine Art Gehege ohne Zaun war offensichtlich diesen

Tieren vorbehalten, und mir schien, sie trügen nur zur

Unterhaltung der Besucher bei.

Man achtete jedoch nicht viel auf sie.

 

Ganz hinten aber sah ich, dass sich Menschen drängten

Und vor einem übergroßen Fenster standen,

Das war leicht gewölbt nach draußen.

Hinter diesem Fenster sah ich Meeresgrund und Meer, und darin

Menschen, die noch eben neben mir gestanden waren, wie sie

Diese fremde Welt für sich eroberten und dort spazieren gingen.

 

Sie betraten und verließen Meeresgrund und Meer durch eine Wand,

Die schien wie Glas zu sein.

Sie gingen beim Betreten einfach auf die Fläche zu, und die

Umhüllte sie sofort und gab sie beim

Verlassen unbeschadet wieder frei.

 

Ich sah sie dort im Meer in großen, durchsichtigen

Blasen, die das Meer zu ihrem Schutz verdrängten,

Sah sie laufen, springen, gehen,

Sah die Blasen sich vereinen, wenn sie sich zu nahe kamen,

Und sich wieder voneinander trennen.

 

 

 

 

In den Blasen war kein Auftrieb, sondern nur die

Hüllen weiteten sich oben sehr und wurden

Bodennah auf angelegten Wegen

Festgehalten oder fest geführt.

Die Wege, die man zu beschreiten hatte, waren

Ausgeleuchtet,

Meerestiere, deren Wege sich mit diesen

Blasen kreuzten, wurden von mir unbekannten

Kräften leicht und sicher abgelenkt.

 

Es waren Unterwasserspiele in sehr großer Tiefe,

Viele Menschen nahmen daran teil.

Dabei entstanden blitzschnell kaum noch wahrnehmbare neue

Formen, schillerten und flackerten in größter Nähe

Farben auf, die wieder Farbenschatten warfen.

Alles folgte einem Rhythmus leiser Melodien, vielleicht aus Walgesang,

Gespielt auf unsichtbaren und mir nicht bekannten

Instrumenten.

 

Weit davon entfernt, in einem anderen Bereich der

Unterwasserstadt, entdeckte ich die Vorbereitung einer übergroßen Feier.

Schriften, die ich lesen konnte, kündeten vom

„Tag des wahren Lebens.“

Dann, so hieß es, wollte man die Ankunft einer echten Rose, die

Zwei Tage nicht verwelkte, feiern.

Allen sollte sie ein Zeichen sein.

Ich atmete, wohl nur in Sehnsucht und Erinnerung,

Den warmen, süßen Duft.

 

Als ich zurück in meine Räume kam, erwartete man mich

Und sagte, dass ich heim auf meine Insel sollte.

Es blieb wenig Zeit.

Ich schrieb in Eile alles auf und gab dem Brief die Nummer

Zweiundzwanzig.

Der war aber nicht zu retten und blieb achtlos liegen.

Später, nach der Heimkehr, fand ich einzig noch die

Fessel meiner Hände, ein Stück Nylonband,

Das durchgetrennt in meiner Tasche lag.

 

 

 

Namenlos von meiner Insel, 23. Brief,

Kannst du singen?

 

Heim auf meiner Insel

Dachte ich nicht mehr an Widerstand,

Ich fand mich ab mit dem, was mir geblieben war,

Und glaubte auch, dass Frieden mir am meisten

Dienen konnte.

Gleich nach meiner Rückkunft,

Hatte ich die Frau, die mich versorgte,

Und die sich vier Männern teilte,

Zu Besuch.

Wir liebten uns,

Doch hatte ich zu wenig Leidenschaft und liebte sie wie eine

Viel zu gute Freundin.

In mir mahnte Vorsicht zu Verhüten, und

Ich wusste nur von einer Weise:

Ganz zum Schluss ließ ich es

Nicht in ihren Körper dringen.

Das bemerkte sie

Und wies mich sanft zurück:

„Die Männer, denen ich mich teile,

Brauchst du nicht zu fürchten.

Das beweis ich dir“, und rief nach ihnen.

Wenig später waren sie in unsrem Zimmer.

Mit nur einem Blick von ihr verwandelte sie alle vier zu

Marionetten, die den Kopf, die Arme

Kraftlos hängen ließen.

Dann, als fielen sie aus Seilen,

Klappten sie in sich zusammen.

 

Ich verstand das nicht und lief aus meiner Wohnung.

Um vielleicht herauszufinden, was um mich herum geschah,

Floh ich ins Freie, doch Erklärung fand ich nicht.

Als ich zurückkam, saß die Frau, die mich versorgte,

Immer noch auf meinem Bett.

Sonst waren wir allein.

 

 

 

 

Wir schwiegen lange, bis sie eine

Frage stellte:

„Kannst du singen?

Ja, man möchte wissen, ob du singen kannst“.

Ich wollte wissen, wer das fragte,

Aber sie beschwor mich,

Dass ich alles sehen und erfahren würde,

Wenn ich mit ihr käme.

 

Auf der Straße stand ein Fahrzeug,

In ihm saß ein fremder Fahrer, der schon nach uns

Ausschau hielt.

Wir fuhren lange, bis zum Sonnenuntergang,

Und machten Halt vor einem steinernen

Gebäude, einer leeren Schule oder einem alten

Krankenhaus.

Das hatte nur noch rahmenlose Fensterhöhlen,

Türen waren kaum vorhanden,

In den Angeln hingen Reste.

Draußen lauerten zwei Zivilisten,

Die uns bis ins Innere des Hauses führten.

So gelangten wir in einen hohen Raum,

Der spärlich ausgeleuchtet war.

Trotzdem erkannte ich darin sehr viele

Männer mit und ohne Uniformen,

Die auf Stühlen saßen, sich an Wände lehnten

Und auf Tische stützten.

Alle schauten auf bei meinem Eintritt,

So als hätten sie darauf gewartet.

 

In der Halle sah ich

Köpfe, drei, vier, fünf, sechs, auf dem Boden liegen, ohne

Rumpf und blutverkrustet.

Jeder sah wohl, dass mir übel wurde,

Und man überließ mich kurzer

Augenblicke der Besinnung. 

 

Neben mir bewegte sich ein junger Mann.

Der hielt ein Notenblatt in seiner Hand,

Das übergab er mir.

Ich konnte eine Männerschola,

Die in mittelalterlichem Text geschrieben war,

Mit ihren Noten, gut erkennen.

Alles war verfasst und festgehalten in vier Zeilen.

 

 

 

 

Niemand hier war also in der Lage

Abzusingen, und ich horchte tief nach innen,

Ein vielleicht verschüttetes Talent in mir zu finden. 

Dann trat plötzlich Ruhe ein.

Ich konzentrierte mich nur noch auf meine Sache

Und begann wie einstudiert zu singen,

Ich trug jede Silbe, jedes Wort und jeden Ton

Von Anfang an so deutlich, laut und kräftig wie ich konnte, vor

Und machte schließlich eine Pause, weil das Stück zu Ende war.

Ich wollte neu beginnen.

Doch bevor es dazu kam

Erklang das Lied als Echo von den vielen Männern.

Sie erhoben es zu lautem, donnerndem Gesang,

Das ich erschrak.

 

Man brachte mich hinaus.

Ich wurde hier nicht mehr gebraucht.

Zusammen mit der Frau, die mich versorgte,

Wurde ich zurückgefahren.