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Buchtitel, ISBN 978-3-937264-86-8

Inhaltsverzeichnis

 

Die Insassinnen

 

GESCHICHTE EINES AUSSENLAGERS, KZ SASEL *)

 

Theaterstück

 

*) In Anlehnung an: „Geschichte eines Außenlagers, KZ-Sasel“,

Freie und Hansestadt Hamburg, 1982

 

 

 

 

Bild 2

 

 

Harald Birgfeld

 

Copyright 2015 beim Autor, Harald Birgfeld, alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieser Veröffentlichung darf ohne schriftliche Erlaubnis des Herausgebers, Harald Birgfeld, reproduziert werden. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Verfilmung und Einspeicherung sowie Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Herausgeber, Autor, Redakteur: Harald Birgfeld, e-mail:.   Harald.Birgfeld@t-online.de

 

 

In dem Stück kommen vor:

 

 

1. Jugendliche, Mädchen (1.Jug.)

2. Jugendlicher, Junge (2.Jug.)

3. Jugendlicher, Junge (3.Jug.)

 

1. Insassin, (1.Ins.)

2. Insassin, (2.Ins.)

3. Insassin, (3.Ins.)

4. Insassin, (4.Ins.)

 

1. Stein

2. Stein

 

1. Verkäuferin (1.Verk.)

2. Verkäuferin (2.Verk.)

 

1.Häftling

2.Häftling

 

Bewacher (Bew’er.)

Bewacherin (Bew’in.)

 

Schwarzhemd, (Schw.)

 

 

Frau B.

Schwester Frau B. (Schw. Frau B.)

Frau D.

Frau D.

Frau E. (1)

Frau E. (2)

Frau F.

Frau H.

Frau I.

Frau K.

Frau P.

Frau R.

Frau U.

Frau Y.

Frau Z.

 

Dr. Y.

Dr. Z. jr.

Dr. Z. sen.

 

Probst H.P. (Pr.)

 

Drei Frauen:

1.Frau, (1.Fr.)

2.Frau, (2.Fr.)

3.Frau, (3.Fr.)

 

 

Herr B.

Herr F.

Herr K.

Herr N.

Herr P.

Herr X.

Herr Y.

 

 

Junge, (Ju.)

Karrenschieber

Kleines Mädchen (Mäd.)

Kusine (Kus)

Lautsprecher, (Laut.)

Lena G.

Maria,

Sulejka

 

Offizier

 

Pol. (Polizist)

 

 

 

Und einige andere.

 

 

Die Bilder in der Reihenfolger

 

1. Akt

 

1. Bild

Urgespräche

2. Bild

Totenkammern

3. Bild

Gebot der Steine

4. Bild

Spottdrossel

5. Bild

Ein Interview

6. Bild

Der Kassenwart

 

 

 

2. Akt

 

1. Bild

Verkehrte Welt

2. Bild

Sulejkas Tod

3. Bild

Singsang

4. Bild

Wen klagt ihr an

5. Bild

Unsre eigenen Probleme

6. Bild

Lena G.:

„Frauen müssen Frauen helfen“

 

 

 

3. Akt

 

1. Bild

Im Gnadenfutter

2. Bild

Wir wollen einmal unsre Ruhe haben

3. Bild

Schiff der Hoffnung?

4. Bild

Ein langer Schlaf

5. Bild

Die Obrigkeit hat gratuliert

 

 

 

 

1. Akt 1. Bild. Urgespräche

 

Auf der linken Seite der Bühne befinden sich Jugendliche, auf der rechten Seite ältere Erwachsene mit Briefen und Zetteln in der Hand.

Zwischen den Gruppen befindet sich ein Zaun der reicht bis an die Decke.

Man könnte ihn allerdings seitlich umgehen.

1.Jug., ein Mädchen,

2.Jug., ein Junge.

Die Jugendlichen versuchen ein Gespräch mit den Erwachsenen.

 

1.Jug.:     Frag doch die.

Die sind doch alle aus der Zeit.

2.Jug.:     Die würden uns auch grad was sagen,

                                  Das hat keinen Sinn.

                    Da kannst du gleich mit Steinen sprechen wollen.

                                  Denen hält doch das Gewissen

                                  Beide Hände auf den Mund.

1.Jug.:     Die soll‘n sich nur erinnern,

                                  Soll‘n uns sagen wie es damals war,

                                  An was sie sich erinnern können.

                                  Hab‘n doch hier gelebt, im Alstertal in Sasel.

                                  Gehen immer noch durch ganz genau

                                  Dieselben Straßen.

                                  Soll‘n sich nur erinnern.

Herr X.:    Unsre Jugend hat ein Recht darauf

                                  Von uns zu hören, wie es damals war.

                                  Ich möchte endlich einmal drüber reden können.

                                  Niemand spricht davon.

                                  Die reden alle immer nur drum rum.

                      Ich will euch sagen, was ich weiß

                                  Und wie es war.

                                  Die Schwarzhemdtyrannei war schlimm

                                  Als sie in Blüte stand.

2.Jug.:     Das ist schon wieder so‘n Gewäsch.

                    Das woll‘n wir gar nicht wissen.

                    Keiner will das wissen.

                    Was wir wissen wollen, ist

                    Wie es in Sasel war nur hier, an dieser Stelle.

                    Was Sie davon wissen,

        Was in diesem Nest geschah.

        Genau. Was hier geschehen ist.

                    Wir können es uns nicht erklären,

                    Sagen Sie uns, was Sie davon wissen.

                    Alles andre schlagen wir in Büchern nach.

Frau U.:    Es ist doch immer gleich.

Nun will man mal erzählen, und was ist?

Die hör‘n noch nicht mal zu

Ich bin Frau U.

Ich könnte euch sehr viel erzählen.

          Hier in Sasel war die Welt noch nicht zu Ende.

Jeder denkt, die großen Schrecken

Waren nur an großen Plätzen.

Nein, sie kamen bis zu uns.

Sie krochen in die letzten Ritzen

                      Und versteckten sich in jedem Winkel.

Denkt nur an die Bombennächte überall.

Ich geb‘ es zu:

Wir hatten unsren eig‘nen Schrecken, hier im Dorf,

An unsrer Seite.

Ja wir wohnten Tür an Tür mit ihm.

Der Schrecken wohnte unter uns,

Er ging in unsrem Dorf spazieren.

Leider haben wir sehr oft nicht hingesehen.

Frauen waren es, sehr viele Frauen,

Bis zu fünf Mal hundert Frauen,

Die den Schrecken so spazieren tragen mussten,

Davon wollt ihr hören, ja?

Den Frauen ging es schlecht, sehr schlecht.

Ihr wollt ja alles wissen,

Fragt und fragt und fragt.

Die Frauen damals hatten auch gefragt.

Naja, das klärt heut‘ niemand auf.

Die standen dauernd unter Wache.

„Schwarze Hemden“ standen überall herum.

 

Ein Schwarzhemd kommt herein, ein völlig schwarz gekleideter Mann (Schw.).

Er hat ein Rutenbündel im Arm. Daraus schimmert eine blanke Axt.

Er geht auf Frau U. zu.

 

Frau U.:    Ich war so jung wie ihr.

 

Frau U. nimmt ihr Kopftuch ab. Sie ist jetzt ein junges Mädchen.

 

Frau U.:    Das Reich der tausend Jahre ging zu Ende.

Damals war es niemandem genau bewusst.

Ich war Studentin.

Schw.:     Du bist doch das Fräulein U.?

                    Studentin?

Frau U.:    Ja, das stimmt.

Schw.:     Naja, damit ist erst mal Schluss.

Jetzt müssen alle helfen,

Auch die Frauen und die jungen Mädchen.

Studium wird hintenan gestellt.

Ist eine Art von Kriegseinsatz.

Du brauchst dafür nicht in den Krieg,

Verstehst du mich? Sei froh.

Du kannst noch wählen.

Frau U.:    Ich soll wählen? Was denn.

Schw.:     Zwischen Kettenwerk der Munitionsfabrik

In Ochsenzoll, naja, und Schaffnerin

Auf einer Straßenbahn.

Frau U.:    Als Schaffnerin auf einer Straßenbahn?

Die hat doch keinen Bunker.

Soll ich meine Angst spazieren fahren? Hin und her?

Das mach ich nicht. Nein.

Sagen Sie, die anderen,

Was machen denn die anderen?

Schw.:     Die geh‘n in die Fabrik.

Die meisten jedenfalls.

Du brauchst auch keine Angst zu haben.

 

Er lacht.

 

Schw.:     Eher ist es umgekehrt.

Die in der Munitionsfabrik, die haben Angst vor euch.

Frau U.:    Vor uns? Warum.

Schw.:     Weil ihr von gar nichts eine Ahnung habt.

Ihr müsst ganz schnell vergessen,

Was ihr wisst. Das braucht dort keiner.

Was ihr wissen müsst, bring‘n die euch bei.

Frau U.:    Was soll‘n wir da denn naschen?

Schw.:     Produzieren! Produzieren!

Hülsen für Granaten.

Ihr lernt schnell. Drei Wochen höchstens.

Dann seid ihr dort Meister.

Frau U.:    Hülsen für Granaten? Lieber Gott!

 

Das Schwarzhemd geht fort. Frau U. bindet das Kopftuch wieder um.

 

Frau U.:    Wir Mädchen damals waren „ordentlich“.

Heut ist das völlig anders.

Wir versteckten unsre Reize „ordentlich“.

Als der mich angesprochen hatte, dachte ich,

Dass sich die Winzigpunkte schwarzer Hemden,

Die einst ineinander liefen,

Nun im Raster wieder aufzulösen schienen.

Nein, ich hatte nicht damit gerechnet,

Doch noch in die Munitionsfabrik zu müssen.

Dann sagt der auch noch, ich könnte wählen.

Ja, ich hatte längst gewählt.

Verliebt war ich. In jemanden verliebt.

Das war sofort vorbei.

Das hätt‘ ich dem nie sagen dürfen.

Wenn ich schon verlobt gewesen wäre, wenigstens verlobt.

                     Das wär vielleicht ein Unterschied gewesen.

Das wär‘ jedenfalls wie die es sagten

„Ordentlich“ gewesen.

Das versteht ihr heute nicht.

Ist besser so. Ist sicher besser so.

Ihr wurdet nie getötet, nie beraubt,

Beplündert mit Gesetz und Ordnung.

Alles, was ich weiß will ich erzählen.

Viel wird man noch schreiben und erzählen müssen,

Bis man‘s irgendwann vielleicht versteht,

         Erkennt und das Erkennen lernt,

                     Wenn es noch nicht zu spät ist.

Damals dachte ich die Angelegenheit beträfe

Mich persönlich, ganz persönlich.

Heute weiß ich auch,

Dass es natürlich nicht nur mich betraf.

2.Jug.:     Sie haben recht.

Wir leben hier in Watte.

Seh‘n Sie uns doch an.

Wir leben in Ansorge, völlig ohne Sorgen.

Unser Garten ist ein Paradies.

Das heißt, es könnte eines sein,

Wenn wir nicht wüssten, was hier vorher war.

1.Jug.:     Es geht um uns.

Um junge Menschen.

Es macht allen von uns Sorge,

Dass wir ohne Sorgen sind.

Verstehen Sie? Wir möchten uns vermissen können.

Doch wie sollen wir,

Wenn wir uns niemals umeinander sorgen können.

2.Jug.:     Unser Heim liegt mitten

In der grünen Landschaft,

Aber die ist gar nicht grün für uns.

Wie soll‘n wir es erkennen,

Wenn wir doch vom toten Grau des Grauens,

Das vor uns hier war, nichts wissen.

Immer endet alles an dem Zaun. Und dann?

1.Jug.:     Das Alstertal ist unser Leben.

Wenn wir nicht die Zeugen hätten,

Unsre Steine, wüssten wir von all dem wenig.

 

Sie geht auf einen Findling zu.

 

1.Jug.:     Unsre Steine waren Augenzeugen

War‘n schon damals da.

In ihnen stecken die Gespräche immer noch.

Da drinnen ist das erste Echo.

                     Aber alles eilt und drängt.

Wir kommen fast zu spät.

In ihnen hat sich alles auf‘s Vergessenwerden

Vorbereitet.

2.Jug.:     Was wir wissen, wissen wir von unsren Steinen

                    Und,

 

Zu den Erwachsenen gewandt.

 

2.Jug.:     Ihr sollt uns helfen,

Dass wir auch verstehen, was die uns erzählen.

Alles, was die reden

Müssen wir erst übersetzen lassen.

1.Jug.:     Wo wir stehen, stand zuvor ein Lager.

Das war aufgestanden und danach zerfallen,

Bis auf einen Rest. Geblieben sind die Steine.

Die sind nass von immer neuen Tränen,

Und sie sind so grau,

Dass man um sie herum das Grün erkennen kann.

2.Jug.:     Hör‘ auf! Das ist Geschichte. Bla, bla, bla... .

1.Jug.:     Wir wissen noch viel mehr von ihnen.

2.Jug.:     Ja, dass sie in Rätseln sprechen.

Oder kannst du sagen, was sie meinten,

Ale sie sagten:

„Grau wird sich noch schrecklich

Mit dem Rot vermischen

Dass man auf das Grün,

Um dessentwillen ihr mit uns, den Steinen, sprecht,

Wird kaum noch hoffen können“.

1.Jug.:     Warte ab.

                    Da drüben steh‘n ja die, die leben, überlebten.

 

Ein Erwachsener kommt mit einer Liste, die er gerollt durch den Zaun schiebt.

 

Frau I.:     Diese Liste haben wir in Bergstedt

Unter einem Stein gefunden.

Darin müsst ihr lesen. Alles Namen…

1.Jug.:     Eine Liste?

Herr X.:    Eine Totenliste.

Dass die alle tot sind, weiß sonst niemand.

Offiziell hab‘n die noch nicht mal existiert.

Ihr müsst uns eins versprechen.

Alle Erwachsenen:

Niemals dürft ihr unsre Namen nennen.

                     Nein, wir wollen nicht, dass ihr nach unsren

Namen fragt...

Alle Erwachsenen:

Wir sagen sonst kein Wort.

                     Wir woll‘n ja gerne helfen,

Aber namenlos.

2.Jug.:     Bei uns wird keiner angeklagt.

Mein Gott.

Wir sprechen nicht von Schuld.

1.Jug.:     Von uns wirft keiner einen Stein.

Ihr seid doch hinter diesem Zaun.

Ihr wärt doch nie gekommen,

Wenn wir diesen Zaun nicht hätten.

Herr X.:    Wir, Frau U., Frau I., Herr D.

Und alle andren wollen nicht,

Dass Bilder, die wir zeigen,

Letzten Endes doch belichtet werden.

Das hat nichts mit Schuld zu tun.

Ihr müsst uns auch verstehen.

Alles ist erst fünfzig Jahre her.

In uns lebt noch der Schrecken.

Tag für Tag.

Die wahre Sonne

Scheint uns allen nicht zu scheinen.

Alle Erwachsenen:

Uns scheint keine wahre Sonne.

Frau I.:     Ihr wärt uns zum Steinewerfen viel zu jung.

Und ihr habt recht,

Es steht der Zaun dazwischen.

                     Ich bin außerdem zu alt dafür,

Vielleicht auch nur zu müde.

Überhaupt trifft man mit Steinewerfen

                     Ausnahmslos die Falschen.

Und sich selbst bewirft man nicht.

Und Spiegel stellte keiner auf.

2.Jug.:     Die Steine sprechen wieder.

Alles, was' sie sagen

Übersetzen sie uns

Aus Liszkowski in die Gegenwart.

1.Stein:    Von der Geburt der Schwarzhemdtyrannei.

Das ist nun fünfzig Jahre her.

Wir reden so.

Wir sagen, die Geburt war eine Sonnenfinsternis,

Die fing mit einer Sonnwendfeier an.

Die feierte das ganze Land.

Man ließ die Feuerräder von den Bergen laufen.

Damals staunten viele über diese Wende.

Wir, die Steine, haben es gehört...

Herr X.:    Es sind nur wenige von denen damals

                     Nachgeblieben.

Außer uns sind doch nicht alle tot?

Ein Jammer, welch ein Jammer.

1.Jug.:     Was bejammert er denn nun?

1.Stein.:   Wir reden so.

Vor fünfzig Jahren hatten die,

Die in der Krippe lagen

Sich als Wunder der Natur allein gezeugt,

Allein aus sich heraus geboren.

Anfangs haben sie sich auch allein genährt,

Doch dann, in einer Folge rascher Dieberei,

Die Brüste junger Mütter andrer Kinder ausgetrunken.

Und sie, wenn die Mütter schrien,

Gezwungen sie zu säugen,

Bis zu deren Tod.

Sie tranken auch die fremde Muttermilch,

Wenn sie nicht mehr zu trinken war.

Sie, so sagen wir, die Steine,

Wählten sich alleine aus.

Als Zeichen hatten sie die Axt,

Die trugen sie versteckt im Rutenbündel.

Die, die diese Axt entdeckten,

         Sahen sie fast immer viel zu spät.

Die andren sahen nichts,

Und viele sahen nicht in das Versteck.

Sie waren ausgewählt.

                     Wir Steine sagen, dass die Ausgewählten

Schon bekleidet auf die Welt gekommen sind.

Sie trugen unter ihrer Haut die schwarzen Hemden

Als ein Fruchtbarkeitssymbol

Die wurden später sichtbar.

Ihre Hemden legten sie nie ab.

Die Schwärze war ein Panzer,

         Der das Überleben garantieren sollte

Und der die Verbreitung sicherte und ihren Fortbestand,

Den planten sie sofort

Auf über tausend Jahre.

 

 

1. Akt, 2. Bild. Totenkammern

 

Im Hintergrund eine kümmerliche Baracke, davor Stacheldraht. Links vorne, wie in einem Versteck die Jugendlichen, rechts genauso die Erwachsenen. In der Baracke drei jämmerlich bekleidete Frauen.

 

2.Jug.:     In die Steine fragen! So ein Unsinn!

                    So kommt man doch überhaupt nicht weiter.

1.Jug.:     Steine kann man nicht befragen

                    Man muss sie belauschen.

                    Steine führen ihre eigenen Gespräche, Urgespräche,

                    Und sie haben frische Narben.

2.Jug.:     Tausend Jahre sind doch für die Steine

Gar nichts.

Stell dir vor, die mussten sich

Den ganzen Unsinn anhör‘n

Den die schwarzen Hemden sagten.

1.Jug.:     Meinst du, weil sie tausend Jahre leben wollten?

2.Jug.:     Ist doch klar.

                    Das bringt die Steine nur zum Lachen.

1.Jug.:     Stell dir vor, die Steine lagen damals

                    Ganz genau wie jetzt.

2.Jug.:     Mit diesen Hütten drauf.

 

Von den Erwachsenen kommt Frau I dazu.

 

Frau I.:     Ich seh‘ es noch vor mir, als wär es heut‘.

Die Steine lagen vor dem Eingang zu der Villa

Auf der andren Seite.

Alles spielte sich vor diesen Steinen ab.

Herr X.:    Und auch darauf!

                    Von dort hielt man die „Reden an das Volk“.

Frau I.:     An diese Kreaturen.

Herr X.:    Jede, die hierher kam, machten sie dazu.

Ja, wirklich, Kreaturen waren sie.

Kein Mensch, der ihnen half.

Frau I.:     Da, in der Villa, wohnten die Bewacher.

Frau U.:    Alles Schwarze Hemden.

Herr X.:    Lebten da mit ihren Schwarzhemdfrauen.

Frau U.:    Und ganz oben wohnten die drei Könige,

                    Herr P., Herr T., Herr T.

                    Die wechselten sich täglich ab.

Herr X.:    Sie waren die Bewacher über den Bewachern.

Täglich zogen sie nach drüben hinter’n Stacheldraht.

Die Frauen waren dann schon lange draußen.

Frau I.:     Wenn man nur bedenkt,

Dass in den kleinen Räumen bis zu

                     Fünfmal hundert Frauen leben mussten.

Herr X.:    Leben konnte man das nicht mehr nennen.

Leben konnte man dort nicht.

Bewohnen konnte man nicht einen Meter.

Die behausten und belebten diese Schreckenskammern.

Frau I.:     In den Büchern heißen sie lakonisch:

                     Die Insassinnen.

Herr X.:    Nein, die belebten nichts.

                     Die konnten diese Räume nur besterben.

                     Sechs von den Baracken standen hier.

 

Das Schwarzhemd tritt auf und stellt sich auf den Stein.

 

Schw.:     Hört her!

Damit ihr wisst, worum es geht.

Ist ein Befehl aus Neuengamme! Äh, äh, äh...

Ich les‘ nur das, was wichtig ist...

Ihr sollt hier Heime für die Not errichten.

Durch die Bomben unsrer Feinde...

Na, das geht euch auch nichts an, äh, äh

Ihr sollt hier Plattenhäuser bauen...

Klar, mit Fundamenten. Klar.

Dann müsst ihr in die Ziegelei zur Arbeit.

Auch klar, und ihr sollt... ganz klar....

Die Trümmer zu beseitigen...

Im Falle eures eignen Todes haben wir euch

Zu beseitigen...ist auch ganz klar..

Ach, wichtig! Jetzt hört zu!

Von euch darf keine, na ich pass ja auf..

Ihr habt euch also streng daran zu halten.

Niemand darf Kontakt zu der Bevölkerung...

         Und die natürlich nicht zu euch..

Die werden alle hart bestraft..

Ihr habt euch streng von denen abzuschnüren,

Nicht ein Wort zu denen!

Wie ihr wisst, lebt die Bevölkerung

Sehr nah an uns.

         Ihr richtet euch danach!

Und denkt daran:

Dies Lager ist noch praktisch neu.

Erst seit August. Ihr seid die ersten.

Ja, in diesem Jahr.

August des Jahres 1944....

Arbeitslager…..Arbeitslager…

Herr D.:    Und es war das letzte eures Tausendjahrereiches.

Arbeitslager!!!

Nein, ein Arbeitslager war es sicher nicht,

Bestimmt nicht.

 

Schwarzhemd tritt ab.

 

Frau I.:     Nächstes Jahr im Mai war alles aus.

                     Es wurde wieder abgerissen.

Frau U.:    Bis auf eine Hütte. Die steht heute noch.

Ich glaube eine Frau wohnt drin.

Ich bin nicht sicher.

2.Jug.:     Mai, der Wonnemonat.

1.Jug.:     Dieser Mai war keiner mehr ein Wonnemonat.

2.Jug.:     Da kam die Befreiung,

                     Wenn das keine Wonne war?

1.Jug.:     Ein Wonnemonat ist doch ganz was anderes.

Die Insassinnen waren doch fast tot.

Das könn‘n wir, glaub‘ ich,

Gar nicht nachempfinden.

Herr X.:    Unsre Jugendlichen..

Frau U.:    Waren Sie nie jung?

Herr D.:    Ich weiß, dass diese Frauen wirklich

Kleine Siedlungshäuser bauen mussten,

Und sie bauten.

Herr X.:    Keine Siedlungshäuser, sondern Plattenhäuser

Für die Ausgebombten.

Von dem Lager gab es einen Lageplan.

Herr D.:    Natürlich.

Aber von der Totenliste

Hab‘ ich in den Protokollen nichts gelesen.

Stellen Sie sich vor!

Darauf sind 35 Namen. Alles Tote.

Und kein Mensch, der davon weiß.

Und dann spricht der von einem Arbeitslager.

2.Jug.:     Er hat recht.

Die Steine haben davon nichts gesagt,

Es nicht einmal erwähnt.

1.Jug.       Sie müssen sich erinnern,

                     Wenn sie so was können.

2.Jug.:     Sich erinnern,

Ohne sich an etwas zu erinnern,

Das ist Art der Steine.

1.Jug.:     Oder das Vergessen einfach wollen.

Alles damals war so nah am Ende.

2.Jug.:     Dass der Krieg zu Ende ging,

                     Erfuhr doch keiner.

1.Jug.:     Sicher hofften es die meisten.

2.Jug.:     Die mit ihren schwarzen Hemden

Fürchteten bestimmt den Tag.

Die wollten nicht dran glauben.

 

Auf der Bühne wird es dunkler und die Baracke wird in einen hellen

Lichtkegel getaucht. Frau B. tritt auf.

 

Frau B.:    Ich bin Frau B.

Ich rede nicht von dem

Was man Gewissen nennt,

Und die Geschichte mit der Schuld

Hab ich nie ganz verstanden.

 

Frau B. zeigt zu den Jugendlichen.

 

Frau B.:    Ihr da drüben wollt ja Einzelheiten hören.

Was ich meine sind nicht Einzelheiten

Sondern Glieder einer bösen Kette.

 

Frau B. macht ihre Haare auf. Sie ist jetzt eine junge Frau.

 

Frau B.:    Peter! Peter! Was ist das für Licht!

Das ist doch streng verboten. Sieh mal hin!

 

Der Mann von Frau B. tritt auf.

 

Herr B.:    Tu‘s lieber nicht. Wir sehen nichts.

Frau B.:    Da draußen, auf dem Feld ist alles hell erleuchtet.

Herr B.:    Das geht uns nichts an.

Frau B.:    Was uns im Dorf verboten ist,

                     Ist auf dem Feld erlaubt?

Herr B.:    Sei still.

Sprich wie die and‘ren

Hinter vorgehalt‘ner Hand.

Daher sind doch die Frauen,

Die die Häuser bauen müssen.

„Plattenbüttel“. Na? Kapiert?

Die müssen Unterkünfte bauen für die Menschen,

Die nicht unterkommen.

Ausgebombte!

Diese Frauen dürfen selbst natürlich nicht dahin.

Frau B.:    Das weißt du alles?

Warum hast du mir das nie erzählt?

Weißt du noch mehr? Erzähl‘.

Es hört doch keiner zu.

Herr B.:    Ist vielleicht besser so.

Dann weiß ich‘s nicht allein.

Komm her. Ich zeig dir was. Komm mit.

 

Sie gehen an eine Stelle wo ein langes weißes Tuch über eine Bodenöffnung gelegt ist.

 

Herr B.:    Du weißt, ich bin gewissenhaft.

Das Grabbuch für den Friedhof Bergstedt

Führ‘ ich nun schon all die Jahre.

                     Ich, kein anderer, darf etwas darein schreiben.

Und es steht tatsächlich auch nichts Neues drin.

Von mir nicht

Und von keinem anderen.

Und nun sieh hin.

 

Er zieht das Tuch beiseite.

 

Herr B.:    Sieh in die Grube.

Frau B.:    Ist das da ein Grab? Mein Gott ein Grab. So lang.

So viele Beine.

Sind das alles Tote? Tote Frauen?

                     Liegen die auf Stroh? Auf weiter nichts?

Herr B.:    Das Grab mit all den Frauen hab‘ ich so gefunden

Wie du es hier siehst.

Die sind hineingeworfen worden.

Frau B.:    Die sind nur noch Haut und Knochen.

Und die Köpfe!

Herr B.:    Alle kahlgeschoren. Schlimm.

Die armen Menschen.

Wer hat die hierher geschafft.

Ich kann es nicht begreifen.

Frau B.:    Weißt du auch wie viele darin liegen?

Herr B.:    Nein, nein. Weiß ich nicht.

Sind alle namenlos.

So kahlgeschoren.

Was bleibt einem Menschen,

Wenn man ihm die Haare raubt.

Sie liegen an der Friedhofswand.

Da dürfen keine Gräber sein.

Frau B.:    Brutal.

Dahinter schließt sich doch der Gasthof an,

„Zur Linde" nicht?

Herr B.:    Ich hab‘ gehört, dass eine wie die andre

Jüdin sei.

Ein Gärtner hat‘s erzählt.

Der hat das Grab geschaufelt.

 

Herr B. tritt wieder zu den Erwachsenen. Frau B erzählt weiter und steckt dabei ihre Haare wieder auf.

 

Frau B.:    Selbst im Grab ließ man die Frauen

Nicht in Ruh‘.

Man schaufelte es nicht mal zu.

Sie wurden selbst der Ruhe in dem Grab beraubt.

                     Man nahm sie wieder raus.

In einer Nachtaktion hat man sie gleich danach

Herausgenommen. Einfach so.

Sie waren plötzlich wieder fort.

Es lag nur noch das Stroh im Grab.

Für die gab‘s wirklich keine Ruhe.

In den Tod gejagt, getrieben

Jagte man sie nach dem Tod in einen neuen Tod

                     Und aus dem Grab heraus.

                    Wir konnten ihren Weg nicht mehr verfolgen.

 

Frau B. geht zurück zu den Erwachsenen.

 

2.Jug.:     Ich bin wie benommen.

1.Jug.:     Mir ist richtig schlecht geworden.

 

Von den Erwachsenen kommt Frau E.

Sie hat einen Korb mit Äpfeln und Brot. Davon versteckt sie in einem Gebüsch.

 

Frau E.:    Damals, als man sie dann freiließ,

Das war viel, viel später,

Aber mir fällt‘s jetzt grad‘ ein...

Das Lager war ganz dicht an unsrer Gartengrenze.

Deren Grenze grenzte gleich an unsren Zaun.

Ich hatte oft, so oft es ging, in einer Hecke

Brot und Äpfel für die Frau‘n versteckt.

Die haben‘s sich geholt, ganz heimlich,

Haben‘s gleich gegessen oder mitgenommen.

Als man sie dann freiließ...

 

In der Baracke stehen die Frauen auf und kommen auf Frau E. zugelaufen.

 

Herr B.:    Wenn ich mich daran erinner‘,

 

Die Insassinnen bestürmen sie.

 

1.Ins.:      Das ist sie, die hat uns auch geholfen.

 

1.Ins. küsst Frau E. die Hand.

Die anderen Insassinnen hängen ganz schnell drei, vier schwarze Hemden auf eine Wäscheleine.

 

2.Ins.:      Mein Freude...Nein..Du Freundin...

Du uns Kleider geben..

Du nicht Kleider schwarz, nicht rot, nicht braun.

Du mich sehen? Hab‘ ich Zahne? Alles Gold?

Alles nicht kaputt.

Du mich glücklich.

Frau E.:    Ja, ich geb‘ euch Kleider.

Die könnt ihr von mir aus haben.

 

Frau X gibt jeder ein Kleid.

 

2.Ins.:      Ich Paris, Franzosin.

Ich Geschäft Paris. Du viel Geschenke:

Seife, Seife. Du Parfum.

                     Ich danken, danken!

 

Die Frauen gehen wieder in die Baracke zurück.

Sie legen die Kleider wieder weg und nehmen die Hemden von der Leine.

 

Frau E.:    Nein, es war noch lange nicht so weit.

Es fiel mir auch nur ein.

                     An Seife dachten alle.

Reinigung des Leibes.

Jeder dachte an die Reinigung des Leibes.

Nein, es war noch lange nicht so weit.

 

Von den Erwachsenen stürzt Herr X. auf Frau E. zu.

 

Herr X.:    Gefang‘ne fliehen aus der Stadt. Aufs Land!

Zu uns !

Frau E.:    Zu uns?

Herr X.:    Es heißt, ein Mann aus unsrem Dorf

Hilft ihnen.

Hat vier Wagen voll mit Frauen,

Die er nach hier draußen schaffen will.

Er hätte beinah‘ einen Polizisten umgefahren,

                     Aber der hat ihn und alle laufen lassen.

Wohin soll das führen,

Was soll bloß noch werden!

Frau E.:    Bald weiß keiner, wer wen fliehen lassen wird

Und kann,

Und wer selbst zu den Fliehenden gehört.

 

Von den Erwachsenen kommt Frau K. dazu.

 

Frau K.:    Es stimmt, was Sie erzählen.

Trotzdem war es anders, ja ganz anders.

 

Auf die Bühne stürmen Herr K. und neun der Insassinnen. Sie sind völlig erschöpft. Der Mann treibt sie an.

 

Herr K.:    Los, macht weiter.

Wenn die uns erwischen ist es aus.

Die stell‘n uns an die Wand.

1.Ins.:      Nein, lasst mich, ich will sterben.

Herr K.:    Du stehst auf! Mach zu.

In Sasel bring ich euch auf meinem Boden unter.

Los steh auf.

 

Die andren Frauen helfen. Ein Schwarzhemd tritt auf und schlägt sofort auf Herrn K. ein.

 

Schw.:     Schon auf der Flucht? Ich wird‘ euch helfen.

Los zurück, verfluchtes Pack.

Herr K.:    Hör‘ auf, du Idiot. Du bist verrückt!

Wir sind doch unterwegs!

         Die Stadt brennt lichterloh.

Kein Mensch kann mehr zurück.

Lass uns schon durch.

Sieh zu, dass du dich selber rettest!

Hinter uns ist eine Feuerwand.

                     Mach Platz! Geh weg!

Das Feuer ist gleich hier!

 

Das Schwarzhemd ist erstaunt und bleibt stehen und lässt die Flüchtlinge durch und tritt ab.

Die Gehetzten kommen zu Frau K. zurück.

 

Herr K.:    Wir müssen helfen.

Frau K.:    Sind die aus der Stadt?

Herr K.:    Ich weiß nicht,

Hab‘ sie unterwegs gefunden.

Frau K.:    Los schnell auf den Boden. Und seid ruhig.

Legt euch oben hin. Seid still.

Ich bring‘ euch Suppe.

                     Nehmt euch Decken mit.

Ein bisschen Kohl, ein bisschen Mehl und Wasser.

Mehr ist nicht.

 

Herr K. tritt ab. Die Insassinnen ebenfalls. Aus der Baracke kommt Herr Y. Er geht auf Frau K zu.

 

Herr Y.:    Du kennst mich gut.

Ich habe viel geseh’n,

Und jetzt im Krieg ist alles möglich.

In der Hütte liegt ein junges Mädchen.

Hat ein Kind gekriegt.

Nein, das ist alles ganz und gar unglaublich.

 

Herr Y. schüttelt immerzu den Kopf.

 

Herr Y.:    Nicht ein bisschen Hilfe durfte ich ihr geben,

Und es ist doch mein Beruf.

 

Herr Y tritt ab.

 

Frau K.:    Herr Y hat niemals mehr davon gesprochen.

Nie mehr, bis er starb.

 

Frau K geht zurück zu den Erwachsenen. Aus der Baracke kommen zerlumpte Frauen mit ihren Bewachern. Die Frauen murmeln unentwegt.

 

Insassinnen: Hunger. Hunger. Hunger.

 

Von den Erwachsenen kommt Frau I.

 

Frau I.:     Das müssen mehr als hundert sein.

Hier, nehmt mein Frühstücksbrot.

 

Sie holt ihr Frühstücksbrot aus der Tasche und wirft es in die Reihen. Sofort schlägt die Wache mit einer Peitsche nach der ersten Insassin, die sich zu bücken wagt. Ein anderer schlägt mit der Peitsche nach Frau I. Das Brot bleibt unter ihren Füßen liegen.

 

Frau I.:     Wir haben wirklich nicht viel mehr gewusst, als dies.

Wir wohnten auch sehr weit entfernt.

Ganz in der Nähe aber wohnten Schreber.

Ja, die wohnten Tür an Tür mit denen.

Schrebergärtner solltet ihr befragen.

Die hab‘n mehr gewusst

Ich glaube, die sind alle

Längst, längst tot.

2.Jug.:     Du siehst, sie hat von nichts etwas gewusst.

1.Jug.:     Die arme Frau. Die Ärmste.

 

 

1. Akt, 3. Bild. Gebot der Steine

 

Bühnenbild wie zuvor. Herr N. tritt auf.

 

Herr N.:    Auf die Steine dürft ihr gar nicht achten.

Die verstehen von so kleinen Zahlen nichts.

Das Lager stand doch nicht nur

Von August bis Mai.

Nein, das stand mindestens schon

Ein Jahr länger hier. An dieser Stelle.

Arbeitslager? Nein das war kein Arbeitslager.

Die Baracken standen in der Nähe

Der Kanonen gegen Luftkommandos.

 

Herr N. legt seinen Mantel ab und ist jetzt ein Hitlerjunge.

 

Herr N.:    Die Baracken waren nur zum Schutz der Flak.

Das ist ganz sicher.

Nachts war alles hell erleuchtet.

Davon war ich damals ganz begeistert.

Überhaupt von allem war ich damals ganz Begeistert.

Ich war überall. Ich stromerte herum.

Ich sah in jedes Fenster.

 

Herr N. sieht in eines der Barackenfenster. Plötzlich ertönt ein lautes Frauenkreischen aus der Baracke.

 

Herr N.:    Die da drinnen sind nur Haut und Knochen,

Werden abgeduscht.

Das Wasser ist natürlich eisig kalt.

Ist ihre Waschbaracke, glaube ich.

Die müssten wegen ihrer vielen nackten Knochen

Aneinander schlagen.

 

Ein Bewacher kommt heraus.

 

Bew‘er.:   Na, du Bürschchen?

Musst in fremde Fenster gucken?

Hau man lieber ab. Nu mach schon!

Ist doch nichts für dich.

 

Aus der Baracke kommt ein Zug Frauen in blauweißgestreifter Kleidung. Darauf sind große schwarze Zahlen zu sehen. Sie tragen Holzpantinen. Der Wachmann geht und begleitet die Frauen. Es sind auch Bewacherinnen mit blanken Stiefeln dabei.

 

Bew‘in.:    Was machst du da! Hau ab! Sofort!

Herr N.:    Bringt ihr die weg?

Bew’in.:    Die geh‘n zur Arbeit. Jetzt sei still!

                     Verschwinde, dass wir dir nicht Beine machen müssen.

 

Die Bewacherinnen schlagen mit den Peitschen zwischen die Frauen.

 

Herr N.:    Warum seid ihr denn so viele?

Bew’in.:    Bist du jetzt wohl still?

                     Sonst hetz ich unsren Schäferhund auf dich!

Bew’er.:   Die gehen in die Stadt, in ausgebombte Viertel.

                     Da sind Trümmer zu beseitigen,

                     Nu weißt du, was sie machen. Nu hau aber ab.

 

Herr N geht und zieht seinen Mantel wieder an.

 

Herr N.:    Es hieß, dass man sie in die Trümmer schickte,

Um die Leichen auszubuddeln,

Und man sagte auch,

Die würden vollgepumpt mit Schnaps.

Das soll die Übelkeit in ihnen unterdrücken.

Jeden Morgen gingen sie durchs Dorf,

Auf immer neuen Straßen.

Viele waren es. Ein langer Zug.

         So zweimal hundert Frauen.

Morgens ging es ab nach Poppenbüttel,

Dort in einen Zug und los.

Dle hatten etwa dreißig Männer zur Bewachung.

Waren ausgerüstet und bewaffnet

         Wie die Schwarzhemdmänner.

Schäferhunde hatten sie.

Viel schlimmer, als das Eis der Duschen,

Waren die Bewacherinnen.

Was die machten, machten die gleich ganz.

                     Die machten ganze Arbeit,

Und die bildeten sich toll was ein

Auf ihre blauen Augen und die blonden Haare.

Waren alles junge Frauen.

Jede war in einem unersättlich reifen

Frauenalter, zwischen zwanzig, dreißig Jahren.

Die Bewacher waren sehr viel älter,

Sehr viel freundlicher und milder. Um die sechzig.

 

Frau I. wirft wieder Brot in die Reihen, genau, wie im vorigen Bild.

Bew’er. zu einer Insassin:

 

Bew’er.:   Hast‘s nicht geseh‘n? Heb‘s auf. Ist gut.

                     Die Leute woll‘n euch Gutes tun.

 

Die Insassinnen stürzen sich sofort darauf.

Wie im vorigen Bild holt jetzt auch Frau E. aus ihrem Korb Äpfel und Brot und verteilt sie an die Insassinnen.

Die reißen ihr das aus der Hand und verschlingen es gierig.

 

Bew’er.:   He, gute Frau, das ist verboten.

Lassen Sie das lieber sein,

Sonst werden Sie noch abgeholt.

Frau I.:     Ist ja schon gut.

Sie sehen doch, wie die Hunger haben.

Und das bisschen Brot, ‘n Appel.

Is‘ doch nichts dabei.

Herr N.:    Die Männer war‘n nicht streng.

Die ließen vieles durch.

Die war‘n zwar im Vollzug,

Doch sie vollzogen nicht, wie manche glaubten.

 

Insassinnen, Bewacher ab. Herr N. Frau I. zurück zu den Erwachsen.

Bei den Jugendlichen klingelt ein Telefon. Frau P. wird eingeblendet. Sie ist bettlägerig.

 

1.Jug.:     Ja? Wer spricht?

Frau P.:    Ich bin Frau P. Ich weiß noch einiges

Das könnt‘ euch intressieren.

         Damals war ich selber Kind.

                     So elf, zwölf Jahre.

Niemand der Familie hätte je Kontakt

Zu den KZ- Insassinnen gehabt.

Das war ja gar nicht möglich.

         War viel zu gefährlich.

Aus dem Lager drang nun wirklich gar nichts raus.

Bis zur Umzäunung hätte sich

Kein einziger von uns gewagt.

Man fürchtete, wenn ich so sagen darf

Dass die Umzäunung um sich greifen würde.

Plötzlich säß man selber drinnen.

         Nein, kein Mensch ging an den Zaun.

                     Nur meine Mutter, diese kleine Frau.

 

Von den Erwachsenen kommt eine Frau auf dem Fahrrad und radelt hastig auf den Zaun zu. Sie wirft kleine Päckchen, die sich im Gitter verfangen. Dann radelt sie schnell zurück.

 

Frau P.:    Sie fuhr mit ihrem Fahrrad auf das Lager zu.

Man sah ihr ihren Mut nicht an.

Ihr Kommen war ein Eilen, Fliehen.

Reste Brot und was sie sonst noch hatte

Und entbehren konnte, warf sie denen zu.

Das meiste blieb im Stacheldraht,

Im hohen Gitter hängen.

Immer war sie wieder fort,

Wenn die Bewacher kamen.

 

Ein Bewacher kommt heraus.

 

Bew’er.:   War doch schon wieder einer da!

Verflucht noch mal.

Frau P.:    Die drinnen träumten von ein wenig Suppe.

Später nahmen wir Zigeunerinnen auf.

Die haben uns erzählt,

Wie man dort drinnen strafte für Verbrechen,

Wie die sagten,

Wo‘s doch wirklich nichts mehr zu verbrechen gab.

 

Eine Bewacherin tritt auf und zerrt eine Insassin mit sich mit.

Mit Fußtritten stößt sie die zu Boden.

 

Bew‘in.:    Das nächste Mal stell ich dich wieder

In das kalte Becken.

Kommst den ganzen Tag ins kalte Wasser.

Hab heut‘ meinen guten Tag.

Heut kriegst es warm.

         Drück nur die Kippe auf dir aus.

 

Sie reißt der Insassin die Lumpen hoch und die Beine auseinander und drückt genüsslich die Zigarette in ihrem Schenkel aus.

 

Bew‘in.:    Ich warn dich, wehe, wenn du schreist.

Du Miststück, Jetzt kommt der Geschmack.

Halt still, kein Wort,

Sonst schick ich dich nach Neuengamme.

 

Die Insassin windet sich, sagt aber kein Wort.

 

Bew‘in.:    Ah, das hat gewirkt.

 

Die Bewacherin holt aus der Tasche zwei kleine Glasfässchen.

 

Bew‘in.:    So, erst ein bisschen Salz.

                     Ja, das tut gut.

 

Sie reibt mit dem Finger nach. Die Insassin schweigt und windet sich.

 

Bew‘in.:    Gefällt dir wohl?

Und jetzt als Nachtisch Pfeffer.

Wehe, wenn du nur ein Tönchen sagst.

Du darfst dich kratzen.

Kratz dich! Los! Nach Herzenslust, mein Täubchen!

Wehe du nimmst Spucke!

Miststück, Hure! Machst du nur Theater?!

 

Die Insassin springt auf und läuft zurück in die Baracke.

Die Bewacherin hinterher.

 

Bew‘in.:    Jetzt schlag ich dich tot!

Wenn ich dich kriege!

Frau P.:    Die Zigeunerfrauen haben uns erzählt,

Dass man in Sasel keine Folterungen vornahm.

Dies war eine Kleinigkeit an dem

Was andre litten. Das war allen klar.

Wir fanden trotzdem,

Dass die zwei Zigeunerinnen fast schon tot war‘n

Als sie zu uns kamen.

Die im Lager kriegten reine Wassersuppe.

Die bestand aus Wasser und Kartoffelschalen.

Aus sonst nichts. Aus gar nichts weiter.

Ja, das wollte ich euch sagen.

Ein Bewacher soll ein Mensch gewesen sein.

Der half den Frau‘n beim Tragen schwerer Kannen.

Damals hatten sie die Milch zu schleppen.

War in Sasel. Dort steht jetzt ein Supermarkt.

 

Frau P. legt auf.

 

1.Stein:    Hört her, hört zu.

Wir Steine geben euch ein Rätsel auf.

Wir sagen:

„Wir, die Steine, haben ein Gebot:

Von uns darf sich kein einziger ent - setzen,

Und dort, wo wir stehen,

Müssen wir ver - stehen lernen.

Das ist unsre Art sich zu bewegen,

Und be - greifen werden wir nie können“.

 

Von den Erwachsenen kommt Frau D.

 

Frau D.:    Jemand muss mal einen Schlussstrich zieh‘n.

1.Jug.:     Den Schlussstrich? Unter was?

2.Jug.:     Die weiß noch immer nicht,

Was wir hier machen.

                     Sie, Frau D.,

Bis jetzt zieht immerzu an irgendeiner Stelle

Irgendjemand. seinen Schlussstrich,

                     Und die woll‘n wir grade ausradieren.

                     Kann man das denn nicht versteh‘n?

Wir wären kopflos,

Könnten überhaupt nichts mehr verstehen,

Wenn wir einen Schlussstrich gelten lassen würden.

Frau D.:    Ich weiß nur, dass viele Frauen

Essenreste an das Gitter brachten

Und hinüberwarfen.

Und den Zug der Frauen, sah‘n wir alle,

Zog sich manchmal endlos durch die Straßen.

 

Aus der Baracke kommen in Decken gehüllte Frauen heraus.

 

Frau D.:    Keine hatte jemals ordentliche Kleider.

Höchstens eine alte Decke umgehängt.

Die gingen immer bis nach Poppenbüttel.

Dann in einen eignen Wagen.

Wenn die drin waren, wurd' der einfach abgeschlossen.

Nicht von drinnen. Wie ein Viehzug.

Dann ging‘s ab.

Die trugen keine Holzpantinen.

Hatten doch nur Lappen an den Füßen.

Die Bewacher schlugen sie,

Wenn sie sich nach den Essenresten bücken wollten,

Oder, wenn sie sich nicht schnell genug bewegten.

         Damals war ich sechzehn, siebzehn.

Meine Güte!

Mir war alles gar nicht so bewusst.

                     Ich dachte auch, dass das so ist.

         Das muss so sein, hab‘ ich gedacht.

Ich hab' gedacht:

Das alles hat so seine Ordnung.

 

 

1. Akt, 4. Bild. Spottdrossel

 

Bühne wie zuvor. Zwei große Steine sind ausgeleuchtet.

Sonst ist niemand auf der Bühne.

 

1.Stein:    Die horchen frech in unsre Urgespräche.

2.Stein:    Für so kurze Augenblicke

                     Lebt ein Stein zu lange.

1.Stein:    Viel zu lange

2.Stein:    Die vergessen, dass wir hier schon lange..

1.Stein:    ...als noch gar nichts war..

2.Stein:    Wir sind schon dagewesen,

                     Als die anderen vor ihnen,

                     Noch nicht existierten.

1.Stein:    Und die davor auch noch nicht.

2.Stein:    Die Tausendjährigen,

                     Du weißt doch,

1.Stein:    Ach, die dachten, dass sie schlauer wären.

2.Stein:    Alles haben wir erlebt.

1.Stein:    Und niemals eingegriffen.

2.Stein:    Niedertracht und Glück und Blutvergießen,

                     Schicksal, Unglück.

                     Alles hat sich über uns ergossen.

1.Stein:    Nach dem Maß der Steine

2.Stein:    Alles wurde aufgerichtet und gerichtet...

1.Stein:    Was uns färben kann

                     Sind Regen und ein bisschen Schnee.

2.Stein:    Ob die das nicht bedenken,

Die sich auf uns hocken

Sich auf unsre Augen stellen?

 

Von außerhalb kommen einige Insassinnen, die werden von einer Bewacherin angetrieben.

Sie sollen zurück in die Baracke. Eine Insassin ist verletzt und muss auf einem Bein hinken.

 

1.Ins.:      Unter den Bewacherinnen ist die P. die schlimmste.

                     Sonst würd‘ ich der Ärmsten helfen.

2.Ins.:      Lass das sein, du kommst in Teufels Küche.

                     Hat sie eben Pech gehabt.

1.Ins.:      Jetzt geh ich einfach hin

                     Und stütz' sie ab.

 

1. Insassin geht zu der Hinkenden und will ihr helfen. Sofort geht die

Bewacherin dazwischen.

 

Bew'in.:    Ich schlag euch tot

                     Wenn ihr der helft.

         Wir spielen „Hinkefuß“ bis zur Baracke.

Hast doch selber schuld!

Was wirfst du dir die Steine auf die Füße.

Denkt, ich fall‘ drauf rein.

Ihr Simulantenpack.

Na, lange macht ihr‘s sowieso nicht mehr.

Die Zeit, die ich euch hab‘,

Sollt ihr genießen.

1.Ins.:      P. Den Namen merk‘ ich mir.

                     Wenn ich hier jemals rauskomm',

2.Ins.:      Wirst du sicher nicht.

1.Ins.:      Wenn ich hier jemals rauskomm'

Knöpf‘ ich mir die vor. Privat, verstehst du.

Beide Brüste werde ich ihr eigenhändig drehen,

Dass sie keinem Mann sich mehr zu

Zeigen wagen wird.

Bew'in.:    Ihr redet miteinander? Da!

Für jedes Wort ein Schlag auf euren Kopf,

Auf euer Maul!

Ihr habt vergessen,

Dass ich meinen Mann verloren hab‘.

Ist eure schuld! Durch euch!

Den Krieg habt ihr uns aufgedrückt.

Ich hab‘ nicht nur die Peitsche.

Ihr vergesst, dass ich die Rache dafür will.

Das ist mein dritter Arm.

Ich quäl‘ euch allesamt zugrunde!

 

Die verletzte Insassin bricht zusammen.

 

Bew'in.:    Stehst du auf! Steh‘ auf sofort!

                     Ich schlag dich auf der Stelle tot!

3.Ins.:      Helfen Sie mir doch. Ich fleh Sie an.

Erlauben Sie, dass mir die andren helfen.

Alles wird‘ ich für Sie tun.

Bew’in.:    Das Spiel heißt „Hinkefuß“. Steh‘ auf!

3.Ins.:      Den ganzen Weg vom Bahnhof bis hierher..

Bew’in.:    Sonst geht‘s nach Neuengamme!

                     Überleg‘ es dir.

3.Ins.:      In eins, zwei Stunden

                     Kann ich wieder laufen. Das geht schnell vorbei.

 

Sie küsst der Bewacherin die Stiefel.

 

3.Ins.:      Lassen sie sie helfen, bitte, bitte.

Eine nur, dann geht‘s.

Bew’in.:    Dir helf‘ ich selbst.

                     Wenn du‘s so willst, dann bitte, bitte.

 

Schlägt mit der Peitsche auf sie ein. Die Verletzte kriecht jetzt auf allen Vieren weiter.

 

Bew’in.:    Wie heißt unser Spiel?

3.Ins.:      „Hinkefuß".

Bew’in.:    Steh‘ auf, komm hoch, verfluchte Simulantin.

Was ihr braucht, ist jemand,

Der euch antreibt, der euch Beine macht.

Ich müsste strenger mit euch umgeh‘n.

Unter meiner Peitsche starb noch keine.

1.Ins.:      Das ist wahr.

An ihren Schlägen ist noch keine umgekommen.

In den andren Lägern soll es viel, viel

Schlimmer sein. Viel schlimmer.

2.Ins.:      Sollten ihr noch dankbar sein.

1.Ins.:      Ich könnt‘ sie küssen.

                     Werd‘ ich bei Gelegenheit.

2.Ins.:      Vielleicht vergisst sie dann den Mann.

1.Ins.:      Die ganz bestimmt nicht.

Bew’in.:    Gut, du willst es ja nicht anders.

 

Die Bewacherin setzt sich auf den Rücken der Verletzten und treibt sie an.

 

Bew’in.:    Will dir deinen Wunsch erfüllen.

Los, trab ab. Hü, hott! Hü, hott!

Gleich sind wir da!

Mein Pferdchen lauf!

Galopp! Galopp!

 

Alle verschwinden in der Baracke. Es klingelt ein Telefon. Man hört, wie ein Hörer abgenommen wird. Man erkennt die Stimmen von Frau H. und den Jugendlichen.

 

Frau H.:    Ihr seht mich nicht. Ich bin Frau H.

Ich bin so alt und bin so furchtbar hässlich.

Nein, ich zeig‘ mich nicht.

Ich will euch aber etwas zu dem Hunger sagen,

Auch, wenn ihr es nicht versteht.

2.Jug.:     Wir hör‘n Sie gut und wir versteh‘n Sie gut.

Wir wollten grad‘ zum Essen geh‘n.

Wir wissen also, was das ist.

Wir haben nämlich Hunger.

Frau I.:     Hört mir bitte zu.

Es dauert doch nicht lange.

Wir, die damals Hunger hatten

         Und die Frauen aus dem Lager, wissen,

Dass der Hunger mehr als nur Bedürfnis ist.

Er ist Erfahrung, die man nie vergisst.

2.Jug.:     Noch etwas?

Frau H.:    Hört noch zu. Das ist doch wichtig.

Hunger war die Frage nach der Existenz,

Wenn die durch Sasel zogen,

 

Einzelne Insassinnen kommen in Lumpen gekleidet aus dem Lager heraus.

 

Frau H.:    War der Zug so lang,

                     Dass wir durch ihre Reihen gehen mussten,

         Wenn wir einfach auf die andre Straßenseite wollten.

Alle hatten runde, off‘ne Münder,

Tupfer,

                     Kleine Höhlen im Gesicht.

                     Die riefen, murmelten.

 

Die Insassinnen haben immerzu das Wort auf den Lippen.

 

Insassinnen: Hunger..Hunger…Hunger…Hunger…

 

Ein Bewacher kommt hinterher gelaufen.

 

Bew.:       Lasst verdammt noch mal das Betteln,

                     Lasst das Betteln sein.

 

Auf einen der Steine springt plötzlich ein Schwarzhemd.

 

Frau H.:    Plötzlich stand ein Schwarzhemdstandortarzt

Auf einen dieser Steine,

Und er wollte,

Dass die Frauen zum Appell erscheinen.

Für die Frauen war ganz klar,

Was kommen musste: Selektion.

Frau I.:     Für viele würd‘ das heißen:

Ab nach Neuengamme oder sonst wohin

In die Vernichtung.

 

Die Insassinnen geraten in wilde Panik und Hektik und füllen sich ihre Lumpen mit Papier auf und versuchen mit allen Mitteln und mit Fetzen Buntpapier sich Farbe ins Gesicht zu zaubern. Gezank unter den Frauen.

 

Frau I.:     Plötzlich waren alle wach.

                     Das brachte sie in Trapp.

         Sie hatten alle irgendeinen Rest von roter Farbe,

Auf Papier, in irgendeinem Stoff.

Das schmierten sie sich ins Gesicht

         Und schminkten sich, das war zu ihrem Schutz.

Sie stopften sich die Lumpen auf mit Gras,

Papier, mit irgendetwas, dass sie dicker wurden,

Und erschienen zum Appell.

Sie hofften, so nicht aussortiert zu werden.

         Jede, die man aussortierte,

                     Würde auch beseitigt werden, das war klar.

Ich wünsche keiner Jugend dieser Welt

Den Hunger, den die hatten.

 

Es ist einen Augenblick total still. Alle lauschen auf das Gezwitscher einer Amsel.

 

Schw.:     Bin euer Schwarzhemdstandortarzt.

Geh‘ allen Klagen nach und kontrolliere.

Man beklagt das Essen.

                     Überall. Nicht nur bei euch.

Hab‘ Essen untersucht, bei euch.

Die Werte liegen wenig unter Werten,

Wo die Werte für Verpflegung liegen sollen.

Reichen eben aus. Das ist genug..

Gehalt an Kalorien ist festgelegt,

Ist wissenschaftlich untersucht!

Stellt ganz und gar neutrales Amt zufrieden.

Weicht nur wenig ab mit einer Toleranz nach unten.

Andre liegen viel, viel tiefer.

Habe selbst Vergleiche mit Tabellen angestellt;

Kann euch nur gratulieren.

Euch geht‘s gut.

Wir wollen ja nicht Winterspeck ansetzen, oder?

 

Arzt lacht:    Kleiner Scherz von mir.

 

Arzt wieder streng.

 

Schw.:     Es ist nicht angestrebt,

Mit der Ernährung zusätzliche Polster anzulegen.

Kann nicht Sinn des Arbeitslagers sein.

 

Arzt schreit sie an.

 

Schw.:     Alle sollen alles geben und nichts dafür nehmen!

 

Arzt wieder ruhig.

 

Schw.:     Zubereitung, Sauberkeit

         Sind in der Häftlingsküche ausgezeichnet.

Spreche hier von vorbildlich und musterhaft.

Hab‘ nichts Bemerkenswertes,

Meine Ungesundes, in mein Protokoll zu nehmen.

Schwarzhemdstandortarzt befindet alles

„Gut“ und „Sauber, einwandfrei“.

Verwaltung ist gerecht.

Ein Glücksfall dieses Außenlager Sasel.

Andre Läger leben mit ganz andren

Kompromissen und Entscheidungen.

Wir singen jetzt ein Lied, drei, vier….

 

Er stimmt an.

 

Schw.:     „Vernichtung durch die Arbeit..“

 

Keiner singt mit.

 

Schw.:     Keiner kennt das? Oder dies:

„Die Arbeit macht euch frei, die Arbeit...“

Auch nicht? Na, dann hör‘n wir mal in die Natur.

Die kann das besser.

 

Die Drossel singt wieder.

 

Schw.:     Schön, nicht wahr?

                     Das ist ‘ne Amsel oder eine Drossel, nicht?

 

Ein Bewacher antwortet sofort befehlsgemäß und brüllt über die Leute.

 

Bew’er.:   Herr Oberarzt, ist eine Drossel!

                     Eine Spottdrossel, Spottdrossel!

 

Einige, wenige Insassinnen lachen laut auf. Dann tritt einen Augenblick Ruhe ein.

Stimme von Frau H.

 

Frau H.:    Von den Sas‘lern ist das Frauenlager

                     Völlig übersehen worden.

 

 

1. Akt, 5. Bild. Ein Interview

 

Bühnenbild wie zuvor. Es kommen 1. und 2.Jug. und andere Jugendliche auf die Bühne. Rechts stehen wieder die Erwachsenen.

Zwei Bewacher montieren ein Schild an der Baracke.

 

1.Bew.:    Jetzt hat alles seine Ordnung.

2.Bew.:    Liest sich gut.

Die Schrift ist sauber:

„Arbeitslager Sasel

Stehenbleiben ist verboten“!

Das schreckt ab.

 

Die Bew. wieder ab. Von den Erwachsenen kommt Frau B. auf die Jugendlichen zu und übergibt denen ein Papier. In der anderen Hand trägt sie ein Tonbandgerät. Das händigt sie mit aus.

 

2.Jug.:     Ich denk‘ wir geh‘n jetzt Essen?

Hat das nicht noch Zeit mit ihr?

Die sagt kein Wort!

1.Jug.:     Sie, gute Frau, wir woll‘n erst Essen gehen,

Danach geht es weiter!

2.Jug.:     Stumm wie ‘n Fisch. Die sagt kein Wort.

Was soll der Zettel. Nimm ihn mal.

1.Jug.       Nimmt den Zettel und liest vor.

                     Ich bin stumm, ich kann nichts sagen.

Aber auf dem Kasten ist ein Tonband,

Wie wir‘s früher hatten.

                     Darauf ist ein Interview.

         Ich bin nicht so modern, wie ihr.

Ihr habt Kristalle, weiß ich,

Darin speichert ihr die Welt.

Auf meinem Band. könnt ihr mich sprechen hören.

Außerdem Herrn F. und seine Frau.

Ihr könnt es hören wenn ihr wollt.

Ich geb‘ es euch. Als Unterschrift: Frau B.

 

Es kommen zwei Verkäuferinnen, die sehr attraktiv angezogen sind. Auf ihrer Kleidung steht der Namenszug: „Supermarkt“. Sie bringen Lunchpakete für alle.

 

1.Verk.:    Der Supermarkt lässt grüßen.

                     Supermarkt will einen Beitrag leisten.

2.Verk.:    Lunchpaket für jeden.

                     Supermarkt lässt grüßen. Nehmen Sie. Da, bitte.

 

Erwachsene und Jugendliche sind erfreut.

 

Erw.:        Danke, danke..

1.Jug.:     Das ist eine nette Geste.

                     Hunger hab‘ ich auch inzwischen.

2.Jug.:     Werbung, Werbung.

Ohne Werbung geht es nicht.

Kann uns auch ganz egal sein.

 

Die Verkäuferinnen bringen auch noch Getränke.

 

1.Jug.:     Find‘ ich toll von denen.

                     Danke. Gut, sogar Getränke!

2.Jug.:     Ganz umsonst. Das spenden die.

                     Wer weiß aus welchem Grund.

 

3.Jug. kommt auf die beiden zu.

 

3.Jug.:     Ihr denkt doch nur ans Fressen.

                     Ist für die doch nichts.

Das schreib‘n die ab.

Und ihr macht euch zu deren Fressgenossen,

Ich rühr‘ von dem Kram nichts an.

1.Jug.:     Was hast du denn?

 

3.:Jug. spuckt vor ihnen aus.

 

3.Jug.:     Verreck ich lieber.

                     Jedenfalls von denen nehm‘ ich nichts.

2.Jug.:     Ist mir egal, ich esse.

1.Jug.:     Weil du kein Gehirn hast.

2.Jug.:     Wirfst du denen vor, dass sie den Supermarkt

Da aufgebaut und eingerichtet haben,

Wo noch Lager war?

3.Jug.:     Das könnte sein.

1.Jug.:     Du spinnst.

Du gehst doch auch nicht los

Und reißt die Zäune ein

                     Bei all den Siedlungshäuschen die da steh’n,

Und die steh‘n ganz genau da, wo sie die

Gequält hab'n,

Wo so viele starben,

Wo sie die geschlagen haben!

3.Jug.:     Hab‘ euch doch gesagt,

                     Euch fehlt es an Gehirn.

 

3.Jug. geht. Ruft dann aber zurück:

 

3.Jug.:     Ich jedenfalls „gedenke“.

Ja, gedenke, jetzt. Mit meinem Hunger!

Wenn ihr mich versteht.

Mein Hunger soll mich dran erinnern,

Daran denken lassen.

Eure Sattheit ist zum Kotzen.

Aber macht nur weiter.

Irgendwann begreift ihr auch die Kleinigkeiten.

Widerlich,

Wenn man die Fresslust an euch sieht.

Die quillt euch aus den Augen!

Ekelhaft.

 

Einige, dann alle, legen zögernd ihr Lunchpaket beiseite. Verkäuferinnen ab. Aus der Baracke kommen Insassinnen, schlecht gekleidet, aber erstmals mit einem gelben Stern auf der Kleidung. Sie sind dabei, die Baracke zu errichten. 2 Bewacherinnen, Jugendliche und Erwachsene fast ganz zurück. Frau B. und ihre Schwester

(Schw. B.).

 

Frau B.:    Drei Männer und drei Frauen passen immer auf.

Bew‘in.:    Bewegt euch! Tut was! Lahme Schlampen!

Schw. B.: Insgesamt sind‘s über viermal hundert Frauen.

                     Fünfzig von den Häusern soll‘n sie bau‘n.

Frau B.:    Ob sich mal eine her traut?

Schw. B.: Nein, wir müssen ‘rüber.

Da, bei den Bewachern geht‘s,

Der sieht mit Absicht weg.

 

Die beiden Frauen gehen auf den Bew. zu, der sieht gelangweilt weg.

Sofort kommen die Insassinnen auf die Frauen zu und reißen ihnen die Nahrung aus den Händen.

 

Ins.:         Danke…danke..

 

Die beiden Frauen gehen zurück.

 

Frau B.:    Die müssen schuften, bis sie tot sind..

Schw. B.: Müssen Heime schaffen,

                     Die sie selber nie beziehen werden.

Frau B.:    Und die einzieh‘n hängen ihre Augen

Drinnen an die Wand.

Die woll‘n von nichts was wissen.

Gucken nicht mehr raus.

Statt denen, die geholfen haben,

Auch zu helfen.

Schw. B.: Die hab‘n einfach Angst.

Die haben Angst, dass ihre Hilfe schaden könnte.

Frau B.:    Ihnen selbst natürlich.

 

Die Frauen ab. Herr und Frau F. kommen mit bequemen Lehnstühlen heraus. Ein Tisch mit Kaffee und Kuchen. Alles sehr gemütlich. 1. und 2.Jug. kommen mit dem Tonbandgerät und stellen es auf.

 

1.Jug.:     Heute wohn‘ Sie beide noch

In einem dieser Plattenhäuser.

Stimmt das wirklich von den Frauen?

Haben die das aufgerichtet?

Und wie wohnt es sich darin,

Was für Gefühle haben Sie?

Was wussten Sie vom Lager nebenan?

Herr F.:    Wir kannten damals nur noch Trümmer.

Unser nacktes Leben hatten wir gerettet.

Sonst war alles weg, einfach weg.

Und hier bot man uns so ein Häuschen an.

Ich kann‘s nicht anders sagen:

Neuer Anfang, Neubeginn.

Wir fühlten uns wie neugeboren.

Viele brachte man hier unter.

Große Firmen leiteten den Bau der Häuser,

         Und es gab viel Eigenhilfe.

                     Das weißt du doch auch.

Frau F.:    Das stimmt.

2.Jug.:     Und über Juden, allgemein?

                     Was dachten Sie?

Herr F.:    Ich hatte meine eigenen Gedanken,

Und ich glaubte nicht, was man mir sagte.

Man traf überall auf Hass,

Der richtete sich gegen sie.

Man sagte so zum Beispiel,

Dass sie an den „Fäden“ zögen,

Ihre Finger hätten sie in jeder Sache,

Überall wär‘n sie mit drin.

Bevor man sie vertrieb,

War‘n sie als die Geschäftemacher

Und Besitzer aller Wäscherein und Schuhgeschäfte

Überall verschrien.

1.Jug.:     Verschrien? War das denn schlimm?

Herr F.:    Für viele war das Grund genug.

Sie wurden ja verfolgt,

Und fliehen konnten nur die wenigen mit Bargeld.

Selbst für die war‘s schwer.

Man machte Jagd auf die und die

                     Und fing sie alle ein. Das war so.

Überall wo sich ein Schwarzhemd blickenlassen konnte,

War das so.

         Nicht nur bei uns.

                     War überall so.

Frau F.:    Und die eingefang‘nen Juden sprachen doch

Oft unsre Sprache nicht.

Die kamen aus ganz andren Ländern.

                     Wenn man über die im Lager sprechen wollte,

Ging das nur im allerengsten Kreis.

Vielleicht in der Familie.

Aber manchmal war es sogar da nicht möglich.

Jeder Außenstehende stand im Verdacht,

Uns zu verdächtigen.

Und Leute, die gesessen hatten, gab‘s genug.

Das ging ruck zuck. Schon war man drin.

Und wenn man erst mal drin war, gute Nacht.

         Wer das nicht glauben wollte,

War ganz schlicht zu dumm.

Wir hätten nie mit den Insassinnen gesprochen.

Sprach man die mal an,

Nein, meistens war es umgekehrt,

Weil die ja bettelten,

Dann wurden sie misshandelt.

Schläge auf den Kopf und so.

Die mussten immer, immer arbeiten.

Das nahm kein Ende.

Ihre Häuser standen ja schon in zwei Straßen:

Kritenbarg und Pfefferminzkamp.

Das sind kleine Straßen. Gibt sie heute noch.

Die Häuser standen nur ein Jahr.

Nicht länger.

2.Jug.:     Bis auf dieses.

Das steht immer noch.

Herr F.:    Am Ende, als der Krieg zu Ende war,

Zog keine von den Frau‘n hier ein.

Sie hätten sich ja kleine Siegeshallen

Daraus machen können. Aber nichts.

Die Frauen waren plötzlich fort.

Wohin sie gingen, wohin sie entlassen wurden

Weiß kein Mensch.

                     Wir wissen nicht mal,

Frau F.:    Ob sie nicht am letzten Tag noch umgekommen sind.

Hier waren sie total verlassen.

2.Jug.:     Und das Lager war doch damals

Nicht zu überseh‘n.

Was wussten Sie davon?

Herr F.:    Mein Gott! Wir wussten nichts.

Vermutet, ja; vermutet hat man etwas;

Aber nur vermutet. Nichts Genaues.

                     Und das eine dürft ihr nicht vergessen,

Wir befanden uns genau wie diese Frauen

In der Fremde.

 

Es kommen Insassinnen heraus mit Lappen an den Füßen und in Zementsäcken steckend.

 

Frau F.:    Uns ging‘s ganz schön besser.

Weißt du nicht,

Dass die in Eiseskälte mit dem Plunder an den Füßen

Ihre Arbeit machen mussten?

Kleider hatten die nicht an.

Die steckten in Papier!

Die steckten doch in Säcken vom Zement,

Die sind doch aus Papier.

Und darum zankten die sich noch.

Und schlafen mussten sie darin.

Ich hab‘s gesehen. Deren Haut war

Blank und grau wie Blei.

Es gab ja nicht mal Stroh.

Für die schon gar nicht.

Als sie alle fort war‘n,

Hab‘ ich mir das Ganze angesehen.

Hatten dort nur Pritschen. Mit nichts drauf.

Ganz schrecklich.

Nein, die kannst du wirklich nicht mit uns

Vergleichen.

Herr F.:    Einmal hab‘ ich selbst was eingefangen.

Weiß nicht mehr warum.

Die wollten mich „kassieren“.

Frau F.:    Das ist denen aber schlecht bekommen.

Hatten übersehen,

Dass du bei der Wehrmacht warst.

Da mussten sie ihn ganz schnell laufen lassen.

Wisst ihr, wenn man bei der Wehrmacht war,

War man geschützt.

Herr F.:    Die Frauen, also die Bewacherinnen, waren ganz brutal.

Die schlugen in der Eiseskälte zu.

Die schlugen einfach drauf.

Da tat sich mancher Sprödbruch auf,

         Und mancher neue Riss lief durch die Haut.

Frau F.:    Und morgens gab es nichts. So wie ich‘s sag‘.

Die mussten hoch.

Buchstäblich mit dem Hahnenschrei.

Appell, dann ab.

Und bis zum Dunkelwerden nichts als Arbeit.

Arbeit, Arbeit, Arbeit.

                     Harte Männerarbeit,

Darf man nicht vergessen.

Schwere Erdarbeiten.

1.Jug.:     Floh mal jemand? Gab es Flucht? Gab‘s das?

Frau F.:    Du meine Güte, Flucht.

An Flucht war nicht zu denken,

Wohin hätten die wohl fliehen sollen,

Oder können.

Nein, nein.

 

Ein Bewacher kommt auf Frau F. zu. Frau F spricht ihn an.

 

Frau F.:    Was sind denn das für Frauen?

Wissen Sie woher die kommen?

Bew’er.:   Alles bestens, alles bestens.

Kümmern Sie sich nicht darum.

Sie woll‘n doch nicht, dass man Sie abholt, oder?

Sehen Sie.

 

Bewacher geht zur Seite. Frau F. winkt drei Insassinnen zu.

Sie holt einen Topf und füllt nacheinander Suppe auf einen Teller.

 

Frau F.:    Zeit zum Löffeln gibt‘s da nicht.

Da war nichts mehr zu machen.

Ihre Suppe hab‘n die einfach weggeschluckt.

Das dauerte Sekunden.

Eine nach der anderen.

Ich konnte ja nicht alle füttern.

 

Die Insassinnen fliehen wieder zurück.

 

Frau F.:    Hier bei uns gab‘s etwa 150 Frauen.

Herr F.:    Ob auch Judenfrauen drunter waren?

Keine Ahnung.

Hätten wir nicht wissen können.

Die war‘n stationiert im Lager.

Das war kein KZ, das war ein Arbeitslager,

Wisst ihr.

Manchmal wurden welche abgeholt

Und andre kamen.

1.Jug.:     Wohin wurden die gebracht?

Herr F.:    Die mussten wohl nach Ochsenzoll, denk‘ ich.

Das ist nicht weit von hier.

Da ging‘s in die Fabrik.

Da schmiedeten sie Hülsen für Granaten,

Oder bauten Panzerketten.

Keiner wusste das genau.

Auch heut‘ noch nicht.

1.Jug.:     Wie kamen die dahin? Marschierten die dahin?

                     Wie ging das.

Herr F.:    Nein, die hatten eigene Waggons, ganz alte.

                     Von der Eisenbahn.

                     In jeden lud man bis zu fünfzig Frauen ein.

 

Inzwischen haben sich die Insassinnen formiert und stehen schwankend auf ihren Füßen.

 

Frau F.:    Wir wissen nicht, ob alle wiederkamen.

                     Wenn die stehen, stehen sie auf wackeligen Beinen.

Herr F.:    Das kommt nicht von ihrer Fahrerei,

Das kommt von ihrer Schwäche.

Die sind doch nur noch Haut und Knochen.

                     Jeder sieht es: die sind nur Haut und Knochen.

 

Vier Insassinnen stürzen sich auf einen Abfallhaufen und streiten sich.

 

2.Jug.:     Was ist los?

Herr F.:    Wir müssen zuseh‘n, wie sie sich

                     Um Reste prügeln, zanken.

                     Denen ist doch alles gleich.

Die stürzen sich auf jeden Unrat, Mist und Abfall.

Alles wird durchwühlt.

Das ekelt alle an. Das ist ganz widerlich.

Dann gibt es einen Punkt,

An dem ist jeder abgestumpft.

Mal schreit die Wache.

Meistens ist es ihr egal.

Und wir Bewohner seh‘n schon nicht mehr hin.

Wir waren alle abgestumpft.

2.Jug.:     Hätt‘ man nicht helfen können, irgendwie?

Frau F.:    Es ging nicht, und es war verboten.

War uns doch verboten, was die sagten, galt.

Herr F.:    Dann gab‘s auch noch die Propaganda.

Die hat alles klargestellt.

Das war die Stimme „unsres Volkes“.

Jeder hörte zu.

Die Stimme ging zu Herzen.

Alles, was die sagte, glaubten wir.

 

Stimme aus dem Lautsprecher.

 

Lauts.:     Es handelt sich bei diesen Menschen

Nicht um Menschen!

Das sind keine Menschen!

Das sind Untermenschen!

Herr F.:    Und wir litten selber Not.

Man gab uns nur das Nötigste.

Das Volk erhielt nicht viel.

Wer aus der Wache stumpfe Pfeile machen wollte,

Lenkte deren Wut nur auf die Judenfrauen.

Hilfe war fast ausgeschlossen.

Manchmal stellten wir ganz einfach etwas

Auf die Straße.

Wenn die Frau‘n das nehmen wollten und sich bückten,

Schlug die Wache auf sie ein.

Wir haben die nie angesprochen.

Frau F.:    …die uns auch nicht.

Herr F.:    Waren ewig unter Wache. Nie alleine, nie allein.

 

 

1. Akt, 6. Bild. Der Kassenwart

 

Bühnenbild wie zuvor Es sind nur Jugendliche auf der Bühne.

3.Jug. kommt mit einer alten Ladenkasse angerannt, angeschleppt.

 

3.Jug.:     Seht mal was ich hab‘.

Die haben wir im Alstertal gefunden.

Ist kein bisschen Rost dran.

He, die funktioniert noch richtig!

 

3.Jug. stellt die Kasse mitten unter die anderen. Unbemerkt von allen kommt von der Baracke her ein Schwarzhemd langsam auf sie zu.

 

2.Jug.:     Und, was soll der Kram?

3.Jug.:     Du weißt nicht was drin steckt.

                     Drück auf die Taste.

                     Hau mal richtig drauf!

 

2.Jug. drückt kräftig auf die Taste. Die Kasse springt mit einem hellen

Glockenton auf.

 

2.Jug.:     Sieh nach! Sieh rein.

Da drinnen liegt ein Buch

Und bisschen Kleingeld.

Kuckuck! Kuckuck! Kuckuck!

         Hör doch auf.

Ein Buch? Tatsächlich!

Sind ja nur Belege.

Ah, hier ist ein Brief. Den meinst du?

‘ne Unterschrift.

3.Jug.:     Die Unterschrift vom Kassenwart.

                     Der hat den Brief geschrieben.

 

Die Jugendlichen erstarren nun. Das Schwarzhemd steht vor ihnen und nimmt ihnen den Brief aus der Hand.

 

Schw.:     „Meine Kasse hab‘ ich abgeschlossen, abgerechnet.

Nichts blieb übrig,

Außer einem kleinen Manko.

Das lass ich so stehen wie es ist

Und in der Kasse liegen.

Ich bin Kassenwart, die Kasse stimmt.

Ich hatte nichts, als diese Kasse.

Diese Kasse war mein Ein und Alles.

Ich bin Kassenwart, die Kasse stimmt.

Im Arbeitslager Sasel gilt die Regelung:

Man hat mit den Insassinnen ganz pünktlich

Zu beginnen.

Arbeitszeit beginnt bei Sonnenaufgang,

Endet mit dem Sonnenuntergang.

Ich bin nur Kassenwart,

Ich achte nur auf diese Regelung,

Damit die Kasse stimmt.

         Als Arbeit haben alle Inhaftierten

Schwerstarbeit zu leisten, wie zum Beispiel

Trümmerräumen in der Innenstadt.

Dazu gehören Erdarbeiten für die Plattenhäuser

Vor den Toren unsrer Vaterstadt, in Sasel.

Ich bin Kassenwart. Zum Schluss soll meine Kasse

Stimmen.

Diese Stadt soll keiner dieser Frauen jemals

Stadt der Väter werden.

Dort am Pfefferminzkamp soll‘n sie graben,

Fundamente ziehen und beginnen.

Ich als Kassenwart, muss meine Augen

Auf sie richten, dass die Kasse stimmt.

So haben sie im Kettenwerk von Langenhorn

Zu schaffen und sind in der Produktion

Für Hülsen von Granaten und Kartuschen zu verwenden.

Ich, als Kassenwart, muss alle drängen,

Dass die Kasse stimmt.

Man hat die Frauen zu verbrauchen.

Sind erschöpfend zu verbrauchen.

         Soll‘n als erstes zu den Plattenhäusern

Schienen legen, dass sie darauf Loren schieben können.

Diese kleinen Wagen.

Das belastet meine Kasse sehr.

Denn ich, als Kassenwart, muss darauf achten,

Dass die Kasse schließlich stimmt.

                     Ihr fangt mit euren Schienen an.

         Am Bahnhof Poppenbüttel.

Wartet mir die Loren gut, und was kaputtgeht

Müsst ihr selber reparieren.

Denkt daran: ich bin der Kassenwart und sehe alles.

Weiter sind die Frauen für die Atemschutzfabrik

In Barmbek vorzusehen.

Gummimasken soll‘n sie da verkleben.

Das bringt viel für meine Kasse.

Das ist gut, denn ich bin Kassenwart

Und muss auf diese Dinge achten.

Außerdem sind Bombenopfer einzusammeln,

Aufzulisten und in Ohlsdorf zu begraben.

Diese Arbeit kann man uns‘re eignen Frauen

Nicht verrichten lassen, das wär‘ eine Schande.

Nicht nur für die Frauen.

Nein, das fiele aufs Regime zurück.

Beim Einsatz gibt es keinen Unterschied.

Nicht zwischen männlich, weiblich, krank, gesund.

Als Kassenwart muss ich auf alles achten.

Wer fragt später schon nach irgendeinem Grund?

Von mir will man doch nur das eine wissen,

Stimmt die Kasse?

Also sind die Inhaftierten völlig gleich zu setzen.

Sind einander gleichzusetzen!

Sonst ist jede Gleichheit zur Bevölkerung

Natürlich ausgesetzt.

         Und noch ein Punkt!

Bekleidung ist dem Ziel, den Häftling auszuschöpfen

Anzupassen, sie muss dürftig sein.

Auf Arbeitsschutz soll ganz verzichtet werden.

Das würd‘ meine Kasse auch nicht tragen können.

Ich, als Kassenwart, müsst‘ protestieren.

Schließlich soll die Kasse ja Gewinn ausweisen.

Das heißt das, wenn jemand sagt, wie ich,

Die Kasse stimmt. Und meine Kasse stimmt.

Es werden unverzichtbar Opfer

Unter ihnen sein.

Die soll man nicht beklagen

Sondern aus der Liste streichen.

                     So ist diese Regelung, die gilt für alle.

                     Es ist dabei gleich, ob es ein Unfall

         Bei den Loren ist, in der Fabrik,

                     Auch wenn es einfach Krankheit ist.

1.Jug.:     Die haben doch ein Totenbuch geführt.

Das liegt noch im Archiv.

Da wurden 35 einfach ausgestrichen.

2.Jug.:     Passt die Totenliste rein.

Du weißt doch. Die sie uns gegeben haben.

Schw.:     Für den Winter rechnen wir mit weiteren.

Die brauchen einzeln nicht erfasst zu werden.

2. Jug.:    Das sind Tiere!

Schw.:     Ich als Kassenwart, führ‘ nur die Kasse

Und die führ‘ ich richtig, dass sie stimmt.

Dabei beruf ich mich auf unsren

Schwarzhemdhauptverwaltungsleiter Pohl.

Von dem kommt der Befehl.

Den les‘ ich vor und leg‘ ihn als Beleg

In meine Kasse:

Die Entscheidung über alles liegt beim Lager.

Anvertraute Unvertraute sind erschöpfend zu verwenden

Und im wahrsten Sinn des Wortes zu verwerten,

Zu erschöpfen.

Höchstes Maß an Leistung ist im Lager zu erreichen.

Die Ernährung ist dem anzupassen,

Nicht, um noch Reserven anzulegen.

Keine Vorratshaltung.

Beispiel Sasel lässt sich gut verwenden.

Soweit der Befehl, soweit die Regelung.

Und nun zu meiner Kasse, dass man sieht,

Wie abgerechnet wird, wie schwer es ist

Ein Kassenwart zu sein,

Dass schließlich alles stimmt.

Mich wird man später fragen, mich, sonst keinen.

Lohn wird nicht gezahlt!

Nur so zahlt es sich aus.

Was übrig ist, wird abgeführt.

Ich bin da ganz genau.

Als Kassenwart wird man ja nicht gefragt,

                     Wie man geschlafen hat, und wie‘s so geht!

         Man will nur eines wissen, stimmt die Kasse?

Die Fabriken haben jeden Tag für jede Frau

Vier Mark zu zahlen. Die sind festgesetzt.

Das Geld erhalte ich, das geht in meine Kasse.

Was ich kriege, führ‘ ich ab.

In einem Monat könn‘n es 50.000 Mark sein.

Ja, bei fünfmal hundert Frauen.

Das ist Tagegeld. Das buche ich und führ‘ es ab.

Gewissenhaft. Denn ich bin Kassenwart.

So füllt sich unsre Kasse.

         Mit dem Geld verstärken wir die Kraft der

Wirtschaftsunternehmen, dieser und auch andrer Art.

Dazu gehören auch private Unternehmen.

Und die Väter unsrer Stadt.

Die messen mit demselben Maß.

Für mich als Kassenwart ist das nicht mehr so wichtig.

Weil ich nur die eine Sorge hab‘,

         Dass meine Kasse stimmt.

1 .Jug.:    Die Väter unsrer Stadt war‘n auch dabei?

2.Jug.:     Na klar, was denkst denn du.

                     Die haben den Gewinn gerochen.

1.Jug.:     Die, als Väter unsrer Stadt,

                     Vermaßen sich, mit diesem Maß zu messen?

2.Jug.:     Und gewannen dadurch.

1.Jug.:     Und verloren Unermessliches.

2.Jug.:     Was die verloren, war für die nicht messbar.

1.Jug.:     Und die nannten sich die Väter unsrer Stadt.

2.Jug.:     Die waren viel beschäftigt mit Verstoßen

                     Und Vermessen sein.

3.Jug.:     Die Groschen in der Kasse sind nichts wert.

1.Jug.:     Das kannst du so nicht sagen.

 

Sie nehmen das Geld heraus aus der Kasse und reichen es herum.

 

1.Jug.:     Seht euch doch das Geld an.

3.Jug.:     Diese Groschen sind ein Wert,

Den kann kein Mensch bezahlen.

Was der Kassenwart geschrieben hat, glaub‘ ich,

Ist echt und wahr.

1.Jug.:      Man wünschte, dass es nie Papier

Für diese Niederschrift hätt‘ geben müssen.

3.Jug.:     Welch ein Abgrund.

Jetzt sieht man ins Lager als in eine

Wechselstube, die das Blut direkt

In Groschen tauschte.

 

 

2. Akt, 1.Bild. Verkehrte Welt

 

Ein Klassenraum mit drei Gruppen: Die Insassinnen, die Bewacherinnen, die Erwachsenen aus Sasel.

Davor die Jugendlichen.

 

Frau K.:    Damals hofften alle auf das Ende.

                     Irgendwie ein Ende.

Alle dachten so.

Und jeder dachte so auf seine Weise.

Man versprach sich ungeheure Dinge,

                     Wenn das Ende kommen würde.

Endlich würd‘ man wieder Seife haben.

Bew’in.:    Die Bevölkerung sah uns mit schiefen Augen an.

                     Wir taten auch nur unsre Pflicht.

Frau K.:    Von Ihnen wussten wir doch gar nichts.

Die da drüben. Denen ging es wirklich schlecht.

Das Ende dieses Krieges

                     War noch lange nicht das Ende,

Und der Anfang dieses Endes

War für viele noch das Ende.

In den letzten Tagen brachte man von denen

Wieder welche weg nach Bergen-Belsen.

Bew'in.:    Ist doch alles Unsinn!

Frau K.:    Woll‘n Sie etwa leugnen?

1.Ins.:      In den letzten Tagen flohen einige von uns.

                     Die brachen einfach aus.

Bew’in.:    Das hätten die doch nie geschafft.

Frau K.:    Das wissen alle noch.

 

Es treten mehrere Insassinnen auf, zusammengepfercht von zwei Bewacherinnen. Ein Polizist stellt sich ihnen in den Weg.

 

Pol.:         Wo soll‘n denn die noch hin?

Bew’in.:    Die werden überführt.

Pol.:         Dann muss ich die Papiere sehen.

                     Gibt's Papiere?

Bew’in.:    Jetzt Papiere? Mann, wo leb‘n Sie denn.

                     Wir haben Krieg!

Pol.:         Natürlich, hab‘ ich mir gedacht.

 

Einige der Insassinnen brechen in diesem Augenblick aus und können fliehen. Der Polizist tut nichts.

 

Bew’in.:    Sie sind verrückt!

Wohl wahnsinnig geworden?

Die hau‘n ab! Die fliehen! Sie, die fliehen doch!

 

Gruppen wieder ab.

 

Frau K.:    Der Polizist wird später

                     Von der englischen Besatzungsmacht verurteilt.

         Das verstand kein Mensch.

                     Wir fragten alle nach den Gründen.

         Niemand konnte das verstehen.

 

Aus der Gruppe der Bewacherinnen springt eine auf und beginnt einer der Insassinnen die Lumpen vom Leib zu reißen. Ihre eigene Kleidung wirft sie der vor die Füße. Sie zieht die Lumpen an.

 

Frau K.:    Das ist typisch.

Denen sitzt die Angst im Nacken. Die flieht sicher.

Die Besatzungsmacht soll kommen.

Na, die fängt sie sicher wieder ein.

Wir haben einige von ihnen aus der „Alten Mühle“

Rausgeholt.

Bew’in.:    Zieh‘ die Klamotten aus! Gib her.

Kriegst meine Sachen. Los beei‘l dich, mach schon zu.

Gib her. Na gib schon! Gib schon her!

 

Bew’in. flieht. Insassin hängt sich die Kleidung über.

 

Frau K.:    Das Frühjahr war vier Wochen alt....

2.Ins.:      Ich weiß, und trotzdem weiß ich nichts...

Frau K.:    Es war genau vier Wochen alt,

Da starben in dem Lager etliche der Frauen.

Das fiel auf.

Wir Saseler vermuteten, dass man sie tötete.

Warum? Wenn sie‘s nicht weiß, nicht sagt...

Vielleicht, weil sie von allem zu viel wussten.

Herr N.:    Also, ich muss auch mal etwas sagen:

Damals war ich grade 15 Jahre alt.

Für mich war diese Zeit die größte meines Lebens.

Ich war in der Hitlerjugend. Mit Begeisterung!

Das geb‘ ich zu.

Ich müsste lügen,

Wenn es nicht die Wahrheit wäre.

Damals war ich wirklich voll Begeisterung.

Das war natürlich vor dem Ende.

Ich hab‘ miterlebt, wie die Besatzungsmacht

Die Lagertore aufschlug.

Drinnen gab es plötzlich

Keine einzige Bewacherin.

Die waren wie verschluckt.

Die waren in ein Nichts verschwunden.

Ein paar Wachen war‘n noch da.

Das war auch alles. Außer den Insassinnen natürlich.

Die erzählten nichts.

Die Flak war abmontiert. Das sah ich gleich.

Ich kam von der Marine.

Die Besatzung, die die Tore öffnen sollte,

Hatte keine Ahnung.

Da war nur so etwas wie Verdacht gewesen:

„Irgendetwas soll in Sasel sein“.

Die wussten gar nichts, als sie vor dem Lager standen.

         Stacheldraht, der um das Lager lief,

War voll mit den Gefangenen.

Die hingen drin und rissen an dem Gitter.

 

Die lnsassinnen schreien:

 

Ins.:         Wir sind frei, frei, frei!

 

Herr N.:    Es war so paradox.

Sie kamen noch nicht frei,

Weil niemand einen Schlüssel hatte.

Frau K.:    Wir in Sasel hörten ihre Schreie.

Wir erstarrten. Diese Schreie wird‘ ich nie

Vergessen.

Die bring‘n alle um.

                     Das war das erste, was ich dachte.

Die komm‘n raus und bringen alle um.

Wir hatten plötzlich Angst. Natürlich.

War doch klar.

Herr N.:    Dann haben die das Tor

                     Gewaltsam aufgemacht.

                     Man kann sich das nicht vorstell‘n.

Ins.:         Tommys, Tommys, Tommys! ! !

                     Wir sind frei, frei, frei! !

Herr N.:    Keiner hätte sie zur Ruhe bringen können.

                     Die verliefen sich sofort in Sasel.

Frau K.:    Ach, was, dummes Zeug.

Die wussten gleich, wohin sie wollten.

Zur Fabrik. Natürlich zur Fabrik.

Da standen doch die Marmeladenfässer.

Die zerrissen sie. Die hab‘n sie aufgerissen!

Ihre Gier nach Süße.

Ja, die hungerten nach Süße.

Das war‘n Judenfrauen, Polinnen

Und auch Zigeunerinnen.

Herr N.:    Na, das weiß ich nicht.

Man fing sie alle wieder ein.

Die mussten medizinische Versorgung kriegen.

Erst paar Tage später wurd‘ das Lager

Offiziell befreit und aufgeschlossen.

Frau K.:    Uns‘re ganze Gegend fürchtete ein Chaos.

Herr N.:    Die Soldaten auch.

Frau K.:    Es kamen Angehörige aus Auschwitz,

Buchenwald und andren Lagern,

Um die Frauen abzuholen...

1.Ins.:      Das betraf nur ganz, ganz wenige.

Wir andren mussten betteln gehen.

Eine Frau, die das Dilemma sah,

Rief eine Kleidersammlung

         Unter der Bevölkerung ins Leben.

                     Ja, organisierte so was einfach.

2.Ins.:      Andre schimpften über uns!

                    „Jetzt komm‘n sie wieder stehlen, betteln.

                     Das Zigeunerpack“.

                     Wir haben dann vor denen

 

Sie zieht ihr Kleid, aus, so dass man Striemen auf ihrem Körper sieht.

 

2.Ins.:      Uns‘re Kleider ausgezogen.

Das ging schnell. Ruck zuck.

Dann konnten sie die Striemen sehen,

Die wir überall am Körper hatten.

 

Sie zieht das Kleid wieder an.

 

Herr N.:    Viele von den Frauen

Taten sich zusammen.

Damals hatten wir Soldaten aufgenommen,

Zwei, soviel ich weiß.

Wir waren grade drüben in der Tannenschonung,

Um ein bisschen Holz zu suchen.

Plötzlich tauchten Frauen auf.

Zwei Schwärme. Dann noch einer.

Jeweils 5o oder 6o Frauen.

Alle schlichen auf die Sportbaracke zu.

Die kamen Richtung „Alte Mühle",

„Redder Mellingburg“.

Dann sah‘n wir, wie Bewacherinnen

Aus den Fenstern kletterten

Und fliehen wollten.

Draußen war‘n sie schnell,

Doch dann entdeckten sie,

Dass an Entkommen nicht zu denken war.

Zurück ging‘s auch nicht.

Blitzschnell war‘n die Frauen da.

An denen wollten sie natürlich

Ihre ungeheure Wut auslassen.

Nur an einer nicht.

Die hielten sie in einem kleinen Kreis geschützt.

Den andren rissen sie die Haare aus.

Dann kam auch schon ein Jeep.

Der konnte alles Schlimmere verhindern.

Der lud die Bewacherinnen auf

Und fuhr mit ihnen weg.

Da mussten die ihr Strafgericht beenden.

2.Ins.:      Weil die Tommys sich zu falschen Rettern machten.

Herr N.:    Schon nach 14 Tagen hieß es:

„Alles ist gelaufen“.

Drüben war kein Mensch im Lager mehr.

Was brennen konnte, wurde abgebrannt.

Wir staunten lange über die Bewacherinnen,

Dass die doch so wenig klug gewesen waren,

Dass sie sich so nah beim Lager

Ein Versteck erhofften.

                     Wir in Sasel,

Ich seh‘ ab von ganz, ganz wenigen,

                     Sind nicht in der Partei gewesen.

Alle war‘n verschrien als „Sozis“

Und als Kommunisten.

Immer wieder hieß es:

„Halt den Mund und schweige.

Schweige, wenn du nicht für immer schweigen willst.

Die hol‘n dich sonst."

Vom Lager hab‘n die meisten nichts gewusst.

2.Ins.:      Oh Gott, wie soll man das ertragen.

Herr N.:    Außerdem war ich ja damals Pimpf.

War in der Hitlerjugend.

Ich war richtig überzeugt.

Man muss versuchen sich das vorzustellen:

Ich war das, was man das Bild von einem

Hitlerjungen nannte.

Blond, mit blauen Augen,

Scheitel auf der linken Seite,

Fröhlich, aufrecht.

Wie aus einem Bilderbuch.

Ich dachte damals, als ich Pimpf war,

Über die KZ‘s:

Die haben ihre Ordnung,

Und die haben ihren Sinn.

Da sitzen nur die Minderwertigen,

Die Arbeitsscheuen und die falschen Rassen.

Ich sang gut und war in Hitlerjugendchor.

Zwei Jahre zog ich an die Front

Zu den Soldaten und in Lazarette.

„Um die Herzen zu erfreuen und zu stärken“.

Was wir sangen?

Na, am liebsten Lieder von „Blutroter Sonne,

Die im Lande aufging“.

Nach dem Singen trat ich auf,

Sprach ein Gedicht.

Das stand total im Gegensatz zu dem,

Was ich Zuhause sah,

Nein, hätte sehen müssen und nicht sah

Und auch nicht übersah.

         In Wahrheit zeigten wir mit unsren Liedern

Die verkehrte Welt,

Die ganz verkehrte Seite.

Leider hab‘ ich nie darüber nachgedacht.

Nein, leider.

 

Die Insassinnen, Bewacherinnen und Erwachsenen erstarren zu Figuren.

 

1.Jug.:     So wie die erzählen und berichten..

2.Jug.:     N. hat nie darüber nachgedacht!

3.Jug.:     Bestimmt auch heut‘ noch nicht.

1.Jug.:     Der denkt nur noch an damals, damals, damals.

                     Wenn ich das schon höre...

2.Jug.:     Ist so schlimm, als wenn mein Vater sagt:

                     „Als ich in deinem Alter war..“

1.Jug.:     Und meine Mutter:

                     „Wir sind auch mal jung gewesen. Damals mussten wir..“

2.Jug.:     Die mit ihren Damals.

Das entschuldigt alles.

Hast ganz recht.

3.Jug.:     Das Damals ist und bleibt für die ein Stolperstein.

Ein ganz verfluchter Stolperstein.

Die kommen nicht darüber weg.

1.Jug.:     So, wie die das machen,

Wie die das erzählen,

Machen sie die Lebenden zu Toten.

2.Jug.:     Ja, sich selbst.

                     Sie nehmen sich nicht aus.

1.Jug.:     Und merken es noch nicht einmal,

3.Jug.:     Bezieh‘n sich gleich mit ein.

Ich meine, was ist eine Zukunft,

Wenn es keine Hoffnung, keine Liebe,

Keinen Glauben darin gibt.

Und die, die hab‘n doch nicht ein Fünkchen Hoffnung.

Denken auch darüber überhaupt nicht nach.

1.Jug.:     Die eine denkt an Seife.

2.Jug.:     Toll. Genau. Die denkt an Seife.

3.Jug.:     Zeigen keine Liebe.

Nicht zu sich, nicht zu den and‘ren, nichts.

Von Liebe keine Spur.

1.Jug.:     Die hatt es sicher auch gegeben.

3.Jug.:     Die erzählen aber nichts davon.

Dann ist sie denen auch nicht wichtig.

Keine Liebe!

Stellt euch das bloß vor.

Und seht sie an.

Die sind doch wie versteinert.

1.Jug.:     Das ist ungerecht.

Denk‘ an die Frau‘n im Lager.

Denen blieb doch wirklich keine Wahl.

3.Jug.:     Vom Glauben will ich gar nicht reden.

Aber keine hat davon erzählt.

Die Sas‘ler nicht, nicht die Bewacherinnen,

Und nicht eine der Insassinnen.

1.Jug.:     Die hatten keine Wahl.

3.Jug.:     Mir wär‘s ein Trost zu wissen,

Dass man mit dem Glauben sterben kann.

Ich hätt' das gern‘ gehört,

Ihr sitzt nur da,

Und haltet euch die fette Plauze.

Aber wisst ihr denn, was uns noch blüht?!

 

 

2. Akt, 2. Bild. Sulejkas Tod

 

Der Klassenraum. 3. Jugendlicher tritt auf.

 

3.Jug.:     Immer wieder gibt es Leute,

Die in Listen leben.

Heute mehr denn je.

Vielleicht gehör‘ ich auch zu denen.

Immer wieder gibt es Leute,

Die das Leben andrer durch die Siebe gießen

Und den Rest betrachten.

Den vermerken sie,

Und sie vermerken so wie hier,

Die Grausamkeiten, sehen auf das Massenelend.

Sehen auf die vielen, vielen, vielen...

Schwer ist es, ja fast unmöglich,

Nur ein Einzelschicksal zu erfassen.

Stimmen hörten wir, nichts weiter.

Alles Stimmen, die wir hörten.

Weiter nichts als Echos, die uns trafen.

Wir sind junge Hörer. Ich bin jung.

Ich habe damals, wieder damals,...

Ich hab‘ in der Zeit noch nicht gelebt,

Verdammt noch mal.

Ich will es wissen.

Ich erfahre nichts. Das ist doch nur

Gewäsch, ist alles wischi waschi.

Jeder dreht dem anderen das Wort im Mund herum.

Die wissen nicht mal mehr,

Was die Insassinnen getragen haben.

War‘n sie nun in Lumpen, Decken, Sträflingskleidung?

Trugen sie den gelben Stern?

         Wie war das mit der Nummer auf der Kleidung.

Einer sagt, die hatten Holzpantinen an,

Die andren sagen, dass sie

Lappen um die Füße wickeln mussten.

Was ist wahr, was soll ich glauben.

Und die Ruferinnen selbst,

Die Frauen, die im Lager saßen, bleiben ungehört.

Von denen, was sie sagten, was sie dachten,

Wird doch nichts erzählt.

Nur, was die Sas‘ler dachten,

Und die dachten doch zuerst an sich,

Na klar, die dachten erst mal an sich selbst.

Und wenn sie sich erinnern,

Dann an das Geschrei des Nachts,

Ans Schreien unter kalten Duschen,

An die Hungerschreie,

An die Schreie: „Wir sind frei, sind frei, sind frei!

Ich denke an die stummen Namensschreie,

Die man höchstens in den Friedhofslisten Bergstedts

Findet.

         Was ich meine, was ich nicht verstehen kann:

Muss jede Suche nach dem Einzelschicksal

So verebben?

Handelte es sich selbst hier in Sasel

Nicht um eine Flut,

Die nur aus Einzelschicksalen bestand?

Die kleine Frau aus Frankreich

Hat sich später wirklich bei Frau E. bedankt.

Ja, Seife hat sie auch bekommen.

 

Frau E tritt auf. Sie hat Häftlingskleider an.

 

Frau E.:    Ich heiße E. Frau E.

Ich habe mit der andren nichts zu tun.

Ein Einzelschicksal will er haben.

Schöne Worte. Meinetwegen.

Einzelschicksal.

Steh‘n zu Tausenden in tausend Protokollen.

Kann ihn ja verstehen. Ja ich spüre, was die wollen.

Könn‘n doch nicht begreifen,

Wie man überhaupt nach Sasel kam. Ins Lager.

Wie das zuging. Ja, das woll‘n die wissen,

Das ist dann ein Einzelschicksal.

Außerdem hat mich bis jetzt kein Mensch gefragt.

Mein Einzelschicksal war nicht wert genug.

Ich leb‘ ja noch.

Vielleicht gabt s auch zu viele andere. Natürlich.

                     Hab‘ mein Leben noch. Bin lebend da herausgekommen.

         Nein, mein Leben steht in keinem Protokoll.

Nicht mal mein Name: E.

Wie viele heißen E.

Das könn‘n die jungen Leute gar nicht wissen.

Könn‘n sie nicht, woher auch.

Ich bin die, die noch in einem, in dem letzten dieser

Plattenhäuser, wohnt.

         Ich bin geblieben. Alle andren...

Weiß nicht... weg, nur weg vielleicht..

Weit weg.

Australien, nach Amerika, Jerusalem und Frankreich.

Alle dachten damals doch nur

Raus und weg von hier.

Ich war die einzige die bleiben wollte

Und die blieb.

Berlin. Ja, angefangen hat es in Berlin.

Man hat mich einfach festgenommen,

Als Zigeunerin verschleppt.

Das war Verschleppung! Ab nach Ravensbrück.

Gleich ins KZ.

Da kriegten wir Kommando: Straßenarbeit.

Will ich nicht erzählen.

Will was anderes erzählen.

Im KZ traf ich auf meine eigene Kusine.

 

Es tritt eine junge schöne, schwangere Frau auf.

 

Frau E.:    Sulejka, du bist hier? Mein Gott!

Du kriegst ein Kind?

In diesem Zustand hier?

Die Kusine weint sofort.

 

Ein Bewacher stürzt herein und reißt die junge Frau zurück.

 

Kus.:        Das war‘n die hier...! Die Sch..

Frau E.:    Mein Gott, sei still!

 

Der Bewacher schlägt auf die Kusine ein. Bew‘er. und Kusine. ab.

 

Frau E.:    Sulejka war ein wunderschönes Mädchen.

 

Der Bewacher kommt zurück.

 

Bew‘er.:   Bist noch da?

 

Der Bewacher. grapscht ihren Körper ab.

 

Bew‘er.:   Nicht schlecht, Wir suchen sowas.

Kannst Modell für unsren Häuptling werden.

Kommst hier raus.