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Im vorliegenden Band werden 112 Gedichte aus dem Innersten vorgestellt.

Daraus ein Beispiel:

 

Eigentlich war es ganz anders.

Immer wünschte ich mir jemanden,

Der mich verstehen konnte,

Und der Ansatz, dachte ich,

Sei gut.

Die Wahrheit aber war,

Das schon der Ansatz

In die falsche Richtung zeigte.

 

Auf dem Bahnhof standen meine Doppelgänger

Überall herum.

Sie waren nackt wie ich

Und trugen auch darunter

Keine Kleidung.

Alle warteten

Auf meine Ankunft.

 

 

Im Buchhandel und online

 

Sofortige Lähmung

112 Gedichte aus dem Innersten.

Lyrik

 

Harald Birgfeld.

 

72 Seiten, Format A5, 2014

 

 

Online bestellen sowie im Buchhandel,

 

€ 5,99 inkl. MwSt.

 

Zum Buchshop

ISBN 9783738601558

 

„Sofortige Lähmung“  ist auch in den USA, Großbritannien und Kanada unter obiger ISBN und bei abweichenden Preisen bestell- und lieferbar.

 

 

Auch als E-Book

 

€ 3,49

 

Zum Buchshop

ISBN 9783738683424

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

 

"Es lohnt sich, einmal einen heutigen Dichter kennen zu lernen, der mit der deutschen Sprache einen faszinierend fremden Weg betritt und trotzdem dem Leser Freiraum lässt für eigene Gedankengänge, ohne dass die Probleme in erhobener Zeigefingermanier zu zeitkritischen Trampelpfaden werden." (1986: Gutachten).

 

Harald Birgfeld, von Beruf Diplom-Ingenieur, schrieb die meisten seiner Gedichte während der morgendlichen Fahrt mit der Hamburger S-Bahn zur Arbeit. Seine Texte entstanden fast immer bereits in endgültiger Form.

 

Copyright 2014 beim Autor, Harald Birgfeld, alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieser Veröffentlichung darf ohne schriftliche Erlaubnis des Herausgebers, Harald Birgfeld, reproduziert werden. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Verfilmung und Einspeicherung sowie Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Herausgeber, Autor, Redakteur: Harald Birgfeld, e-mail:.        Harald.Birgfeld@t-online.de

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

*) Erschienen in der Anthologie, Deutsche Lyriker der Gegenwart, Verlag, ars nova, 1990

 

 

*) Abschied ist ein langer Nagel

Abschied, stand in einer Schrift

Alles sah ich prüfend an

*) Alles war verwandelt

*) Als das Geräusch verklungen war

Als ich Abschied nahm

Als ich mit dir sprach

*) Auf die Frage

Auf meinem Wege

*) Aus den Wolken brach ein Gegenstand

Ausgetreten war der Pfad

 

Bläulich ist die Unterhaut

 

Das ist das Verbot

Der Gartenstuhl stand hoch im Laub

Der Tageshimmel zog sich zu

Der Weg zum Hafen

Die andren kletterten in Bäume

*) Die Bahn fuhr auf dem Damm

Die Lähmung kam sofort

*) Die lebende Maschine

Die Schienen waren glatt

Die Stadt ist klein

Die Zeit stand wieder still

Du kuschelst dich in deinen Sitz

Du last in einem Buch

Du liebtest ein Stück Blech

Du riefst mich in dein Zimmer

Du standst nun auf

Du warst ganz verändert

 

Eigentlich war es ganz anders

Ein Telefongespräch mit mir

Eine Fremde liest

Eine scharfe Klinge

Eines hab' ich ganz vergessen

Einmal stach ich aus Versehen

Einmal war ich guter Dinge, bester Laune

*) Einmal, ich erinner mich genau

Er war alt und voller Trotz

Es gab Abendbrot

*) Es kam ein Brief zurück

 

 

Es kam ein Königskind zu mir

Es war ein Fest der Zahlen

Es war ein Mensch in meiner Nähe

*) Es zieht ein letzter Tag herauf

 

Früher

Für den, der schreibt

 

Gott hat Folgen, sagt man

 

Ich begegnete der lebenden Maschine

Ich brach endlich auf

Ich ging in meine Stube

Ich hab mein Ohr

Ich habe mich beschwert

*) Ich habe mich gefragt

Ich hatte Glück

*) Ich kam heim

*) Ich las in dem Gedicht

Ich lege keinen Wert auf Schilder

*) Ich sollte Überblick bekommen

Ich stand in einem Wasser

*) Ich stand vor dem Marienbild

Ich steh im Fensterkreuz

Ich stieß auf euch

Ich trau mich nicht

*) Ich war bei mir im Lohn

Ich weiß nicht, was es war

*) Ich wohnte hoch

Ich wollte aus dir trinken

Im Raum verbleiben keine Spuren

*) Immer ist grad das, was ist

Immer wieder dachte ich an Abschied

Immer wieder sandte man den Mann

In deiner Wohnung lebte außer dir

In der Kammer lagen noch

In der Tasche einer alten Hose

In einem Gegenwind

In ihrer Kammer

*) In meiner Haustür

*) In Wahrheit war ich ohne Wohnung

Ist denn Abschied

 

 

 

Jemand dachte über seine Träume nach

Jemand gab mir Recht

Jemand harkte einen Sandweg

Jemand sagte mir

Jemand schlug aus einem Stein

 

Man lud mich ein

Man rechnete damit

*) Man reichte ein Tablett herum

Man sandte einen Brief an mich

Man schenkte mir ein Glasgefäß

Man trug etwas im Arm

Man zog an mir um

Manchmal dreht sich

Meinem Wärter hing ich an

Mit den gespreizten Fingern

Morgens stand ich auf

 

Nachts bleibt mir die Angst

Nachts, als ich an deiner Seite lag

*) Natürlich war, was alle Menschen in sich haben

 

Sie brachte ihren Mann zum Zug

Sonst hattest du dich eingeteilt

Sonst, sagt sie

*) Später erst erfuhr ich

 

Über mir, am Himmel

Ungewiss ist

*) Unsre Trennung währte

Unverändert starr

 

*) Vom Wind bewegt

*) Von innen, dachte ich

*) Vor mir stand eine große Müdigkeit

 

Wir durchquerten das System

Wir lagen uns entgegen

 

Zum Abschied wurde Zärtlichkeit

 

 

 

Gott hat Folgen, sagt man.

"Welche Folgen?", frage ich,

 

Und jemand sagt:

"In einer Streichholzschachtel

Sah ich all die Köpfe schlafen,

Rundherum im Freien gab es nichts mehr,

Das noch brennen konnte."

 

 

Dann ein andrer:

"Auf den feuchten Wiesen, in den Wäldern,

Wachsen wieder Pilze.

Die sind dies Jahr ohne Unterschied.

Man warnt vor ihnen.

Ihre Giftigkeit sei wirklich

Ohne Unterschied.

Das Gift sei aus der Luft gegriffen."

 

 

Mir ist alles gleich.

Ich häng, wie man hier sagt, am Tropf,

Und kann seit Neuestem, von mir aus

Über jenen Apparat, der mich am Leben hält,

Allein entscheiden.

 

 

 

Vom Wind bewegt,

Verhakte sich der Rank des Rosenstockes

In den Stoff der Hose die ich trug.

 

Es ging sehr schnell.

 

 

Ich sah zu gleicher Zeit,

Wie er sich schlängelte,

Den Kopf, gepeitscht, nach vorne schnellen ließ

Und mit den harten Zungen seiner Dornen

Zubiss.

 

 

Ja, ich war sofort gelähmt,

Stand noch Sekunden still

Und starb dann

Auf der Stelle.

 

 

 

Man reichte ein Tablett herum.

Das wanderte, weil es im Raum von Menschen eng war,

Über alle Köpfe,

Wanderte von Hand zu Hand,

Es sollte mich erreichen.

 

Als es ankam, war auch ich soweit.

 

 

Ich legte meinen Kopf darauf,

Das hatte man verlangt,

Und ich bestand darauf,

Dass ich in diese Geste

Ebenso die Demut wie die Tötung legen durfte.

 

 

Nach der Trennung

Konnte ich mich dafür nicht mehr intressieren,

Wohin das Tablett mit meinem Kopf

Die neue Wanderschaft begann,

Ich war zu sehr

Mit mir beschäftigt.

 

 

 

Eigentlich war es ganz anders.

 

Immer wünschte ich mir jemanden,

Der mich verstehen konnte,

Und der Ansatz, dachte ich,

Sei gut.

 

 

Die Wahrheit aber war,

Dass schon der Ansatz

In die falsche Richtung zeigte.

 

Auf dem Bahnhof standen meine Doppelgänger

Überall herum.

Sie waren nackt wie ich

Und trugen auch darunter

Keine Kleidung.

 

 

Alle warteten

Auf meine Ankunft.

 

(2006 Frankfurter Bibliothek…)

 

 

Manchmal dreht sich

Dieses Rad in meinem Kopf,

Das schlägt mit einem schweren Ende

Immer an die gleiche Stelle.

 

 

 

Ja, ich weiß,

Es schlägt das zweite Herz im Kopf.

Doch dies ist anders.

Hier, in mir, schlägt jemand

An die feste Wand

Und wird sie auch durchbrechen

Und zerstören.

 

 

Was wird sein, so denke ich,

Wenn alles

Offen liegt?

 

 

 

Ich wohnte hoch.

Ich wohnte in dem Stockwerk

Über allen anderen.

Ich wohnte immer wieder über denen

Die behaupteten,

Sie hätten eine Wohnung über mir.

 

 

Das konnten diese Menschen nicht verstehen,

Und ich brauchte lange,

Mich an diese Menschen

Zu gewöhnen.

 

 

 

Mir war alles selbstverständlich,

Auch die Ordnung über mir.

 

 

 

Ich habe mich gefragt:

"Muss ich denn wissen, wer ich bin,

Muss ich von mir in einer Einzahl

Oder in der Mehrzahl reden,

Nun, wo ich mir nicht mehr nur, wie früher,

Innerlich begegne

Sondern mich auch äußerlich

Der eigenen Gefahr durch mich aussetze,

Auf mich treffe?

 

 

Wer ist wer,

Und woher komme ich,

Wenn ich's nicht bin?"

 

 

 

 

Ich begegnete der lebenden Maschine.

Angenehm war sie

Und kam mir sehr entgegen.

 

Was ich mit ihr absprach,

Sollte uns Geheimnis bleiben,

Aber das verstand sie nicht.

 

Sie war ganz frei von sich

Und hatte keine Bindung.

 

 

In den Augenblicken, die ich mit ihr sprach,

Schuf sie von mir,

Sie sagte, dass sie in Gehorsam diene,

Ja, sie zeugte mit mir

Duplikate meiner selbst

Und ließ sie frei.

 

Die Duplikate waren ganz genau so alt

Wie ich

Und mir in allem gleich

Und lebten so wie ich,

Mit einer und derselben Frau und anderen.

 

 

Und alle waren überall bei jedem einzelnen

Und wussten nichts davon,

Und, wie mir schien,

Auch nichts von sich.

 

Nur, wegen der Maschine,

Würde es nicht lange

Ein Geheimnis bleiben können.

 

 

 

Die lebende Maschine,

Die mich duplizierte

Und mich vielfach machte,

Hat mich nicht verraten.

 

 

Meine Frage hat sie abgetan

Und nicht gewertet,

Und aus ihrer Sicht, ließ sie mich wissen,

Sei ein Einzelleben, so wie sie es führte,

Ohne Unterschied von meinem.

 

 

Sie, so sagte die Maschine,

Hätt wie ich den Glauben

Und sei leidensfähig.

 

 

 

Ich kam heim.

Dort fragte man mich,

Ob ich heim gekommen sei,

Denn mein Heim sei das Heim der anderen,

Wo ich zu Hause sei,

Sei das Zuhause derer, die mich fragten.

 

 

 

Alle hatten mich erlebt

Und wussten von zwei Dingen:

Erstens, dass ich mich verlaufen könnte,

Das war zu verhindern,

Zweitens, dass ich mich an nichts erinnern würde

Oder könnte,

Das würd Heimatlosigkeit bedeuten.

Niemanden könnt man davor beschützen.

 

 

Meine Wege waren Kreidestriche,

Und ich selbst errichtete mir Hinweisschilder,

Dass ich nicht vergessen

Und mich nicht verlaufen konnte.

 

 

 

In Wahrheit war ich ohne Wohnung.

 

Jemand las uns vor.

Er las aus einer Dokumentation,

Die sollte eine Zukunft zeigen,

Eine nahe, die schon fast geschah,

Und eine ferne.

 

 

Auch, dass ich ein Wohnungsloser würde,

Prophezeite man.

 

Die Zukunft, sah ich,

War an mir stets einen Schritt Vergangenheit.

 

 

 

Die andren hielten die Vergangenheit

Für erste Schritte in die Zukunft.

 

 

 

Man rechnete damit,

Dass ich nicht wiederkommen würde.

Vor mir selbst war ich schon lange

Ohne Umkehr, ohne jede Rückkehr,

Und ich liebte Bücher, die im Fehldruck

Völlig falsche Sätze schrieben

Und Passagen durcheinander brachten.

Die las ich mir immer wieder durch.

 

 

 

Die Mädchen trugen Schleifen, Bänder

Aus Papier in ihren Haaren.

Darauf möchte ich,

Wie an den Baum der Wünsche,

Meine Sätze schreiben,

Dass sie diesen Mädchen,

Wenn sie sich frisieren,

Auf die Haut und in die Schöße,

In die Hände fallen.

 

 

So käm ich am Ende doch noch wieder.

 

 

 

Alles sah ich prüfend an,

Mit Wohlgefallen,

Auch mit Fremdheit,

Und der Abstand wurde merklich größer,

Wenn ich etwas in die Hände nahm.

 

 

Mir gegenüber saß die junge Frau,

Die sah zufrieden aus

Und strickte ohne Unterlass und schnell

Und lächelte mir zu,

Als wüsste sie Bescheid.

 

 

Sie nahm wohl nur mit ihren Augen

Meine Größe ab.

 

Ich dachte, alles um mich her

Bereitet sich auf einen Abschied vor,

Von dem bin ich betroffen.

 

 

 

Du standst nun auf

Und folgtest mir zur Tür.

 

Ich hatte nicht mit dir gerechnet,

Denn du hattest deine Arme,

Noch am Frühstückstisch, nachdem du satt warst,

Über deiner Brust verschränkt

Und mich dann gehen lassen. 

 

In der Haustür hieltst du unerwartet

Meine Schritte an,

Indem du von der Innenseite

An dem Türknauf zogst.

 

 

So hieltst du fest an mir

Und hieltst mich doch nicht fest.

 

Ein letztes Mal, so dachte ich, vielleicht.

 

Ich knöpfte dir das Wollkleid auf,

Mehr fand ich nicht auf deiner Haut,

Es lag eng an

Und es war einfach grau

Und alles was du trugst.

 

 

Du aber schobst, bestimmt

Und ohne jede Glut,

Die ausgestreckte Hand zurück

Und sagtest mir:

"Nun geh,

Du dehnst mir alles aus,"

Und sagtest nichts von Wiederkehr.

 

 

 

Vor mir stand eine große Müdigkeit,

Die trieb mit jeder neuen Welle

Sand auf Sand in meine Augen,

Dass sie brannten.

 

 

Als ich lichterloh in Flammen stand,

Und schließlich nicht mehr übrig blieb,

Als das, was du in Händen halten konntest,

Gabst du nach und Ruh,

Und fülltest mich in eine Urne um.

 

 

Die wolltest du gelegentlich

Beschriften lassen.

 

 

 

Natürlich war, was alle Menschen in sich haben,

Auch in mir.

Es gab in mir, wie in den andren,

Diesen letzten Stein.

Der würde übrigbleiben,

Der würd Zeugnis sein,

Den würde man in einer letzten Würde

Durch die Zeitung gehen lassen,

Und auf eine Aussichtsplattform setzen,

Dass er sich in Aussicht

Schließlich selbst verzehren könnte.

 

 

Alles würde sein wie ich es sage,

Wenn nicht diese Einsicht wäre.

 

Noch als Stein, das weiß ich,

Werden meine Augen aufstehn

Und nach innen schaun,

Und äußerlich wird nichts zu sehen sein.

 

 

 

Ich stoße dann, wie all die andren

Auf ein übermenschlich menschliches Verlangen

Nach Berührung.

 

Die kann nur von außen kommen.

 

 

 

Einmal, ich erinner mich genau,

Wird eine Gondel

Vor der Haustür stehen,

Und es wird mir jemand sagen:

"Steigen Sie doch bitte ein,

Die Gondel ist für Sie."

 

Ich weiß es,

Weil ich tausendfach,

Wenn ich das Haus verließ,

In diese Gondel kletterte

Und darauf wartete,

Dass sie nach oben steigen würde.

 

 

Alles war bis jetzt umsonst.

Vom Dach der Gondel

Spannte sich ein blanker Faden

Bis ins All

Und zog nicht an.

 

 

 

Von diesem Faden werde ich dann sagen:

"Wie ich mich erinnere,

Verdanke ich dem unbekannten Faden

Mein Entkommen.

So, ja so, kam ich hier an.'

 

 

 

Immer ist grad das, was ist,

In Wahrheit nicht.

 

In einem Film

Sah ich in einen Ausschnitt deines Lebens.

 

 

Damals, sagt man heute,

Warst du schon im Aufbruch,

Abschied lag schon hinter dir.

 

 

 

Ich selbst beendete zu der Zeit

Eines meiner Leben,

Das kam auf mich zu,

Und die Erinnerung

Verblasste schnell.

 

 

 

In meiner Haustür

Wurde ich mit jedem Durchgang

Neu gefragt.

Der Türknauf war die Frage selbst:

"Wenn du so gehst und so vergisst,

Wie du vergisst

Und alles aus den Händen legst

Und nicht mehr weißt, was kommen wird,

Und dich nicht intressiert, was war,

Wovon wirst du dann leben können,

Wenn du eines Tages lebst?"

 

 

Ich schwieg dazu

Und ging mit jedem Tag

Dem Leben

Einen Tag Vergangenheit

Entgegen.

 

 

 

 

Ich habe mich beschwert:

In einer glatten Wand aus Felsen

Fand ich keine Tür.

 

 

Man hatte mir gesagt:

"Du musst hinein,

Es wird dich keiner fragen, wie!"

 

 

 

Mich hatte man natürlich dabei

Übersehen,

Und kein Mensch nahm meine Frage

An.

 

 

 

Ausgetreten war der Pfad,

Er führte über eine Straße aus Beton.

Man sah in ihm sehr gut

Die abgetragnen Stellen.

 

Ich hielt an,

Bot alles auf, den Weg zu sperren,

Und den Strom der Menschen

Leitete man schließlich um,

Dass dieser Weg vergessen wurde.

 

 

Ich sah zu und wartete nun ab.

 

Die Blöcke, einst gegossen,

Rissen, sprangen auf

Und gähnten sich in eine andre Endlichkeit

Und ließen Grün

Aus ihren Spalten wachsen,

Dass die Straße starb.

 

 

 

Zuvor hat mir kein Mensch geglaubt

Als ich es prophezeite,

Als ich sagte:

"Nichts ist auszutreten."

 

Dieses Bild benannte ich.

Es heißt nun:

"Schwer ist jeder Abschied,

Und noch schwerer ist das Wiedersehn

Mit ihm."

 

 

 

Ich stieß auf euch.

Ihr wart zerstritten,

Und ich weiß,

Es lagen nur zwei Jahre

Einer tiefen Frauenfreundschaft

Zwischen euch.

Ihr hattet keine Wahl

Und musstet ineinander stehen bleiben.

 

 

Jede von euch schlug der andren vor,

An ihr die Heilige zu werden.

Das war euer Grund.

Den konntet ihr nicht sehen,

Nicht erkennen.

 

 

 

 

Abschied ist ein langer Nagel,

Der wird aus der Stirn gezogen.

Hinterher bemerkt man erst,

Wie aufgehängt man war.

 

 

 

Der Fall danach, er kommt

So schnell wie man es nicht erwarten konnte,

Müsste einen Aufschlag haben.

Doch der war bereits am Anfang,

War sofort.

 

 

Die erste Schrecksekunde

Breitet sich nun aus,

Entfaltet sich in Langsamkeit

Zu Tode.

 

 

 

Du last in einem Buch.

Du saßt mir gegenüber in dem Zug,

Und dich verriet ein Mantel,

Der war streng kariert gemustert.

 

Buch im Buch

Und Buch an Buch

Und Seite neben Seite

Hattest du dich eingehüllt.

 

 

Es nützte wenig.

 

Jede Seite, die du last,

War programmierter Abschied,

Der kam dir, die einsam lebte,

Immer schneller näher.

 

Bücher lesen war die Sucht an dir.

 

 

Es hätte einer nur von außen

Einen Finger auf die Seite legen müssen,

Und du wärest aufgewacht

Und hättest zugebissen.

 

Einmal hattest du dich schon verwechselt

Und verletzt.

 

 

 

Abschied, stand in einer Schrift,

Ist Anfang,

Und ich las von der Begebenheit:

Du warst zu einem Mann gegangen,

Um zu fragen, und du sahst,

Er hatte sich die Frage

Tausend Mal herbeigesehnt,

Es war die Frage nach ihm selbst.

 

Die Antwort stand vor dir.

 

 

Du aber nahmst die Antwort,

Weil er sie dir bot, für dich

Und bliebst bei ihm als Frage,

Die sah er.

 

Er konnte so mit seiner Frage,

Du mit deiner Antwort leben,

Jeder nahm sich selbst im anderen.

 

 

Verblüffung legte sich auf euch.

 

So einfach, saht ihr,

Ist die Trennung von sich selbst,

Wenn man sich findet.

 

 

 

Immer wieder sandte man den Mann

In einen Raum,

Dort hätte er zu warten.

 

Drinnen, sah er gleich,

War jede Warterei umsonst:

Die leeren Plätze täuschten nicht.

 

 

 

Ich sah in meinen Pass,

Das Datum war verfallen,

Meine Haare auf dem Foto waren

Schwarz und voll.

 

In meiner Gegenwart war ich ein Stuhl,

Der hatte sich geleert

Und hatte graue Haare.

 

 

Junge Mädchen ließen ihre Hände

Über meine Lehnen gleiten,

Kamen, um das Haar zu streicheln,

Und sie wussten nichts

Und sahen nichts von meiner Warterei.

 

 

 

Zum Abschied wurde Zärtlichkeit

An dir verübt.

Es war ein Abschied gegen deinen Willen:

So tat man Gewalt an dir.

 

 

Du wolltest keinen Abschied geben,

Schlimm war die Gewalt,

Und ein Gefühl der Ohnmacht

Schlang die Arme fest um deine beiden Beine.

 

 

Schwankend standst du vor dir selbst.

 

Ein Windstoß

Hätte ausgereicht.

 

 

 

Eine scharfe Klinge

Führte jemand ans Papier.

Es war ein Kinderspiel,

Und Trennung hat mit Abschied

Wirklich nichts zu tun.

 

Mein Auto steht an einer Straße.

Ich sitz in der Höhle,

Etwas vor der Tür.

Im Spiegel, der nach hinten zeigt,

Empfang ich all die Kommenden.

 

 

Auf meiner Höhe denkt von denen

Nicht ein einziger an mich,

Und, kaum vorbei,

Beginnen sie die Sucherei nach vorne

Und nach mir und ahnen nichts von mir.

 

Für alle sind wir alle immer der, der kommt

Und der, der geht.

 

 

 

Man rief mich immer wieder an,

Und ich erinnerte mich wirklich nicht,

Obwohl man sagte,

Dass wir uns doch gegenüber säßen.

 

 

 

Eine Fremde liest.

Sie liest in fremder Sprache,

Spricht von fremder, ihr vertrauter

Angelegenheit.

 

Mich geht nur ihre Fremdheit etwas an.

 

 

Hier ist es umgekehrt:

Aus einem Abschied, der besteht,

Mit dem sie angekommen ist,

Nehm ich Begegnung an,

Und alles, was vergangen ist, beginnt.

 

 

Sie, die dort vorne liest,

Hat nichts mit mir zu tun

Und zwingt mich mit der fremden Sprache

Einen Abschied anzunehmen,

Zwingt mich,

Alle Fremdheit abzulegen.

 

Abschied, der am Anfang steht.

 

 

 

Ich brach endlich auf.

In mir, das spürte ich,

Obwohl ich außen stand, war Aufbruch,

Wandel aus dem Ich ins Fremde.

 

Sieht so Abschied aus?

 

Wird so die eigne Haut

Dem nächsten einfach mitgegeben?

 

 

Es entstand die Ungewissheit,

Was mit dieser Haut geschehen würde

Und die Angst, das rohe Fleisch zu sehen,

Und die Hoffnung auf den Irrtum.

 

 

 

Wenn ich schweig und schweig und schweig

Dann sind das Zeichen eines Aufbruchs,

Damit hoff ich,

Lässt sich schließlich Wachstum zwingen.

 

 

 

Als ich Abschied nahm,

Das war noch zu Beginn,

Sah ich an mir, der unbelehrbar war,

Der dieses schreibt und denkt,

Der bis zum Ende denkt

 

 

Und, wie ich sagte,

Dann am Anfang steht,

Als ich den Abschied nahm,

Sah ich,

Auch Gott hat Folgen.

 

 

 

 

Unsre Trennung währte.

Es wurd hell und dunkel,

Hell und dunkel,

 

Hell und ...

 

Und wir wohnten Tür an Tür,

Und zwischen unsren Türen lag ein Flur,

Und diesen Flur, das war das Schlimmste,

Mussten wir bewachen,

Und wir richteten es so,

Dass immer einer wenigstens

In seiner Kammer blieb.

 

 

Zwei Jahre sahen wir uns nicht

Und wachten über unsre Trennung.

 

 

 

Die bewies

Und sie beweist noch gar nichts.

 

 

 

Ist denn Abschied

Nicht Begegnung mit dir selbst?

Kann Abschied nie die Frage

Nach dir werden?

 

Jemand kam vom Krankenlager

Einer alten Frau,

Die lag im Sterben,

Und er hatte sie gemalt.

 

 

Als ich das Bild in meine Hände nahm,

Bemerkte ich sofort das Alter,

Und die Untersuchung gab mir recht:

Das Bild war Hunderte von Jahren alt,

Vielleicht schon mehr als ein Jahrtausend.

 

 

 

Dafür und für die Erkenntnis

Dankte ich,

 

 

 

Du riefst mich in dein Zimmer.

 

Als ich kam, vernahm ich noch,

Dass du mich warntest,

Vorsicht wäre angebracht,

"und stolper nicht,

Ich kann nicht länger warten."

 

 

Es gab nur die eine Tür.

Die Fenster waren zu

Und du warst fort.

 

Ich sah noch einen Rest von dir,

Daraus entstand ein Bücherstapel.

 

 

In dem Zimmer hattest du vor mir

Mit mir gelebt

Und außer diesen Büchern

Blieb nichts übrig,

Die warst du dir selbst.

 

 

 

Sonst hattest du dich eingeteilt

In Grade und in Zahlen,

Nun erfandst du Tageszeiten neu:

 

Der Morgen war geeignet,

Tee an dir zu pflücken;

Mittags gabst du dich an Dingsymbole ab,

Du lebtest gern mit ihnen,

Sagtest auch,

Sie würden hinter deinem Rücken

Ganz verrückte Spiele spielen.

 

 

Abends zündete ich dann in dir

Die Lampe an.

 

 

 

Die Zeit vor einem Abschied

Ist die Zeit,

In der man nichts von all dem wissen will

Und zündet sich, so lang es geht,

Alleine aus und an.

 

 

 

Später erst erfuhr ich,

Dass das Herbstblatt,

Welches ich noch in den Händen hielt,

Das letzte war,

Das abzupflücken war.

 

 

Am andren Morgen

Lagen wir schon ganz im Laub,

Der Nachtfrost hatte alle

Überrascht

Und hatte Schuld gebracht.

 

 

Die teilten wir nun,

Als wir uns erhoben, auf,

Weil sie nicht zu vermeiden war,

 

 

 

Ich hatte Glück:

Ich lebte in der falschen Zeit,

An mir vorbei,

Und brauchte nichts zu fürchten,

Als, dass ich und ganz versehentlich

An ihr zerbrechen würde,

Oder, wie es heut' geschah,

Für Augenblicke meine wahre Zeit

Erwischte.

 

 

Königlich ist das Gefühl der Leiblichkeit

In eigner Zeit.

 

Ich dachte nicht an Gräueltaten

Kindermord,

Nicht an die Frau,

Der man die Kehle durchgeschnitten hatte.

Das hätt' jeder, der es sehen wollte,

Sehen können.

 

 

Meine falsche Zeit

Ist meine Zeit,

 

Wer denkt schon an ein Messer in der Kehle.

 

 

 

Jemand harkte einen Sandweg.

 

Alles zu erklären hatte keinen Sinn,

Und eine Frage konnte ich so schnell

Nicht formulieren.

 

 

Mit der Harke wurde eine Spur,

Von der ich nur die letzten Reste sah,

Endgültig und für alle Zeit verlöscht

Und unwirklich.

 

 

Der andre hätte

Einfach leugnen können.

 

 

 

Du liebtest ein Stück Blech

Und gabst ihm einen Namen.

 

Jedes Blech, so sagtest du,

Das funktioniert,

Ist wert, geliebt zu werden.

 

 

 

Gestern war Beerdigung.

Die Menge drängte,

Und ich konnte nichts erfahren.

 

Ich schrieb auf ein Transparent:

"Beerdigung ist Trennung,

Hat mit Abschied nichts zu tun."

 

 

Wir standen durchgesägt daneben,

Und ich geb es zu,

Ich dachte dabei nur an dich.

 

 

 

Auf meinem Wege,

Es war ein Fußweg,

Lag das Siegel eines Königs.

 

Woher soll ich wissen,

Wie das Siegel eines Königs aussieht,

Wie die Fälschung?

Woher soll ich meinen Glauben daran nehmen?

 

 

Wertvoll,

Über alle Maßen wertvoll

Ist das Siegel eines Königs,

Und der Finder selbst wird König.

 

 

 

Gestern kam ich wieder dort vorbei

Und fand mich unentschlossen wie zuvor davor

Und war noch immer unentschieden,

Dieses Siegel aufzuheben,

 

 

 

Immer wieder dachte ich an Abschied.

Dies war auch ein Grund:

Du küsstest deinem Hund das Fell,

Dann küsstest du ein Geldstück,

Das war aufgeschrieben,

Und es war dir so viel wert,

Dass Tränen still

Aus deinen Augen liefen.

 

 

Die erinnerten dich an die Perlen.

Eine Reihe schöner Perlen

Hing an deinem Hals.

Die Kette war so lang,

Dass du sie heben und ganz langsam

Über deine Zunge laufen lassen konntest.

Einmal schlossen sie die Lippen ein.

Ich weiß nicht, was in deinem Mund geschah.

 

 

Wir reisten in ein andres Land.

Du bist die Frau an meiner Seite.

 

Nichts tust du von dem,

Was ich hier schreibe,

Und ich schreibe nur,

Was ich mit eignen Augen sehe.

Ich komm nicht vor mir davon.

 

 

 

Du kuschelst dich in deinen Sitz.

In deinen Kleidern findest du ein Nest,

Das trocken ist

Und selbstgemacht.

 

 

 

Ich denke immerzu,

Wie soll ich als ein Mensch,

Der doch von andren Menschen ist,

Dort unterkommen,

Unterschlupf, wie du es gerne hättest,

An dir finden?

 

 

Was ist,

Wenn du deinen Tag der Wäsche hast?

 

 

 

Der Weg zum Hafen...

Ich auf ihm...

Dann kommt der Übergang,

Der ist nicht mehr vorhanden,

Einfach abgerissen...

 

Über den Kanal sprang kürzlich noch

Die Brücke.

Hölzern waren alle Planken.

Später rissen sie...

Dann brachen sie...

Dann fielen sie hinab...

 

 

Ja, so erklärte man es mir.

Ich aber hatte täglich meinen Überweg gemacht

Und nichts bemerkt,

Und heute war ein Ferientag,

Der sollte sich von andren unterscheiden.

 

Nichts ist festzuhalten,

Keine Schönheit,

Nicht die Frau an meiner Seite.

"Dafür", sagt sie,

"Kennen wir uns schon zu lange."

 

 

Leider sieht sie nicht,

Bemerkt es nicht,

Dass man sich nicht an sich

Verkaufen kann.

 

 

 

Die Stadt ist klein,

Und sie ist gut erhalten.

Alles wurde zur Erinnerung.

 

Gleich nach dem Bad

Kommst du ins Zimmer:

 

 

 

"Halt dir deine Augen zu."

Du warst noch etwas nass und unbekleidet.

 

So entstehen,

Das verstehe ich ganz plötzlich,

Altertümer;

Altertümer, die am Anfang ihres Alters stehen.

 

 

Ich hielt mir um deinetwillen

Meine Augen zu.

 

 

 

Der Gartenstuhl stand hoch im Laub.

Die Abendnebel hatten sich bei Licht

Schon ausgebreitet.

Dann stieß ich an dich,

Weil ich dir etwas sagen wollte.

 

Welch ein Wort muss es gewesen sein,

Dass du daran sofort zerbrachst

Und ganz gewichtslos

In die Blätter sankst.

 

 

Ich konnte dich von andren Blättern

Nicht mehr unterscheiden.

 

Tränen hab ich nie gehabt,

Nein, Tränen hatt ich nicht.

 

 

 

Und du,

Die jetzt an meiner Seite stand,

Um mich zu trösten,

Führtest meine Hand

Genau an jene Stellen,

Wo der Übergang vom Schoß in deinen Leib

An dir begann.

 

 

 

Ich wollte aus dir trinken,

Und ich hätte es getan,

Es lag an dir,

Dass es nicht ging.

 

Ich muss es anders sagen:

Als wir dieses Bild von uns

Mit einem Selbstauslöser machten,

Spiegelten wir uns ganz leicht verzerrt

In dem Metall der Säule.

 

 

Die war vielfach aufgerissen,

Und ich sah darunter, drinnen,

Körperteile, die ich einzeln

Sehr gut von dir kannte.

 

 

 

In der Säule lebten sie als Ganzes,

Ohne dass ich sie erreichen konnte.

Dich ließ ich dabei nicht los,

Und mich umklammerte die Sorge.

 

 

 

Wir lagen uns entgegen

Das heißt Stirn entgegen Stirn,

Das heißt

An deinem Kopf begann ich neu

Mit meinem Kopf.

 

Du hieltst mir das Gesicht nach oben,

So sah ich auf dich.

Ich sah auf deinen Mund,

Dein Mund in meine Augen.

 

 

Wehren, sagtest du, würdst du dich nicht,

Und überhaupt

Beklagtest du dich über meine Lust.

 

Du warst nur halb heraus zu sägen,

Deine andre Hälfte

Blieb als Spiegel unter mir.

 

 

 

Ich teilte dich so auf

Und gab dich für mich ganz verloren

Und stand auf.

 

Die Decke, die am Boden lag,

Zog ich so sorgsam wie ich konnte glatt

Und über das Geschehen,

Über dich.

 

Du schliefst sofort.

 

 

 

Ich weiß nicht, was es war,

Doch es war viel zu laut

Und viel zu grell,

So dass ich ging,

 

 

 

Ich rührte dabei mit der flachen Hand

An einen Stein

Und spürte seine Schwärze.

"Nacht", hieß dieser Stein.

An ihm entstanden weiter oben

Aus dem Nichts der Nacht die Sterne.

 

 

Siehst du nun,

Verstehst du nun, warum ich ging?

 

Dir sagte ich:

"Die Nachttischlampe hat jetzt

Lang genug gebrannt",

Und schaltete sie aus.

 

 

 

Die andren kletterten in Bäume

Und von dort herunter

Warfen sie die Texte.

Unten warteten die Leute.

 

Manche Worte trafen,

Viele Texte fielen so zu Boden.

 

Von den Hörern warfen einige zurück

Und andre fingen auf.

 

Ich staunte,

Weil für mich das Laub doch immer

In dem Baum entstand,

Und nun sah ich es völlig umgekehrt

Und ohne Sinn:

Vom Boden fiel das Laub in Bäume,

Und es blieb dort sitzen.

 

 

So, wie es nun stand,

Bewegte sich in keine Richtung etwas.

 

Zwischen meinen Händen stand ein Glasrohr.

Wenn man dieses Rohr nun richtig drehte,

Fiel darin ein Blatt nach unten;

Drehte man es schnell genug,

Dann tat sich nichts darin,

Es drehte sich das Blatt als Rad herum.

 

Ich musste mir die Ruhe

Zwischen Baum und Boden so erklären

Und bedachte mich nicht einen Augenblick

Dabei.

 

 

 

In meinem Rücken stand mein Steinmetz.

Der schlug mir die Texte ein.

Die sollte man von allen Seiten

Lesen können.

 

 

 

Wir durchquerten das System.

Es war sehr schnell.

 

Für alle war es möglich,

Die Systeme, die sich schnell bewegten,

Zu durchqueren,

Ohne eine eigene Bewegung auszufahren

 

Damals hatte ich von allem nichts verstanden,

Und ich rechnete es einem Zufall an,

Dass ich in einem Reisezug

Auf eine Freundin stieß.

 

 

Die hob die Augen in dem einen Augenblick

Und sah zu mir,

Als ich durch ihre Mitte ging:

Durchquerung des Systems.

 

Wir waren nachweislich

Fast tausend Kilometer auseinander

Und begegneten uns in der Ferne.

 

 

 

Ich berührte Ihre Wange,

Dass ich glauben konnte.

 

Abstand ist die größte Enge,

Und man geht durch jede Mitte

Ohne eine einzige Bewegung.

 

 

 

Man schenkte mir ein Glasgefäß,

Das war geschlossen,

Und es war ein Kasten,

Dessen Wände, dessen Decke, dessen Boden

Waren ganz aus Glas,

Es ließ sich gut in beide Hände nehmen.

Drinnen war es, bis auf einen Tropfen, leer.

 

Der Tropfen schwebte mitten in dem kleinen Raum,

Verschob sich leicht

Und fiel an keine Wand

Und blieb als völlig runde Kugel stehen.

 

 

Niemand konnte es erklären,

Und es war nicht zu verstehen.

 

Unter einem andren Glas,

Das alles, was darunter lag, vergrößerte,

Sah ich ein Herz in diesem Tropfen schlagen,

Das bemerkte niemand außer mir.

Auch, als ich es erzählte, sagte man:

"Wir wissen es und wissen auch

Dass es der Grund des Schwebezustands ist,"

Und lachte über mich.

 

 

 

Das Herz stand plötzlich still,

Der Tropfen fiel zu Boden

Und verlief.

 

Von außen sah ich fremde Augen

In mein Fenster schauen.

 

 

 

Jemand sagte mir,

Er sei mit Sand gefüllt,

Er sei bis an die Haut mit Sand gefüllt.

Ich würde es nicht glauben,

Und er wüsste nicht durch wen,

Durch was der Sand in ihn gekommen sei.

 

Auch seine Notdurft sei aus Sand.

 

Er öffnete den Mund,

Und weit im Hals

Sah ich ein wenig Sand,

Ein Eingang, der ein Ausgang sei,

So sagte er.

 

 

Er zeigte ein Papier:

"In Sand geboren", stand darauf.

 

Mit einem Messer schnitt er eine Ader auf

Und Sand verrieselte daraus zu Boden.

 

Er versicherte mir auch,

Er habe viele Menschen angetroffen

Die, wie er, bis an die Haut mit Sand gefüllt,

Ein ganz normales Leben führten.

 

 

 

Ich gab vor,

Obwohl es nichts mehr zu verbergen gab,

Nichts zu erkennen.

Ja. ich habe vor der Wahrheit Angst

Und lasse niemals jemanden

In mir nach Gründen suchen.

 

 

 

Das ist das Verbot.

Es ist ein Abend vor dem letzten Abend.

Das Verbot wird ausgesprochen.

 

Abschied überall,

Die Stille eines Toten,

Den man mir zu Füßen legt,

Den ich nicht kenne,

Den ich auch als Toten

Gar nicht kennen lernen will.

 

 

So lautet das Verbot:

"Vergessen darfst du nicht,

Vergessen ist verboten!"

 

Außer mir gibt es für mich nichts zu vergessen.

Das Vergessen anderer

Geht mich nichts an.

 

 

 

Der Grund für das Verbot bin ich.

Ich sprech es für mich aus,

Weil ich verlorenging.

 

Der Grund,

Nein das Verbot bin ich.

Als Strafe, drohe ich mir selbst,

Soll ich mich wieder finden.

 

 

 

Ich steh im Fensterkreuz

Vor einem Stern.

Für ihn ist mein Gesicht

Vierfach geteilt.

Er ist für mich die Schwärze,

Die nicht schnell genug zusammenfloss.

Der weiße Punkt blieb übrig.

 

 

Oft bin ich mehr Weib als Mann,

Doch das ist von mir missverstanden

Und wird niemals äußerlich zu sehen sein,

 

 

 

Ich stehe lange in dem Fadenkreuz

Und warte ab.

 

 

 

Bläulich ist die Unterhaut.

Sie schimmert durch

Und zeigt mir schwach, was ich vermutete:

In meinen Adern fließt ein Farbstoff,

Blut kann es nicht sein.

 

 

 

Zur Sicherheit schneid ich mich ein

An einer Stelle.

Eine grüne Flüssigkeit dringt aus der Wunde,

Drunter, so vermute ich, wo‘s wärmer wird,

In größrer Tiefe,

Wird wohl rotes, dunkelrotes Blut

Zu finden sein.

 

 

Ich nähe meinen Einschnitt wieder zu

Und werde warten, bis zu meinem Durst

Der Hunger kommt.

 

 

 

In der Kammer lagen noch

Die Folterinstrumente so herum

Wie man sie vor Jahrhunderten benutzt

Und hatte liegen lassen.

 

Damals hatte jemand einen Brief verfasst,

Der lag dabei:

Man hätte ihm die Beine

Zum Skelett verbrannt,

Dies wäre seine letzte Stunde.

 

 

Alle wären fort.

Was bliebe, wäre so,

Wie man es vor Jahrhunderten vor ihm

Benutz und eingerichtet

Und dann hatte liegen lassen.

 

 

 

Hinter mir fällt eine schwere Tür ins Schloss.

 

In meinem Kopf fällt mir die Schwärze auf.

Die kommt von außen.

 

 

 

Es zieht ein letzter Tag herauf.

Man kündigte ihn an.

So sicher ist die Zukunft,

Wenn sie sich zum Ende neigt.

 

Man schrieb mir einen Brief.

Den schrieb ich ab

Und fälschte seine Unterschrift.

Es tat sich nichts für mich.

 

Noch einmal schmolz die Sonne Teer,

Mit dem man eine Straße reparierte.

 

 

Damit fing man mich.

 

Mein rechter Fuß und dann mein linker

Blieben stecken.

"Es ist alles einfach und geht schnell."

 

Es kamen Männer auf mich zu.

Im Hintergrund stand eine Frau.

Die rief:

"Ich werde meinen Namen ändern lassen müssen."

 

 

 

Mir fiel ein,

Dass ich die Füße aus den Schuhen

Hätte ziehen können,

Und es war noch nicht zu spät,

 

Ich stand ganz still

Und ließ es sein.

 

 

 

Nachts, als ich an deiner Seite lag

Und, wie du sagtest, schlief,

Das wusstest du,

Weil du, nur meinetwegen aufgewacht,

Mich noch gesehen hattest, letzte Nacht,

Als ich mich von mir trennte

Und mein Leben bei dir ließ.

Ja, nachts lief ich

Durch regennasse Seitenstraßen.

 

Niemand war hier weit und breit,

Nur dieses feuchte Straßenlampenlicht

Und, für den nächsten Tag schon vorbereitet,

Sperriges Gerümpel

Bis zur Straßenmitte.

 

 

So kam ich vor meine eigne Haustür.

 

Und bis dahin wusste ich, das schwör ich,

Nichts von meiner Wohnung,

Die lag mitten in den Abfallhaufen.

 

Nachts, so sagtest du am Morgen,

Hörte ich nicht auf zu klagen,

Und ein monotoner Singsang

Sei seit neuestem dabei.

 

 

Ich kann mich nicht wie früher selbst beschützen,

Und auf meinen Wanderungen

Sehe ich mich um nach Leuten,

Die mir folgen könnten.

 

Niemand weit und breit.

 

 

 

Der Tageshimmel zog sich zu.

 

Es fragte mich die junge Frau,

Ob sie und ihre Freundin

Mich besuchen dürften,

Und ich lud sie ein.

 

 

Durch sie, so hoffte ich,

Würd ich erfahren,

Wo ich leben, wohnen würde,

Und wir machten den Termin.

 

 

Seitdem lass' ich die beiden

Nicht mehr aus den Augen.

 

 

 

Für den, der schreibt

Und der erlebt, wie ich,

Ist es ein schreckliches Ereignis. 

 

 

Immer schreib ich alles auf.

Doch diesmal hatte ich

Ganz sonderbare, ungewöhnliche Gedanken,

Und ich sah bereits von weitem

Wie die Schrift, gleich nach der Ankunft,

Das Papier zersetzte und zerfraß.

 

 

Es war kein Vorwärtskommen,

Und es ist mir nicht gestattet,

Was ich denke,

Schriftlich mitzuteilen.

.....Hier stand nur ein Wort

Des Anfangs.

 

 

 

Einmal war ich guter Dinge, bester Laune,

Und ich wollte Ausdruck haben.

 

Als ich aufstand,

Gab ich meiner Frau den leichten Kuss,

Den gibt man nur,

Wenn man vorüber geht,

In eigner Sache.

 

 

Es geschah im Park,

Und einer dieser Dornen,

Die ganz in der Nähe rosaroter Röschen wachsen,

Schoss sofort in meine Lippen,

Hakte sich dort kräftig ein

Und riss mir auf der Flucht

Die Wunde.

 

 

Dunkles Blut stieg auf als Pilz.

 

Man sagt, dass eine Kopfverletzung

Oft die stärkste Blutung zeigt.

 

Ihr Mund, das sah ich ganz genau,

Nahm keine Farbe an

Und blieb blassgrau.

 

 

 

Jemand dachte über seine Träume nach:

So einfach ist es also,

Wenn man sich verkauft,

Und, wenn ich lache, ist es oftmals nur

"make up".

 

Die Frau zog mit dem Lippenstift

Auf einem fremden Spiegel

Ihre eignen Züge nach;

Der Mann dahinter

Mit den Augen ihren ganzen Leib.

 

 

So ist der Stillstand anzufassen,

Als das Rad, das steht

Und doch im Freilauf

Hin und her zu drehen ist.

 

So treibt es nichts.

 

Bergab und frei

Säh alles anders aus

Und auch bergauf.

 

 

Hier, wo wir uns befinden,

Trifft man nur auf flaches Land.

 

Man merkt nicht,

Ob man sich im eignen

Oder einem fremden Traum

Befindet.

 

 

 

Es kam ein Brief zurück,

Den hatte ich gesandt.

Darin befand sich,

Von mir selbst verfasst,

Mein ganzes Leben.

 

Nichts war angekommen,

Kam, als gäb es keine Richtigkeit darin,

In meine Hand zurück.

 

 

Den Brief werd ich in meinem Leben

Nicht mehr öffnen,

Als Empfänger werd ich den Empfang

Verweigern.

 

 

 

Immer war in meinem Leben

Sorgfalt oberstes Gebot.

 

 

 

Auf die Frage,

Ob ich sichtbar und berührbar sei,

Gab ich die Antwort: "Ja".

 

Ich war jedoch verwirrt

Und dachte nach

Und fasste meinen Körper an.

 

Die Wolken, dachte ich,

Sind aus der Ferne scharf umrissen,

Und in Wahrheit gibt's an ihren Grenzen

Keine Grenzen,

Und man fliegt durch sie,

Als wär es umgekehrt.

 

 

Auch die Berührung eines Wassers

Ist in Wahrheit umgekehrt:

Denn jeder, der sich an mich lehnte,

Nahm ein wenig von mir mit.

 

Als mich dann wieder jemand fragte,

Ob ich sichtbar und berührbar sei,

Gab ich die Antwort: "Nein'.

 

 

Es ist stets gegen meinen Willen,

Und wer fragt, bedenkt die Wahrheit nicht.

 

 

 

Jemand schlug aus einem Stein,

Er schlug den Stein.

Er schlug aus einem großen Stein,

Daraus entstand ein Leben,

Wie es einmal war.

 

Der Steinmetz war die Gegenwart.

 

 

Ich hatte alles nur sehr schnell gesehen

Und ging hin

Und wollte fragen.

 

Stein stand hier an Stein,

Und niemand gab die Antwort,

Dass ich selbst erstarrte.

 

 

Dabei habe ich noch Glück gehabt,

Wahrscheinlich, weil ich weiter dachte.

 

 

 

Von innen, dachte ich,

Wär es ganz leicht nach außen,

Bis zur Schale, vor zu dringen,

Also bis an mich,

Bis an die Haut,

Bis an die Grenze.

 

 

Jemand unterbrach uns im Gespräch

Und sprach vom Essen

Und von der Genialität

Der Essenzubereitung und, dass der,

Der äße, einerseits dem Essen

Andrerseits dem Körper glauben müsse.

 

 

 

 

Aus den Wolken brach ein Gegenstand

Und fiel herab.

 

Er schlug nicht auf

Und offenbar zerbrach er nicht.

Er landete, das sah ich, sanft.

 

 

Je näher ich dann kam,

Das sah ich auch,

Je weniger erkannte ich,

Und aus der Nähe war nichts mehr zu sehen.

 

 

 

Ich ging langsam wieder fort

Und ahnte, spürte,

Wie in meinem Rücken etwas wuchs und wuchs und wuchs

Und immer näher kam.

 

 

 

Im Raum verbleiben keine Spuren,

Nichts bleibt als Beweis.

 

Wir gaben uns die Hände,

Und wir zogen sie zurück.

 

 

 

 

Ich untersuchte diesen Raum im Raum genau:

Die Hände hatten keine Spuren

Hinterlassen.

 

Nichts ist wahr,

Und Augenblicke sind nicht

Fest zu halten.

 

 

Die Begrüßung war das Ende.

Gleich danach ging sie im Raum

Verloren,

Und die Zeit,

Die alles hätte retten können,

Blieb uns unsichtbar.

 

 

 

Sie brachte ihren Mann zum Zug.

Sie sah ihm nach.

Das sah er nicht, er sah nach vorn.

Dann drehte er sich um.

Er sah, sie hatte einen Stein im Schuh,

Den schüttelte sie aus

Und sah ihn nicht.

 

Sie zog den Schuh blitzschnell

Auf ihren Fuß und sah nach vorn.

Er sah noch immer nicht zurück.

 

 

 

Der Schuh saß schlecht,

Sie zog ihn noch einmal vom Fuß.

Er sah zurück und sah,

Dass sie nicht an ihn dachte,

Und die Zeit war knapp.

 

Sie blickte zwischendurch zu ihm,

Er sah nur seinen Zug,

Und dachte nicht an sie.

Dann stießen sich die Leute vor der Tür,

Er ging für sie verloren

Und fuhr ab.

 

 

Sie dachte, nie sieht er zurück.

Er dachte, nie sieht sie mir nach.

 

Sie fühlten beide,

Wie sie mit den Rücken eine Wand berührten,

Die ließ sie nicht durch.

 

Sie standen beide angelehnt

An eine Wand,

Die war nicht zu durchstoßen.

 

 

 

Ein Telefongespräch mit mir.

Ich sage: "Nein.

In diesem Herbst," so sag ich,

"Fallen kleine, braune Birkenblätter

Von der Decke meiner Küche."

 

Dann geb' ich es auf und sage "Ja".

Es fallen keine Blätter mehr.

 

Die Küchendecke öffnet sich.

 

 

Ich hatte nicht mit diesem Telefongespräch

Gerechnet.

 

Durch die Öffnung löst sich jedes Wort

Aus seiner Spannung,

Und die andre Seite spricht nicht mehr.

 

Dort sprach ein junger Mensch,

Ein Mädchen, das in einer Kunst lebt,

In der Schauspielkunst.

 

 

Nun ist das Mädchen hier

Und kniet vor mir

Und tippt, wie im Gespräch

Mit einem spitzen Finger

Auf mein Knie.

 

So klein kann eine Bühne sein,

Die macht aus mir die Welt.

 

 

 

Mit den gespreizten Fingern

Fährt sie sich ins Haar

Und hat ein wenig Mühe.

 

Jedes krause Haar

Stammt aus dem Inneren.

Ich sehe, dass man die Gedanken

Bündeln kann.

 

 

Sie ist so jung,

Dass sie als Zweig an meinen Zweigen

Hätte wachsen können.

 

Kraus und lang sind ihre Haare.

Rührte ich sie an,

Wär' es ein Denken durch die Hände.

 

 

Dann dreht sie sich plötzlich schnell herum

Und letzte krause Spitzen ihrer Haare

Streifen meinen Mund.

 

Im nächsten Frühjahr

Werde ich die Zweige stutzen,

Wenn der Stillstand dieses Augenblickes

Sich bis dahin legt,

Und sich nicht neu bewegt.

 

 

 

In ihrer Kammer

Hängen leere Rüstungen,

Die rosten.

 

 

 

 

"Samen fremder Männer

Sind in mich gekommen," sagt sie,

"Und der Rost kam über mich.

So bin ich immer noch auf Suche.

Eines Tages werde ich mich

Nicht mehr häuten."

 

 

Es war spät,

Als sie mir ihre Rüstungskammer

Zeigte.

 

 

 

"Sonst," sagt sie,

"Ist alles um mich her mechanisch.

Die Beziehung zueinander

Ist mechanisiert.

Ich habe einen Stab,

Der sich in sich ganz sanft bewegt."

 

Sie zeigt ihn mir.

 

 

Ich bin ein Mann

Und habe über diese Dinge

Niemals nachgedacht.

 

So schäm ich mich

Um meinetwillen.

 

 

Sie verbringt mit sich die Tage

Und die Nächte.

 

Später stelle ich dem Automaten

Meine Fragen.

Der ist hoch intelligent

Und wird mir helfen können.

 

 

 

Als das Geräusch verklungen war,

Trat Ruhe ein.

Zuvor erzwang das überlaute, schrille Schrein

Gequälter Frau’n, dass man bedachte.

Ja, es waren Stimmen,

Die man über Sprechgeräte wiedergab

Und die als ein Zusammensturz

Von jeder Quälerei und Raserei und jeder Ohnmacht

Laute in die Ohren hämmerte

Und die ein Knopfdruck unterbrach,

Und nun war Stille.

 

 

Stille ist der Laut,

Der alle Laute maßlos überbrüllt,

Der Echo hat

Und der vor jedem Echo seinem Echo

Wiederum ein Echo überlässt.

 

Die Stille ist in sich nicht still.

Sie treibt in sich die Brandung Nachklang

An die Ufer,

Weitet ungeheuer jedes Ohr

Und trägt Gewölbe in den Kopf.

 

 

So drängt, wer Laster hat,

Die Laster andren auf.

 

 

 

Es kam ein Königskind zu mir,

Das sich beklagte, weil es,

Kind von Königin und König,

Unter seinesgleichen lebte,

Und es sagte: ,

"Königlich arm dran bin ich,

Als König unter Königen."

 

 

Ich nagelte mir diesen Vorwurf

An die Eingangstür.

 

Von nun an lebte ich in Armut.

 

 

 

Die Reliefs auf fast verfallnen Tempeln,

Die man zu verstehen suchte,

Blieben ein Geheimnis,

Und man überließ sie schließlich

Dem Verfall.

 

 

 

Ich stand in einem Wasser

Und bedachte Tod und Leben.

 

Bis zu meinen Schultern stand ich in dem Wasser,

Und ich dachte ans Ertrinken,

Ans Verdursten.

Darin fand ich keinen Gegensatz.

 

 

Auf einem Foto, sah ich,

Hatten Leute ihre Stühle

In die Wüste mitgenommen,

Sich darauf gesetzt.

 

 

 

Man fand viel später

Ihre Skelette in der Kleidung

Neben diesen Stühlen.

 

Niemals werde ich in einem Wasser

Schwimmen wollen.

 

 

 

Alles war verwandelt.

Was ich sehen wollte,

Sah ich nicht.

In mir stieg eine Sehnsucht auf,

Die hätte ich mit Worten

Nicht beschreiben können.

 

So kam Panik über mich,

Und meine Augen hasteten,

Weil doch das Wort versagte.

 

 

Drüben zeigte eine junge Frau

Den Tanzschritt.

Mit der rechten Hand

Schob sie die Locken in den Nacken,

Sah hinab auf ihren Fuß,

Und mit der linken Hand

Hielt sie den Faltenrock entlang der Schenkel

An den Leib gedrückt.

Dann schlug sie ihre Augen auf

Und sah zu mir.

 

 

Vor jeder Sehnsucht steht Verwandlung.

 

Als ich zu ihr ging

War vor mir weiter nichts,

Als dieser Baum,

Der in der Schwingung stand

Und sich bewegte

Und verharrte.

 

 

 

Morgens stand ich auf.

Im Zimmer hing ein Spiegel,

Darin hätte ich mich

Wiederfinden müssen,

Und ich sah hinein.

 

 

Ich hätte nichts bemerkt,

Wär ich in ihm gewesen.

 

 

 

So sieht also, dachte ich

Versagen aus,

So sichtbar ist ein Mangel

An der Existenz.

 

 

 

Jemand gab mir Recht.

Ich fragte nicht wofür und nicht warum,

Denn oft war Recht, das man mir gab,

Ein Unrecht.

 

Darum ging ich in die Galerie

Und hängte Bilder auf.

Zu Anfang war ich ungeschickt,

Doch dann gelang mir die Verwandlung

Und ich blieb als Gegenstand

Im Raum.

 

 

Ich war nun zu betrachten,

Und ich selbst fand mich,

Als ich Besucher war,

Nicht wieder.

 

 

 

Bilder einer Galerie

Sind all zu oft die Gegenstände,

Die sich in sie flüchten.

 

 

 

Ich sollte Überblick bekommen,

Und man stellte mich vor eine Wahl:

Entweder dürfte ich

Aus größter, allergrößter Höhe

Alles überschauen und verlöre jede Übersicht,

Zum Schluss die ganze Sicht

Und wäre dann alleine in der Leere,

Oder....

 

 

Also wählte ich das tiefste Bohrloch aus,

Das je von Menschenhand

Geschaffen worden war.

 

 

 

Noch ist die Zeit,

In der ich mich auf diese Talfahrt

Vorbereite,

Und ich denke Tag und Nacht daran.

 

 

 

Die Schienen waren glatt,

Und alles, was auf ihnen lief, lief glatt.

Die Räder liefen glatt auf ihnen.

Endlos liefen Schienen

Unter glatten Rädern.

 

Dort, wo ich bin,

Sind die Fahrgeräusche, die sind angenehm.

Die Nacht ist stundenlang

Um alle Wagen und um mich.

 

 

Beim ersten Licht seh ich hinaus,

Es ist nicht mehr als ein Verdacht,

Und der bestätigt sich sofort:

Die Wagen stehen still,

Sie standen still,

Es hatte sich kein Rad gedreht,

Wir hatten uns nicht einen Zentimeter fortbewegt.

 

 

 

Den andren würde ich vor unsrer Ankunft

Kein Wort sagen.

Jeder reist für sich.

Ich möchte nicht im Nachhinein

Die Nachtfahrt andrer Leute stören.

 

 

 

Ich las in dem Gedicht,

Das hatte eine Frau geschrieben

Und darin, dass sie den Bruder liebte, und,

Dass sie sich nicht verriet,

Schrieb sie ihm alles auf.

 

 

Sie schrieb,

Dass sie nun seinen Tod beschlossen hätte

Und verbrannte sich in einem Zimmer

Mit dem Zimmer.

 

 

 

Niemand stellte ihren Bruder

Vor Gericht.

 

 

 

Die Bahn fuhr auf dem Damm.

Ich saß darin und sah hinaus.

 

 

 

Vom Himmel wuchsen Bäume,

Deren Kronen reichten bis in unsre Nähe,

Und die Früchte stiegen,

Als sie niederfielen,

Himmelan.

 

 

 

 

In der Tasche einer alten Hose

Finde ich

Den Zettel zum Gedenken.

 

Ja, so ist Gedenken.

 

 

Nur, wenn man wie ich,

In aller Frühe seine Stirn

An eine Steinwand drücken kann,

Und sich die Schrift von dort

In deine Stirnhaut drückt,

Dass du sie in dem Spiegel vor dir lesen kannst,

Dann spricht man von Gedenken.

 

 

Nein, ich kann dem Tod

Die Ironie nicht abgewinnen.

Übertrieben stimmt er allem zu,

Er zeigt den Schein und nicht den Wert

Und macht sich so zur Sache.

 

 

 

Ich stand vor dem Marienbild,

Dem hatte man das Jesuskind

Herausgeschnitten,

Das lag auf dem Tisch

Und wurde operiert.

 

Die Ärzte waren zu beschäftigt,

Um mich zu bemerken,

Und ich selbst bemerkte nichts.

 

 

Mit meiner Hand griff ich,

Wie zum Beweis,

Ins Leinwandloch,

Das überwachte ein geheimes Auge,

Und Alarm wär angesprungen

Hätte man mich nicht im letzten Augenblick

Zurück gerissen.

 

 

 

Ja, man schalt mit mir,

Ich sei voll Unvernunft,

Dass ich in eine offne Wunde

Hatte greifen wollen.

 

(2008  Frankfurter Bibliothek der Klassikerausgabe …)

 

 

 

Man trug etwas im Arm.

Man trug mir eine Botschaft zu.

Im Arm trug man mir eine Botschaft zu.

Sie sei in dem Paket,

Das war eng zugebunden.

 

Ich war mir mein Bote.

Ich erhielt von mir die Botschaft,

Und ich ging mit dem Paket den Weg des Boten

Durch den Park.

 

 

Es war der Weg des Boten, der ich war.

 

Im Park sah ich drei Steinfiguren.

Denen hatte der, der sie geschaffen hatte,

Mit dem Meißel Linien um den Leib geschnitten

Und sie so verschnürt,

Dass ihre Botschaft

Unberührt zutage trat.

 

 

So kam ich an.

Ich legte den Figuren das Paket zu Füßen

Und war frei.

 

 

 

Ich war bei mir im Lohn

Und zwang mir harte Arbeit ab.

 

In mir, vergaß ich zu erwähnen,

Mussten die Gefangnen in den Steinbruch gehn

Und durften über die Gefahren,

Über diesen Zwang,

Kein Sterbenswort erwähnen.

 

 

 

Wenn mich jemand nach mir fragte,

Und ich lügen musste,

Drang oft weißer Staub nach außen,

Blässe schoss in meine Wangen.

 

 

 

Trotzdem hielt ich die im Steinbruch

Abgeschnitten von der Welt

Und achtete darauf,

Dass sie kein Sterbenswort erfuhren.

Sie erfuhren nichts

Von einer andren Welt.

 

(2007 Frankfurter Bibliothek der Brentano – Gesellschaft und der Klassikerausgabe…)

 

 

 

Er war alt und voller Trotz,

Und, darin war er sicher,

Seinetwegen zündete die Sonne morgens

Ihre gelbe Fackel an.

Er wollte es,

Sie musste ihm gehorchen.

 

 

Dieser Unsinn, gab er zu,

Versetzte andere,

Und nicht zuletzt ihn selbst, in Staunen.

 

 

 

Ich beschrieb ihm den Laborversuch,

Der hatte Glauben isoliert.

Man konnte diesen Glauben erstmals

Äußerlich betrachten,

Und er kam, wie jeder andre Glaube,

Nicht von innen.

 

 

 

Einmal stach ich aus Versehen

Mit dem Stock, es war die Spitze eines Stockes,

In die Erde.

 

Um mich abzustützen, ohne nachzudenken,

Stach ich mit der Spitze des Spazierstocks

In die Erde.

 

In dem Film sah ich genau,

Wie eine Frau ein Kind bekam,

Ich hörte, dass sie schrie,

Und sah es auch an ihrem Mund.

 

 

Heut’ lebe ich allein,

Und wenn ich falle,

Suche ich die Stütze einer Wand.

Ein drittes Mal

Soll dieser kleine Leib, mein Leib,

Nicht Grund zu Rissen in der Haut von andren

Werden.

 

 

 

Ja, nach jenem zweiten Mal leb ich wie eh und je,

Und wandre mit dem spitzen Stab

Und kann den Samenfluss aus mir

Nicht stoppen.

 

 

 

Nachts bleibt mir die Angst.

Es bleiben mir die Schreie,

Die ich tags nicht auszustoßen wage.

Selbst, wenn sie auf meinen Lippen lägen,

Würd ich tags nicht einen davon hauchen.

 

Nachts kannst du mich nicht mehr wecken, wenn ich störe,

Unsre Betten haben wir getrennt.

Erst schoben sie sich von alleine auseinander,

Dann war unser Wille sichtbar.

 

 

Jedes Bett steht messerscharf an einer Klippe.

Zwischen ihnen ließen wir

Ein Telefon verlegen,

So bescheren wir uns wenigstens den Tag.

 

Ja, früher konntest du mich wecken,

Mit den Händen packen,

Dass ich schwieg, wenn ich zu schreien hatte.

 

 

 

Zwischen unsren Betten wächst ein Unkraut.

Dadurch führt ein Trampelpfad,

Der ist von mir.

 

 

 

Ich lege keinen Wert auf Schilder.

Meinen Namen sehe ich,

Wenn ich ihn wissen muss,

In meinem Ausweis nach.

 

Schilder. denke ich, sind Abwehr.

 

Jede Hand ein Schild.

 

 

Ich gebe keinem mehr die Hand.

 

Und jede Tür ist Schild.

 

Ich geh durch keine Türen mehr.

 

 

 

Auf meiner Kopfhaut ist ein tätowierter Kreis,

Den kann ich mir mit nichts erklären,

Und ich weiß auch nicht,

Seit wann er sich schon unter meinem Haar versteckt.

Er ist sehr schlecht zu sehen.

Ich sah ihn noch nie.

 

 

 

Über mir, am Himmel,

Die Spiralen ferner oder naher Sternennebel.

Es ist Tag,

Ich weiß trotzdem von ihnen.

 

Plötzlich stehst du nah vor mir,

Ja, ich erschrecke mich,

Ich kanns nicht glauben.

 

Du und ich,

Wir machten uns zu dummen Schafen einer Herde,

Dass wir heimlich Liebe suchen mussten

Und uns heimlich küssten

Und uns dann versagen mussten.

 

 

Dumm ist eine unerfüllte Liebe.

Täglich auferstehst du tausend Mal vor mir.

So, sagt man, kann man uns uns überlassen,

So, sagt man, kann nichts passieren.

Unsre Feinde überlassen uns für unsre Küsserei

Dem Frieden.

 

So, sag ich,

Seh ich uns unsre Herde dummer Hoffnungen

Und Unerfüllbarkeiten

Voller Angst und Sorge

Über eine Lichtung treiben.

 

 

Mehr als diese Zeit bleibt nicht,

Mehr Zeit räumt man nicht ein.

 

 

 

Meinem Wärter hing ich an,

Der lebte in dem Räderwerk

Und war mir unbekannt.

Er wusste davon nichts

Und wachte über mir

Und über mich.

 

 

"Ihm," sang ich laut,

"Sei Lob und Dank.

Ein guter Wärter ist ein Schutzpatron.

Ihm werde ich die Füße,

Nein, die Sohlen seiner Füße küssen."

 

Jeder hörte, dass ich ehrlich war.

 

 

In meinem Falle

Tauschte man sofort den Wärter aus

Und tuschelte:

"Die stärkste Liebe

Stirbt an Trennung."

 

(2008 Bibliothek deutschsprachiger Gedichte…)

 

 

 

Es gab Abendbrot.

Es gab zum Abendbrot den Film.

Der Film war Speise.

 

Grausam ist ein Essen,

Dass aus reiner Wahrheit zubereitet ist.

Ich sprach zu mir,

Ich sagte laut:

"Du bist allein mit deiner Liebe,

Und die Liebe hat zum Preis

Die Liebe."

 

 

Später sprach ich dann mit dir.

Du hattest einen Liebeswunsch,

Den sagtest du mir nur,

Weil ich versprach,

Mein Innenohr vor ihm zu schließen,

Und du sagtest selbst, vor dir:

"Es ist, als hätte ich den Wunsch

Und hätte ihn doch nie geäußert."

 

 

 

Dieser Film war nach der Öffnung der Vernichtungslager

Aufgenommen worden,

Und er zeigte eine Erde,

Wie sie grad im Schrei aufbricht.

 

Dein Mund

Und mein Mund

Konnten sich nicht wieder